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Full text of "Abhandlungen aus dem Gebiete der praktischen Augenheilkunde"

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ABHANDLUNGEN 

AUS DEM GEBIETE DER 



PRAKTISCHEN AUGENHEILKUNDE. 



ERGÄNZUNGEN ZUM LEHRBUCHE 

VON 

D R KARL STELLWA& VON CARION 

K. K. O. Ö. PROFESSOR DER AUGENHEILKUNDE AN DEK UNIVERSITÄT WIEN. 

UNTER MITWIRKUNG 

DER HERREN 

PROF. D R C. WEDL und D r - E. HAMPEL. 



WIEN, 1882. 
WILHELM BRAU MÜLLER 

K. K. HOF- UND UNIVERSITÄTSBUCHHÄNDLER, 




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VORWORT. 



JLJer ungewöhnlich rasche Absatz ; welchen die ersten drei 
Auflagen meines Lehrbuches der praktischen Augenheilkunde ge- 
funden haben, war für mich selbstverständlich eine Quelle grösster 
Genugthuung. Doch fehlte es auch nicht au Schattenseiten. Um 
den jeweiligen Stand der Augenheilkunde womöglich zu einem 
vollen Ausdrucke zu bringen, war bei jeder neuen Auflage eine 
wahre Fluth literarischer Erzeugnisse zu bewältigen, das Gute und 
Versprechende von der Spreu zu sondern und mit dem früher Be- 
stehenden organisch zu verbinden. Die Eröifnung neuer Stand- 
punkte Hess immer wieder ganze Abschnitte der Lehre in anderem 
Lichte und in völlig veränderten Umrissen erscheinen, so dass durch- 
greifende Umarbeitungen zur zwingenden Notwendigkeit wurden. 
Zwölf Jahre, ich kann es wohl sagen, aufreibender Thätigkeit habe 
ich so dem Lehrbuche gewidmet. Immer mehr drängte sich mir 
die Ueberzeugung auf, eine längere Pause sei geboten, innerhalb 
welcher ich, der mehr formellen Kedactionsgeschäfte ledig, mich 
für ruhige Arbeiten sammeln könne. Die seltene Munificenz des 
Herrn Verlegers ist meinem Wunsche, wenn auch nicht freudig, 
so doch bereitwillig entgegengekommen, die vierte wurde als 
Doppelauflage gedruckt. Mannigfaltige Umstände haben nun 
zusammengewirkt, um den Vertrieb des Werkes in ganz uner- 
warteter Weise zu verlangsamen und meinen Calcul zu einem irr- 
thtimlichen zu gestalten. Die Müsse, welche ich solchermassen 
gewann, habe ich nach Kräften ausgenützt. Es entstand unter 
Anderem eine längere Reihe ophthalmologischer Aufsätze, von 
welchen manche schon seit Jahren. im Pulte ruhen. Ein Theil der- 
selben wurde überholt und ist werthlos geworden. Ein anderer 
Theil konnte nicht zu einem befriedigenden Abschlüsse gebracht 



IV Vorwort. 

werden, er bedarf weiterer Untersuchungen und Studien, um mit 
Ehren in die Oeffentlichkeit treten zu können. Den Kest lege ich 
im Nachstehenden dem augenärztlichen Publicum vor und wiege 
mich in der angenehmen Hoffnung, es werde mir vergönnt sein, 
eine oder die andere Fortsetzung in angemessener Zeit folgen lassen 
zu können. 

Ein Aufsatz rührt von meinem hochverehrten Freunde und 
Collegen, Herrn Prof. Dr. C. Wedl, her und dies bedarf einer 
kurzen Erläuterung. Es wird sich wohl Niemand darüber täuschen, 
dass in der Lehre vom Glaukome eine Anzahl tief einschneidender 
Fragen der definitiven Erledigung noch harre und dass die Lösung 
vorzugsweise von gründlichen und vorurtheilsfreien pathologisch- 
anatomischen Untersuchungen erwartet werden dürfe. Ich habe 
mir darum seit Jahren viele Mühe gegeben, in den Besitz glaukom- 
kranker Augen zu gelangen und glaubte, wo ich deren habhaft 
wurde, selbe keinen besseren Händen überliefern zu können als 
jenen des Herrn Prof. Wedl. Um diese bewährte Kraft aber voll 
und unbeeinflusst wirken zu lassen, habe ich es vermieden, meine 
Ansichten kundzugeben und nur auf einzelne Punkte aufmerksam 
gemacht, deren anatomische Bearbeitung mir besonders am Herzen 
lag. Ursprünglich bestand die Absicht, die Ergebnisse unserer 
Arbeiten gleichzeitig vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Nachdem 
aber Herr Prof. Wedl umfassendere Arbeiten auf dem Gebiete 
der pathologischen Anatomie des Auges in Aussicht genommen hat, 
wurde dieser Plan aufgegeben und blos eine kurze Skizze der 
bisherigen Untersuchungsresultate dem Werke einverleibt. 

Die Grundzahlen für die eingestreuten statistischen Zusammen- 
stellungen hat der klinische Assistent, Herr Dr. E. Hampel, aus den 
Büchern der Anstalt mit aufopfernder Mühe herausgezogen. Es ist 
mir eine angenehme Pflicht, ihm meinen verbindlichsten Dank 
öffentlich auszusprechen. 

Wien, im Februar 1882. 

Stellwag. 



INHALT, 



i. 

lieber einige in der Augenheilkunde gebräuchliche Namen und deren 
klinische Bedeutung S. 1. 

Einleitung S. 1. — Kurzer Abriss der Entwicklungsgeschichte 
des menschlichen Auges S. 3. — Hirntheil des Auges, dessen Hüllen und 
Gefässe S. 10. — Innere und äussere Hüllen S. 12. — Deren gegenseitiger Zu- 
sammenhang und dessen Einfluss auf die Begrenzung krankhafter Processe S. 13. 

Gefäss- und Nährgebiete S. 16. 

Entzündungen im Bereiche des lichtempfindenden Apparates 
S. 17. — Gefässvertheilung S. 17. — Opticus- und Netzhautleiden in Folge 
von Hyperämien des Gehirnes und seiner Häute S. 18. — Opticus- und Netz- 
hautleiden in Folge von Basilarmeningitis S. 19. — Stauungs- oder Schwellungs- 
papille S. 19. — Hydrops nervi optici seu subvaginalis S. 21. — Transport- 
theorie S. 22. — Opticusatrophie bei Meningitis und enkephalischen Pro- 
cessen S. 23. — Augenspiegelbefund bei Geisteskranken S. 25. — Durch 
Vermittlung der Gefässe bedingte Opticus- und Netzhautleiden bei progressiver 
Paralyse S. 25, nach Diphtheritis S. 26, bei Hirnsyphilis S. 27, in Folge ver- 
änderter BlutbescharTenheit S. 28, bei Diabetes, Nierenleiden, Leukämie, 
perniciöser Anämie, Septichämie S. 29, in Folge von Blutverlusten, bei Satur- 
nismus, Alkoholismus S. 30, bei Orbitalleiden S. 31. — Fortschreiten krank- 
hafter Processe in auf- und absteigender Richtung S. 31. — Theilweise 
Kreuzung der Opticusfasern im Chiasma S. 32. — Progressiver Schwund ein- 
zelner Faserbündel und Sectoren des Opticusstammes S. 33. 

Entzündungen im Bereiche des hinteren Scleralkranzes S. 34. 
— Staphyloma posticum S. 35. 

Entzündungen im uvealen Gebiete S. 35. — Arteriae et venae 
ciliares S. 36. — Vorderes und hinteres Ciliargebiet S. 37. 

Entzündungen im hinteren Ciliargebiete, Chorioiditis S. 38. 

Entzündungen im vorderen Ciliargebiete, Iritis, Iridokyklitis 
S. 39. — Pericornealer Gefässkranz S. 40. 

Uveale Hornhautentzündungen S. 41. — Keratitis diffusa et 
parenchymatosa S. 42. — Keratitis punctata (Iritis serosa, Hydromeningitis) S. 43. 



VI Inhalt. 

— Wesen und Zusammenhang dieser Processe S. 46. — Buphthalmus S. 47. 

— Beziehungen zur Syphilis 8. 49, zur Scrophulose S. 50, 55. — Begriff der 
Scrophulose nach Virchow u. A. S. 50. 

Dreitheilung der Hornhautentzündungen in conjunctivale, 
sclerale und uveale Formen nach Bergmeister S. 57. — Kritik S. 58. 

— Interlamellare Blutextravasate in der Hornhaut S. 58. 

Hornhautabscess und Geschwür S. 62. — Ophthalmia variolosa, 
morbillosa, scarlatinosa S. 63. — Septische Formen der Hornhauteiterung S. 64. 

— Hypopyumkeratitis S. 64. — Ulcus serpens, ulcus rodens S. 65. — Kera- 
titis mycotica oder Keratomycosis S. 65. — Beziehungen der Mycosis zur 
Sepsis S. 68. — Keratitis xerotica (neuroparalytica) S. 71. — Marantische 
Hornhautgeschwüre S. 72. — Keratitis bei allgemeiner tuberculoser und 
scrophuloser Phthisis S. 74. — Keratitis leprosa S. 75. 

Conjunctivale Hornhautentzündungen S. 75. — Herpes ciliaris 
S. 75. — Dessen Beziehungen zum Zoster S. 77. — Der Herpes Zoster, dessen 
Krankheitsbild S. 83, Verlauf S. 85, pathologische Anatomie S. 87, Patho- 
genese S. 89. — Verwandte Zustände S. 90. — Vasomotorische Störungen 
S. 93. — Secundäre Zustände S. 97. — Keratitis vascularis seu superficialis S. 98, 
Pannus, Fleck S. 99. 

Entzündungen im Bereiche der Bindehaut und Lider S. 99. — 
Gefässvertheilung S. 100. — Der entzündliche Process in der Bindehaut S. 101. 

— Katarrhalische, blennorrhoische, pyorrhoische, croupöse Producte der Syndes- 
mitis S. 102. — Ansteckungsfähigkeit S. 103. — Diphtheritis conjunctivae S. 104. 

— Erscheinungsformen der Diphtheritis conjunctivae S. 105. — Verhältniss der 
Diphtheritis zum Croup S. 106. — Entzündliches und katarrhalisches Stadium 
der Bindehautentzündungen S. 107. — Secretorische und hypertrophirende 
Formen der Syndesmitis S. 108. — Anatomischer Charakter der hyper- 
trophirenden Bindehautentzündung und deren Ausgang in Verödung und 
Schrumpfung S. 109. — Gleichmässige Hypertrophie des Bindeliautgefiiges 
S. 110. — Trachomkörner S. 111. — Trachomatöse Granulationen S. 113. — 
Tubulöse Drüsen S. 114. — Secundäres sulziges Trachom S. 115. — Amyloid- 
entartung der granulirenden Bindehaut S. 116 und Amyloidtumoren S. 117. 

— Deren Beziehungen zum Bindehauttrachome S. 118. — Diffusion der Binde- 
hautentzündungen, Uebergreifen des Processes auf die Hornhaut S. 120, auf 
die Lederhaut, Suprachorioidea, Lider S. 121, auf den Tarsus S. 122, Ectro- 
pium, Entropium S. 123. 

Besondere Formen des Granulationsprocesses in den Lidern, 
Zellgewebsverhärtung, Elephantiasis palpebrarum S. 224. — Lidgummen (Tar- 
sitis syphilitica seu gummosa) S. 125 uud deren anatomische Charaktere S. 129. 

Entzündungen der Lidschmeerdrüsen S. 130. — Gefässvertheilung 
S. 130. — Seborrhoe der Lider S. 130. — Der entzündliche Process in den 
Schmeerdrüsen S. 131. — Gerstenkorn, Hagelkorn, Blepharadenitis ciliaris 
und deren Beziehungen zur Hautfinne (Acne) S. 133, zur Scrophulose S. 136. 



Inhalt. VII 

IL 
Zur pathologischen Anatomie des Glaukoms von Prof. Dr. C. Wedl S. 137. 

Anatomie und Elasticitätsverhältnisse der normalen Lederhaut S. 137, 144. 

— Mondsichelförmige Klappen an der Innenöffnung der ScleraldurcMässe S. 139. 

— Ernährungsstörungen der Sclerotica S. 139. — Hyperämische Zustände, 
Blutextra vasate, Thrombosen im Bereiche der Uvea S. 140. — Functions- 
störungen der vasomotorischen Nerven S. 140. — Ernährungsstörungen im 
vorderen Ciliargebiete S. 142, 146. — Sclerochorioidalstaphylome S. 143. — 
Wucherungen im Bereiche der Bindehaut und Episclera S. 144, 146. — Knochen- 
neubildungen an der Aderhaut S. 145. — Veränderungen im Kammerwasser, 
in der Linse und dem Glaskörper S. 146. — Veränderungen im lichtempfin- 
denden Apparate, Blutextra vasate im Nervenkopfe S. 147. — Atrophie der 
Netzhaut S. 148. — Excavatio glaucomatosa S. 149. — Opticusschwund S. 151. 

III. 
Ueber Binnendrucksteigerung und Glaukom S. 152. 

Die Knies'schen Veränderungen im Iriswinkel und deren vermeint- 
liche Beziehungen zur krankhaften Druck Steigerung S. 152. — Brailey's 
Auffassung S. 155. — Der Schlemm'sche Canal als vorderer Abzugsweg 
für die Augenflüssigkeiten S. 156. — Die Bedeutung der vorderen und hinteren 
Lymphbahnen für die Pathogenese der Drucksteigerung S. 156. — Die 
Secretionstheorie von Donders S. 158. 

Unzulänglichkeit der Secretions- und Retentionstheorien 
überhaupt S. 160. 

Der Binnendruck ist ein Derivat des Herzdruckes S. 161. — 
Demonstrationsapparat S. 166. 

Stromhindernisse im Binnengefässsysteme alsQuellen krank- 
haft er Drucksteigerung S. 171. — Erweiterung der Binnenarterien S. 172. 

— Vasomotorische Einflüsse S. 173. — Unwegsamkeit grösserer Capillar- 
bezirke, Geschwulstbildungen, Chorioiditis S. 174. — Verengerung und Ver- 
stopfung grösserer Binnenvenen, insbesondere der Vasa vorticosa S. 178. — 
Jedes einzelne dieser Stromhindernisse kann eine pathologische Drucksteige- 
rung nach sich ziehen, also das Glaukom begründen S. 181; beim frischen 
primären Glaukome fehlen aber insgemein derlei Stromhindernisse, und wo 
sie sonst gefunden werden, müssen sie zumeist als s ecun dar e Zustände auf- 
gefasst werden S. 182. 

Es müssen demgemäss Stromhindernisse in den Scleraldurch- 
lässen gesucht werden, um die nachweisbare Blutstauung im Binnen- 
gefässsysteme zu erklären S. 182. — Die Blutstauung im Episcleralge biete 
S. 182. — Die Blutstauung im Uvealgebiete S. 183. — Ursache der sich 
widersprechenden Befunde an enucleirten S. 184 und an Cadaveraugen S. 187. 



VIII Inhalt. 

Wesen und Charakter der Stromhindernisse in den Scleral- 
durchlässen S. 188. — Der Klappenapparat S. 189. — Die Elasticitäts- 
verminderung der Lederhaut genügt an und für sich, um Strom- 
hindernisse zu setzen und krankhafte Drucksteigerungen zu begründen S. 189. 

Das primäre Glaukom im engeren Wortsinne entwickelt sich 
darum immer nur an Augen mit rigider Lederhaut S. 194. Den An- 
stoss zur Kreislaufsstörung, Blutstauung und Drucksteigerung, also zum Aus- 
bruche des Glaukoms, können geben : Reizungen sensibler Ciliarnerven S. 195, 
200- heftige, besonders deprimirende Gemüthsbewegungen S. 196; pupillen- 
erweiternde Mittel S. 196; vasomotorische Störungen, welche auch den Druck- 
schwankungen im Prodromalstadium des Glaukoms zu Grunde liegen S. 199, 201. 

Antiglaukomatöse Wirkung der Myotica S. 197. 

Theorie der Selbstunterhaltung der Blutstauung und Druck- 
steigerung S. 202. — Peritomie S. 204. 

Heilwirkung der Iridektomie und Sclerotomie S. 204. — Ge- 
schichte der Sclerotomie S. 205. — Ersatzmethoden S. 207. — Vorrang der 
Iridektomie S. 208. — Einfluss der Ausschneidung eines Irissectors S. 209. 

Krankhafte Drucksteigerung und Glaukom sind synonyme 
Begriffe S. 212. — Primäres und seeundäres Glaukom S. 214. — Acutes 
und chronisches Glaukom S. 215. — Entzündliches und nicht entzündliches 
Glaukom S. 215. 

Jedes wahre Glaukom ist entzündlich S. 216. — Entzündliche 
Veränderungen in der Conjunctiva, Episclera und Lederhaut S. 217; in der 
Cornea S. 218; im Kammerwasser S. 218; im Glaskörper S. 219; im vorderen 
Uvealtracte S. 220; in der Netzhaut S. 221 (reticulare Atrophie, auch Oedema 
retinae S. 221); im Bereiche des hinteren Scleralkranzes, Excavatio nervi 
optici S. 222. 

Ebensowohl diese entzündlichen Veränderungen, als die 
übrigen, dem Glaukome charakteristisch zugeschriebenen Er- 
scheinungen lassen sich folgerichtig und zwangslos aus der Blut- 
stauung und Drucksteigerung als dem Kerne des Leidens ab- 
leiten S. 212, 224. — Etymologie des Wortes »Glaukom« S. 224. —Einschrän- 
kungen des Gesichtsfeldes S. 225 und Abnahme der centralen Sehschärfe S. 227 
in ihren Beziehungen zum Wucherungsprocesse im Bereiche des hinteren 
Scleralkranzes. — Hornhauttrübungen als Druckphänomen S. 228. 

Die Grundlage des Glaukoms, die Drucksteigerung, und die 
fühlbare Härte des Augapfels S. 229. 

Der Excavationsschwund des Sehnerven (die Amaurosis mit 
Sehnervenexcavation) ist, wo er ohne Drucksteigerung einhergeht, 
eine vom Glaukome strenge zu scheidende Krankheit S. 231. — 
Das Krankheitsbild des Excavationsschwundes S. 232; der Verlauf S. 233; 
die Beziehungen zum wahren Glaukome S. 234; die Unwirksamkeit S. 236, 
ja Schädlichkeit der Iridektomie und Sclerotomie S. 237. 



Inhalt. IX 

IV. 

Zur Lehre von der Embolie der centralen Netzhantschlagader 8. 241. 

Einleitung S. 241. 

Sechs Fälle mit anatomisch nachgewiesenem Embolus S. 242. 

— Graefe-Schweigger's Fall S. 247. 

Fälle mit deutlichen Fluxionserscheinungen S. 250. — Jäger's 
Fall S. 251. — Mein Fall S. 253. — Cohnheim's Darstellung der Erscheinungen 
bei künstlicher Embolisirung von Endarterien in der Froschzunge S. 258. — 
Damit übereinstimmende Symptome in Jäger's und in meinem Falle 
S. 200. — Abweichende Phänomene: Die rechtläufige Blutströmung in 
.1 äger's und M eyhöfer's Falle S. 201. — Unerklärlichkeit dieser Erscheinung 
S. 202. — Der Mangel des hämorrhagischen Infarctes S. 203. — Blutextravasate 
und Netzhauttrübung S. 203. — Der rothe Fleck in der Maculagegend S. 204. — 
Uveale Hyperämie S. 205. — Binnendruckverhältnisse und deren Beziehung 
zum NichtZustandekommen des hämorrhagischen Infarctes S. 200. — Ed. 
Jäger's »Blutstockung« als Einwand gegen die embolische Natur der frag- 
lichen Fälle S. 207. — Unerklärlichkeit der Erscheinungen durch Verstopfung 
der Centralarterie S. 209; durch Thrombosirung der Centralvcne S. 270-, 
durch Blutaustretungen im Nervenkopfe S. 271. 

Fälle mit Ausgang in Heilung S. 271. 

Fälle mit undeutlichen Fluxionserscheinungen:; zwei neue 
Fälle S. 272. 

V. 
Ueber centrale Sehschärfe S. 279. 

Begriffsbestimmung S. 279. — Grenzwinkel S. 280. — Meine Seh rift- 
scala s. 280. — Snellen's Schriftproben S. 281. — Snellen's Grundformel 
für die Bezeichnung der centralen Sehschärfe S. 282. — Mängel derselben 
s. 284. — Unzulänglichkeit des Gesichtswinkels zur Bestimmung der 
centralen Sehschärfe S. 285. — Abhängigkeit der Grösse der Netzhautbild- 
fläche von dem Accommodationszustande und von dem Baue (\c^ Auges S. 285. 

— Der Einfluss neutralisirender Brillengläser S. 286. 

Die Snellen'sche Grundformel führt folgerecht zur Vergleichung von 
Ungleichartigem S. 288. — Donders' relative Sehschärfen S. 290. — Einfluss 
der wechselnden Beleuchtungsverhältnisse und Pupillenweite S. 290. — Ver- 
suche, diesen Einfluss abzuschwächen S. 292. — Die Snellen'sche Grundformel 
liefert keine richtigen Verhältnisszahlen, sondern nur bequeme Ausdrucks- 
weisen für die Leistungsfähigkeit der Augen S. 29:;. 

Die Snellen'sche Grundformel leidet an dem Mangel einer teststehen- 
den bestimmten Wertheinheit S. 291. — Verschiedenheit der normalen 
Sehschärfe in verschiedenen Altersperioden S. 294. — Sehschärfe im ({reisen- 
alter S. 295. — Scheinbare Verminderung durch senile Myose und durch 



X Inhalt. 

Steigerung der Hypermetropie im hohen Alter S. 295. — Schwanken der 
normalen Sehschärfe im Mannesalter, (Jebergrösse bei wilden Völkerschaften 
>6. — Der Grenzwinke] von fünf Minuten ist nicht die richtige, sondern 
Mos eine conventioneile Maasseinheit s. 295. — Jede Art von Zeichen 
und Schriftproben fordert einen anderen Grenzwinke] s. 295. 

Ueberblick des Ganzen S. 297. — Vorschlag zn einer richtigeren 
Bezeichnnngsweise der Leistungsfähigkeit der Augen S. 299. 

VI. 
üeber Aeeommodationsquoten und deren Beziehungen zur Brillenwahl S.301. 

Begriff der Accommodationsquote S. 301. — Actuelle und potentielle 
Energie S.302.— Einst ellungswerth S.303.— Mittlere Arbeitsdistanz 
S. 304. — Das Zollmaass in der Dioptrik der Augen S. 304. — Donder's 
Dioptrien S. 305. — Kraftquoten für den mittleren Einstellungswerth bei 
verschiedenen Refractionszuständen und Accommodationsbreiten S. 306. 

Kraftquoten und Arbeitsbrille bei hochgradiger .Myopie S. 308. 

— Muskuläre Asthenopie, Convergenzlähmung S. 300. 

Krafttpioten und Arbeitsbrille bei Myopien mittleren Grades S. 311. 
Kraftquoten und Arbeitsbrille bei Myopien niederen Grades S. 318. 

— Bedarf von Convexgläsern im Falle sehr gesunkener Accommodations- 
breite 8. 314. 

Presbyopie, Begriff, Ursachen, Wirkungen S. 315. 

Krafttpioten und Arbeitsbrille bei Emmetropie, Wesen der Emme- 
tropie S. 317. 

Krafttpioten und Arbeitsbrille bei Hypermetropie S. 319. — Yer- 
hiiltniss der Krafttpioten bei Hypermetropie and Myopie S. 320. — Momente, 
welche den Bedarf von Hilfslinsen beeinflussen S. 321. — Nicht Correctur 
der Uebersichtigkeit, sondern Ermässigung der zur Arbeit erforder- 
lichen Aeeommodationsquoten ist der therapeutische Zweck der 
Hilfslinsen bei Hypermetropie S. 321. — Theoretisch kann die Accom- 
modationsquote für einen bestimmten Einstellungswerth auf jede beliebige 
(-rosse gebracht werden; in der Praxis jedoch wird die durch Hilfslinsen an- 
zubahnende Verminderung der Kraftquote sehr eingeschränkt durch die Un- 
verträglichkeit grösserer Störungen der erworbenen Associationsverhältnisse 
(tler relativen Accommodations- und Convergenzbreite) S. 322. — Diese Ver- 
hältnisse gestatten nur geringe Erhöhungen des natürlichen Kefractions- 
zustandes S. 323 und folgerecht nur geringe Ermässigungen der erforder- 
lichen Krafttpioten S. 324, welche letztere in tler Regel sehr hohe sind und 
oft noch höher scheinen S. 325. 

Grundregeln für die Wahl der Arbeitsbrille bei Hyper- 
metropie S. 326. — Beispiele S. 331. 



Inhalt. XI 

Verhältnisse, welche die Verschärfung einer bereits im Gebrauche 
stehenden Arbeitsbrille gebieten, Regeln dafür S. 333. — Beispiele S. 334. 
Das Verschärfungsbedürfniss wächst mit zunehmendem Alter und davon ab- 
hängigem Sinken der Accommodationsbreite 8. 336. 

Kraftquoten und Brillen wähl für mittlere und grosse Ob je et s- 
distanzen bei Hypermetropie 8.337. — Bedarf verschiedener Gläser für 
verschiedene Entfernungen S. 340. 

VII. 

Heber Accommodationsquoten und deren Beziehungen zum Einwärts- 
schielen S. 342. 

Begriffsbestimmung des echten und wahren Strabismus convergens 8. 342. 
— Das Einwärtsschielen verschwindet im tiefen Schlafe, in tiefer Narkose 
und im Tode S. 343. — Richtige Orientirung des Schielauges 8. 344. — 
Luscitas oder Schiefstehen der Augen S. 345. — Mangel der directen Tiefen- 
wahrnehmung S. 345. — Anopsie des Schielauges S. 345. 

Das Einwärtsschielen ist eine binoculare Functionsstörung, ein be- 
wusstes willkürliches Uebermaass von Convergenz S. 346. — Zweck 
der Schiel Innervation ist Vergrösserung der Accommodationsbreite und 
Ermässigung der zum scharfen Nahesehen erforderlichen Kraft- 
quoten S. 347. — In Uebereinstimmung damit sind die Zustände, mit welchen 
das echte und wahre Einwärtsschielen in der grüssten Mehrzahl der Fälle 
verknüpft erscheint, solche, welche eine Ermässigung der zum scharfen Nahe- 
sehen erforderlichen Accommodationsquoten sehr annehmbar und wünschens- 
werth machen S. 347. — Statistische Daten S. 348. — In fast 94 Procent 
der Fälle ist das echte und wahre Einwärtsschielen mit Hypermetropie 
oder mit Hornhautflecken verknüpft 8. 350. 

ürsäc hlicher Zusam m e n h a n g z w isch e n E inwärtsschiel e n u n d 
Hypermetropie S. 350. — Die Geneigtheit zum Einwärtsschielen wächst 
mit dem Grade der Uebersichtigkeit S. 351. — Die statistischen Daten 8.352 
scheinen dem zu widersprechen 8. 353. — Erklärung dessen 8. 353. — 
Accommodationsbreite bei hypermetropischen Einwärtsschielen! S. 354. 

Ur s ä ch 1 ich er Zu samm e n h a n g z w i s c h e n E in war t ss ch i el en und 
Hornhautflecken S. 355. 

Das Einwärtsschielen an kurzsichtigen Augen 8. 357. — In 
einer Anzahl solcher Fälle geht die Entwicklung des Strabismus der Er- 
werbung der Myopie voran S. 358. — In anderen Fällen sind vorüber- 
gehende Zustände, wie Trübungen der Hornhaut, Muskelparesen etc. die 
nächste Ursache <les Schielens S. 359. — Scheinbarer Strabismus, Graefe's 
an Myopie gebundene Form 8. 360. 

Einfluss von Sammel- und Zerstreuungslinsen sowie der Mydriatica auf 
den Strabismus convergens S. 361. 



XII Inhalt. 

Die Schielinnervation ist auf das Streben zurückzuführen, die Aufbrin- 
gung und Unterhaltung grosser Accommodationsquoten durch willkürliche 
übermässige Anspannung der associirten Convergenzmuskeln zu erleichtern 
S. 362. — Ausbildung dieser associirten Bewegungen zur Gewohnheit S. 364. 

— Das echte und wahre Einwärtsschielen ist nach Allem als ein 
behufs der Ermässigung hoher Accommodationsquoten ange- 
lerntes und unter fortgesetzter Uebung zur eingewurzelten Ge- 
wohnheit geAvordenes willkürliches, wenn auch nicht freiwil- 
liges Uebermaass der der Acco'mniodation natürlich coordinirten 
Convergenz aufzufassen S. 364. — Gegentheilige Ansichten S. 364. — 
Widerlegung derselben S. 366. 

Das »Auswachsen« des Einwärtsschielens S. 366. — Scheinbares 
Auswachsen S. 368. 

Die Heilbarkeit des Strabismus convergcns S. 369. — Der Werth der 
Schieloperation S. 370. — Die zur Heilung des noch nicht eingewurzelten Stra- 
bismus convergens erforderlichen therapeutischen Massregeln S. 371. 

VIII. 
Zur Diagnose der AugeniiiuskeHähmuiigeii S. 373. 

Einleitung S. 373. — Das Verfahren bei Bestimmung der Lage und Stel- 
lung der Doppelbilder S. 374. — Gesichtsobjecte S. 374. — Bestimmung der 
gelähmten Seite S. 375. — Primärstellung der Augen S. 377. — Einrluss der 
verschiedenen Gestaltung der Augen auf deren Bewegungen und folgerecht auf 
die Stellung und Lage der Doppelbilder S. 378. 

Die Stellung und Lage des falschen Doppelbildes zu dem 
wahren gibt genau die Zugsrichtung des oder der paretischen 
Muskeln an, daher aus ihr auch das Lähmungsgebiet bestimmt 
werden kann S. 380. 

Schema der Lage und Stellung der Doppelbilder bei Lähmung 
der einzelnen Muskeln S. 381 und des gesammten Oculomotoriusgebietes S. 383. 

Erläuternde Beispiele S. 384. — Paresis des unteren Schiefen S. 385. 

— Paresis des unteren Geraden S. 385. — Paresis des oberen Geraden S. 386, 

— Paresis der seitlichen Geraden, Strabismus divergens als Conver- 
genzlähmung S. 387. 



>x*:o< 



. 




Heber einige in der Augenheilkunde gebräuchliche Namen 
und deren klinische Bedeutung. 

JUie meisten in der Augenheilkunde gebräuchlichen Namen 
stammen aus einer Zeit, in welcher tiefes Dunkel über den inneren 
Krankheitsvorgängen lagerte und man wegen Mangelhaftigkeit der 
zu Gebote stehenden Hilfsmittel bei der Forschung gezwungen war, 
sich lediglich an Aeusserlichkeiten zu halten. Man fasste demgemäss 
die einzelnen Krankheiten in der Bedeutung mehr oder weniger 
umschriebener Symptom gruppen auf, und so kam es, dass ge- 
meiniglich die augenfälligste hervorstechendste Erscheinung 
das Massgebende wurde für die Stellung des betreffenden Leidens 
im Systeme und für die wissenschaftliche Bezeichnung. Häufig 
wurde ein solches Symptom geradezu für die Krankheit hingestellt, 
z. B. Glaukom, Trachom, Ectropium, Exophthalmus u. s. w. In an- 
deren Fällen wurde der Name gewissen landläufigen Dingen ent- 
nommen, an welchen eine regere Phantasie manche Aehnlichkeiten 
herauszufinden vermag, z. B. Hordeolum, Staphylom, Myokephalon, 
Onyx, Staar, Cataracta. 

Heutzutage, bei den mehr geläuterten Anschauungen über das 
Wesen der meisten m krankhaften Vorgänge, können viele dieser 
Namen unmöglich mehr befriedigen. Zum Theile decken sie nicht 
den Begriff des mit ihnen bezeichneten pathologischen Processes, 
sie sind viel zu enge und veranlassen leicht eine ganz irrige Auf- 
fassung des betreffenden Leidens und seiner möglichen Folgen. 

Stellwag, Abhandlungen. 1 



2 Oculistischc Namen und deren klinische Bedeutung. 

Zum Theile sind sie viel zu weit, indem sie die ihrem Wesen 
nach verschiedenartigsten Zustände in einen gemeinsamen Topf 
zusammenwerfen und es Jedem überlassen , aus der gräulichen 
Mischung sich herauszuklauben , was im Einzelnfalle Bedürfniss 
ist. Zum Theile endlich sind sie geradezu sinnverwirrend, sie 
erwecken, weil sie sich blos auf nebensächliche Dinge beziehen, 
leicht ganz falsche Vorstellungen über die wahre Bedeutung eines 
gegebenen Leidens und erschweren die Erkenntniss seiner Zu- 
sammengehörigkeit mit krankhaften Processen, welche sich in an- 
deren Körpertheilen abspielen und auf augenärztlichem Gebiete nur 
durch die gewebliche Abänderung der anatomischen Grundlage ein 
etwas verschiedenes Aussehen erhalten. 

Der klinische Lehrer, dem es darum zu thun ist, bei seinen 
Schülern ein richtiges Verständniss der krankhaften Zustände und 
Vorgänge anzubahnen, empfindet die Unvollkommenheiten der augen- 
ärztlichen Terminologie besonders schwer. Es kostet immer viele 
Mühe und Anstrengung, um die Zuhörer an die neuen Namen zu 
gewöhnen und ihnen die richtige Bedeutung derselben gehörig ein- 
zuprägen. Wird aber von vorneherein gleich eine Bezeichnung ge- 
wählt, welche den Schülern aus anderen Gebieten der Medicin 
längst geläufig ist, werden die grundsätzlichen Uebereinstiminungen 
und die durch die abweichenden anatomischen Verhältnisse not- 
wendigen Abweichungen genügend erörtert, so ist die Auffassung in 
der Regel eine überaus leichte und die Haftung im Gedächtnisse eine 
gesicherte. Wie schwer ist es z. B., den Schülern den richtigen Begriff 
eines Staphylorna corneae, iridis, eines Narbenstaphylomes, eines 
Lederhautstaphylomes und ihrer Abarten beizubringen, während es 
nur der Benützung des in allen übrigen Disciplinen gebräuchlichen 
Namens bedarf, um allen Missverständnissen auszuweichen. In der 
That wird es wohl kaum einen Zuhörer geben, welcher sich nicht gleich 
zurechtfände, wenn von einer Ausdehnung oder Ektasie der Horn- 
haut, eines Geschwürbodens, eines vorgefallenen Iristheiles oder einer 
darauf entwickelten Narbe, von einer Ektasie der Lederhaut u. s. w. 
gesprochen wird. Aehnliches gilt von dem Entropium, Ectropium, 



Entwickelungsgeschichte des Auges. 3 

Strabismus u. s. w. Es sind dieses Bezeichnungen für Sym- 
ptome sehr verschiedener Krankheiten, welche auf anderen Gebieten 
des menschlichen Körpers ihre treffenden Analogien finden. 

Eine Richtigstellung* und theilweise Umstaltung thut da drin- 
gend noth. Die Zeit ist längst um, in welcher die Ophthalmologie 
als eine von den übrigen Zweigen der Medicin fast abgetrennte 
»selbstständige« Sonderwissenschaft ihr Dasein zu fristen vermochte. 
Der gewaltige Aufschwung, welchen dieselbe seit Ende der vier- 
ziger Jahre genommen, ist eben nur die Frucht zahlloser kräftiger 
Pfropfreiser, welche von der pathologischen Anatomie, der Physik 
und anderen Hilfswissenschaften auf oculistischen Boden überpflanzt 
worden sind, auf einen Boden, der seit Beer' s Tode nahezu brach 
gelegen hatte und demgemäss einem üppigen Wachsthume, ja theil- 
weise einer Ueberwucherung, die günstigsten Bedingungen entgegen- 
brachte. Soll aber die Augenheilkunde ihre ruhmvolle Stellung unter 
den erfolgreich vorwärts drängenden übrigen Zweigen der medi- 
cinischen Wissenschaft behaupten, so müssen die letzten Ueber- 
bleibsel der alten Schranken fallen, welche der wechselseitigen 
Befruchtung hindernd in den Weg treten, sie muss sich als ein 
gar nicht abzugrenzender Theil einfügen in das Ganze, mit dem 
sie durch tausend und aber tausend Fäden zusammenhängt und 
aus dem sie Luft und Leben schöpft. 

Aeltere Schriftsteller liebten es, ihre Abhandlungen mit einer 
kurzen Darstellung der Erschaffung der Welt zu beginnen. In 
Nachahmung derselben erlaube ich mir einen gedrängten Ueber- 
blick der Entwickelungsgeschichte des Wirbelthierauges 
vorauszuschicken. ') 

Die Uran läge beider Augen wird schon frühzeitig in Ge- 
stalt zweier seitlicher Ausbauchungen der vorderen Gehirnblase 



J ) Das Nähere sammt Literatur siehe bei Manz (Graefe und Sämisch, 
Handbuch I., 2, S. 1 u. f.); Li eberkühn (Ueber das Auge des Wirbelthier- 
embryo. Cassel, 1872); Arnold, Beiträge zur Entwickelungsgeschichte des 
Auges. Heidelberg, 1874-, Ayres, Arch. f. Augenheilkunde VIII., S. 1. 

1* 



4 ( »culistische Namen und deren klinische Bedeutung. 

bemerklich. Während dieselben «'in Grösse zunehmen, drängt sich das 
umgebende zellige Gefüge des mittleren Keimblattes keilförmig 
zwischen ihren Fuss und Körper hinein und schnürt sie als kurz- 
gestielte Blasen von der Gehirnblase ab. Durch die weitere Ent- 
wicklung des Vorderhirnes und mannigfache Vorgänge in seiner 
Nachbarschaft werden die beiden »primären Augen blasen« all- 
mälig mehr nach unten und hinten gedrängt , so dass sie nun- 
mehr mit ihren kurzen Stielen nahe der Mittellinie aus dem 
Zwischenhirne hervorzugehen scheinen. Sie werden von den mittler- 
weile nach unten und einwärts umgeschlagenen Kopfplatten 
bedeckt. 

Da, wo sich die primären Augenblasen am meisten der Ober- 
fläche nähern , beginnt nun die Linse sich zu bilden. Dieselbe 
erscheint zuerst als eine wuchernde verdickte Stelle des epithe- 
lialen Hornblattes, welche sich grubenartig in die Wölbung der 
Augenblase einsenkt und deren Wandung sammt der zwischen- 
lagernden dünnen Schichte des mittleren Keimblattes vor sich her- 
treibt, Bei der weiteren Vergrösserung der Linsenanlage drängt das 
in gleich üppigem Wachsthume begriffene mittlere Keimblatt von 
seiner Umbiegungsstelle am Grubenrande aus sich vor und schnürt 
den Linsenfnss stielartig ab. Die Linsenanlage zeigt sich nun in 
Gestalt eines dickwandigen Säckchens, dessen Höhlung mittelst 
eines feinen Canalcs in jenem Stiele frei nach aussen mündet. Mit 
der Zeit verschwindet der Stiel, das mittlere Keimblatt und das 
Hornblatt steigen ohne Unterbrechung über das geschlossene 
Linsensäckchen hinweg. 

Die Linsenanlage , ringsum von einer Fortsetzung des mitt- 
leren Keimblattes umhüllt, hat nunmehr die vordere untere Wand 
der Augenblase ganz in die hintere obere Wandhälfte hineingestülpt 
und füllt die Höhlung der so entstandenen doppelwandigen Schale, 
der »seeundären Augenblase«, fast vollständig aus. Nur dort, 
wo der Linsenrand an den Stiel der letzteren grenzt, bleibt ein 
kleiner dreieckiger Spalt, indem die Höhlung der Schale sich auf 
den Stiel rinnenartig fortsetzt. 



Entwicklungsgeschichte des Auges. 5 

In diesen Spalt hinein treibt jetzt der darüber Irinwegziehende 
Theil des mittleren Keimblattes einen Fortsatz, welcher rasch an 
Mächtigkeit gewinnt und die stetig fortwachsenden, durch Hirn- 
wasser von einander getrennten Blätter der seeundären Augenblase 
mehr und mehr von dem hinteren Umfange der Linse Irinweg- 
drängt. Es ist dies die zellige Uranlage des Glaskörpers, 
welche bald mit dem das Linsensäckchen umschliessenden ein- 
gestülpten Theile des mittleren Keimblattes in Verbindung tritt, 
und bei ihrer weiteren Fortbildung sowohl Gefässe als binde- 
gewebige Fornielemente in's Dasein ruft. 

Hin Theil dieser Gefässe wächst in das innere Blatt der 
seeundären Augenblase hinein und wird daselbst ständig. Es ist 
das retinale Gefässsystem, dessen arterieller und venöser Haupt- 
stamm eine Strecke weit in der Stielrinne verlauten und dann nach 
aussen umbiegen. 

Ein anderer Theil dieser Gefässe verästelt sich in dem binde- 
gewebigen Gerüste des Glaskörpers und anastomosirt mit den 
Gefässen, welche sich mittlerweile in der Umhüllung des Linsen- 
säckchens gebildet haben. Er ist gleich dem bindegewebigen Ge- 
rüste des Glaskörpers hinfällig. Indem nämlich immer mehr 
Schleimgewebe in das Gefüge des Glaskörpers abgesetzt wird, ver- 
schwinden nicht nur die bindegewebigen Bestandteile desselben, 
sondern auch die reichlich darin verästelten Gefässe. Nur der 
Haupt stamm der letzteren, die Arteria hyaloidea besteht 
noch einige Zeit fort, geht schliesslich jedoch ebenfalls zu Grunde, 
den Cloquef sehen Canal zurücklassend, welcher von einigen 
Anatomen von den Gefässen aus eingespritzt werden konnte und 
ausnahmsweise wohl auch mit Blut gefüllt bei Erwachseneu ge- 
troffen worden ist. l ) 

Bei manchen Thieren bleibt der centrale Stamm der Glaskörper- 
gefässe als zapfen- oder strangfürmiger sehniger Fortsatz noch lange nach der 



') Stell wag, Ophthalmologie L, 1853, S. 711; Sämiseh und Zehender, 
Klin. Moaatsblätter, 18G3, S. 258; Gardiner, Areh. f. Augenheilkunde X.,S. 340. 



6 Oculistische Namen und deren klinische Bedeutung. 

Geburt sichtbar. Beim Menschen ist ein solches sehniges Ueberbleibsel, welches 
gewöhnlich pinselartig in den Glaskörper ausstrahlt, immer nur Folge einer 
Bildungshemmung und im Ganzen ziemlich selten. In zwei Fällen setzte 
sich der Rest der Arteria hyaloidea und des umgebenden sehnigen Gefüges 
bis an die Hinterwand der Linse fort und breitete sich daselbst kegelförmig 
aus, die Linse nach Art einer Schale in sich aufnehmend und so an normale 
Gebilde im Auge des Vogels und der Fische erinnernd. 1 ) 

Gleichzeitig mit diesen Vorgängen in der Höhlung der sekun- 
dären Augenblase haben deren beide Blätter sich einander genähert, 
das sie trennende Hirnwasser ist verschwunden. Sie stellen nun 
einen doppelwandigen Mantel dar, dessen vorderer umgeschlagener 
etwas wulstiger Rand den Linsengleicher umgreift, nach unten hin 
jedoch in Gestalt einer senkrechten Spalte über den Glaskörper 
gegen die Kinne des Sehnerven ausläuft. Es ist diese senkrechte 
Spalte nur eine Verlängerung jener dreieckigen Oeffnung, durch 
welche die Glaskörperanlage hinter die Linse hinein gewachsen ist. 
Es wird diese Spaltverlängerung bedingt durch die Flächenver- 
grösserung der dem Stiele zunächst gelegenen unteren Wandtheile 
der secundären Augenblase und hat eine Lageveränderung der 
Linse zur Folge, indem sich deren Gleicherebene mehr senkrecht 
zur Augenaxe stellt. Die Spalte selbst besteht nur kurze Zeit, sie 
verwächst, während gleichzeitig auch die Bänder der Sehnerven- 
rinne sich über den Stämmen des retinalen Gefässsystems zusammen- 
schliessen. 

Die Anlage der Netzhaut und des sich rasch verlängernden 
Sehnerven ist nun der äusseren Form nach vollendet. Durch 
Höhergestaltung des vorhandenen und stetig neu zugeführten Bil- 
dungsmateriales geht nämlich aus dem inneren Blatte der secun- 
dären Augenblase die Ketina und deren Ciliartheil hervor; 
das äussere Blatt hingegen wird stark pigmentirt und stellt 
fürder das Tapet dar, welches sich bis zum Pupillarrande der 
zukünftigen Regenbogenhaut erstreckt. Es bleibt dasselbe an der 



*) Arnold, Untersuchungen im Gebiete der Anatomie und Physiologie, 
1838, L, S. 215; Stellwag, Ophthalmologie I., S. 678. 



Entwicklungsgeschichte des Auges. 7 

Vereinigungslinie der Spaltränder eine Zeit lang sehr dünn und 
kennzeichnet die Raphe. 

Es ist wichtig zu bemerken, dass die kurzen hohlen Stiele der primären 
Augenblasen die Anlagen der eigentlichen Sehnervenstämme sind. Das 
Chiasma entwickelt sich aus der zwischen ihnen gelegenen Lamelle des 
Bodens der dritten Hirnhöhle und ist demnach die ursprüngliche und erste 
äussere Commissur der beiden Seitenhälften des Centralnervensystems. Die 
beiden Tr actus bilden sich durch Ablösung einer oberflächlichen Schichte 
von den Seitenwänden der Sehhügelregion. 1 ) 

Lange bevor sich alle diese Veränderungen an und in der seeun- 
dären Augenblase vollzogen haben , ist der umliegende Theil des 
mittleren Keimblattes zu einer ganz beträchtlichen Masse heran- 
gewuchert und lässt, indem sich seine Elemente verschieden grup- 
piren und höher entwickeln, bereits die Anlagen der Formhäute 
des Auges erkennen. Es erscheinen dieselben als eine ziemlich 
mächtige Gewebsschichte , welche sich dem äusseren Blatte der 
seeundären Augenblase und dem von der letzteren nicht bedeckten 
vorderen Umfange der Linse allenthalben auf das Innigste anschmiegt. 
Nach vorne hin stösst diese Gewebsschichte unmittelbar an das 
oberflächliche Hornblatt der Kopfplatten, ist also scharf abgegrenzt. 
Im Uebrigen sondert sie sich nur undeutlich von den umgebenden 
Tb eilen der Kopfplatten, aus welchen später die Orbita und ihr 
Inhalt hervorgeht. Nach hinten setzt sie sich auf den Sehnerven fort. 

Anfänglich von mehr gleichmässigem Baue, scheidet sie sich 
bald in zwei Lagen, welche ge weblich mehr und mehr auseinander 
gehen. Die äussere Lage verdichtet sich und wird zur gefäss- 
armen Bulbuskapsel (Hörn- und Lederhaut). Die innere 
Lage dagegen behält ein mehr lockeres Gefüge und wird zur Ge- 
f äs s haut, Uvea sammt Anhängen. 

Der hintere Theil dieser Gefässhautanlage entwickelt sich 
weiterhin zur Chorioidea, während der Vorder theil im Vereine 
mit der von dem Linsensäckchen eingestülpten Partie des mittleren 



*) Reichert nach Lieberkühn, Uebcr das Auge des Wirbelthier- 
embryo. Cassel, 1872, S. 9. 



8 Oculistische Namen und deren klinische Bedeutung. 

Keimblattes die Tunica vasculosa lentis darstellt. Es ist dies 
ein völlig geschlossener Sack, welcher die noch unverhältnissmässig 
grosse Linse vollständig umhüllt und ein überaus reiches Gefäss- 
netz in sich birgt, dessen hinterer Theil ganz von den Verzwei- 
gungen der Arteria hyaloidca gebildet wird, der vordere aber 
von Stämmchen aus der Gefässhaut und aus den anliegenden 
Kopfplatten seinen Ursprung ableitet. 

Es erscheint die vordere Wand dieses gefässreichen Linsen- 
sackes eine Zeit lang als eine ziemlich mächtige Schichte lockeren 
Gefüges, welche sich nur sehr undeutlich von der darüber hinweg- 
ziehenden Hornhautanlage abgrenzt. In der Dicke derselben ent- 
stehen sehr bald zahlreiche Lücken , welche schliesslich zu einem 
einheitlichen Hohlräume, zur Vo r d e r k a m m e r, zusammenfliessen. 
Es ist der vordere Theil jener lockeren Gewebslage also eigentlich 
der Fläche nach in zwei Blätter gespalten worden, wovon 
das eine in untrennbarer Verbindung mit der Hornhaut bleibt, 
das andere dagegen mit der Linse und der heranwachsenden 
Regenbogenhaut in nächster Beziehung steht. 

Die Entwickelung der Iris beginnt mit einer Wucherung 
des Vorderrandes der seeundären Augenblase. Derselbe schwillt 
an, verbreitert sich und wächst über den Gleicher der Linse auf 
deren vordere Fläche hinaus, wobei er noth wendig den anliegenden 
Theil der Gefässhaut, welcher hier mit der Tunica vasculosa lentis 
in einem spitzen Winkel zusammenstösst, vor sich herdrängen muss. 
Beide Blätter dieses vorgeschobenen Randes der seeundären Augen- 
blase verwandeln sich nun weiterhin in die Tapet läge der Regen- 
bogenhaut und verschmelzen mit dem darüber gelegenen Theile 
der Gefasshautanlage , welcher die Substantia propria iridis 
liefert, 

Indem sich die Iris solchermassen in die Vorderwand der 
gefässreichen Linsenkapsel hineinschiebt, wird die letztere in einen 
vor der Regenbogenhaut gelegenen Theil, die Pupillarmembran, 
und in einen dahinter gelegenen Theil, die Membrana capsulo- 
pupillaris, abgegrenzt. Beide sind kurzlebig, der ganze Linsen- 



Entwicklungsgeschichte des Auges. 9 

sack verschwindet noch vor dem Ende der Fötalperiode ; so dass 
der centrale Rand der Iris bei der Geburt frei ist. 

Der periphere Rand der Regenbogenhaut bleibt für 
immer in organischer Verbindung mit den übrigen Abkömmlingen 
der embryonalen Gefässhaut. Nach hinten hin geht sein Gefüge 
über in jenes der vorderen Aderhautzone, welche eine Zeit lang 
mächtig angeschwollen erscheint und die Strahlen fort Sätze sammt 
dem Ciliarmuskel aus sich heraus entwickelt. Nach vorn eh in 
aber setzt sich das Gefüge des peripheren Irisrandes fort auf 
die von der Gefässhaut stammenden hintersten Lagen 
der Cornea, wobei das Aufhängeband zum Theile den Ver- 
mittler spielt. 

Es ist das Ligamentum pectinatum eben nichs Anderes 
als ein ständig gewordener und höher gestalteter Rest jenes Lücken- 
systems, aus welchem sich die Vorderkammer in der Dicke der 
Gefässhaut gebildet hat. Das Balkenwerk desselben sowie der 
endotheliale Ueberzug seiner Maschenräume und der Descemet i, 
diese selbst und die anstossenden hintersten Lagen der Sub- 
stantia propria corneae, welche eine Zeit lang auch Gefässe 
führen, sind nämlich insgesammt nur geweblich verschieden geartete 
Theile eines und desselben Abschnittes der Gefässhaut des 
fötalen Auges. 

Die Hornhautanlage ist anfangs ganz unverhältnissmässig 
gross, indem sie fast die Hälfte des Auges deckt. Sie bleibt später 
aber in ihrem Wachsthume gegenüber den anderen Organen des 
Bulbus zurück. Ihr Zusammenhang mit der Lederhautanlage ist 
ursprünglich ein viel loserer als später und das Gefüge beider er- 
scheint gleich von vorneherein so verschieden, dass sie kaum jemals 
als ein einheitliches Gewebsstratum aufzufassen sind. Ueber die 
Cornealanlage streicht in früheren Stadien eine dünne Schichte 
lockeren Gewebes, in welcher ein dichtes Gefässnetz sich 
verzweigt. Die ausser st e Oberfläche wird von einer Fortsetzung 
des Hornblattes der Kopfplatten überkleidet und wölbt sich frei 
über die letzteren hervor. 



10 Oculistische Namen und deren klinische Bedeutung. 

Die Lider erscheinen ursprünglich in der Gestalt eines mäch- 
tigen kreisrunden Wulstes , welcher rings um den Fuss der Horn- 
hautanlage sich aus dem Mesoderma der Kopfplatten erhebt. Ent- 
sprechend den beiden künftigen Canthis geht das Wachsthum 
etwas schneller vor sich, so dass die Wulstränder daselbst rasch 
von oben und unten an einander herantreten und zu beiden Seiten 
der Cornea spitze Winkel bilden, die von einer Ansammlung epider- 
moidaler Zellen ausgefüllt erscheinen. Indem diese Zellenanhäufung 
immer weiter gegen die Mitte der Wulstränder vordringt und 
schrumpft, werden diese allmälig ihrer ganzen Länge nach an 
einander und auf die höchste Wölbung des Auges hinaufgezerrt; die 
Lidspalte erscheint nunmehr als eine von Epidermis geschlossene 
wagrechte lineare Spalte, welche erst zur Zeit der Geburt sich öffnet. l ) 

Während die Lider solchergestalt einen ganz ansehnlichen 
Flächeninhalt gewinnen, hat in ihrem anfänglich ganz gleichmässigen 
zelligen Gefüge schon längst die gewebliche Scheidung und Grup- 
pirung begonnen; es wird allgemach die äussere Lidhaut mit 
ihren Anhängen, der Muskel, die Fascie mit ihren verdichteten 
Partien, dem Tarsus und den Lidbändern, und die Bindehaut 
bemerklich, welch' letztere ohne Unterbrechung über die vor- 
dere Lederhautzone hinweg auf den Hornhautrand sich fortsetzt 
und hier mit der lockeren Bettlage des präcornealen Gefässnetzes 
in Eins zusammenfliesst. 

Gleichzeitig haben sich aus den den Bulbus umgebenden 
Theilen des mittleren Keimblattes die verschiedenen orbitalen 
Gebilde und die knöchernen Wandungen der Augenhöhle 
herausgesondert und sind zu entsprechender Grösse und Form heran- 
gereift. 



Ueberblickt man alle diese Einzelnvorgänge in ihrem Zu- 
sammenhange, so kommt man sehr bald zur Einsicht, dass das 



>) Ewetzki, Arch. f. Augenheilkunde VIII., S. 307. 



Hirntheil des Auges und dessen Gefässe. 1 1 

ganze augenärztliche Gebiet sich eigentlich aus einem ausge- 
stülpten Gehirntheile und aus einer, diesem von aussen her 
angefügte n, dem mittleren Keimblatte und dem Hornblatte ent- 
stammenden Hülle nebst zwei Einschüblingen, dem Glaskörper 
und der Linse, zusammensetze. 

Der Hirntheil wird durch den Sehnerven und die Netz- 
haut mit dem bis zum Pupillarrande der Iris hinaufreichenden 
Tapetmantel dargestellt. Der letztere hat sich ge weblich am 
meisten von seinem Muttergefüge entfernt, während die Netzhaut 
sowohl in dem histologischen Verhalten als in der Gruppirung der 
sie aufbauenden Elemente die grösste Uebereinstimmung mit der 
Grosshirnrinde bewahrt •) und, indem sie solchermassen ihre Her- 
kunft und Zuständigkeit auf das Schlagendste bekundet, den eigent- 
lichen Sehnerven keineswegs in der Bedeutung eines peripheren 
Nerven, sondern lediglich als eine Summe centraler Verbin- 
dungsfasern aufzufassen gestattet, welche mit ihrer theilweisen 
Kreuzung an die Oberfläche des Gehirnes herausgerückt sind. 

Es verharrt dieser Gehirntheil auch zeitlebens in einer ge- 
wissen Abschliessung. Nirgends findet nämlich ein Heraus- und 
Uebertreten der ihm eigenthümlichen Formelemente statt. Im 
Binnenraum e trennen ihn sogar Glashäute sowohl nach aussen 
bis hinauf zum Pupillarrande der Iris, 2 ) als nach innen von den 
anliegenden Gebilden. Im Bereiche des Sehnerven aber bildet 
der subvaginale Lymphraum, welcher nebst einem unter dem 
Neurilem gelegenen Lymphraume 3 ) in den Arachnoidealraum mün- 
det, 4 ) eine scharfe Grenze. 

Umgekehrt jedoch wächst allerdings eine Anzahl Gefässe 
mit begleitendem Bindegewebe, von den Hüllen aus die Lymph- 
räume durchsetzend, in den Opticus hinein und ein grösserer 



') Meynert, Der Bau der Gehirnrinde. Neuwied u. Leipzig, 1869, Tat. IL 

2 ) Schwalbe, Nagel's Jahresbericht L, S. 42. 

3 ) Axel Bey, Centralblatt 1871, Nr. 33. 

4 ) Manz, Deutsches Arch. f. klin. Medicin IX., S. 346. 



12 Oculistische Namen; Gefässe des Hirntheiles. 

Stamm, die Arteria centralis retinae, verzweigt sich sogar bis 
in die vorderste Zone der Netzhaut. Es wiederholt sieh damit oben 
nur ein ganz ähnliches Verhalten des eigentlichen Gehirnes, (deich 
diesem ist nämlich auch der Hirntheil des Auges auf die Nahrungs- 
zufuhr von aussen angewiesen und die Gefässe sind die Ver- 
mittler. 

Für die Ernährung und den grossen Stoffverbrauch, welchen 
die lebendige Thätigkeit der Netzhaut bedingt, sind übrigens die 
in der Retina selbst verzweigten Gefässe weitaus u n z u- 
reichend, und dies zwar nicht nur beim Menschen, wo ein 
verhältnissmässig starker Ast eintritt, sondern in noch viel be- 
deutenderem Grade bei gewissen Thierclassen, bei welchen die 
Eetinalgefässe ganz fehlen (alle A r ögel, Hase, Pferd, Elephant, 
Gürtelthier ' | oder nur kleine Ausschnitte der Netzhaut durch- 
stricken (Kaninchen). Es müssen daher, was die Nahrungszufuhr 
und den Austausch der verbrauchten Stoffe anbelangt, die Netz- 
haut und namentlich deren äussere Schichten: das Tapet, die 
Stab- und Zapfenlage sowie das äussere Körners tratum , von der 
Chorioidea abhängig gedacht werden. 2 ) In der That erscheint 
in der letzteren ein überaus dichtes Capillarnetz, die Choriocapil 
laris, anmittelbar an die äussere Oberfläche des Tapetmantels 
herangerückt. Es bietet die Möglichkeit eines lebhaften und reichen 
Stoffwechsels in der Netzhaut, ohne dass deren Pellucidität durch 
ein ihr selbst eingefügtes enges Gefassnetz gefährdet würde. 

Die Hüllen des Auges stellen ursprünglich mit den Kopf- 
platten ein tintheilbares einheitliches Ganzes dar. Sie grenzen sich 



1 ) Sattler, Aich. f. Ophthalmologie XXII.. 2. S. 38. — Nach Lan- 
genbacher's und Bayer'* schönen Abbildungen in der Osten*. Vierteljahrs- 
schrift f. wies. Veterinärkunde, Uli. n. LV. Band, bilden die Gefässe in der 
Netzhaut des Pferdes einen schmalen strahligen Kranz am den Sehnerven- 
eintritt herum. 

2 ) Leber, Graefe und Sämisch, Handbuch II., 8. 346. — Knies, Aren. 
f. Augen- und Ohrenheilkunde VII. , S. 320, 329. — Schneller, Aren. f. 
Ophthalmologie XXVL, 1, S. 1 u. i 



Innere and äussere nullen des Auges. 13 

weiterhin aber immer mehr ab und lassen sich schliesslich ganz 
gut in innere und äussere scheiden. 

Als innere Hüllen haben die Gefässhaut mit ihren Ab 
kömmlingen und die Hauptmasse der Bulbuskapsel mit der 
äusseren Opticusscheide zn gelten. Der Glaskörper mit der 
Zonula ist ein in den Binncnraum eingeschobener Theil der- 
selben, welcher durch Verwachsung der Augenspalte frühzeitig von 
dem Mutterboden abgelöst worden ist und sich in Schleimgewebe 
mit glashäutigem Ueberaige umgewandelt hat. 

Als äussere Hüllen sind die Orbitalgebilde mit den 
Thränenorganen, die Lider mit der Bindehaut und dem con- 
junctivalen Blatte der Cornea, sowie der Epithel Überzug 
der letzteren zu betrachten. Die Linse als ein Product des Horn- 
blattes gehört genetisch dazu, trennt sich jedoch frühzeitig ab und 
tritt in nähere Beziehungen zur Gefässhaut. 

Der gemeinsame Ursprung aus dem zelligen Gefüge des mitt- 
leren Keimblattes klingt in dem durchwegs bindegewebigen 
Charakter und in dem innigen organischen Zusammenhange 
der betreffenden Theile nach. In der That kommt die dem freien 
Auge auffallige Abgrenzung der Kinzelnorgane mehr der höchst 
mannigfaltigen Gestaltung und Anordnung der Formelemente auf 
Rechnung, denn einer wirklichen räumlichen Scheidung. 

Verhärtnissmässig am weitesten gediehen ist diese Scheidung 
am hinteren Umfange des Bulbus. Hier tritt nämlich der 
Tenon'sche Lymphraum und seine Fortsetzung, der supra- 
vaginale Raum, zwischen die inneren und äusseren Hüllen. 
Zwischen Chorioidea und Lederhaut aber sind die suprachorioi- 
dalen Lymphräume eingeschaltet, welche durch zahlreiche Lymph- 
wege mit dem Tenon'schen sowie mit dem s üb vaginalen Lymph- 
räume und mittelbar durch diesen mit dem Arachnoidalraume 
in Verbindung stehen. •) Es hindert dies jedoch nicht, dass zahl- 



') His, Klin. Monatsblätter, 1865, S. 243; 1867, S. 133. — Schwalbe. 
ibid. 1873, S. 10; Arch. f. mikr. Anatomie VI., S. 47. — H. Schmidt, Arch. 



14 Oculistische Namen; Zusammenhang der inneren und äusseren Hüllen. 

reiche gefässführende bindegewebige Balken, die Lymph- 
räume durchsetzend , von einer Wand zur andern tiberspringen. 
Namentlich zieht von der Fusca aus, theils mit den durchtretenden 
Gefässen, theils in Gestalt lockerer pigmentirter Flocken, eine grosse 
Menge bindegewebiger Elemente in die Lederhaut hinein und ver- 
schmilzt mit deren Gefüge, so dass eine Trennung nur künstlich 
mit dem Messer bewerkstelligt werden kann. 

Am vorderen Umfange des Augapfels fliessen Cornea und 
Sclera ohne scharfe Grenze in einander, während ein Theil der 
Gefässhaut mit der Hornhaut geradezu verschmilzt, in die 
hintersten Schichtlagen der letzteren, in die Descemet! und deren 
endothelialen Ueberzug umgewandelt erscheint. Das damit enge 
verknüpfte Aufhängeband der Iris und die Regenbogenhaut 
selbst sind Abkömmlinge desselben Gefässhautabschnittes. Sie werden 
von einer Fortsetzung des endothelialen Häutchens der Descemeti 
tiberkleidet, so dass die Vorderkammer sich als ein mächtiger 
Lymphraum darstellt. 

In den äusseren Hüllen ist die gegenseitige Trennung der 
einzelnen Theile eine noch unvollkommenere. Das conjunctivale 
Blatt erscheint mit den oberflächlichen Hornhautschichten in 
Eins zusammengeflossen und der vorderste Gürtel der Bindehaut 
ist durch das episclerale Gewebe mit der Sclera sowie mit der 
Tenon'schen Kapsel verwachsen. Weiter nach rückwärts aber geht 
die Conjunctiva durch das submucöse Gefüge ohne alle Grenze 
in das lockere Zellgewebslager der Augenhöhle über. Das 
letztere verdichtet sich streckenweise und stellt so die Tenon'sche 
Kapsel, die Muskelscheiden, die Periorbita nebst mancherlei 
aponeu rotischen Ausbreitungen dar. Es treibt dabei zahlreiche 
gefässführende bindegewebige Fortsätze in die von ihm umkleideten 



f. Ophthalmologie, XV., 2, S. 193. — Manz, ibid. XVI., 2., S. 265, 280; Deut- 
sches Arch. f. klin. Med. IX., S. 346. — Wolfring, Arch. f. Ophthalmologie 
XVIIL, 2., S. 17. - Michel, ibid. XVIIL, l., 8. 127, 154. - Kuhnt, ibid. 
XXV., 3., S. 200 u. f. — Forlamini, Amiali d'ott. I., S. 41. 



Einfluss des Zusammenhanges auf Krankheitsprocesse. 15 

Muskeln , Knochenwände, Fettlager, dringt als interstitielles 
Zellgewebe bis in das Innerste dieser Organe und bekundet solcher- 
massen allerwegs den Charakter des Bindenden, des gemein- 
samen Bettes für sämmtliche Orbitalgebilde. 

Aehnliches gilt von den Lidern, welche sich aus einer ein- 
heitlichen zelligen Grundlage aufbauen und durch Einstülpungen 
des oberflächlichen Hornblattes die zahlreichen Drüsen und 
Haarbälge erhalten. Conjunctiva tarsi und äussere Lidhaut 
sind nichts Anderes als Verdichtungen des gemeinsamen binde- 
gewebigen Stroma; ebenso die Fascia tarso-orbitalis mit ihren 
mächtigen Anschwellungen, den beiden Lidbändern und Lid- 
knorpeln. Nirgends finden sich scharfe Grenzen. So wie die Con- 
junctiva und äussere Lidhaut an der Randfläche der Lider unmerkbar 
in einander fliessen, so steht die Bindehaut durch die Subrnucosa, 
die äussere Lidhaut durch das subcutane und musculare Bindege- 
webe mit der Fascia und dem Knorpel in untrennbarem Zusammen- 
hange. Der Tarsus löst sich an seinem freien Rande in fädige 
Fortsätze auf, welche mit dem Stroma des Lidrandes verschmelzen, 
und das innere Lidband zerfährt nach hinten in ein netzartiges 
Balkenwerk, welches mit der sehnigen Ueberkleidung des Thränen- 
sackes, mit dem Perioste und dem Zellgewebslager der Augenhöhle 
Verbindungen eingeht. 



Es liegt klar am Tage, dass diese innige Verquickung der 
einzelnen Bestandtheile einer scharfen Abgrenzung krankhafter 
Vorgänge und namentlich einer Beschränkung derselben auf ein 
einzelnes bestimmtes Organ nur wenig günstige Bedingungen 
entgegenbringt. 

Geht man die verschiedenen krankhaften Processe 
durch, welche in dem augenärztlichen Systeme mit besonderen 
Namen aufgeführt erscheinen, und erwägt man die dazu gehörigen 



1 6 Oculistische Namen ; Gefäss- und Nährgebicte des Auges. 

anatomischen Befunde, so ergiebt sich in der That nur sehr aus- 
nahmsweise eine wirkliche Uebereinstimmung der Herdgrenzen 
und der für die Krankheit beliebten Bezeichnung ; meistens greifen 
die pathologischen Veränderungen weit hinaus über den Bereich 
jener Organe, nach welchen das Leiden benannt zu werden pflegt. 
Man kommt bald zur Ueberzeugung , dass, wenn etwas in dieser 
Beziehung massgebend ist, es vorzugsweise nur die Verzwei- 
gungs- oder besser Nährgebiete einzelner Hauptgefässe 
und der sie beherrschenden vasomotorischen Nervenstämme 
sein können, so dass die einzelnen Organe als solche dabei nur 
insoferne in Betracht kommen, als sie bestimmte Gefässe und sym- 
pathische Zweige in sich aufnehmen und räumlich von einander 
trennen. 

Ed. Jäger 1 ) hat nach dem Vorgange Virchow's eine ähn- 
liche Ansicht ausgesprochen. Er unterscheidet im menschlichen Auge 
vier Ernährungsgebiete : das der Bindehaut gefässe, der Chorioi- 
dal gefässe, des hinteren Scleralgefässkranzes und der Netz- 
hau t gefässe. An dem entwickelungsgeschichtlichen Standpunkte 
festhaltend und überdies dem regelrechten Verhalten der einzelnen 
Krankheitsprocesse die gebührende Rechnung tragend, glaube ich 
der Wirklichkeit näher zu kommen, wenn ich die Grenzen der 
einzelnen Verzweigungs- oder Ernährungsbezirke etwas w e i t e r 
stecke. Ich spreche demgemäss von drei Ha uptgefäss bezirken, 
und zwar vorerst von dem licht empfindenden Apparate und 
dem damit enge verknüpften Gebiete des hinteren Scleralgefäss- 
kranzes, dann von der Gefässhaut und den genetisch ihr sehr 
nahe stehenden Gebilden, und schliesslich von der Bindehaut im 
weiteren Wortsinne sammt den Lidern. 



*) Ed. Jäger, Ergebnisse der Untersuchung mit dem Augenspiegel. 
Wien, 1876, S. 16. 



(Melasse des lichtempfmdenden Apparates. 17 

Der Sehnerv mit seiner retinalen Ausbreitung* ist nicht 
nur, was Gefäss- und Nervenverbindungen betrifft, sondern über- 
haupt ein verhältnissmässig gut abgeschlossenes Organ. Als vor- 
geschobener Gehirn th eil behauptet derselbe auch sonst eine 
gewisse Sonderstellung gegenüber den vom Mcsoderma der Kopf- 
platten stammenden übrigen Bestandtheilen des Augapfels, die sich 
zu ihm ähnlich wie die Nahrung spendenden Hüllen einer Frucht 
zu deren Kern verhalten. Die Diffusionsfähigkeit krankhafter 
Processe, welche sich in seinem Gebiete primär entwickelt haben 
oder von der Nachbarschaft auf ihn übertragen worden sind, ist 
da nun auch eine weit geringere und, wo sie hervortritt, zumeist 
auf jene Stellen gebannt, an welchen die natürlichen Grenzscheiden 
lückenhaft sind, wie im Nervenkopfe, oder ganz fehlen, wie 
in den Centralorganen. Demgemäss sticht auf diesem Boden die 
Incongruenz der Krankheitsherde und der für sie beliebten 
Namen nicht so deutlich wie anderwärts in die Augen. 

Das S c h adelst ü c k des Sehnerven einschliesslich des 
Chiasma und seiner Wurzeln erhält seine Ge fasse sämmtlich 
aus den weichen Hirnhäuten, welche die genannten Theile in 
Gestalt einer Doppelscheide mit dazwischen gelagertem araehnoidalcii 
Lymphraume umhüllen. Indem die Arachnoidea als Auskleidung 
des Zwischenscheidenraumes und die Pia als innere Scheide oder 
Neurilem auf das Orbitalsttick des Sehnerven sich fortsetzt, ') ge- 
laugt auch eine Anzahl von detassen aus den weichen Hirnhäuten 
dahin. Diese Zweige stehen hier in Verbindung mit anderen, welche 
von der Augenhöhle aus in das Innere des Nervenstainmes vor- 
dringen. Die Arteria und Vena centralis retinae sind nichts 
Anderes als durch ihre Mächtigkeit ausgezeichnete Acste dieser 
Art. Sie liegen in Scheiden, die aus dem eingestülpten Theile der 
Pia stammen, und hängen durch spärliche Abzweigungen mit dem 
reichen Gefässnetze zusammen, welches den Nervenkopf durch- 
strickt und sich zum Theile aus den von hinten kommenden 



!) Kiihnt, Areh. f. Ophthalmologie XXV., 3, S. 200 u. t. 

Stellwag, Abhandlungen. 2 



18 Oculistische Namen; Siebmembran; Hyperämien des Gebirnes. 

Nährgefässen des Opticus , vorzugsweise aber aus dem Zinn' sehen 
hinteren Scleralkranze, mittelbar also aus den kurzen Ciliar- 
ge fassen, recrutirt und durch diese mit den Blutbahnen des hin- 
tersten Aderhautgürtels verknüpft ist. l ) 

Nach Wolfring 2 ) ist die siebförmige Membran nicht als eine 
gitterfb'rmige Modification des Seleralgewebes, sondern als ein verdichteter 

Theil des Perineurium anzusehen. Die Lederhaut setzt sieh mich hinten 
nämlich unmittelbar in die beiden Scheiden des Sehnerven fort und lässt eine 
einfache (Jeff nun»* zurück, welche durch das dem Neurilem und den darin 
verzweigten Gefässen zugehörige Bindegewebe gitterartig abgeschlossen ist. 
Nach Ncttleship 3 ) und Reich 4 ) stehen einzelne kleinere arterielle 
und venöse Aestchen der Netzhaut im Papillarbezirke in unmittelbarer Ver- 
bindung mit den zum Scleralkranze gehörigen Verzweigungen und hängen 
nicht mit den retinalen Hauptgefässstämmen direct zusammen. 

Im Einklänge mit diesen anatomischen Verhältnissen sieht 
mau sehr häufig krankhafte Processe vom Gehirne und seinen 
Häuten, mitunter auch wohl von den Orbitalgebilden, auf die 
nächstgelegenen Theile des Sehnerven übertreten. Gemeiniglich 
schreiten sie dann auf den inneren Scheiden und auf dem davon 
abgehenden neurilemmatischen Balkenwerke rasch nach vorwärts 
und kommen im Augenspiegelbilde zu einem mehr oder weniger 
deutlichen symptomatischen Ausdrucke. 

Von Hyperämien des Gehirnes und seiner Häute ist 
dies durch klinische Erfahrungen und auch wohl durch Versuche 
an Thieren 5 ) festgestellt. Schon einfache Blut Überfüllungen 
dieser Theile, umsomehr aber solche, welche mit erhöhtem intra- 
craniellen Drucke oder mit allgemeinen Kreislaufsstörungen ein- 
hergehen, verrathen sich in der Regel durch eine auffällige mehr 
gleichniässige Erweiterung des ganzen venösen Centralgefasssystems. 
Werden meningeale Hyperämien längere Zeit unterhalten oder 



1 ) Wolf ring, Arch. f. Ophthalmologie XVIIL, 2, S. 10; Leber, ibid. S. 25. 

2 ) Wolf ring, 1. c. S. 21. 

3) Nettleship, Ophth. llosp. Rep. VIII., p. 512; IX., p. 161. 

4 ) Reich, Nagel's Mittheilungen. Tübingen 1880. S. 130. 
■j Manz, Arch. f. Ophthalmologie XVL, 1, S. 292. 



Opticusleiden bei Basilarmeningitis, Stauungspapille. 1 ( . ' 

gar ständig , z. B. im Gefolge des Alcoholismus, übertriebener 
geistiger Anstrengungen, als Rückbleibsel einer Insolation, eines 
abgelaufenen Typhus, Scharlachs u. s. w. ; so kommt es häufig zu 
chronisch schleichenden Entztindungsprocessen, welche schliess- 
lich mit Schwund des Sehnerven und der Netzhaut enden. 1 ) 
Bei der Basilarmeningitis ist die Neigung, den krank- 
haften Process auf die Sehnerven bis in die Net/häute fortzupflanzen, 
eine womöglich noch mehr ausgesprochene. Bekanntlich machen 
sich Hirnhautentzündungen oft schon sehr frühe im Spiegelbilde 
bemerklich, zu einer Zeit, in welcher die von dem Grundleiden 
unmittelbar ausgehenden Erscheinungen noch nicht genugsam 
entwickelt sind, als dass darauf eine sichere Diagnose gebaut werden 
könnte ; daher denn heutzutage das Ophthalmoskop allenthalben als 
ein wichtiges und namentlich bei Kindern sehr geschätztes. Hilfs- 
mittel zur Erkenntniss der Basilarmeningitis gilt. Man findet näm- 
lich bei Bestand eines solchen Leidens sehr gewöhnlich eine mehr 
oder weniger auffällige Erweiterung sämmtlieher Netzhautvenen 
mit einer auf den Sehnerveneintritt und die zunächst daran- 
stossende Zone der Retina beschränkten, oder über die ganze 
Netzhaut ausgebreiteten Trübung und Schwellung des Ge- 
füges (Neuritis undNeuroretinitis descendens). Die Trübung 
ist bald kaum merkbar, bald ein feiner staubartiger Nebel, bald eine 
dichte gesättigte, so dass die Gefasse streckenweise ganz verhüllt 
und unsichtbar werden. Die Schwellung kann ebenso innerhalb 
weiter Grenzen schwanken. In manchen Fällen ist sie eine ganz 
ausserordentliche, die Papille ragt hügelartig in den Glaskörper 
hinein und fällt ringsum steil gegen die Netzhaut ab. Oft, aber 
nicht immer, ist dabei ein oder der andere retinale Hauptvenenast 
colossal erweitert und deutet auf eine durch seitlichen Druck ver- 
anlasste Stromstörung innerhalb des Nervenkopfes. Man hat diesen 
Zustand auf falsche Voraussetzungen hin Stauungspapille oder 
Stauungsneuritis genannt. Da aber die Blutstauung erwiesener- 



Mooren, Ophthalmologische Mittheilungen. Berlin, 1874. S. 9:5. 

2* 



20 Oculistisclie Namen; Schwellungsneuritis. 

massen nicht als eigentliche Ursache aufzufassen ist und über- 
haupt nur eine untergeordnete Rolle dabei spielt, empfiehlt es 
sich, den Namen in Schwellungspapille, Schwellungsneuritis 
umzuwandeln , am besten aber den Zustand einfach als das zu 
bezeich neu, was er vom pathologisch-anatomischen Standpunkte 
aus betrachtet wirklich ist. 

Bei der Leichenschau erweisen sich die geschilderten Ver- 
änderungen nämlich bald als entzündliches Oedem, insofeme 
das Mikroskop neben völligem Maugel von zelligen Neubildungen 
und geringfügiger Hypertrophie des bindegewebigen Stützwerkes 
lediglich eine starke Erweiterung sämmtlicher Gefasse einschliesslich 
der Capillaren und eine mehr oder weniger massenhafte Infiltration 
mit seröser Flüssigkeit ergiebt ; ') bald qnalificirt sich der krankhafte 
Zustand des Nervenkopfes und beziehungsweise der Netzhaut als 
echte und wahre Entzündung, das bindegewebige Gerüste 
sammt der Siebhaut und der Adventitialschichte der Gefasse sind 
hypertrophirt, serös durchfeuchtet, blutüberfüllt, mit Rundzellen und 
ihren Derivaten sowie von runden homogenen eigenthümlichen 
Körperchen durchsetzt; 2 ) bald endlich stösst man auf Misch- 
formen. 3 ) 

In Bezug auf die Möglichkeit eines Uebergreifens des 
Processes auf den Sehnerven ist es selbstverständlich ohne 
Belang, ob die Basilarmeningitis primär als solche aufgetreten sei, 
ob sie einem Allgemeinleiden ihren Ursprung verdanke, ob sie 
von einem örtlichen Krankheitsherde auf dem Schädelgrunde 4 ) 
oder im Gehirne ausgegangen sei. Die Meningitis möge dann 



') Iwanoff, Kim. Monatsblätter, 1868, S. 421. 

2 ) Schweigger, Handbuch, 1871, S. 474; Norris, Transact. amer. 
ophth. boc, 1874, p. 166. 

3) Rosenbach, Arch. f. Ophthalmologie XVIII., 1, S. 39; Herzog, 
Klin. Monatsblätter, 1875, S. 263, 279; Leber, Graefe and Sämisch, Hand- 
buch V., S. 7G9. 

4 i Horner, Klin. Monatsblätter, 1863, s. 7ö; Lütkemtiller, Wiener 
med. Blätter, 1880, Nr. 1—3. 



Hydrops nervi optici seu sub vaginalis. 21 

vorwaltend seröse, oder plastische, oder eitrige, oder tuberculöse 
Productc in die weichen Hirnhäute absetzen, in einem wie in dem 
anderen Falle kann in der Papille und beziehungsweise in der 
Netzhaut der Process als entzündliches Oedem oder aber als 
Entzündung im engeren Wort sinne mit Producten zum Vor- 
scheine kommen, welche den meningitischen gleichen oder einen 
verschiedenen Charakter bekunden. 

Ich erinnere mich eines Falles, wo bei citriger Basilarmeningitis und 
Encephalitis als Folge von Rotzvergiftung der Sehnerv und seine Scheiden 
von den Wurzeln bis in den Nervenkopf" hinein mit massenhaftem eitrigen 
Producte infiltrirt gefunden wurden. Der Kranke war, bevor er das Bewusst- 
sein verlor, auf beiden Augen vollständig erblindet und zeigte eine kurze 
Zeit hindurch eine mächtig angeschwollene, von völlig opakem stellenweise 
geballtem eitergelben Producte infiltrirte Papille mit zwei colossal erwei- 
terten Venenästen. Doch bald trübte sich der Glaskörper und der Kranke starb. 

Jüngst ist ein Fall veröffentlicht worden, in welchem bei tuberculöser 
Basilarmeningitis der Sehnerv in entzündliche Mitleidenschaft gerathen 
und das entzündliche Product bis in den Binnenraum des Auges mit zahl- 
reichen Tuberkeln durchsetzt war. 1 ) 

Bei basalen Hirnhautentzündungen mit massenhaften, über- 
wiegend serösen oder gelatinösen Producten wird das Schädel- 
stlick des Opticus bisweilen ganz ungemein, selbst bis zur Dicke eines Manns- 
fingers, aufgetrieben, die »Scheide von dem Nervenstamme abgetrennt und 
dessen bindegewebiges Gerüst von reichlichem Infiltrate durchfeuchtet, ge- 
lockert, ja theilweise sogar sammt den Nervenbündeln breiartig aufgelöst. Ich 
habe drei derartige Fälle 1856 unter dem Namen »Hydrops nervi optici« 
veröffentlicht, 2 ) 

Spätere Beobachtungen haben herausgestellt, dass derlei Ansamm- 
lungen von vorwiegend serösen und selbst von mehr plastischen 3 ) Producten 
sich viel öfter in dem Zwischenscheidenraume des Orbitalstückes des 
Sehnerven vorfinden und dann durchaus nicht an ein gleiches Verhalten des 
Schädel t heiles des Opticus gebunden seien. Es hat sich gezeigt, dass ein 
solcher »Hydrops subvaginalis« allerdings auch im Gefolge einer Basilar- 
meningitis mit reichlichem Exsudate auftreten könne 4 ) und dann durch eine 



J ) Chiari, Wiener med. Jahrbücher, 1877, S. 559; Sattler, Arch. f. 
Ophthalmologie XXIV., 3, S. 127, 154. 

2 ) Stell wag, Ophthalmologie IL, S. 617, 620. 

3 ) Knapp, Transact. amer. ophth. soc, 1870, p. 118. 

4 ) Manz, Klin. Monatblätter, 1865, S. 281; Reich, ibid. 1874, S. 271; 
Blessig, ibid. 1875, S. 420; Graefe, Arch. f. Ophthalmologie XII., 2, S. 117; 



22 Oculistische Namen ; Transporttheorie. 

LT eberpflanzung des entzündlichen Processea auf <len Sehnerven er- 
klärt werden müsse-, dass er aber häufiger mit intracraniellen Druck- 
steigerungen im Gefolge von Hirngeschwülsten, Hydrocephalus u. s. w. 
verknüpft erscheine 1 ) und dann eine andere Ursache haben dürfte. 

Auf Grundlage klinischer Erfahrungen und directer Versuche an Thieren 
haben IL Schmidt und besonders Manz 2 ) den Hydrops Bubvagmalis durch 
eine Ueberführung von Flüssigkeit ans dem arachnoidalen Lymphraume 
und ans den Hirnhöhlen in den Zwischenscheidenraum begründen und mit der 
intracraniellen Drucksteigerung in ursächlichen Zusammenhang bringen 
zu müssen geglaubt. Das im Subvaginalraume enthaltene flüssige Product 
soll nach ihrer Meinung den Nervenkopf zusammendrücken und solchermasseu 
Veranlassung von Stauungen und durch diese die Ursache der ungewöhnlich 
grossen Anschwellung der Papille werden. Es sind jedoch alsbald triftige 
Bedenken gegen die Möglichkeit massiger Flüssigkeitsansammlungen im 
arachnoidalen Lymphraume und gegen eine offene Verbindung der 
Hirnhöhlen mit dem Subvaginalraume laut geworden. 11 ) Auch ist gegen diese 
»Transporttheorie« mit Hecht geltend gemacht worden, dass nur ein 
unendlich kleines Procent der Falle mit intracraniellen Drucksteigerungen 
einen Hydrops subvaginalis nachweisen h:sse, während dieser umgekehrt bei 
völligem Mangel der ersteren sich entwickeln könne. Man darf daher wold 
sagen, dass die fragliche Theorie in bestimmten Fällen ihre Richtigkeit 
haben möge, eine Verallgemeinerung aber nicht gestatte. Am aller- 
wenigsten kann davon die Hede sein, dass die sogenannte »Stauungs- 
papille« stets durch eine Art Strangulirung des Nervenkopfes ;ils Folge 
einer massenhaften Ansammlung von Flüssigkeit im Zwischenscheidenraume 
begründet werde, indem zahlreiche Erfahrungen es unwiderleglich dar- 
gethan haben, dass dieselbe bei jedweder pathogenetischen Form der 
Neuroretinitis gelegentlich zum Vorschein kommen, 4 ) bei der grössten 
intracraniellen Drucksteigerung ebensogut fehlen 5 ) als bestehen, und 



') Norris, Transact. amer. ophth. soc, 1874, S. 163-, II. Colin, Schuss- 
veiietzungcn. Erlangen, 1872. S. 3; Böttcher, Arch. f. Augenheilkunde IL, 
2, S. 87- Rosenbach, Herzog 1. c. 

2 ) H. Schmidt, Arch. f. Ophthalmologie XV., 2, S. 193; Manz, ibid. 
XVI., 1, S. 265; Deutsches Arch. f. klin. Medicin IX., S. 339; Michel, Arch. 
f. Heilkunde XIV., S. 39; Klin. Monatsblätter, 1873, S. 39. 

3 ) Krohn, Klin. Monatsblätter, 1872, S. 93; Forlamini, Centralblatt, 
1873, S. 287. 

4 ) Ed. Jäger, Ergebnisse etc., S. 31, 38; Schnabel, Arch. f. Augen- 
heilkunde V., 1, S. 113; Klein, Leidesdorfs Psychiatr. Studien, 1877, Sep.- 
Abdr. S. 221. 

5 ) Pagenstecher, Klin. Monatsblätter, 1873, S. 129. 



Sehnervenatrophie bei Hirnleiden. 23 

auch wohl bei völliger Normalität des Orbitalstückes des Opticus vor- 
handen sein könne. 1 ) 

Die Basilarmeningitis, die primäre sowohl als die secundäre, 
muss nicht nothwendig Neuritis im Gefolge haben, sie kann den 
Sehnerven auch unter der Form der reinen Atrophie in Mit- 
leidenschaft ziehen. Die chronische Hirnhautentzündung thut dies 
letztere sogar mit Vorliebe und verhält sich in dieser Beziehung 
ganz ähnlich wie krankhafte Processe im eigentlichen Gehirne. 

Es kommt hierbei jedoch in Betracht , dass nicht jede Atro- 
phie oder Entzündung des Sehnerven, welche mit Meningitis oder mit 
enkephalischen Krankheitsherden in pathogenetischem Zusammen- 
hange steht, als ein fortgeleiteter Process aufzufassen sei. Ab- 
gesehen von vasomotorischen Einflüssen, welche derlei Vor- 
gänge im Opticus von räumlich sehr entfernten Theilen des 
Gehirns und seiner Häute aus anzuregen im Stande sind, 2 ) vermag 
auch ein mechanischer Druck sowie Unterbrechung der Blut- 
zufuhr (Embolie) oder der Nervenleitung an irgend einer Stelle 
des Verlaufes den Opticus in progressiven Schwund überzuführen. 3 ) 

Schliesst man die Fälle aus, in welchen derlei Momente 
eine hervorragende Rolle spielen, und fasst man blos jene Fälle 
ins Auge, in welchen ein unmittelbarer Uehergang des krank- 
haften Processes von dem Gehirne und seinen Häuten mit aller 
Wahrscheinlichkeit angenommen werden darf, so muss es auffallen, 
dass entschieden entzündliche Vorgänge ebenso wie solche, 
bei welchen der entzündliche Charakter mindestens zweifelhaft 
ist, wenn sie auf den Sehnerven übertragen werden oder unmittel- 
bar einwirken können, einmal eine ausgesprochene Neuritis, 
das andere Mal eine graue Atrophie in's Dasein rufen. 

Ich glaubte die Erklärung dessen darin suchen zu dürfen, 
dass beide Processe nicht sowohl qualitativ, als vielmehr blos 



*) Rot hm und, Klin. Monatsblätter, 1873, S. 250. 

2 ) Benedikt, Elektrotherapie. Wien, 1868. S. -253. 

3 ) Tr eitel, Arch. f. Ophthalmologie XXIL, 2, S. 248; Leber, Graefe 
und Sibirisch, Handbuch V., S. 840 u. f. 



24 Oculistische Namen; Sehnervenschwund bei Hirnleiden. 

quantitativ von einander abweichen, insoferne dem entschiedenen 
reinen Schwunde regelmässig ein Stadium vorangeht, in welchem 
der Augenspiegel vermehrte Blutfülle, Schwellung und Trübung, 
das Mikroskop aber die Zeichen der Wucherung erkennen lässt, 
also dem Vorgänge der Charakter einer Entzündung mehr weniger 
deutlich aufgeprägt erscheint. 

Leber's 1 ) Untersuchungen haben die Allgemeingiltigkeit 
dieser Ansicht etwas erschüttert und lassen der Möglichkeit 
Raum, dass der reine Schwund unter den fraglichen Verhältnissen 
auch wohl primär als solcher hervortreten könne. Wenn nicht 
für alle, so doch für einen Theil dieser Ausnahmsfälle möchte ich 
indessen den Schlüssel in den mit der retrobulbären Neuritis 
überhaupt gemachten Erfahrungen suchen. Nach diesen ist aller 
Grund zur Annahme vorhanden, dass eine von krankhaften Vor- 
gängen im Gehirne und seinen Häuten angeregte Neuritis sich auf 
einzelne tief gelegene Strecken des Verlaufes der Opticus fasern 
beschränken und dort den Schwund einleiten könne. Ein so um- 
schriebener Process mag dann aber leicht als reine Atrophie in 
auf- und absteigender Richtung weiter fortschreiten, so dass der- 
selbe am Nerven köpfe wirklich gleich von vorneherein ohne 
die Wahrzeichen eines vorangegangenen Wucherungsprocesses zu 
Tage kömmt. 

Für die weitaus überwiegende Mehrzahl, der einschlägigen 
Fälle muss ich jedoch daran festhalten, dass der Entwicklung des 
grauen Schwundes an der Papille Erscheinungen vorausgehen, 
welche sich nur auf einen der Entzündung ähnlichen und ver- 
wandten Process beziehen lassen. In der That wird man dort, wo 
die Untersuchung frühzeitig genug vorgenommen werden kann, 
nur selten einige Gefässerweiterung, geringe Schwellung und stau- 
bige Trübung des Sehnerveneintrittes vermissen. Dass diese Zeichen 
so oft zu fehlen scheinen, hat seinen Grund darin, dass der Beginn 
des Sehnervenleidens nicht immer gleich von vorneherein mit auf- 



') Leber, Gniefe und Sämisch, Handbuch V., S. 845. 



Augenspiegelbel'unde bei Geisteskranken. 25 

fallenden Sehstörungen verknüpft und der Kranke demnach nicht 
veranlasst ist, augenärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen; oder 
dass die amblyopischen Erscheinungen durch die übrigen Symptome 
des im Gehirne oder in seinen Hüllen sich abspielenden Grund- 
leidens gedeckt werden, der Augenspiegel also erst zu einer 
Zeit in Verwendung kömmt, in welcher der entzündliche Zustand 
im Nervenkopfe längst dem Bilde des reinen Schwundes gewichen ist. 

In Anbetracht dessen sind die ophthalmoskopischen 'Unter- 
suchungen, welche in neuester Zeit mit aufopfernder Mühe an 
Langen Reihen von Geisteskranken ohne Rücksicht auf das 
Vorhandensein oder Fehlen von Sehstörungen vorgenommen worden 
sind, von ganz ausserordentlicher Wichtigkeit und berufen, so manche 
schwer empfundene Lücke in der Lehre vom »schwarzen Staare« 
aufzuhellen. Es kommen nämlich bei gewissen Formen von 
Geisteskrankheiten, entsprechend den ihnen zu Grunde liegenden 
besonderen Hirnleiden, pathologische Zustände des Sehnerven 
nnverhältnissmässig häufig vor, und Irrenhäuser bieten insoferne 
auf engbeschränktem Räume einen ganz vorzüglichen Boden zum 
vergleichenden Studium der Verhältnisse. 

Vorderhand gehen die Ergebnisse dieser Arbeiten allerdings 
noch ziemlich weit auseinander. Während Einige das Procent der 
Sehnervenerkrankungen bei Irren als ein kleines und nur wenig 
versprechendes hinstellen, behaupten Andere das Gegentheil, und 
Einzelne fühlen sich schon stark genug, um aus gewissen Eigen- 
thümlichkeiten der Gefässcrweiterung , der Trübung u. s. w. die 
zu erwartenden Veränderungen im Opticuskopfe und in der 
Netzhaut, ja sogar die besondere Art des centralen Grund- 
leidens, z. B. den Alcoholismus, eine im Anzüge befindliche 
oder bestehende Tabes u. s. w. erkennen zu können. 

S. Klein 1 ) beschreibt eine Retinitis paralytica, welche 
sich durch eine überaus feine zarte diffuse Trübung der Papille 



1 S. Klein, Leidesdorfs Psychiatrische Studien. Wien, 1877. S. 113, 
135, 208. 



26 üeulistische Namen; Retinitis paralytioa (Klein). 

und des Augengrundes sowie durch ganz charakteristische Ver- 
änderungen an den Netzhautgefässen, vorzugsweise an den Arte- 
rien, kennzeichnet, indem bei Abgang einer auffälligen Hyperämie 
einzelne Hauptäste und wohl auch kleinere Zweige jenseits der 
Grenzen des Sehnerveneintrittes ihre beiden seitlichen dunklen Con- 
touren plötzlich ansehnlich verbreitern und in's Braune verfärben, so 
da ss sie daselbst mächtig angeschwollen erscheinen. S. Klein sieht 
in dieser eigentümlichen Form der Retinitis das Walten desselben 
chronisch schleichenden Processes, welcher bei progressiver Para- 
lyse in der Gehirnrinde beobachtet wird, und stellt die erwähnten 
Gefässerweiterungen in Parallele mit den Veränderungen, welche 
Mierzejewski 1 ) an den Gehirnarterien von Paralytikern nach- 
gewiesen hat. Er hält dafür, dass dieser Vorgang, insoferne er an 
jedem beliebigen Punkte der Gehirnrinde und an mehreren 
Stellen derselben zugleich anheben kann, auch in dem vorgescho- 
benen Theile der grauen Substanz, in der Netzhaut, primär 
aufzutreten vermöge; dass er aber, wenn er im Augenspiegel- 
bilde wahrnehmbar wird, eine gleiche Erkrankung in der Ge- 
hirnrinde vermuthen oder erwarten lasse und stets als der Vor 
lauf er intellectueller Störungen mit nachfolgender allgemeiner 
progressiver Paralyse zu betrachten sei. 

Ich bin nicht in der Lage, ein entscheidendes Urtheil über 
die volle Richtigkeit dieser Ansichten zu fällen. Doch so viel steht 
nach den Beobachtungen S. Klein's und Anderer 2 ) wohl fest, 
dass mancherlei den Geisteskrankheiten zu Grunde liegende 
oder mit ihnen enger verknüpfte Hirn leiden auf den Sehnerven 
und die Netzhaut übergehen, um ophthalmoskopisch als Entzündung 
oder Schwund der genannten Theile zum Vorscheine zu kommen. 

In ganz ähnlicher Weise erklärt sich die Neuroretinitis, welche 
nicht ganz selten im Reconvalescenzstadium nach Diphthe- 



1 ) Mierzejewski, Aren, de physiol. norm, et path., 1875, p. 195; 
S. Klein, 1. c, S. 212. 

2) S. Klein, 1. c, S. 117. 



Neurotinitis bei Diphtheritis und Hirnsyphilis. 27 

ritis auftritt. Seely ') und vor ihm schon Bouchut 2 ) sowie Hulke 3 ) 
haben derartige Fälle veröffentlicht. Seely weist dabei auf die 
Untersuchungen von Oer tel und Buhl 4 ) hin, nach welchen der 
destructive Proeess bei Diphtheritis schliesslich auch die Central- 
theile des Nervensystems angreifen und hier zu ausgebreiteten 
venösen Hyperämien mit zahlreichen kleinen Blutextravasaten in 
der weissen Marksubstanz führen , in Fällen höchster Intensität 
auch wohl Imitiibcrfüllung und hämorrhagische Erweichungsherde 
in allen Theilen des Gehirnes hervorrufen könne. In einem Falle 
fand Buhl sogar an den Rückenmarksnerven Blutergüsse mit 
gelber Erweichung und allen Zeichen entzündlicher Wucherung, so 
dass es nahe liegt, die bei Diphtheritis so häutigen Lähmungs- 
erscheinungen auf ähnliche Vorgänge zu beziehen. 

Ebenso ist manche Neuroretinitis , welche im Gefolge von 
Hirn syphiiis auftritt, durch ein Ueb ergreifen des krankhaften 
Processes von der Gehirnsubstanz und vornehmlich von den 
Hirnhäuten auf die intracraniellen Theile des Sehnerven be- 
gründet. Es kann dabei geschehen, dass die gummöse Wucherung 
als solche im neurilemmatischen Stützwerke des Opticus bis zur 
Netzhaut vordringt, oder dass daselbst blos einfache entzünd- 
liche Zustände, namentlich Perineuritis mit allen ihren Folgen, 
gesetzt werden. 5 ) Graefe, ß ) Hulke, 7 ) Arcoleo, 8 ) Barbar 9 ) und 
Schott 10 ) haben hieher gehörige Fälle mit gummöser Entartung 



») Seely, Klin. Monatsblätter, 1877, S. 263. 

2 ) Bouchut, Ophthalmoscopie med. Paris, 1876. Fig. 105—108. 

3) Hulke, Ophth. Hosp. Rep. VI., p. 108. 

4 ) Oertel und Buhl, Ziemssen, Handbuch der spee. Path. und Ther. 

IL, S. 622. 

5 ) Virchow, Krankhafte Geschwülste IL, 2, S. 461. 

6 ) Graefe, Archf. Ophthalmologie VII., 2, S. 24, 33; XII., 2, 8. 114, 117. 

7 ) Hulke, Ophth. Hosp. Rep. VI., p. 100. 

8 ) Arcoleo, Congres ophth. Paris, 1868. p. 183. 

°) Barbar, Ueber einige seltenere syphilitische Erkrankungen des 
Auges. Zürich, 1873-, und Nagel's Jahresbericht, 1873, S. 364. 
»>) Schott, Arch. f. Augenheilkunde V., 8. 409. 



2ö Oculistische Namen; Neuroretinitis bei krankhafter Blutbeschaffenheit. 

des Chiasma und Opticus bei massenhafter Ablagerung gummöser 
Producta in deren Umhüllungen und theüweise bei auffälliger Mit- 
leidenschaft der Hirnsubstanz selbst beschrieben. Als Vermittler 
des Ueberganges gelten wieder die Gefässe und möglicher Weise 
spielen dabei, wie Schott 1 ; meint, die perivasculären Lymph- 
räume eine Rolle. So viel steht fest, dass bei Lues die Wan- 
dungen der Hirngefässe, namentlich der arteriellen, sehr 
häufig in einem Zustande vorgeschrittener Wucherung betroffen 
werden, -) dass man die Kernanhäufungen in den verdickten Adven- 
titialschichten mitunter bis zu den feinsten Ausläufern im neurilem- 
matischen Stützwerke des Sehnerven verfolgen kann, und dass 
ähnliche Veränderungen auch an den Netzhautarterien syphili- 
tischer Kranker gefunden werden. 3 ) 

Ein ähnliches pathogenetisches Band ist höchst wahrscheinlich 
auch in einzelnen jener Fälle anzunehmen, in welchen Hirnleiden 
und Neuroretinitis oder Opticusschwund im Gefolge von mancherlei 
anderen, mit veränderter Blutbeschaffenheit einhergehenden 
Krankheiten auftreten. »Es scheint, dass die veränderte Blut- 
»beschaffenheit gewisse Alterationen der Gefässwände hervorbringt 
»wobei diese die Diapedesis rother Blutkörperchen und die 
»Transsudation abnorm beschaffener eiweissreicherer Ernährungs- 
»flüssigkeiten gestatten, zuweilen auch wohl eigentliche Continuitäts 
»trennungen erfahren.« 4 ) Es liegt auf der Hand, dass derlei 
pathologische Zustände der Gefässwandungen und vielleicht 
auch der sie begleitenden perivasculären Lymphräume das 
eigentliche Gehirn ebensowohl als dessen vorgeschobene Theile, 
den Sehnerven und die Netzhaut, ja auch andere Organe in krank- 
hafte Processe verwickeln können. 

Man hat guten Grund, einen solchen durch G ef äs s er kran- 
kungen vermittelten Entwickelungsgang in einzelnen 



*) Schott, 1. c, S. 422. 

2 ) Heubner, Die luetische Erkrankung der Hirnarterien. Leipzig, 1874. 

3 ) Edmund und Brailey, Ophth. Hosp. Rep. X., p. 137. 

4 ) Leber, Aren. f. Ophthalmologie XXL, 3, S. 258. 



Neuroretinitis bei Diabetes, Nierenleiden, Leukämie, Septichämie. 29 

von jenen Fällen vorauszusetzen, in welchen Hirnleiden und 
Neuroretinitis oder Opticusschwund im Gefolge von Diabetes mel- 
litus 1 ' auftreten, oder an gewisse Nierenkrankheiten 2 ) gebunden 
erscheinen, und dann in zweiter Linie durch Schwangerschaft 
und Wochenbett, oder durch gewisse fieberhafte Processen 
durch Typhus, Puerperium, Pyämie, insbesondere aber durch 
Scharlach und sehr ausnahmsweise vielleicht auch durch Pocken 3 ) 
begründet sein können. Die reichlichen Blutergüsse, welche 
unter solchen Umständen sehr gewöhnlich den entzündlichen Vor- 
gang begleiten und die Retinitis häufig* zu einer »hämorrha- 
gischen« gestalten, lassen über den krankhaften Zustand der 
Getasswände keinen Zweifel aufkommen. 

Dasselbe gilt von den massenhaften Extravasationen , welche 
bei Leukämie 4 ) und bei pernieiöser Anämie vorkommen, 5 ) 
ferner von den embolischen Gefilssverstopfungen, welche bei Septi- 
chämie ) im Bereiche des lichtempfindenden Apparates und gele- 
gentlich im Gehirne sowie in allen übrigen Körperorganen ent- 
zündliche Processe anzubahnen vermögen. 



! ) Leber, Arch. f. Ophthalmologie XXL, 3, S. 20G, 253, 258, 302; 
Graefe und Sämisch, Handbuch V., S. 503, 893. 

2 ) Leber, Graefe und Sämisch, Handbuch V., S. 572, 952; Stellwag, 
Lehrbuch, 1870, S. 214; Johnson, Nagel's Jahresbericht, 1870, S. 340; 
Treitel, Arch. f. Ophthalmologie XXIL, 2, S. 204, 209; Michel, ibid. XXI IL, 
2, S. 216. 

8 ) IL Adler, Die während und nach der Variola auftretenden Augen- 
krankheiten. Wien, 1874. S. 73. 

4 ) Leber, Graefe und Sämisch, Handbuch, S. 599, 602; Stellwag, 
Lehrbuch, 1870, S. 188; Roth, Klin. Monatsblätter, 1870, S. 158; Oeller, 
Arch. f. Ophthalmologie XXIV., 3, S. 245, 253; Deutschmann, Kün. Monats- 
blätter, 1878, S. 231, 234; Kraintsik, ibid., 1879, S. 292. 

5 ) Quincke, Klin. Monatsblätter, 1878, S. 128; Pflüger, ibid., 1878 
Beilage, S. 175; Hirschberg, Beiträge zur praktischen Augenheilkunde III. 
Leipzig-, 1878. S. 18; Leber, Graefe und Sämisch, Handbuch V., S. 604. 

c ) Roth, Klin. Monatsblätter, 1872, S. 344; Litten, ibid., 1877. Beilage 
S. 110; Michel, Arch. f. Ophthalmologie XXIII., 2, S. 213; Leber, Graefe 
und Sämisch, Handbuch V., S. 570. 



30 Ocul. Namen ; Neuroretinitis nach Blutverlusten, bei Saturnismus, Alkoholismus etc. 

Ob wirkliehe Erkrankungen der (Masse und ihrer peri- 
vaseulosen Lymphräume auch in einzelnen jener Fälle Einnuss 
nehmen, in welchen die Neuroretinitis oder Sehnervenatrophie nach 
Blutverlusten hervortritt, müssen spätere Erfahrungen aufklären. 
Gemeinhin werden dieselben auf eine ex vacuo erzeugte Hyperämie 
des Gehirnes und seiner Hüllen sowie auf eine seröse Durch- 
tränkung derselben von Seite des mit wässerigen Bestandteilen 
überladenen eiweissärnieren Blutes als nächste Ursache zurück 
geführt. ] ) 

Dass bei der Neuroretinitis und dem Opticusschwunde im Ge- 
folge des Saturnismus 2 ) Gefässerkrankungen als pathogenetisches 
Moment in Betracht kommen können, haben Kussmaul und 
Maier 3 ) durch einen Fall erwiesen, bei welchem sie Periarteriitis 
mit Verdickung und Verdichtung der Scheidenhaut der Gefässe, 
besonders der kleinen Arterien bis zur Verengerung ihrer Lich- 
tung, in der Rindensub stanz des Gehirnes fanden. 

In der grössten Mehrzahl dieser Fälle sowie dort, wo die 
Neuroretinitis oder der Opticusschwund durch Hirngeschwülste, 4 ) 
Alcoholismus u. s. w. begründet erscheint, lässt sich der Zu- 
sammenhang der Grundkrankheit mit den genannten Localleiden 
und dieser untereinander bisher allerdings nicht durch materielle 
Veränderungen der Gefäss wände erklären; es müssen vielmehr 
ganz andere, je nach den gegebenen Umständen verschiedene 



') Mooren, Ophthalmologische Mittheilungen. Berlin, 1874. S. 90; Fries 
Klin. Monatsblätter, 1876. Beilage S. 46; Horstmann, ibid., 1878, S. 147, 
160; Hirschberg, ibid., 1877, Beilage S. 53; Samelsohn, Arch. f. Ophthal- 
mologie XXI., 1, S. 150; Leber, Graef'e und Sämisch, Handbuch V., S. 901. 

2 ) Hutchinson, Ophth. Hosp. Rep. VI., p. 55; VII., p. 6; Schneller, 
Klin. Monatsblätter, 1871, S. 240; Samelsohn, ibid., 1873, S. 246, 249; 
Pufahl, Arch f. Augenheil künde VII., S. 81; Hirschfeld, ibid. VIII., 
S. 180; Leber, Grade und Sämisch, Handbuch V., S. 886; Stell wag, Lehr- 
buch, 1870, S. 245. 

3 ) Kussmaul und Maier, Deutsches Arch. f. klin. Med. IX., nach 
Samelsohn, 1. c. 

4 ) Annuske, Arch. f. Ophthalmologie XIX., 3, S. 165; Reich, Klin. 
Monatsblätter, 1874, S. 274; St eil wag, Lehrbuch, 1870, S. 255. 



Neuroretinitis bei Orbitalleiden; auf- und absteigendes Fortschreiten. 31 

pathogenetische Verhältnisse; das Walten vasomotorischer Ein- 
flüsse u. dgl. (S. 23) ; untergeschoben werden. 

Dagegen sind es unzweifelhaft wieder die Oe Hisse, welche 
bei Bestand gewisser Orbitalleiden 1 ) den krankhaften Process 
auf den Sehnerven übertragen. So hat man Neurodietyitis und Seh- 
nervenatrophie beobachtet bei Aftergebilden ; welche in der 
Augenhöhle wucherten/ 2 ) bei Orbitalabscessen des verschieden- 
sten Ursprungs ; 3 ) bei Erysipelas faciei et capitis 4 ) und selbst 
bei gewissen Verbildungen des Schädels mit Verengerung der 
Foraniina optica 5 ) der Augenhöhlen. 

Fasst man die im Sehnerven und im Opticus sich abspielenden 
krankhaften Vorgänge als ein Ganzes in's Auge, dieselben mögen 
min vom Gehirne und seinen Häuten, oder von den Orbitalgebilden 
ausgegangen sein, oder aber sich gleich ursprünglich an einem 
beliebigen Punkte des lichtempfindendjen Apparates festgesetzt 
haben, so stösst man allenthalben auf eine gewisse Neigung; 
sich von dem Erstlingsherde aus in auf- und absteigender 
Richtung längs dem Verlaufe der Opticiisfaserziige weiter 
zu verbreiten. 

Es ist diese Neigung selbst bei gewissen A t't e r w n e h e r u n g e n 
benierkbar ; namentlich beim Gliome, welches von der Netzhaut 
aus rasch auf den Sehnerven übergreift und häufig innerhalb der 
Scheiden des letzteren bis in's Gehirn fortwuchert. Viel deutlicher 
aber spricht sich die fragliche Neigung bei entzündliche!) Vor- 
gängen und insbesondere bei dem Schwunde aus. In der That 



1 ) Leber, Graefe und Sämisch, Handbuch V., S. 800; Stell wag, Lehr- 
buch, 1870, S. 200-, 

2 ) S. Klein, Wiener medicinische Presse, 1875, Nr. 23; Knapp, Areli. 
f. Augenheilkunde V., S. 310, 322. 

3 ) Ed. Jäger, Aerztlicher Bericht des k. k. allgemeinen Krankenhauses 
zu Wien, 1869, S. 92. 

4 ) Pagenstecher, Ophth. Hosp. Rep. VII., p. 32; Hutchinson, ibid., 
)). 35; Lubinsky, Klin. Monatsblätter, 1878, S. 108. 

5 ) Michel, Nagel's Jahresbericht, 1873, 8. 358. 



32 Oculistische Namen ; theilweise Kreuzung <ler Opticusfasern im Chiasma. 

ist erwiesenermassen das überaus häufige und oft schon sehr früh- 
zeitige Erscheinen der Nenroretinitis oder der Sehnervenatrophie im 
Augenspiegelbilde bei Gegebensein von mancherlei Gehirn- und 
Rückenmarksleiden sowie bei Bestand von retrobulbären und 
intracraniellen Opticuserkrankungen so gewöhnlich auf ein stetiges 
Vorwärtsschreiten des pathologischen Processes in der Bahn des 
Sehnerven zurückzuführen^ dass man allgemein eine absteigende 
Form jener Processe in das System aufnehmen zu müssen geglaubt 
hat. Für die Fortentwickelung in aufsteigender Richtung aber 
hat Türck 1 ) bereits vor dreissig Jahren Belege geliefert, indem er 
bei Druckatrophie des Chiasma die charakteristischen Gewebsver 
änderungen und insbesondere die Anhäufung von Kornchenzellen 
durch die Sehnervenwurzeln bis in die knieförmigen Körper ver- 
folgte. Seither haben sich die diesfälligen Erfahrungen ganz ausser- 
ordentlich gehäuft und die Ueberzeugung von der Richtigkeit des 
aufgestellten Satzes allenthalben in dem Grade gefestigt, dass man 
das rückläufige Fortschreiten des Schwundes längs dem Zuge 
der Opticuselcmente zur Entscheidung über die Frage der theil- 
weisen Durchkreuzung der Sehnervenfasern im Chiasma 
heranziehen konnte. 

Es hat diese Frage in jüngster Zeit eine gewaltige Bewegung hervor- 
gerufen und eine lange Reihe von eingehenden Untersuchungen angeregt. Es 
wurden zahlreiche Fälle von Hemianopsie, Leichenbefunde nach vieljährigen) 
Bestände von einseitigem Augapfelschwund und Versuche an Thieren in's 
Feld gefuhrt, um für und wider die alte Anschauungsweise zu kämpfen. Auch 
ich habe mich in den Jahren 1847 bis 185G vielfach mit dem Gegenstande 
beschäftigt und eine sehr grosse Anzahl von diesbezüglichen Präparaten aus 
der Leichenkammer des Wiener allgemeinen Krankenhauses untersucht. Ich 
fand 2 ) bei alten einseitigen Atrophien des Bulbus den Schwund des Seh- 
nerven meistens mit kolbigem oder zackigem Rande im entsprechenden Vorder- 
winkel des Chiasma abgegrenzt. Manchmal war der Process jedoch ganz 
klärlich bis in die Sehnervenwurzeln und selbst bis in die knieförmigen Körper 
vorgedrungen, und zwar erschien dann bald der gleichseitige, bald der 



') Türck, Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte. Wien, 1852. 
S. 298, 302. 

2 ) Stell wag, Ophthalmologie IL, S. 567 u. f. 



Progressiver Schwund einzelner Sectoren des C)pticus. OD 

andere Tractus in vorwiegendem Masse ergriffen. Diese Unregelmässig- 
keit, welche schon Cruv eil hier 1 ) hervorhebt, hatte mich bestimmt, den Ge- 
fässen die massgebende Rolle bei dein Weiterschreiten des Processes zuzu- 
weisen. Ich war damit einem Irrthume verfallen, welcher durch die auch in 
vielen anderen Beziehungen über den Gegenstand helles Licht werfenden 
Arbeiten Kell er mann 's 2 ) wohl für immer beseitigt ist. Im Ganzen sprechen 
auch meine Erfahrungen für das häufige Vorkommen von Entzündungen und 
Atrophien des Sehnerven, welche in aufsteigender Richtung sich fortentwickeln, 
und stützen die von Anderen 3 ) für die th eil weise Kreuzung der Opticus- 
fasern vorgebrachten Gründe. 

Einige Beobachtungen geben sogar guten Grund zu dem 
Glauben, dass die Sehnervenatrophie, auf einzelne Gruppen von 
Faser bündeln beschränkt, in auf- und in absteigender Richtung 
eine Strecke weit sich fortpflanzen könne. 

Im ophthalmologischen Bilde habe ich wiederholt sectorenförmige 
Ausschnitte der Papille mit haarscharfen linearen Grenzen atrophirt ge- 
funden. In einem Falle, in welchem keine Spur eines Centralleidens nach- 
zuweisen war, blieb der Zustand mehrere Jahre unverändert. In einein anderen 
Falle war die sectorenförmige Verblassung neben allen Erscheinungen einer 
diffusen Neuroretinitis aufgetreten und hatte einen mit Basalmeningitis einher- 
gehenden Abscess in der Gegend des Türkensattels, an welchem die Kranke 
nach wenigen Tagen starb, zur Grundursache. Treitel 4 ) hat an dem Stumpfe 
des einer Leiche entnommenen Bulbus die sectorenförmige Atrophie des Seh- 
nerven nachgewiesen. Leber 5 ) sah partielle Atrophie inselförmig oder 
fleckweise in den peripheren Schichten und in dem Körper des Opticus. 
Wilbrand 6 ) will aus klinischen Beobachtungen das öftere Vorkommen einer 
Neuritis axial is erschliessen und mit gewissen Formen von centralen 
Scotoinen in Zusammenhang bringen. Bei der grossen Dunkelheit, welche 



') Cruveilhier nach Hirschberg, Beiträge zur praktischen Augenheil- 
kunde. Leipzig, 1878. III., S. 8. 

*) Kellermann, Klin. Monatsblätter, 1879, Beilage S. 32,36. 

3 ) Gudden, Arch. f. Ophthalmologie XX., 2, S. 249, 263; XXV., 1, 
S. 1; XXV., 4, S. 237, 241; Treitel, ibid. XXV., 3, S. 82, 84, 90; Mohr, 
ibid. XXV., 1, S. 57; Woinow, Klin. Monatsblätter, 1875, S. 428; Schmidt- 
Kimpler U.A., ibid., 1877, Beilage S. 44 u. f.; Plenk, Arch. f. Augenheil- 
kunde V., S. 140, 106; Hirschberg (1. c); Kell ermann (1. c). 

4 ) Treitel, Arch. f. Ophthalmologie XXIL, 2, S. 250. 

5 ) Leber, Graefe und Sämisch, Handbuch V., S. 843, 847, 850. 

6 ) Wilbrand, Klin. Monatsblätter, 1878, S. 505. 

St eil wag, Abhandlungen. 3 



34 Oculistische Namen ; Entzündungen im Bereiche des hinteren Scleralkranzes. 

dermalen noch über den Faserverlauf im Opticusstamme herrecht, *) scheint 
bei der Annahme dessen grosse Vorsicht geboten. 

Im Allgemeinen darf man sagen, dass krankhafte Processe, 
welche in irgend einem Theile des lichtempfindenden Apparates 
entweder selbstständig angeregt oder von der Nachbarschaft 
auf denselben übertragen werden, sich regelmässig inner- 
halb seiner sehr scharfen natürlichen Grenzen halten und 
dieselben auch bei ausgesprochener Neigung zur Weiterverbreitung 
nur selten überschreiten, um anstehende Gebilde in Mitleiden- 
schaft zu ziehen. Wo die letzteren mitergriffen werden, handelt 
es sich in der That zumeist um eine Erkrankung aus gemein- 
schaftlicher Ursache, namentlich dy sc ratisch er Natur, nicht um 
eine Fortpflanzung des pathologischen Vorganges von der Netzhaut 
oder vom Sehnerven auf deren Umgebung. Nur bezüglich des 
Glaskörpers, welcher einen Theil seiner Ernährungsstoffe aus den 
Netzhautgefässen bezieht, ist eine Ausnahme zulässig. 

Ein wahres Ausbrechen aus der Bahn der Nervenzüge 
findet, wenn überhaupt, so nur im Bereiche der Centralorgane 
oder des Zinn'schen hinteren Scleralgefässkranzes, also an 
Orten statt, an welchen das bindegewebige Stützwerk des licht- 
empfindenden Apparates mit dem Gefüge der umlagernden Theile 
auf das Innigste verschmilzt und überdies von einem gemein- 
schaftlichen Netze feinster Gefässe und vasomotorischer Nerven 
durchstrickt wird. 

Es bedarf wohl nicht erst der Erwähnung, dass diese beiden Bezirke 
auch selbstständig zu erkranken, die pathologischen Processe durch 
alle ihre Phasen hindurch zu führen und gelegentlich auf angrenzende Gebiete 
fortzuleiten vermögen. 

Bezüglich des hinteren Scleralgefässkranzes muss dies sogar als 
ein ziemlich häufiges Vorkommniss erachtet werden. Es ist nämlich jener 
eigentümliche Zustand, welchen Graefe als »Amblyopie mit glauko- 
matösem Sehn ervenleiden« bezeichnet hat und welcher zur Zeit meistens 
mit dem wahren Glaukome zusammengeworfen wird, ein auf das fragliche 

!) Kellermann, Klin. Monatsblätter, 1878, Beilage S. 36. 



Staphyloma posticnm; Uveales Gefäsagebiet, 35 

Gebiet beschränkter, also rein örtlicher Process, welcher mehr oder minder 
rasch das bindegewebige Stiltzwerk des Nervenkopfes und den verdichteten 
Theil desselben, <lie Siebhaut, auflockert, erweicht und widerstandsunfähig 
macht, so dass dieselben ungeachtet der Fortdauer normaler BinnendrJtck- 
verhältnisse schliesslich nachgeben müssen, nach hinten gedrängt werden und 
dem Schwunde verfallen. Es wird dieser Vorgang, welchen bereits Ed. Jäger 1 ) 
als einen rein örtlichen geschildert hat und seinen »Scleralglaukomen« 
einrechnet, in einer folgenden Abhandlung Gegenstand eingehender Erör- 
terung sein. 

Im Uebrigen sind Beizzustände und wirkliche Entzündungen mit ein- 
greifenden Gewebsveränderungen im Gebiete des hinteren Scleralgefässkranzes 
unter Anderem auch bei fortschreitenden hinteren Lederhautaus- 
dehnungen (progressivem Staphyloma posticnm) ein sehr gewöhnlicher Be- 
fund, und man hat allen Grund zur Annahme, dass sie in der Pathogenesis 
der allmäligen, besonders aber der ruck weisen Grössen zunähme 
jener Ektasien eine sehr bedeutsame Rolle spielen. Um in geradem Gegen- 
sätze zu den bisherigen Anschauungen den Ausgangspunkt der Dehnung 
in den Lederhautpol zu verlegen und die Verschiebung der Scheiden als 
nothwendige Folge der polaren Ektasie zu erklären, bedarf es kräftigerer 
Beweise, als sie bisher Mauthner 2 ) erbracht hat. 



Ganz anders gestalten sich die Verhältnisse ; wenn man den 
Blick von dem lichtemptindenden Apparate hinweg- auf die Ge- 
fäss haut und auf die genetisch ihr sehr nahe stehende Bulbus- 
kapsel lenkt. Entsprechend dem innigen vascularen und 
geweblichen Zusammenhange ; in welchem die einzelnen Be- 
standteile der Uvea unter einander sowie mit der Sclera und 
Hornhaut stehen, bekunden krankhafte Processe auf diesem Ge- 
biete durchwegs eine ganz ausserordentliche Diffusionsfähig- 
keit, welche noch erhöht wird durch die Abhängigkeit; in welcher 
die Netzhaut und der Glaskörper bezüglich ihrer Ernährung zur 



*) Ed. Jäger, Ergebnisse der Untersuchung mit dem Augenspiegel. 
Wien, 187G. S. 19. 

2 ) Mauthner, Vorlesungen über die optischen Fehler des Auges. Wien. 
1876. S. 432, 437. 

3* 



36 Oculistisclie Namen; Uveales (iefassgebiet. 

Gefässhaut stehen. In der Tliat sind hier pathologische Vorgänge, 
welche sich innerhalb der Grenzen eines Einzelnorganes halten, 
eine grosse Seltenheit; die allermeisten zeigen eine ausge- 
sprochene Neigung, sich über die verschiedensten Gewebs- 
arten ganzer Bulbu sah schnitte, ja über den gesammten Aug- 
apfel zu verbreiten. 

Die Uvea und die Bulbuskapsel erhalten ihr arterielles 
Blut bekanntlich gemeinsam aus den Ciliar schlagad er n ; indem 
diese das Kandschlingennetz für die Hornhaut liefern und, während 
sie die Sclera durchsetzen, um zur Uvea zu gelangen, eine Anzahl 
von Zweigen abgeben, welche sich in dem derben Lederhautgefüge 
selbst verästeln. 1 ) Die hinteren Ciliararterien entspringen un- 
mittelbar aus der Arteria ophthalmica und dringen am hinteren 
Umfange des Augapfels in dessen Binnenraum ein. Die kurzen 
gehen, nachdem sie auch zwei starke Reiser zu dem hinteren 
Scleralgefässkranze abgesendet haben, in die Aderhaut über, wo 
sie das grobe Maschenwerk der Tunica vasculosa bilden helfen, 
eine Menge Ausläufer bis in das vordere Uvealgebiet schicken 
und sich in das dichte Haargefässnetz der Choriocapillaris auflösen. 
Die beiden langen hinteren Ciliararterien hingegen laufen 
ungetheilt in der Fusca nach vorne und treten, in zwei seitlich 
ausbiegende Aeste gespalten, in den Ciliarmuskel ein, um sich 
weiter zu verzweigen. Die vorderen Ciliararterien gehen aus 
den Schlagadern der vier geraden Augenmuskeln hervor. Ein 
Theil ihrer Aeste durchbohrt die vordere Lederhautzone und 
verästelt sich gemeinsam mit den beiden hinteren langen Ciliar- 
arterien in dem Accommodationsmuskel, in der Iris und im Strahlen- 
kränze. Die von diesen Aesten gebildeten Netze anastomosiren 
vielfältig mit jenen der Tunica vasculosa chorioideae theils durch 
die Ausläufer der letzteren, theils durch rückläufige Reiser, 
welche aus dem vorderen Uvealabschnitte zur Aderhaut streichen. 



] ) Siehe Leber, Denkschriften der math.-naturw. Gasse der k. Akademie 
der Wissensch. zu Wien, 1864, XXIV. Band, S. 299 u. f. 



Arteriae et venae ciliares; vorderes und hinteres Ciliargebiet. öl 

so dass eine offene Verbindung- zwischen den vorderen und 
den hinteren Ciliararterien und mittelbar durch die letzteren 
auch mit dem hinteren Scleralgefasskranze sowie mit den 
Gefässen des Nervenkopfea hergestellt wird. Ein anderer 
Theil der den vorderen Ciliargeiassen zugehörigen Aeste bleibt 
an der Oberfläche des Bulbus und verzweigt sich im vorderen 
Gürtel der Episclera, ein gegen die Hornhautgrenze hin an Dich- 
tigkeit und Feinheit der Maschen zunehmendes Gefässnetz bildend. 
In nächster Nähe dc> Cornealrandes gehen zahllose Reiser aus 
diesem Netze in die Bindehaut über und biegen theilweise nach 
rückwärts um, um mit den Conjunctivalgefässen in offene 
Verbindung zu treten, theils laufen sie nach vorne und stellen das 
Randschlingennetz der Cornea dar. 

Das venöse Blut des gesammten Uvealgebietes entleert 
sich zum aüergrössteh Theile durch die Wirbelgefässe, welche 
mit den mächtigen Blutadergeflechten der Strahlenfortsätze und 
mittelbar durch diese mit den Venen der Iris und des Accommo- 
dationsmuskels zusammenhängen. Nur ein sehr kleiner Theil 
gelangt durch einige zarte dem hinteren Scleralgefässkranze zuge- 
hörige Venenäste nach aussen. Ein anderer kleiner Theil des 
venösen Blutes fliesst durch die vorderen Ciliarvenen ab. welche 
die Lederhaut nahe ihrer vorderen Grenze durchbohren. Sie ver- 
lieren sich in dem dichten episcleralen Netze, welches sich 
hauptsächlich aus den Venen der cornealen Eandschlingen recrutirt, 
mit den Blutadergeflechten der vorderen Bindehautzone anastomosirt 
und bei ciliaren Reizzuständen als pericornealer Gefässkranz 
sehr auffällig- hervorzutreten pflegt. Das Venenblut der Lederhaut 
ergiesst sich theilweise in die Vasa vorticosa, theilweise flieg 
durch kleine, der Sclera eigenthümliche Zweige ab. 

Es sind diese innigen Gefässverbindungen der Scheidung in 
ein vorderes und hinteres Ciliargebiet offenbar wenig günstig 
und man könnte sich leicht versucht fühlen, eine solche Sonderung 
gänzlich aufzugeben, wenn das antagonistische Verhalten der 
(•etässe im vorderen und im hinteren Uvealabschnitte bei gewissen 



38 Oculistische Namen; Entzündungen im Uvealgebiete. 

Erkrankungen der Binnenorgane und namentlich nach der Ein- 
wirkung mydriatischer oder myopischer Mittel nicht gar so deutlich 
wäre und das Walten ganz verschiedener vasomotorischer 
Nerveneinflüsse zwingend erwiese. Es ist dieser Antagonismus 
übrigens angesichts der Uliveränderlichkeit des jeweilig im 
Binnenraume kreisenden Blutquantums im Interesse ausgleichen- 
der Verschiebungen ein dringendes physiologisches Gebot und 
lässt die Trennung des Ciliargefässgebietes in ein hinteres und 
vorderes als geradezu unabweislich erscheinen. 

In Uebereinstimmung damit stösst man denn auch wirklich 
täglich auf pathologische Processe, welche sich, wenn nicht völlig, 
so doch vorzugsweise in einem oder dem anderen Ciliargefäss- 
gebiete abspielen. Dieselben werden ganz allgemein als Erkran- 
kungen einzelner Organe oder Organ t heile diagnosticirt und 
als Chorioiditis, Kyklitis, Iritis, Keratitis, Scleritis u. s. w. 
bezeichnet. Geht man aber näher in die Verhältnisse ein, so zeigt 
sich gar bald in der bestimmtesten Weise, dass die geweblichen 
Veränderungen weit über die Grenzen des Organes hinausreichen, 
welches den Namen für das Leiden hergiebt, und dass das, was 
man gemeinhin als mehr oder minder nebensächliche »Symptome« 
aufzufassen gewohnt ist, zum guten Theile gleichwerthige patho- 
logische Veränderungen der Nachbargebilde sind und sich in ihren 
Ausgängen mitunter überaus misslich gestalten. 

Was vorerst die krankhaften Vorgänge im hinteren Ciliar- 
gebiete, insbesondere jene betrifft, welche allenthalben als 
»Chorioiditis« beschrieben werden, so ist es nothwendig, sich 
vor Augen zu halten, dass die Netzhaut und der Glaskörper 
bezüglich ihrer Ernährung grösstenteils von der Choriocapillaris 
abhängig sind; ferner dass die Entzündung im Wesentlichen als 
ein qualitativ und quantitativ veränderter Ernährungsprocess zu 
gelten habe und sich der Hauptsache nach durch die vermehrte 
Auswanderung weisser Blutkörperchen aus den Gefässen, überhaupt 
durch das Erscheinen regelwidrig grosser Mengen von Rund- 
zellen in dem Gefüge der Organe kennzeichne. Demgemäss ist es 



Chorioiditis; Iritis; Iridokyklitis. 39 

theoretisch schon sehr wahrscheinlich , dass Aderhaut entzün- 
dungen im wahren Wortsinne kaum jemals bestehen können, ohne 
dass die Producte derselben auch in der Netzhaut und im Glas- 
kör]) er zuin Vorschein kommen, den letzteren also das charak- 
teristische Merkmal der Entzündung' aufprägen. Die praktische 
Erfahrung nun hat dafür unwiderlegliche Beweise geliefert. 
Wirklieh werden Trübungen des Glaskörpers und Veränderungen 
der Netzhaut mit den daraus abzuleitenden Störungen der Seh- 
function durchwegs zu den beständigsten »Symptomen der 
Chorioiditis« gerechnet. Gleicher Weise werden allerorts die 
bindegewebige Entartung und Schrumpfung des Glaskörpers, sowie 
Abhebungen und mannigfaltige Schwundformen der Retina unter 
den gewöhnlichen Ausgängen des fraglichen Leidens angeführt. 
Ueberdies haben zal illose Leichenbefunde der Intensität des Pro- 
cesses entsprechende Mengen und Gestaltungen des Productes in und 
auf der Aderhaut, in der Netzhaut und im Glaskörper, in der 
Lederhaut und sogar in den orbitalen Weichtheilen nachgewiesen. 
Ganz ähnlich verhält sich die Sache mit den Entzündungen 
im vorderen Ciliargebiete. Ist es doch eine anerkannte That- 
sache, dass der krankhafte Process bei der sogenannten »Iritis« 
sich kaum jemals auf die eigentliche Regenbogenhaut beschränke, 
sondern stets auf das mit Endothel bekleidete Balkenwerk des 
Ligamentum pectinatum übergreife, ja dass dieses eine Haupt- 
quelle jener Eitermassen sei, welche bei suppurativen Formen sich 
am Boden der Vorderkammer sammeln, und dass Granulome, 
beziehungsweise Gummen und Tuberkel, ebenso oft aus dem 
Iris winkel, als aus der Breite der Regenbogenhaut hervorwuchern. 
Im Uebrigen kennt jeder Praktiker die Schwierigkeiten, Avelche 
sich in der Praxis entgegenstellen, wenn es gilt, die Iritis, Irido- 
kyklitis und Iridochorioiditis mit Zuverlässigkeit auseinander 
zu halten und wie bei der Diagnose gar oft nicht sowohl wesent- 
liche Unterschiede in der äusseren Erscheinungsweise, als vielmehr 
das stärkere oder schwächere Hervortreten von Glaskörpertrübungen 
und von retinalen Functionsstörungen den Ausschlag geben müssen. 



40 Oculistische Namen; Entzündungen im Uveulgebiete. 

Die Behauptung Schnabel's, J ) dass bei acuter Iritis fast immer 
eine diffuse Netzhautentzündung nebenher laufe, welche oft lange andauernde 
Sehstörungen verschuldet, und dass auch die nach chronischer Iritis häufig 
vorkommenden progressiven Amblyopien auf Retinitis und Hyalitis mit nach- 
folgendem Opticusschwunde beruhen, kann in dieser ihrer viel zu allge- 
meinen Fassung sicherlich nicht als richtig angenommen werden. Doch fusst 
sie auf einer gesunden Grundlage, nämlich auf der thatsächlichen Häutig- 
keit von Fällen, in welchen entweder das vordere Ciliargebiet und die 
Netzhaut aus einer gemeinsamen Ursache, z. B. Syphilis, erkrankt sind, 
oder der ganze Uvealtract und mittelbar durch die Aderhaut und Strahlen- 
fortsätze die Netzhaut sammt Glaskörper in den Process einbezogen wurden. 

Greift man zu Leichenbefunden, um sich aus diesen Rath 
zu erholen, so verschwimmen die Entzündungen der Regen- 
bogenhaut und des Strahlenkranzes, die Iridokyklitis und 
Iridochoroiditis, welche man klinisch noch immer als vier streng 
zu sondernde Krankheitsformen festhalten zu müssen glaubt, 
völlig unter einander, sie lassen sich in der Bedeutung patho- 
logischer Processe gegenseitig gar nicht trennen. Wer hat wohl 
je die Producte einer floriden Iritis untersucht, ohne gleichwerthige 
oder ähnliche Veränderungen im Aufhängebande der Regenbogen- 
haut und im Strahlenkranze zu finden? wer eine Kyklitis, ohne 
dass die Iris und die vordere Aderhautzone deutliche Spuren der 
Entzündung dargeboten hätte? 

Wollte aber Jemand im Widerstreite die Seltenheit der 
Fälle betonen, in welchen eine reine Iritis oder Kyklitis zur ana- 
tomischen Untersuchung gelangt, und damit die Begründung als 
eine unzulängliche erklären, so kann auf die unzweifelhaft ent- 
zündliche Natur des pericornealen Gefässkranzes hinge- 
wiesen werden, welcher bei jeder Iritis mehr weniger auffällig 
hervortritt und den gleichen pathologischen Vorgang auch in den 
zwischen gelegenen Organen, im Strahlenkranze und Ciliarmuskel, 
mit Sicherheit voraussetzen lässt. Wirklich handelt es sich hier 
keineswegs um eine einfache Blutüberfüllung der episcleralen 



') Schnabel, Arch. f. Augenheilkunde V., S. 113, 133. 



Perioornealer Gefässkranz; uveale Hornhautentzündungen. 41 

und vorderen Bindchautgefässe, vielmehr ist während des Bin t lie- 
st ad in ms der Processe wohl immer eine erhebliche Auswanderung 
weisser und mitunter auch rother Blutkörperchen neben vermehrter 
Filtration gegeben, der pericorneale Gefässkranz reiht sich noso- 
logisch den entzündlichen Oedemen und den Granula- 
tionsbildungen an. Das öftere Durchbrechen von Eiter, von 
Granulationen und Tuberkeln in der Nähe der Cornealgrenze sowie 
das im Gefolge von Iritis und Iridozyklitis nicht seltene Auftreten 
von E et a sie n oder Sclerosen des vorderen Lederhautgürtels 
steht damit im Zusammenhange. 

Diese Miterkrankung des episcleralen Gefüges, aus dessen 
Gefassnetzen die vascularen Randschlingen der Cornea unmittelbar 
hervorgehen, wirft nun auch ein klärendes Licht auf die Patho- 
genese jener entzündlichen Hornhauttrübungen, welche so 
gerne in Gesellschaft von Iritis , Iridokyklitis und Iridochorioiditis 
sich entwickeln. Man hält dieselben zumeist für Trübungen des 
Kammerwassers, deren Bestand mit Rücksicht auf die vorlie- 
genden anatomischen Nachweise nicht im Geringsten bezweifelt 
werden soll. Bei genauer Untersuchung mit seitlicher Beleuchtung 
kann man sich jedoch leicht davon überzeugen, dass dieselben in 
nicht wenigen Fällen durch reichliche Productmengen veranlasst 
werden, welche in den mittleren und hauptsächlich in den hin- 
teren uvealen Schichten der Cornea und mitunter an der freien 
Oberfläche der Descemeti abgelagert sind. Sie erscheinen bald sulz- 
ähnlich, bald wolkig figurirt und verändern bei raschen Bewegungen 
des Auges nicht ihre gegenseitige Stellung. Sie gehen meistens 
rasch zurück, ohne eine Spur zu hinterlassen, wenn der entzünd- 
liche Process in der Regenbogenhaut und dem Strahlenkranze seiner 
Lösung zuschreitet. Manchmal und vorzugsweise bei suppurativen 
Formen der Iritis und Iridokyklitis sammeln sich jedoch auch die 
zwischen den Lamellen der Hornhaut aufgestapelten Producte an 
einer oder der anderen Stelle zu grösseren Massen und stellen, 
indem sie verflüssigen und die anstehenden Gewebstheile zur 
Schmelzung bringen, einen Cornealabscess oder ein offenes 



42 Üculistische Namen ; Entzündungen im uvealeu Gebiete. 

Hornhautgeschwür dar. Keratoiritis suppurativa ist der 
gebräuchliche Name für einen solchen Vorgang-. 

Gar oft sieht man neben allen Anzeichen einer mehr chro- 
nischen schleichenden Iritis oder Iridochorioiditis mit spärlichen 
formbaren Producten eine sulzähnliche oder nebelige Trübung in 
den tieferen Schichten der Hornhaut auftauchen. Dieselbe ver- 
breitet sich von einer Stelle der Peripherie aus binnen Kurzem 
über das Centrum und häufig über den ganzen Umfang des Organes. 
Es kann diese diffuse Trübung in längerer oder kürzerer Zeit wieder 
spurlos verschwinden. In anderen Fällen jedoch beschränkt 
sich die Aufhellung auf die K an dt heile , während die Infiltrate 
gegen die Mitte hin sich immer mehr anhäufen, einen wolkenähnlich 
gezeichneten grauen Fleck bilden, oder gar in einen gleichmässig 
milchweissen oder gelblichweissen, völlig undurchsichtigen, umfang- 
reichen, meistens linsenförmigen Herd mit abgerundeten, wolkig 
verschwommenen Grenzen zusammenfliessen. Als charakteristisch 
gilt für diese Art entzündlicher Ablagerungen, dass sie kaum jemals 
vereitern, dagegen eine sehr ausgesprochene Neigung zurHöher- 
gestaltung, insbesondere zur Gefässeut Wickelung, verrathen. 
In der That wird man nach einigem Bestände solcher Infiltrate 
nur selten eine Anzahl von Gefässen vermissen, welche in den 
tieferen Lagen des Cornealrandes gegen die Trübung hin streichen 
und sich theils in derselben verlieren, theils an deren Oberfläche 
verzweigen. In manchen Fällen ist die Vascularisation sogar eine 
überaus üppige, so dass das Infiltrat von den überlagernden blut- 
gefüllten Adernetzen fast gedeckt erscheint und die randständigen 
Stammtheile derselben wegen ihres nahen Aneinanderrückens leicht 
einen Bluterguss vortäuschen können. l ) Es stehen diese Gefässe 
wohl niemals mit jenen der Bindehaut, sondern immer mit den 
der Leder haut selbst zugehörigen und mit den episcleralen 
Netzen in unmittelbarer Verbindung und unterscheiden sich 



*) Hutchinson, A clinical memoire on certain diseases etc. London 
1863, p. 66, Fig. 1. 



Keratitis diffusa, pareuchymatosa. punctata. 43 

dadurch wesentlich von den Gefässneubildungen , welche den Ent- 
zündungen des conjuneti valen Blattes der Cornea eigenthümlich 
sind. Man spricht unter solchen Umständen von einer Keratitis 
diffusa und, falls die Infiltrate in den mittleren und tiefen Schichten 
der Hornhaut sich bereits zu dichteren wolkigen oder herdartigen 
Massen geballt nahen, von einer Keratitis pareuchymatosa. 

Krückow 1 ) hat in neuerer Zeit das seltene Glück gehabt, einen solchen 
Fall anatomisch untersuchen zu können. Das Epithel der Hornhaut war 
»wesentlich intact«, die Bowmann' sehe Membran und die obersten 
Schichten der Cornea selbst zeigten sich »ziemlich gesund«. Dagegen war die 
Hornhaut von dem ersten Drittel bis nahe an die Descemeti von Gefa'sse n 
verschiedensten Kalibers durchzogen. Einzelne spärliche Gefa'sse stiegen 
weiter nach vorne auf. Alle Gefässe bis zu den feinsten, welche man als 
Capillaren ansprechen musste, waren fast ausnahmslos von einer deutlich zu 
erkennenden Adventitia begleitet. Dieselbe lag dem Capillarrohr nicht knapp 
an, sondern war mitunter recht weit davon entfernt, und in dem Zwischen- 
räume fanden sich hin und wieder, wenn auch nicht in besonders reichlicher 
Anzahl, weisse Blutkörperchen. Der Inhalt dieser Gefa'sse war aber 
in einer Beziehung sehr merkwürdig. »Neben ziemlich unveränderten rothen 
»Blutkörperchen fand sich nämlich eine ganz ausserordentlich grosse Zahl 
»weisser Blutkörperchen, die nebenbei sehr eigenthümliche Veränderungen 
»zeigten. Ihre Zahl war so gross, dass man sie an manchen Stellen haufen- 
»weise zu zwanzig, dreissig nebeneinander liegen sah, meist an den Rändern, 
»wie man es überhaupt findet, aber mitunter zu Gruppen angeordnet. Es lässt 
»sich dieses Bild unserer Ansicht nach nicht auf die gewöhnliche randstän- 
»dige Lage der weissen Blutkörperchen zurückführen, denn wer jemals Ge- 
»legenheit gehabt hat, Gelasse aus den Leichen von Leukämischen zu sehen, 
»der würde ohne weiters die Diagnose auf Leukämie machen. Wir haben 
»deshalb nicht unterlassen, die anderen Theile des Auges zu untersuchen . . ., 
»haben aber weder im Auge, noch in den umgebenden Theilen irgend etwas 
»Auffälliges gefunden.« 

Endlich kommen häufig Fälle vor, wo während des Verlaufes 
einer chronisch schleichenden Iritis , Iridokyklitis oder Irido- 
chorioiditis die tieferen Schichten der Cornea vom Rande aus, 
und zwar in der Kegel von unten her, sich sulzähnlich oder nebelig- 
trüben , nach einiger Zeit aber sich wieder etwas aufhellen und 
nun ; eingehüllt in einen zarten nicht selten von einzelnen höchst 

*) Krückow, Klin. Monatsblätter, 1875, S. 491 u. f. 



44 Oculistische Namen; Entzündungen im avealen Gebiete. 

feinen Gefässen durchstrickten dunstartigen Sehleier, eine Unzahl 
dicht aneinander gedrängter feiner staubförmiger bis mohnkorn- 
grosser gelbgrauer bis brauner Punkte, oder mehr zerstreuter 
grösserer, bis hirsekorngrosser, abgeflachter grauweisslicher Knöt- 
chen erkennen lassen. Es verbreiten sich diese eigenthümlichen 
Trübungen gewöhnlich über grössere Abschnitte, die gröber 
gekörnten auch wohl über den ganzen Umfang der Hornhaut, 
während die sternhaufenähnlichen fein punktirten sich zumeist 
auf die untere Hälfte beschränken und nach oben hin in einer 
verschwommenen Bogenlinie abgegrenzt sind. Die Producte, welche 
sie zur Anschauung bringen, lagern theils der freien Oberfläche 
der Descemeti auf, theils sind sie in die hinteren Schichten 
des eigentlichen Hornhautgewebes, und zwar in verschie- 
dene Interlamellarräume eingebettet, da man bei sorglichen Unter- 
suchungen sehr häufig mit aller Bestimmtheit nachweisen kann, 
dass einzelne Punkte oder Knötchen sich theilweise decken und 
bei seitlichem Einblicke sogar einen merklichen sagittalen Abstand 
ergeben. 

Nach den mikroskopischen Untersuchungen von Knies, l ) dem Einzigen, 
welchem ausser Schweigger in neuerer Zeit ein solcher Fall zur Verfügung 
stand, erscheint das Endothel der Descemeti streckenweise völlig normal, 
streckenweise aber zeigt es, zumeist auf den Kittleisten, einen zarten körnigen 
Beschlag (Pigment und Detritus) mit spärlich eingestreuten Rundzellen. 
Zwischendurch ist es mit kleineren und grösseren Producthaufen belegt, welche 
Knies in Uebereinstimmung mit Schweigger 2 ) aus wechselnden Mengen von 
Rundzellen, Detritus und Pigment von zweifelhafter Herkunft 3 ) zusammen- 
gesetzt findet und, obgleich in ihnen eine eigentliche Verkäsung nicht nach- 
zuweisen war, mit den skrophulösen und tuberculösen Ablagerungen in Be- 
ziehung zu bringen geneigt ist. Die Cornea enthält zahlreiche Rundzellen, 
reichlicher in ihren hinteren, weniger in ihren vorderen Lamellen. »Schein- 
bare Ansammlungen von Wanderzellen in Form von kleinen 
»Herden in den hintersten Schichten lassen fast immer bei genauer 
»Untersuchung den Querschnitt eines kleinen Gefässes in der Mitte oder am 



J ) Knies, Arch. f. Augenheilkunde IX., S. 3, 15. 

*) Schweigger, Handbuch, 1871, S. 327. 

3 ) Leber, Kim. Monatsblätter, 1879, Beilage S. 65. 



Keratitis punctata; Iritis serosa; ITvdvomcningitis. 4«) 

»Rande erkennen und erweisen sich dadurch als durch den Schnitt getroffene 
»infiltrirte Gefässscheiden. Die zellige Infiltration der Hornhaut nimmt nach 
»der Celera hin an Intensität zu, so dass auf Flächen- und Meridionalschnitten 
»die Corneascleralgrenze sich sehr deutlich markirt zeigt « 

Knies hält die Producthaufen an der freien Oberfläche der 
Descemeti mit Anderen für Niederschläge aus dem Kammer- 
wasser, und leitet dieselben von entzündlichen Vorgängen im 
vorderen Uvealgebiete ab; daher er die Krankheit unter dem von 
Vielen bevorzugten Namen: »Iritis (Iridokyklitis) serosa« auf- 
führt. Nicht wenige Autoren können sich jedoch aus guten Gründen, 
welchen in letzterer Zeit besonders Leber Ausdruck gegeben hat, 
mit der Auffassung jener Producthaufen als Präcipitate nicht be- 
freunden und lassen dieselben aus den Endothel z eilen der 
hinteren Wasserhautfläche hervorgehen, welche Schweigger in 
Wucherung begriffen, Knies aber unter den grösseren Exsudat- 
klümpcken geschrumpft oder völlig fehlend gefunden hat. Ihnen 
dünkt darum auch die alte Bezeichnung: »Hydromeningitis« 
gerechtfertigt. Im Hinblicke auf die Ablagerung grösserer Product- 
mengen in die eigentliche Hornhaut und auf den in neuerer 
Zeit auch von Bull und Hansen 1 ) bestätigten constanten Sitz 
zahlreicher Punkte und Knötchen in den hinteren uvealen Schichten 
der Cornea möchte ich indessen dem ebenfalls schon seit Langem 
gebräuchlichen Namen: »Keratitis punctata« den Vorzug geben 
oder lieber noch: »Keratitis mit punktförmig gruppirten 
Producten« wählen. Es beschränkt sich nämlich diese Bezeich- 
nung ganz naturgemäss darauf, die rein örtliche Erscheinungs- 
weise eines weit über die Grenzen der Cornea hinausgreifenden 
Processes treffend anzudeuten und von verwandten Formen genügend 
abzuscheiden. 

Fasst man die Krankheit als Ganzes in's Auge, so kann 
man nach Allem, was klinische Erfahrungen lehren, wahrlich nicht 
umhin, dieselbe als eine Entzündung des gesammten Uveal- 



*) Bull und Hansen, The leprous diseases of the eye. Christiania, 
1876. S. 14. 



46 Oculistische Namen; Entzündungen im uvealen Gebiete. 

tractus und der damit in näherer Beziehung' stehenden Organe, 
insbesondere der Netzhaut und des Glaskörpers , ja geradezu als 
PanOphthalmitis aufzufassen. Die mikroskopischen Unter- 
suchungen von Knies 1 ) bestätigen dies. Derselbe fand nicht nur 
in der Hörn- und Lederhaut, sondern auch im subconjimetivalen 
Gewebe und der Bindehaut, in der Iris und deren Aufhängebande, 
in dem Strahlenkörper und der Aderhaut Rundzellenanhäufungen, 
theilweise zu kleinen Herden gruppirt. Ueberdies zeigte sich ein 
zweiter Entzündungsmittelpunkt im Sehnerven und namentlich 
in der Piaischeide desselben. Die zellige Infiltration der letzteren 
reichte bis zum Chiasma und wahrscheinlich darüber hinaus. 

Knies hält es darum für »zweifellos, dass die Erkrankung in beiden 
»Augen eine continuirlich zusammenhängende ist«, ja er ist geneigt, 
dieser seiner Behauptung' eine allgemeine Giltigkeit zuzusprechen und 
die sehr häufige Doppelseitigkeit des fraglichen Processes damit zu 
erklären. Er ist nämlich der Meinung, dass laut den Ergebnissen der Spiegel- 
untersuchung eine nicht sehr hochgradige, aber unzweifelhafte Neuritis bei 
Iritis serosa nie zu fehlen pflegt. Ausserdem stützt er sich auf eine Be- 
merkung Bar bar 's, 2 ) in welcher auf den häufigen Befund einer Neuritis bei 
frischer sympathischer Erkrankung wie bei beginnender Iritis serosa hin- 
gewiesen wird. Es sind jedoch gegen eine derartige Verallgemeinerung eines 
in manchen Fällen gewiss richtigen Satzes in der Heidelberger Versammlung 
1879 wichtige Bedenken laut geworden 3 ) und ich theile dieselben in vollem Masse. 

Aehnliches wie von der Keratitis punctata gilt, soweit rein 
klinische Beobachtungen ein Urtheil gestatten, von der diffusen 
und parenchymatösen Keratitis. Es ist richtig , dass die den- 
selben eigentümlichen Hornhautinfiltrate öfters die ersten wahr- 
nehmbaren Veränderungen am Augapfel sind und auch wohl eine 
Zeit lang allein da zu stehen scheinen. Streng genommen han- 
delt es sich dabei indessen doch nur um eine Episode im Verlaufe 
des Leidens ; über kurz oder lang machen sich mehr oder weniger 



») Knies, 1. c, S. 3, 16. 

2 ) Barbar, Ueber einige seltenere syphilitische Erkrankungen des 
Auges. Zürich, 1873. S. 15. 

3 ) Klin. Monatsblätter, 1879, Beilage S. 59. 



Wesen der Keratitis diffusa, parenehymatosa, punctata ; Buphthalmus. 47 

auffällige Reizungen im ganzen vorderen Ciliargebiete geltend. 
Gewöhnlich tritt die Krankheit gleich von vorneherein mit allen 
Merkmalen einer echten und wahren Entzündung hervor und 
bewahrt diesen Charakter mit Steigerungen und Abschwächungen 
bis zu ihrem Ende. Nur selten fehlen dann deutliche Anzeichen 
einer nebenhergehenden Iritis oder eigentlich Iridokyklitis, und 
in vielen Fällen weisen Glaskörpertrübungen sowie unverhältniss- 
mässige Functionsstörungen des lichtempfindenden Apparates auf 
die Mitleidenschaft der Ader- und Netzhaut sowie des Nerven- 
kopfes hin. Oftmals gedeiht die Entzündung dieser Organe zu 
hohen Entwickelungsgraden. Die Folge dessen sind dann häufig- 
zeitweilige Verminderungen des intraocularen Druckes ; nicht 
selten auch förmlicher unheilbarer Schwund des gesammten 
Augapfels. In einzelnen Fällen führt hingegen der Process zur 
Ausbildung eines Buphthalmus mit krankhafter Drucksteigerung 
und Sehnervenexcavation. 

Ich war zweimal in der Lage, das Hervorgehen des Buphthalmus 
aus einer sogenannten Keratitis parenehymatosa bei Kindern verfolgen 
zu können, und vor Kurzem hat 0. Bergmeister 1 ) einen ganz ähnlichen Fall 
veröffentlicht, in welchem er durch den Gebrauch von Eserin einen Stillstand 
des Wachsthuins mit wesentlicher Verminderung der Beschwerden zu erzielen 
vermochte. Es ist eben die mit der Entzündung der Gefässhaut und Cornea. 
einhergehende Lockerung und Resistenzverniinderung der vorderen Hälfte 
oder der ganzen Bulbuskapsel wesentliche Bedingung für die Ausbildung 
derartiger Ektasien 2 ), und die Spuren der sie vermittelnden Processe sind so- 
wohl am Lebenden 3 ) als unter dem Seicrmesser 4 ) bei Buphthalmus immer 
nachzuweisen. 

Es darf nach allem dem auch die Keratitis diffusa und 
parenehymatosa nicht sowohl als eine selbstständige Krank- 
heit, sondern nur als die Theilerscheinung eines zum Mindesten 



*) 0. Bergmeister, Mittheilungen des Wiener Doctorencollegiums VII., 
Nr. 15. 

' 2 ) Stell wag, Ophthalmologie I., S. 270. 

3 ) Brun huber, Klin. Monatsblätter, 1877, S. 104. 

4 ) Fr. Raab, Klin. Monatsblätter, 1876, S. 22, 32, 38. 



48 Oculistische Namen ; Entzündungen im uvealen Gebiete. 

über das ganze vordere Uvea Ige biet, gewöhnlich aber über 
die gesammte Gefässhaut und die damit in näheren Beziehungen 
stehenden Organe ausgebreiteten Processes aufgefasst werden. 

Ich sehe voraus, dass ich mit dieser Darstellung vielseitig auf Wider- 
spruch stossen werde. Ich habe darum auch seit längerer Zeit meine be- 
sondere Aufmerksamkeit auf die einschlägigen Fälle gelenkt und das reiche 
Material, welches sich mir dargeboten hat, mit aller Genauigkeit durchforscht. 
Ich glaube allen Grund zu haben, meine diesbezüglichen Angaben in ihrem 
ganzen Umfange aufrechtzuerhalten, ohne jedoch angesichts des Krückow- 
schen Befundes (S. 43) einzelne Ausnahmen völlig auszuschliessen. Doch 
kann ich nicht umhin, darauf aufmerksam zu machen, dass derlei Ausnahmen 
gar oft blos vorgetäuscht werden. So ist mir erst vor Kurzem ein fünf- 
jähriges, zart gebautes, doch sonst bisher ganz gesund gewesenes Mädchen 
vorgekommen, das linkerseits plötzlich ohne nachweisbaren Grund von einer 
schulgerecht ausgebildeten Keratitis diffusa im unteren Hornhautdrittel be- 
fallen worden war. Die interstitielle Trübung war eine sehr dichte nebelige, 
mit einzelnen feinen Punkten durchstreute; die Gefässinjection in der Binde- 
haut und Episclera absolut fehlend; die Iris ohne Spur von Veränderung; 
die Pupille durch Atropin maximal und gleichmässig erweiterbar. Nach wenigen 
Tagen war unter täglich einmaligen] Gebrauche des genannten Mydriaticums 
die Trübung völlig verschwunden, dagegen an dem unteren äusseren Theile 
des Pupillarrandes eine hintere Synechie zu Stande gekommen, während jedes 
andere Zeichen von Iritis vollständig mangelte und auch kein einziges Gefäss 
in dem vorderen Gürtel der Bindehaut und Episclera mit Blut eingespritzt 
erschien. 

So wie in diesem, habe ich auch in anderen Fällen ausnahmsweise 
reichliche wolkenähnlich hgurirte oder punktirte Producte unter der An- 
wendung von Schmiercuren , von Pilocarpin oder der Massage im Verlaufe 
von kurzer Zeit aus der Hornhaut verschwinden und nebenher gehende 
Iritiden zum Ausgleiche kommen sehen. Bei geringerer Aufmerksamkeit 
konnte die Betheiligung der Regenbogenhaut leicht der Wahrnehmung ent- 
schlüpfen und der Process auf die Hornhaut beschränkt scheinen. Um wie 
viel mehr müssen sich bei der starken Trübung der Cornea entzündliche Vor- 
gänge der Beobachtung entziehen, welche sich in dem entsprechenden Ab- 
schnitte des Strahlenkranzes abspielen? Jedenfalls können einzelne seltene 
Ausnahmen den Charakter eines Leidens unmöglich ändern. 

Offenbart sich schon in den Localisationsverhaltnissen und in 
dem ganzen Charakter der pathologischen Vorgänge y welche mit 
massigen oder mit punktförmig gruppirten Ablagerungen in 
den tieferen Schichten der Cornea einherzugehen pflegen, eine 



Ursachen der Keratitis diffusa, parenehymatosa, punctata ; Syphilis. 49 

gewisse Zusammengehörigkeit: so wird die Annahme einer 
gegenseitigen nahen Verwandtschaft geradezu unabweisbar, wenn 
man erwägt, dass sowohl die parenchymatöse als die punk- 
tirte Form der Keratitis sich aus der diffusen herausent- 
wickele und dass die parenchymatösen massigen Herde, wenn 
sie sich zertheilen und aufbellen, nicht gar zu selten die charak- 
teristischen Gruppen staubähnlicher oder gröberer Ex- 
sudathäufchen hervortreten lassen. Ich habe mich wiederholt 
von dem Uebergange der parenchymatösen Form der Keratitis in 
die punktirte mit voller Bestimmtheit überzeugt und denselben 
auch klinisch demonstrirt. Dajzu kommen als weitere Gründe die 
beiden Processen eigenthümliche Vorliebe für doppelseitiges 
Auftreten, die Gemeinsamkeit der aetiologischen Ver- 
hältnisse, der Verlaufs weise und wohl auch der wirksamen 
Heilmittel. 

Unter den ursächlichen Momenten wird, seit Hutchin- 
son 1 ) daraufhindeutete, fast allgemein hereditäre und erwor- 
bene constitutionelle Syphilis hervorgehoben. Auch ich er- 
innere mich an Fälle, in welchen seeundäre oder tertiäre Syphilis 
mit Sicherheit nachgewiesen und an einem pathogenetischen Zu- 
sammenhange mit dem örtlichen Leiden kaum gezweifelt werden 
konnte. Wenn man aber die von Hock 2 ) gelieferte fleissige Zu- 
sammenstellung einschlägiger statistischer Arbeiten und die daran 
geknüpften, mittlerweile allerdings von ihm selbst stark abge- 
schwächten, kritischen Bemerkungen würdiget: so wird man in 
dem Glauben, dass Syphilis in der Pathogenese der fraglichen 
Processe eine leitende Bolle spiele, sehr erschüttert. Zudem 
stimmt der Umstand mich bedenklich, dass mein Assistent, Herr 
Dr. Hampel, in den klinischen Protokollen bei 1 10 diesbezüglichen 
Fällen nur vier Mal Syphilis verzeichnet fand. Endlich dünkt es 



! ) Hutchinson, A clinical memoire etc. London, 1863. p. 26, 30, 
109, 154. 

2 ) Hock, Wiener Klinik IL, 1876, S. 78 u. f.; Wiener medicinische 
Presse, 1880, Nr. 52; 1881, Nr. 10, 12. 

St eil wag, Abhandlungen. 4 



50 Oculistischc Namen ; Entzündungen im uvealen Gebiete ; Scrophulosis. 

mir nicht bedeutungslos, dass eine rein antisyphilitische Be- 
handlung sich oftmals selbst in solchen Fällen unzulänglich erweiset, 
in welchen unzweideutige Merkmale der Dyskrasie gegeben sind 
oder früher vorhanden waren. Vielleicht wird die Syphilis nicht 
immer unmittelbar als solche, sondern durch Vermittelung 
eines unbekannten nosologischen Zwischengliedes, die^Veran- 
lassung der in Rede stehenden örtlichen Erkrankungen. Jedenfalls 
sind in dieser I^cwmg ßiö^eirende^ii^d umfassende Forschungen 
noch dringendy^boten. * \909 

Vielen Augenärzten gilt^die SoÄ-ophulose als die Haupt 
quelle des LoWleidensT"&ie wkä insbesondere mit der »diffusen 
und parenchymatöse^J|Sk*ti™s<< in nähere Beziehung gebracht. 
Um ein halbwegs treffendes Urtheil darüber abgeben zu können, 
wird es gut sein, vorerst den Begriff der Scrophulose fest- 
zustellen, denn bei der Zerfahrenheit, welche in den Ansichten 
der Augenärzte bezüglich dieses Gegenstandes herrscht, wäre sonst 
jede fruchtbringende Erörterung unmöglich. Ich folge in der Dar- 
stellung Schritt für Schritt den Auseinandersetzungen Virchow 's ') 
und ergänze den Auszug nur hier und da durch Bemerkungen, 
welche den Schriften anderer massgebender Forscher 2 ) entnommen 
sind. Der Hauptsache nach stimmen die Letzteren nämlich mit 
Virchow vollständig überein. Die ausserordentliche praktische 
Wichtigkeit des Gegenstandes wird die Wiedergabe hoffentlich 
gerechtfertigt erscheinen lassen. 

Bei der Scrophulose im engeren Wortsinne wird ein 
Leiden der Lymphdrüsen als pathognomonisch angesehen, mag 
man dabei auch einen noch so grossen Kreis anderer Organleiden 
zulassen. Die Erkrankung der Lymphdrüsen ist keine selbst- 



*) Virchow, Die krankhaften Geschwülste IL Berlin, 1864. S. 582 u. f. 

2 ) Uhle und Wagner, Handbuch der allgemeinen Pathologie. Leipzig, 
1876. S. 625; Niemeyer-Seitz, Pathologie und Therapie, 10. Auflage, IL 
S. 867; Rindfleisch, Lehrbuch der pathologischen Gewebelehre. Leipzig, 
1878. S. 85, 611 5 Birch-Hirschfeld, Lehrbuch der pathologischen Anatomie. 
Leipzig, 1876. S. 403. 



Begriff der Scrophulo.se Dach Virehow u. A. 51 

ständige und noch weniger wird sie durch eine besondere Dys- 
krasie, durch einen im Blute kreisenden Scrophelstoff oder eine 
Scrophelschärfe, bedingt. Sie ist vielmehr eine secundäre und 
von örtlichen Veränderungen in Theilen hervorgerufen, aus 
welchen die betreffenden Drüsen ihre Lymphe beziehen. Von 
solchen Localer kr anklingen, besonders der äusseren Haut, der 
Schleimhäute, des Periostes, geht der Process aus. Meistens handelt 
es sich um irritative Processe, um Dermatitis, Periostitis, Katarrh, 
oder um geschwürige Erkrankungen, z. B. apostematöse , diphthe- 
rische. Doch können auch andere Vorgänge, z. B. die Dentition, 
mechanische Anstrengungen dieselbe Wirkung hervorbringen. 

Man kann die Lymphdrüsen nämlich als einen sehr feinporigen 
Filtrirapparat betrachten, durch welchen die von den Organen 
abströmende Lymphe hindurch passiren niuss. Fein vertheilte 
Körper, welche aus dem Gewebe mit der Lymphe zu den Lymph- 
drüsen gelangen, werden in letzteren zurückbehalten, z. B. Pigment. 
Aber auch Stoffe mit irritirenden Eigenschaften, Infections- 
stoffe, ferner mit dem Lymphstrome fortgeschwemmte Zellen und 
deren Derivate aus entzündlichen Herden oder aus bösartigen After- 
gebilden können durch die Lyniphgefässc bis zu den nächsten 
Drüsen gebracht werden, dort stecken bleiben und eine ähnliche 
Reizung hervorrufen, wie sie an dem ursprünglich ergriffenen 
Theile bestand. Eine solche Reizung führt dann zur hyper- 
plastischen Zunahme der Elementarbestandtheile , zur Schwel- 
lung und nimmt sehr häufig den entzündlichen Charakter an. 
Je reichlicher ein Organ mit Lymphgefassen versehen ist, um so 
häufiger werden natürlich seine Erkrankungen mit Anschwellungen 
der zugehörigen Drüsen verknüpft erscheinen. Aber auch je spe- 
eifischer ein Process ist, um so leichter treten Lymphschwel- 
lungen ein. 

Nicht jede Drüsenerkrankung indessen ist scrophulös. Man 
spricht von Scrophulosc, wenn bei gewissen Personen schon 
auf sehr leichte gewöhnliche Reize, die unter gewöhnlichen 
Verhältnissen keine Drüsenanschwellungen hervorzurufen pflegen, 



52 Oculistische Namen ; Entzündungen im uvealen Gebiete. 

eine solche eintritt und namentlich eine ungewöhnlich grosse. Also 
die grosse Vulnerabilität der Theile, das ist das erste. Das 
zweite ist die Dauerhaftigkeit der Störungen. Es muss trotz 
dem Zurückgehen der ursächlichen Flächen- oder Parenchymerkran- 
kung die Drüsenanschwellung fortdauern oder gar zunehmen 
und so den Anschein einer selbstständigen, idiopathischen 
oder protopathischen, gewinnen. 

Diese grosse Vulnerabilität der Organe und die Dauerhaftig- 
keit der Processe, das gleichsam Unabhängigwerden der Erkran- 
kung in den Drüsen, deuten auf gewisse Besonderheiten hin, 
welche in dem Körper bestehen müssen und diese Besonderheiten 
sind es eben, die man mit dem Namen der scrophulösen Dia- 
these, Constitution, Dyskrasie, Habitus oder sonstwie be- 
zeichnet. Es liegt das weder im Blute, noch in den Nerven, 
noch in einer Schwäche des ganzen Körpers, denn dieser 
kann stark sein; sondern in einer gewissen Unvollständigkeit 
in der Einrichtung der Drüsen, die gewöhnlich mit Unvoll- 
kommenheiten in der Einrichtung anderer Organe (Haut, Schleim- 
haut u. s. w.) zusammenhängt. Es kommen solche locale Un Voll- 
kommenheiten häufig vor und erklären die öftere Beschränkung 
der scrophulösen Zustände auf die Halsgegend, auf den Thorax, 
die Unterleibsorgane in einem Theile der Fälle, während in einem 
anderen Theile allerdings örtliche Reiz Wirkungen zu Hilfe 
genommen werden müssen, z. B. alimentäre Reize beim Auf- 
treten der Bauchscrophulose , Lungenkatarrh mit Bronchialscrophu- 
lose u. s. w. 

Es ist diese örtliche Unvollkommenheit häufig angeboren, 
ererbt, von den Eltern überkommen und macht sich dann beson- 
ders gerne im kindlichen Alter geltend, umsomehr, als die noch 
unfertige, noch wachsende Drüse der Angriffspunkte sehr viele 
darbietet. Eltern, die in ihrer Jugend selbst an Scrophulose ge- 
litten haben, im Alter vorgerückt oder krank und schwächlich sind, 
Mütter, welche zur Zeit der Empfängniss oder Schwangerschaft 
an Tubereulose , Carcinom , veralteter Syphilis oder einem 



Begriff der Scrophulose nach Virchow u. A. 53 

anderen Siech thume leiden, erzeugen häufig scrophulose Kinder (Nie- 
meyer-Seitz). 

Nicht selten wird die fragliche Unvollkommenheit aber auch 
durch vorausgegangene Störungen erworben. Unter diesen 
sind besonders schwere Erkrankungen zu nennen , welche den 
Körper sehr in Mitleidenschaft ziehen, vornehmlich infectiöse Fieber, 
Pocken , Masern, Keuchhusten. Der häufigste Grund liegt er- 
fahrungsmässig jedoch in schlechter einseitiger nicht gut gewählter 
Nahrung, namentlich wenn schlechte Verdauung (Dyspepsie), mangel- 
hafte Bewegung, ungenügende Arbeit und üble Luft zum Athmen 
beiwirken. Gefangenhäuser sind darum wahre Brutstätten für die 
Scrophulose. 

Hin sicheres anatomisches Merkmal für diese Unvollkommen- 
heit giebt es nicht. Das, was man scrophulösen Habitus nennt, 
ist nämlich schon die Krankheit, nicht die dahin führende beson- 
dere Beschaffenheit der Theile. Diese kennzeichnet sich lediglich 
durch die geringe Widerstandsfähigkeit der Gewebe und 
durch die geringe Ausgleichsfähigkeit der Störungen. 
Doch umfasst das Gebiet der Scrophulose einen bestimmten Kreis 
von Vorgängen. Ihre positiven Pro du et e sind irritative Ver- 
änderungen der Gewebe , welche theils den hyperplasti- 
schen, theils den entzündlichen Charakter an sich tragen. 

Die Veränderungen der Drüsen bei Scrophulose bestehen 
wesentlich in der Vermehrung der zelligen Theile, und zwar der 
Lymphkörperchen. Aber diese Zellen haben keine Dauerhaftig- 
keit, sie gehen bald zu Grunde, es beginnt in ihnen eine unvoll- 
ständige Fettmetamorphose. Zuweilen verbindet sich damit eine 
Auflösung der Zellen, eine Resorption und endliche Zertheilung 
der Anschwellung. Aber sehr gewöhnlich kommt es nicht dazu; 
ehe die Fettmetamorphose zu ihrer Vollendung gelangt, sterben 
die Elemente ab. Inzwischen entwickeln sich daneben vielleicht 
noch neue Theile, die Drüse schwillt unter mehr oder weniger 
deutlicher Hyperämie, namentlich der Kapsel, immer mehr an: das 
ist das erste, das hyperplastische Stadium. Allein bald ändert 



54 Oculistische Namen ; Entzündungen im uvealen Gebiete; Scrophuliden. 

sich das Aussehen der infiltrirten Drüse , dieselbe beginnt unter 
dem Zerfalle der neugebildeten Elemente zu verkäsen. Es ist 
das zweite Stadium, der nekrobiotische Ausgang eines ur- 
sprünglich hyperplastischen Processes eingetreten. In dieser 
Necrobiose gehen sowohl die neugebildeten als die alten Theile 
unter; die Circulation hört auf, indem die Gefässe selbst ver- 
schwinden; die Zellen zerfallen theils unter unvollständiger Fett- 
metamorphose, theils werden sie eingedickt und verschrumpft durch 
Wasserverlust. Es entsteht so eine ganz und gar anämische trockene 
dichte und fast amorphe Masse, welche der tuberculosen sehr 
ähnlich ist. 

Es kann diese verkäste Masse, das Caput mortuum von 
Zellen, Gelassen und Zwischenbindegewebe, sich möglicherweise 
ganz zertheilen und aufgesaugt werden. Sie kann auch ver- 
kalken, während das umliegende Bindegewebe sich zu einer derben 
Kapsel verdichtet. Gewöhnlich erweicht sie unvollständig, 
löst sich in eine trübe flockige oder molkige Flüssigkeit auf, 
in der noch allerlei derbere Bröckel schwimmen. Breitet sich eine 
solche Schmelzung weiter aus, so bildet sich im Umfange gewöhn- 
lich eine entzündliehe Anschwellung und es kommt auch wohl zur 
Eiterung: es hat sich ein scrophu loses Geschwür entwickelt, 
das fortbesteht, so lange die Drüse noch käsiges Material enthält, 
dann aber sich sekliesst und mit Hinterlassung einer eingezogenen 
strahligen Narbe heilt. 

Das ist das, was man Scropheln im engeren Wortsinne 
nennt. Der Begriff von Scrophulose reicht indessen über das 
Drüsenleiden hinaus, er schliesst die Erkrankungen an der Haut, 
am Periost, an den Schleimhäuten oder an den Parenehymen, von 
wo aus die betroffenen Drüsen ihre Irritamente erhalten, mit in 
sich ein. So spricht man von scrophu lösen Augenentzün- 
dungen, von scrophulösen Hautausschlägen, von scrophu- 
lösen Darmkatarrhen u. s. w. Es haben diese Erkrankungen, 
welche man unter dem Namen der »Scrophuliden« zusammen- 
fasst, als Oharaktereigcnthümliclikeit die Verbindung mit der 



Beziehungen der Scrophulose zur Keratitis diffusa, parenchymatosa et punctata. 55 

Drtisenaffection ; die grosse Vulnerabilität der Gewebe und die 
Dauerhaftigkeit der Processe, endlich eine grosse Neigung zu Reci- 
diven gemeinsam. Die Producte der Scrophuliden lassen 
keinerlei speci fische Elemente erkennen, sie haben nichts 
Lymphatisches, primär nicht einmal etwas Käsiges oder gar Tuber- 
culöses an sich. Allein sie verrathen denselben Charakter der 
Schwäche, der Vulnerabilität und Hinfälligkeit, welcher den Mutter- 
geweben selbst anhaftet, daher sie leicht hinsterben und, wo sie 
nicht rasch entleert werden können, die käsige Metamorphose 
eingehen. 

Die scrophulose Disposition, indem sie die Vulnerabilität 
der Gewebe, die Pertinacität und die Recidivfähigkeit der Störungen 
d. h. eben die Schwäche der Theile setzt, giebt zugleich eine 
Art entzündlicher Diathese, welche je nach der individuellen 
Anlage und nach den Einwirkungen der Gelegenheitsursachen die 
mannigfaltigsten Theile des Körpers in Leidenschaft versetzen kann. 
Wenn man dies eine »Kachexie« nennen will, so ist dagegen 
nichts einzuwenden, nur darf man sie nicht primär in 's Blut 
verlegen. Secundär kann allerdings eine solche zu Stande kommen, 
insoferne die Erkrankung vieler und namentlich lebenswichtiger 
Organe: der Lungen, des Darmes, ausgebreiteter Hautflächen, der 
Untergang grösserer Complexe der blutbereitenden Drüsen u. s. w. 
offenbar auf die Beschaffenheit des Blutes missgünstig rückwirken 
müssen. 

Fasst man die Scrophulose in diesem Sinne Virchow's auf, 
so lassen sich allerdings Gründe finden, welche dafür sprechen, 
dass ein gewisses Procent der Fälle, in denen uveale Entzün- 
dungen mit Keratitis diffusa und deren Abzweigungen, der Keratitis 
parenchymatosa und punctata, gepaart einherschreiten , mit der 
Scrophulose in Verbindung zu bringen, als eine örtlicheEr schei- 
nung der letzteren zu betrachten sind. Die Geringfügigkeit und 
häufige Unauffindbarkeit der veranlassenden Reizeinwirkungen, die 
»Pertinacität und die Recidivfähigkeit« dieser Processe stehen 
wirklich in vollem Einklänge mit einer solchen Anschauung. Dazu 



56 Oculistische Namen ; Entzündungen im uvealen Gebiete. 

kommt dann noch, dass die Träger dieser Localleiden anerkannter- 
massen recht oft schwächliehe schlecht entwickelte zart gebaute, 
oder aufgedunsene blasse blutarme Personen , besonders häufig 
Kinder und junge Leute sind. Wie viel aber andererseits damit 
gewonnen wird, wenn die örtliche Erkrankung aus einer angebornen 
oder erworbenen Schwäche der Theile, welche sich durch kein 
anatomisches Merkmal kennzeichnet, abgeleitet werden kann, möge 
dahin gestellt bleiben. Im Uebrigen darf nicht übersehen werden, 
dass bei den in Rede stehenden Ophthalmien das der Scrophulose 
pathognomonisch zugeschriebene Drüsenleiden durchaus nicht in 
sehr auffälligem Grade und jedenfalls nicht stärker hervorsticht; 
als bei anderen entschieden nicht scrophulösen Augenentzün- 
dungen gleicher Dauer; dass ebensowenig Exantheme, Periostitiden, 
Katarrhe u. s. w. häufige Begleiter sind, also die charakteristische 
Vielheit der Herde meistens vermisst wird; endlich dass gerade 
in dem »parenchymatösen« Hornhautinhltrate die Hinfälligkeit 
der Elemente eher ausgeschlossen als zugestanden werden muss. 
In vielen anderen Fällen fehlt jeder positive Anhalts- 
punkt; um die örtliche Erkrankung auf eine vorhandene Schwäche 
oder gar auf ein wirkliches Allgemeinleiden zurückführen zu können ; 
der Process kommt, geht seine Phasen durch und endet , mehr 
oder weniger deutliche Spuren zurücklassend; nicht selten auch auf 
Ein Auge beschränkt; ohne dass man dafür irgend einen zutreffenden 
Grund auffinden könnte. Er entwickelt sich in jedem Altei*; bei 
schwächlichen und starken; bei kränklichen und kerngesunden 
Leuten; meistens in der Gestalt einer Keratitis diffusa mit mehr 
oder weniger deutlicher Theilnahme der eigentlichen Gefässhaut 
und läuft als solche ab; oder nachdem sich die in der Hornhaut 
aufgestapelten Producte zu wolkig verschwommenen oder massigen 
Infiltraten; oder zu einer Unzahl kleiner punktförmiger Herde ver- 
dichtet haben. 

Nach den Zusammenstellungen meines Assistenten, Herrn Dr. Hampel, 
sind in den Protokollen meiner Klinik bis zu dem gegenwärtigen Zeitpunkte 
110 Fälle von Uveitis mit diffuser, parenchymatöser und punktirter 



< .'onjuuetivale, sclerale und uvc-ale Formen der Keratitis. 57 

Keratitis verzeichnet Es sind darunter alle Alter stufen vertreten. Der 
jüngste Kranke war 4 Wochen, der älteste 77 Jahre alt. Je einer zählte 2%, 
56, 62, 72, 74 Jahre. Es waren: 





behaftet mit Keratitis 




Kranke 


diffusa 


parenehy- 
matosa 


punctata 


Summe 


ron 4 Wochen bis 10 Jahren 


11 


8 


3 


22 o. 20 " 


» 11 bis 20 Jahren . . . . 


11 


10 


•> 


23 o. 20.9 » 


21 »30 » . . . . 


19 


13 


7 


39 o. 35.5 » 


» 31 » 40 » . . . . 


6 


6 


4 


16 o. 14.5 » 


U » 50 » . . . . 


2 


1 


-> 


5 o. 4.5 » 


» 51 und mehr Jahren . . 


2 


2 


1 


5 o. 4.5 » 


Summe 


51 


4<i 


19 


99.9% 



110 

Es ist in den klinischen Ausweisen, soweit sie das Ambulatorium be- 
treffen, gewöhnlich nur der Zustand bemerkt, in welchem sich die Krankheit 
zur Zeit der ersten Vorstellung offenbarte: daher in der Tabelle gar manche 
Fälle als Keratitis diffusa erscheinen, welche sich später zu einer parenchy- 
matösen oder punktirten gestalteten 

Ich habe schon im Jahre 1853 die Hornhautentzündungen 
mit gefässbildenden Producten je nach dem vorwiegenden Sitze 
der letzteren in oberflächliche, parenchymatöse und pro- 
funde eingetheilt. M Aber erst Bergmeister 2 » hat die nahen 
Beziehungen, in welchen die einzelnen Schichtlagen der Cornea zu 
den Xachbargebilden stehen , mit klaren und bestimmten Worten 
hervorgehoben und auch klinisch verwerthet. Er unterscheidet 
demgemäss conjunetivale. sclerale und uveale Formen der Ke- 
ratitis. Was er darunter verstanden wissen will, kann nach dem. 
was über die Entwicklungsgeschichte der Hornhaut mitgetheilt wurde 
(S. 1, 9\ keinen Augenblick zweifelhaft sein. Die conjunctivalen 
Formen umfassen alle jene entzündlichen Processe, welche sich 
vorzugsweise in dem eigentlichen Bindehautblatte der Hornhaut, 
d. i. in den vordersten Schichtlagen der Grundsubstanz, in der 
Bowniann'sehen Membran und dem Epithele abspielen und stets 



! ) Stell wag, Ophthalmologie I., 1853, S. 74. 

2 ) Bergm e i s t er, Allgemeine Wiener raedicinische Zeitung, 1877, 
Sep.-Abdr. 



58 Oculistische Namen ; Conjunctivale, sclcrale und uveale Formen der Keratitis. 

mit Reizzuständen in der Episclera und Conjunctiva gepaart ein- 
hersehreiten. Als sclerale Keratitis gilt jede Entzündimg, welche 
vorwaltend die mittleren Lagen der Hornhaut betrifft, da diese 
genetisch und morphologisch zur Leder haut in nächster Ver- 
wandtschaft stehen und dieselbe gemeiniglich auch in Mitleiden- 
schaft ziehen. Die uvealen Formen endlich lagern ihre Producte 
zumeist in die hintersten Gewebslagen der Cornea sowie an die 
freie Oberfläche der Descemeti ab und sind stets nur Theilerschei- 
nungen eines über kleinere oder grössere Abschnitte der eigent- 
lichen Gefässhaut sammt Anhängseln verbreiteten Processes. 

Die Anordnung der Gefässe kommt einer solchen Drei- 
th eilung der Keratitis wenig zu Hilfe. Nach Leber 1 ) gibt es 
nämlich keine tiefen, sondern nur oberflächliche Randschlingen- 
netze, welche das gesammte Ernährungsmaterial beizuschaffen haben 
und von den vorderen Ciliargefässen ausgehen. Bergmeister ist 
darum nicht abgeneigt, den in den tieferen Lagen des vorderen 
Scleralgürtels verästelten Abzweigungen der eigentlichen Leder- 
hautgefässe und des Plexus ciliaris einen diesbezüglichen 
Einfluss zuzuschreiben. Er stützt sich hierbei auf die seit Langem 
anatomisch erwiesene Thatsache, dass neugebildete Gefässe der 
mittleren und tiefen Hornhautschichten in der Regel nicht mit dem 
oberflächlichen Randschlingennetze, sondern mit den eben erwähnten 
Gefässen der tieferen Sclerallagen in Verbindung treten. 

Mir scheint eine solche Beziehung der Lederhautrandgefässe zur Er- 
nährung der Cornea mit einiger Wahrscheinlichkeit auch aus der ziemlichen 
Häufigkeit interlamellarer Blutextravasate 2 ) abgeleitet werden zu 
können. Es kommen dieselben insbesondere gerne bei kykliti sehen Pro- 
cessen älterer Leute vor, wiederholen sich bisweilen in demselben Falle zu 
öfteren Malen und gelten mir, da sie auf Entartungsvorgänge in den Gefäss- 
wänden hindeuten, als Zeichen von übler prognostischer Bedeutung. Ihr 
gewöhnlicher Sitz ist die untere Hälfte der Cornea. Bei ihrem ersten Auf- 
treten sind sie zumeist baumartig verzweigt, pflegen aber binnen der 



J ) Leber, Denkschriften der math.-naturw. Classe der kaiserl. Akad. 
der Wissensch. XXIV., S. 319, 322. 

2) Stell wag, Ophthalmologie I., S. 301; Lehrbuch, 1870. S. 62. 



Interlamellare Blutextravasate ; vorderes und hinteres cornealcs Nervengebiet. 59 

kürzesten Zeit zusammenzufliessen und in einen onyxartigen Streifen an der 
untersten Grenze der Hornhaut sich zu sammeln. 

Immerhin bleibt es misslich ; so massenhafte Produetanhäu- 
fungen, wie sie die scleralen und uvealen Formen der Keratitis zu 
setzen pflegen, aus den zarten und schütteren Gefässnetzen der 
eigentlichen Lederhaut ableiten zu wollen. Bei der grossen Weg- 
samkeit des Cornealgefüges für Wanderzellen ist dies aber auch 
gar nicht nöthig, die oberflächlichen Randschlingennetze genügen 
vollauf. 

Doch kann es bei Voraussetzung der alleinigen oder weit- 
aus überwiegenden Productlieferung von Seite des oberfläch- 
lichen Kandschlingennetzes unmöglich Zufall sein, dass gewisse 
klinisch sehr wohl trennbare entzündliche Processe, wenn sie sich 
primär in der Hornhaut festsetzen oder daselbst wenigstens ihr 
Reizcentrum haben, je nach ihrer Besonderheit bald die con- 
jimctivalen , bald die mittleren oder tiefen Lagen mit aller Ent- 
schiedenheit bevorzugen. Offenbar handelt es sich dabei um be- 
stimmte Einflüsse bestimmter Nervenverzweigungen, an 
welchen die Hornhaut so reich ist. 

Diese Nerven stammen zum Theile aus den conjunctivalen, 
zum Theile aus den ciliaren Stämmen. Die ersteren verzweigen 
sich ganz oder zumeist in dem Bindehautblatte der Hornhaut; 
die letzteren treten in die mittleren Schichten der Cornea ein und 
wenden sich theils nach vorne, theils nach hinten. Es bilden diese 
Nerven an der vorderen Oberfläche der Hornhaut knapp unter 
dem Epithel und mit den Endigungen in das letztere eingreifend 
ein dichtes überaus empfindliches Geflecht , welches mit den 
motorischen Nerven des Lidkreismuskels ; mit den Nerven der 
Thränendrüse und mit dem Opticus in dem engsten functionellen 
Verbände steht. Ein zweites solches Geflecht wird in den tiefen 
der Wasserhaut nahen Schichten der Cornea hergestellt. 

Ganz im Einklänge mit dieser Nervenvertheilung lassen sich 
denn auch wirklich die conjunctivalen Formen der Keratitis, 
wo sie primär als solche auftreten ; ziemlich scharf von den 



60 Oculistische Namen ; Conjunctivalc, sclerale und uveale Formen der Keratitis. 

scleralen und uvealen sondern. Es beschränkt sieh nämlich der 
entzündliche Process bei den ersteren meistens, wenigstens schein- 
bar, auf das eigentliche Bindehautblatt und die zunächst damit 
verwandten Organe, auf die Conjunctiva sammt Episclera; er greift 
nicht gerne in die Tiefe, ausser längs dem Laufe eines im Reiz- 
centrum endigenden Nerven, und entfaltet in der Eegel Charakter- 
eigenthümlichkeiten , welche mit jenen der scleralen und uvealen 
Keratitis lebhaft contra stiren. 

Ganz anders verhält sich die Sache bei jenen Formen, welche 
als sclerale aufgefasst werden können: bei der parenchymatösen 
Keratitis, beim Ab sc es s und Geschwür. Hier drängen sich viel- 
fach die engsten Beziehungen zu den conjunctivalen und uvealen 
Formen hervor. Nicht nur, dass sich mehr minder tief greifende 
Geschwüre gar oft secundär aus rein conjunctivalen Hornhaut- 
entzündungen entwickeln ; die scleralen und conjunctivalen Formen 
gehen häufig neben einander her. 

So ist das matte glanzlose »gestichelte« Aussehen, 
welches an der Hornhautoberfläche bei sehr verschiedenartigen, be- 
sonders bei tiefsitzenden Entzündungen der Cornea oder der 
tieferen Theile des Auges beobachtet wird, durch einen reich- 
licheren Zufluss von Ernährungsmaterial bedingt, in Folge dessen 
die natürlichen Lücken zwischen den Epithelzellen erweitert, die 
genannten Formelemente auseinander gedrängt, theilweise empor- 
gehoben, theilweise aber abgestossen und selbst in einen Zustand 
von Hypertrophie versetzt werden. J ) 

In manchen Fällen ist die Wucherung im Bindehautblatte 
sogar eine überaus üppige, es entwickelt sich eine mehr minder 
mächtige Granulations schichte mit reichlichen Gefässen unter 
dem vorderen Epithele. Besonders bei heilenden Geschwüren 
und bei der parenchymatösen Keratitis mit massigem vascu- 
larisirenden Herde hat man öfters Gelegenheit, derlei oberflächliche 
Gefässbildungen zu beobachten. Die Granulationsschichte orga- 



l ) Leber, Arch. f. Ophthalmologie XXIV., 1, S. 273, 291, 



Kritik der Dreitheilung der Keratitis. ()1 

nisirt nicht selten, wird zu Bindegewebe und besteht als Pannus, 
weiterhin aber als vascularisirter Fleck neben den Ausgängen 
der scleralen Keratitis, neben der infiltrirten Narbe, beziehungs- 
weise neben dem Leukom, zeitlebens fort. 

Andererseits verschwimmt die sclerale Form, wo sie primär 
als solche auftritt, derart mit der uvealen, dass es schwer wird, 
beide gehörig auseinander zu halten. Es geht dies so weit, dass 
man über die Einreihung gewisser besonderer Formen unter die 
scleralen oder uvealen streiten kann. Während Bergmeister 
z. B. die parenchymatöse Keratitis zu den ersteren zählt, habe ich 
gute Gründe, dieselbe unter die uvealen zu rechnen. Krückow 
(S. 43) hat die gefässbildenden Producte nämlich vom ersten Drittel 
der Dicke bis nahe zur Descemeti verfolgen können. Ueberdies 
habe ich bereits geltend gemacht, dass die parenchymatöse und 
die punktirte Form sich aus der diffusen herausbilden, dass die 
parenchymatöse Keratitis sich bei theilweiser Aufhellung der charak- 
teristischen Trübungen sich bisweilen in die punktirte umgestalte, 
und dass bei der einen wie bei der anderen Form die Betheiligung 
der eigentlichen Gefässhaut in der Regel eine hochgradig auf- 
fällige ist. 

In Anbetracht dessen möchte ich das Hauptgewicht 
keineswegs auf die Dreitheilung als solche gelegt wissen, 
das Streben nach streng logischer Sonderung der einzelnen Formen 
findet in der übergangslustigen Wirklichkeit zahllose kaum zu be- 
wältigende Schwierigkeiten. Namentlich stösst die Aufstellung einer 
scleralen Keratitis als autonomer Form auf eine nicht leicht 
zu umschiffende Klippe in der nothwendigen Rücksicht auf den 
innigen sowohl genetischen als morphologischen Zusammenhang, 
in welchem die Bulbuskap sei zur Gefässhaut steht und welcher 
eine eigentliche Scleritis selten anders, denn in entschiedener Ab- 
hängigkeit von uvealen Entzündungen zum Vorschein kommen lässt. 

Ich lege das Hauptgewicht vielmehr auf die in jener 
Eintheilung enthaltene scharfe Betonung des klinisch hochwich- 
tigen Umstandes, dass d e r E n t z ü n d u n g s p r o c e s s b e i d e r K e r a t i t i s 



62 Oculistische Namen; Hornhautabsecss und Geschwür. 

sich kaum jemals auf die Hornhaut beschränkt, sondern 
stets auf nachbarliche und vorzugsweise auf solche Theile 
übergreift, welche in nächstem verwandtschaftlichen 
Verhältnisse zu dem Sitze des cornealen Reizcentrums 
stehen. 

Für die uvealen Formen , d. i. für die diffuse Keratitis 
mit ihren Abzweigungen, der parenchymatösen und punktirten, 
bedarf es nach dem Vorhergehenden keiner weiteren Auseinander- 
setzungen, wohl aber bezüglich des Abscesses und Geschwüres, 
welche als eitrige Hornhautentzündung den scleralen Formen 
beigezählt wird. 

Da hat denn bereits H. Pagenstecher ') daraufhingewiesen, 
dass bei tiefer gehenden Hornhauterkrankungen, gerade so 
wie bei Iritis und Kyklitis, sich öfters die Aderhaut und Netzhaut, 
der Sehnerv und der Glaskörper an der Entzündung betheiligen 
und dies durch reichliche Infiltration mit Rundzellen, beziehungs- 
weise durch starke Gefässüberfüllung und Oedem bekunden. Er 
glaubt, »dass derartige Veränderungen die mangelhafte Sehschärfe 
»erklären können, die wir nach lange bestehender Conjunctivitis 
»phlyetenulosa und büschelförmiger Keratitis bisweilen beobachten 
»und die durch die vorhandenen Hornhauttrübungen nicht aus- 
reichend gerechtfertigt ist«. Sattler 2 ) stimmt dem zu und betont 
»das fast constante Vorkommen von Rundzellen in der Chorio- 
»capillaris von Augen, welche mit einem die Aderhaut nicht direct 
»betreffenden einigermassen intensiveren Entzündungsprocesse be- 
» haftet sind; so bei Neuritis optica, bei eitrigen Hörn hau tge- 
»schwüren und Infiltraten, bei Iritis und Kyklitis«. 

Die klinische Erfahrung steht in vollem Einklänge mit 
diesen anatomischen Befunden. Wo immer eine suppurative 
Keratitis mit lebhafter Nervenreizung und stark entwickeltem 



! ) EL Pagenstecher, Congres de Londrcs. Comptc rendu, 1873. p. 174; 
Nagel's Jahresbericht, 1873, S. 257. 

*) Sattler, Arch. f. Ophthalmologie XXII., 2, S. 11. 



Diffusionsfähigkeit eitriger Hornhautentzündungen. 63 

entzündlichen Gefässkranze längere Zeit anhält, den geeigneten Mit- 
teln trotzend, da ist auch die Iridokyk litis nicht weit; es zeigen 
sich gemeiniglich bald neben den mehr oder weniger deutlich her- 
vorstechenden charakteristischen Erscheinungen derselben hintere 
Synechien, Kapselbeschläge, Trübungen des Kammerwassers und 
recht oft auch des Glaskörpers mit unverhältnissmässig starken 
Beeinträchtigungen der Sehschärfe, welche auf die Mitleidenschaft 
des lichtempfindenden Apparates hinweisen. Nicht selten kömmt 
es sogar zur Hypopyumbildung. 

Schon bei den wenig umfangreichen Geschwüren, welche 
sich gerne seeundär aus herpetischen Efflorescenzen heraus- 
bilden, ist, falls sie mit sehr starker Nervenreizung einhergehen, 
ein solches Uebergreifen auf die Gefässhaut und die damit in 
nahem Verbände stehenden Theile etwas gar nicht Ungewöhnliches. 
Die eitrigen Zerstörungen der Hornhaut und auch wohl des ganzen 
Augapfels, welche bei Masern, Scharlach und vorzugsweise 
bei den Blattern so sehr gefürchtet werden, sind, wie ich schon 
vor nahezu dreissig Jahren gezeigt habe, nur zum kleinen Theile 
blennorrhoischen oder metastatischen Ursprunges, sie werden 
in der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Fälle durch her- 
petische Efflorescenzen eingeleitet, welche im Eruptions- oder 
Blüthestadium des Exanthems auftreten und zumeist rasch wieder 
abheilen, öfters aber auch in weit um sich greifende Geschwüre 
umgesetzt werden. Diese Geschwüre tragen dann bisweilen ganz 
den Charakter des Ulcus serpens, vergesellschaften sich gerne mit 
Iridokyklitis, Hypopyum und gehen schliesslich wohl gar in Pan- 
ophthalmitis aus. 1 ) 



*) Stellwag, Ophthalmologie I., S. 120 u. f.; Hirschberg, Klin. Mo- 
natsblätter, 1871, S. 186; Klin. Beobachtungen. Wien, 1874. S. 27-, Hulke 
und Hutchinson, Schmidt 1 s Jahrbücher, 152. Band, S. 188-, Bergmeister, 
Klin. Monatsblättcr, 1874, S. 80-, J. Neumann, Aerztlicher Bericht. Wien, 
1874. S. 133; H. Adler, Die während und nach den Blattern auftretenden 
Augenkrankheiten. Wien, 1874. S. 56 u. f.; Landesberg, Beitrag zur variol. 
Ophthalmie. Elberfeld, 1874. S. 7, 9 u. f. 



64 Oculistischc Namen; Septische Formen d. Hornhauteiterung. Hypopyumkeratitis. 

In höchst auffälliger Weise aber sticht diese Neigung zum 
Umsichgreifen in Fällen hervor, in welchen Grund zur Vermuthung 
gegeben ist, dass in fauliger Zersetzung befindliche Stoffe 
durch ihre Einwirkung auf des schützenden Epithels beraubte Stellen 
des Cornealgeftiges den Eiterungsprocess hervorgerufen haben ; oder 
wo die eitrige Keratitis als Folge einer theil weisen unvollstän- 
digen Zertrümmerung der Hornhautsubstanz durch eine 
äussere stumpfe Gewalt, z. B. durch das Eindringen eines Stroh- 
halmes, das Anspringen eines Holzstückes u. s. w. , zu Stande 
kömmt; oder endlich wo beide diese Momente als Krankheits- 
ursachen zusammenzuwirken scheinen. Es ist unter solchen Um- 
ständen die Theilnahme der Gefässhaut fast Eegel und setzt so 
häufig, wenigstens im vorderen Uvealtracte, eitrige Producte, dass 
man diese pathologischen Vorgänge unter dem Sammelnamen 
»Hypopyumkeratitis« vereinigt beschrieben hat. 1 ) 

Die äussere Form, in welcher sich der Entzündungsherd in 
der Hornhaut darstellt, ist bald jene des Abscesses, bald jene 
des offenen Geschwüres, mit oder ohne Nagel. Bei dem Ab- 
scesse wird in der Mitte der vorderen Fläche kaum jemals eine 
umschriebene gröblich rauhe Stelle als Wahrzeichen der voraus- 
gegangenen oberflächlichen Gewebs Zertrümmerung vermisst, 
wenn man zeitlich genug Gelegenheit hat, den Process zu beob- 
achten. Mit dem gewöhnlich sehr raschen Fortschreiten der eitrigen 
Schmelzung pflegt nämlich der Abscess sich binnen Kurzem in ein 
offenes Geschwür umzuwandeln. Dieses wechselt in seiner 
äusseren Gestaltung ganz ausserordentlich. Bisweilen nähert es sich 
in seinem ferneren Verhalten, in seiner Neigung zum »Weiter- 
kriechen«, zur Ausdehnung in die Fläche, besonders nach 
Einer Richtung hin, dem von Sä misch 2 ) beschriebenen »Ulcus 
serpens«. 



! ) Kos er, Arch f. Ophthalmologie IL, 2, 8. 151. 

2 ) Sämisch, Das Ulcus corneae serpens und seine Therapie. Bonn, 
1870-, Graefe und Sämisch, Handbuch IV., S. 246. 



Ulcus serpens; Ulcus rodens. 65 

Es hat dieses seinen Standort zumeist in der Mitte der Horn- 
haut oder nahe derselben. Es entwickelt sich in der Kegel aus 
einem wenig tief greifenden Infiltrate, welches einen ober- 
flächlichen Substanzverlust der Cornea umschliesst, breitet sieh 
rasch der Flache nach ans und kennzeichnet sieh ganz vorzüglich 
durch eine feine zarte, oftmals deutlieh strahlenartig gestreifte 
Trübung, welche in Gestalt eines mehr oder weniger breiten Saumes 
bogenartig einen Theil des dahin sich vertiefenden Gesclrwürs- 
grundes begrenzt, bis in die hintersten Hornhautlagen dringt und 
ihrerseits wieder peripherisch durch einen scharf umschriebenen, 
öfters unterbrochenen Eiterwulst von der scheinbar noch unver- 
änderten Hornhaut abgeschlossen wird. Indem sich die streitige 
Randtrübung nach einer Seite immer weiter vorschiebt und den 
eitrigen Grenzwab 1 vor sich herdrängt, markirt sie das allmälige 
Fortschreiten der geschwürigen Schmelzung und rechtfertigt den 
Namen »Ulcus serpens, kriechendes Geschwür«. 

Das nagende Geschwür, Ulcus rodens Mooren's, 1 ) ist eine davon 
abweichende überaus seltene Form. Es beginnt vom Rande der Cornea 
und schreitet langsam, aber fast unaufhaltsam unter heftigen Schmerzen und 
ziemlich starker pericornealer Gefässeinspritzung vorwärts, bis es nach Monate 
langem Verlaufe die ganze Oberfläche der Bornhaut überzogen und geschwürig 
zerstört hat. Charakteristisch ist auch hier ein bis eine Linie breiter grau 
oder eitergelb infiltrirter Saum, welcher den meistens bald vascularisirenden 
Geschwürsboden nach einer Seite hin bogenförmig begrenzt, von unterminirten 
zerfressenen Rändern überdeckt ist und sich beim Weitergreifen des Ge- 
schwürs stetig vorschiebt. Der Process geht gerne auf das andere Auge 
über und findet sich öfters mit Iritis, aber nicht mit Hypopyum, vergesell- 
schaftet. 

Das unverhältnissmässig häufige Vorkommen der Hypopyum- 
keratitis und des kriechenden Geschwürs bei .Bestand von Thränen- 
sackblennorrhöe und die tausendfältig erwiesene Thatsache, 
dass bei Vorhandensein des letztgenannten Leidens die gering- 
fügigsten Verletzungen der Hornhaut , ja selbst einfache Abschil- 
ferungen des Epithels im Stande sind, die verderblichsten Eiterungs- 



*) Mooren, Ophthalmiatrische Beobachtungen. Berlin, 18G7. S. 107-, 
Ophthalmologische Mittheilungen. Berlin, 1874. S. 35. 

Stell wag, Abhandlungen. 5 



66 Oculistische Namen; septische Formen der Hornhauteiterang 

processe in derCornea hervorzurufen und mit schweren Entzündungen 
im Uvealgebiete zu paaren, hat längst schon den Verdacht erregt, dass 
die im Thränenschlauche sich stauenden und der Zersetzung an- 
heimfallenden schleimig eitrigen Secrete. wenn sie in den Binde- 
hautsack gelangen, auf biossliegende Theile des Cornealgefttges 
nach Art septischer Stoffe ansteckend einzuwirken und so jene 
pathologischen Vorgänge einzuleiten vermögen. 

Impfversuche mit septischen, diphtherischen und pyämi- 
schen Stoffen (Eberth, 1 ) Frisch/ 2 ) mit frischem und faulein Muskel- 
fleische, mit Hypopynmeiter und mit gezüchteten Bakterien (Stro- 
meyer, 3 ) mit Leptothrix buccalis und Schimmelpilzen 
(Leber 4 ) und endlich mit Thränensacksecret (Schmidt-Kim- 
pler 5 ) haben jenem Verdachte eine feste Unterlage gegeben, indem 
sie wirklich der Hypopyumkeratitis und dem Ulcus serpens ähn- 
liche Hornliautversch wärungen mit Iritis und Eiteransammlungen 
im Kammerraume , wenn nicht immer so doch in der Regel, zur 
Folge hatten. Endlich sind thatsächlich Bakterien und Mikro- 
coccen in dem Belege des Gesch würsbodens und in dem streitigen 
Randsaume des Ulcus serpens in reichlicher Anzahl und in üppiger 
Vermehrung begriffen wiederholt gefunden worden. (i ) In einem 
Falle konnte Leber 7 ) neben Mikrococcen und Bakterien sogar den 
gemeinen Schimmelpilz (Aspergillus glaueus) in grossen 
Mengen nachweisen. 

Viele massgebende Augenärzte halten diese Beobachtungen 
für völlig zureichend, um die Hypopyumkeratitis und namentlich 



*) Eberth, nach Graefe und Sämisch, Handbuch IV., S. 250. 
*) A. Frisch, Experiment. Studien etc. Erlangen, 1874. 
a) Strom. >y< -r, Arch f. Ophthalmologie XIX., 2, S. 1; XXII., 2, 
S. 101, 139. 

4 ) Leber, Medicinisches Centralblatt, 1873, S. 129; Arch. f. Ophthal- 
mologie XXV., 2, S. 296. 

5 ) Schmidt-Rimpler, Klin. Monatsblätter, 187G, S. 275. 

6) Homer, Klin. Monatsblätter, 1875, S. 442; 1877, Beilage S. 131; 
Strasser, Beiträge zur Anwendung der Desinticientien. Bern, 1879. S. 49. 

-) Leber, Arch. f. Ophthalmologie XXV., 2, S. 285. 



Keratomycosis seu Keratitis mycotica. 67 

das kriechende Geschwür aus der reizenden Einwirkung- von 
Mikrococcen und Bakterien oder von ähnlichen Organismen 
auf das eigentliche Hornhautgewebe erklären und insbesondere die 
jenen Processen eigentümliche Neigung zum Umsichgreifen mit 
dem steten Weiterdringen der in rascher Fortzeugung begriffenen 
Lebewesen in ursächliche Verbindung bringen zu können. Sie 
lassen die in Rede stehenden Krankheitsformen darum auch gerne 
unter dem Namen »Keratomykosis« oder »Keratitis mycotica« 
zusammen und haben der Therapie zum Theile eine mehr jinti 
septische Richtung gegeben. 

Im Grunde genommen kann schon das von Sämisch 1 ) eingeführte 
Heilverfahren, die Schlitzung des Geschwürsgrundes in seiner ganzen Breite, 
ja über die Ränder beiderseits bis in's gesunde Gewebe hinaus, und das 
Offenhalten des Schlitzes bis zur beginnenden Vernarbung des Geschwüres, 
gleichwie die Spaltung von Anthraxherden, als ein antiseptisches aufgefasst 
werden, insoferne es die stete Entleerung der fauligen Stoffe ermöglicht 
und so deren weiteres Eindringen in das Gewebe hindert. Man glaubte sich 
aber damit nieht begnügen zu dürfen und hat nach mancherlei Abänderungen 
der Schnittführung Betupfungen mit schwachen Böllensteinlösungen, 2 ) 
Einträufelungen von Eserinsolutionen, 3 ) Waschungen mit Aqua Chlori, 
mit Lösungen von Borsäure oder Natron benzoieum,*) mit verdünnter Car- 
bolsäure, 5 ) Sa ly eil verbände,*) Ueberschläge mit hypermangansaurem 
Kali in Lösung-, 7 ) die Faradisation oder (ialvanocauterisation des Ge- 
schwürsbodens 8 ) und endlich die Bearbeitung der Geschwürsränder mit dem 
Glüheisen 9 ) in Anwendung gebracht. 



*) Sämisch, Das Ulcus corneae serpens. Bonn, 1870. S. 12. 

2 ) Mooren, Ophthalmologische Mittheilungen. Berlin, 1874. S. 35. 

3 ) A. Weber, Arch. f. Ophthalmologie XXII., 4, S. 224; Mohr, ibid. 
XXIII., 2, S. 178-, Wecker, Klin. Monatsblätter, 1878, S. 216, 223; Pflüger, 
Klin. Bericht. Bern, 1877, S. 27; Deutschmann, Arch. f. Ophthalmologie 
XXIV., 2, S. 214 bezieht die Wirkung des Eserin auf die mit der Verbreiterung 
der Iris sich vermehrende Aufsaugungsfähigkeit. 

4 ) Strasser, Beiträge etc. Bern, 1879. S. 47 u. f. 

5 ) Homer, Klin. Monatsblätter, 1874, S.432; Alf. Graefe, ibid. 1873,S.91. 

6 ) Homer, ibid., 1878, S. 320; Sattler, ibid., 1879, Beilage S. 140. 

7 ) Logeschnikow, ibid., 1873, S. 485; Leber, ibid., S. 48G. 

8 ) Arcoleo, Resoconto d. clin. ottalm. Palermo, 1871. S. 14.'); Samel- 
sohn, Klin. Monatsblätter, 1879. Beilage S. 148. 

9 ) Sattler, ibid., S. 144; Arlt, Klin. Darstellung etc. Wien, 1881. S. IG8. 



68 Oculistische Namen ; septische Formen der Hornhauteiterung. 

Wenn nun aber auch gar nicht daran zu zweifeln ist, dafls 
die Sepsis in der Pathogenese der Hypopyumkeratitis und des 
Ulcus serpens oftmals eine hervorragende Rolle spiele , so fehlt 
doch der Beweis , dass jene Organismen als solche das Gift 
bedeuten , den Verschwärungsprocess anregen und unterhalten. 
Feuer 1 ) hat sogar gewichtige Bedenken gegen eine solche 
Auffassung der Dinge erhoben und stützt sich dabei auf die 
mykologischen Arbeiten von Panum, Raison, Bergmann, Stricker, 
Hill er u. A., sowie auf mehrseitige klinische Erfahrungen. 

Fasse ich alles zusammen, so glaube ich die Sache mir in 
folgender Weise zurechtlegen zu dürfen. Vom lebenden Körper 
ausgeschiedene und losgetrennte Stoffe: Secrete, durch mecha- 
nische Gewalt zertrümmerte, durch chemische Einwirkungen oder 
organische Processe zerstörte und abgestorbene Theile verfallen 
allmälig einer oder verschiedenen Arten fauliger Zersetzung. In 
diesem Zustande üben sie, wenn sie mit lebenden, der schützenden 
Oberhaut beraubten Gewebstheilen in Berührung kommen, einen 
sehr heftigen Entzündungsreiz aus, vermögen aber auch die aus 
dem Entzündungsprocesse hervorgehenden Producte und Ge- 
webstrümmer in den gleichen Zersetzungsvorgang überzuführen, so 
die Krankheit zu unterhalten und weiter zu verbreiten. 

Es ist hierbei völlig gleichgiltig, ob die zersetzten StoiFe aus 
einem fremden oder dem eigenen Körper, aus entfernteren 
oder nächstnachbarlichen Organen übertragen, oder an Ort 
und Stelle durch Absterben von Gewebstheilen erzeugt worden 
sind, wenn sie nur eine wunde Stelle berühren. Wie diese 
letztere entstanden ist, ändert nichts an dem weiteren Hergange. 

Es darf darum auch die Entwickelung septischer Geschwürs- 
herde keineswegs blos mit bestimmten äusseren Veranlassungen 
in ursächlichen Zusammenhang gebracht und noch weniger der 
Hypopyumkeratitis und dem Ulcus serpens allein der 



*) Feuer, Wiener medicinische Presse, 1877, Nr. 43—45, Sep.- Abdruck 
S. 6 u. f. 



Einfluss eitriger, blennorrhoischer, diphtheritischer Bindehautseerete. 69 

leptische Charakter zugeschrieben werden. Vielmehr kann jedes 
Geschwür, gleichviel welchen Ursprunges und welcher Form das- 
selbe sei ; jede Wunde und jede noch so kleine Epithelab- 
schilferung der Hornhaut durch Berührung mit zersetzten Stoffen 
in einen Eiterherd verwandelt werden, welcher durch seine Neigung 
zum Umsichgreifen und zur raschen Zerstörung der Gewebstheile 
alle den septischen Geschwüren beigemessenen Eigenschaften 
bekundet. 

So ist es männiglich bekannt und erst neuerlich wieder durch 
einschlägige Versuche 1 ) erwiesen worden, dass Bindehautent- 
zündungen mit schleimig-eitrigem Producte den Heilungs- 
vorgang von ganz oberflächlichen geschwürigen oder traumatischen 
Substanzverlusten der Hornhaut in der misslichsten Weise zu beein- 
flussen und in umfangreiche Geschwüre der schlimmsten Art mit 
öfters kaum zu verkennendem septischen Charakter überzuführen 
im Stande sind. 

Auch bricht sich die Ansicht von Tag zu Tag mehr Bahn, 
dass die allermeisten Hornhautverschwärungen bei blennor- 
rhoischen und diphtherischen Bindehautentzündungen 
septischen Charakters seien, durch Einwirkung der in den 
Wulstfalten zurückgehaltenen und sich zersetzenden Secrete auf 
abgeschürfte. Theile der Cornealoberflache zu Stande kommen. Die 
wahrhaft ausgezeichneten Erfolge, welche sich durch stete Rein- 
haltung des Bindehautsackes und sehr häufig wiederholte Anwen- 
dung starker antiseptischer Spülwässer erzielen lassen, die 
Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit, durch ein zweckmässig geleite- 
tes derartiges Verfahren nicht nur Verschwärungen hintanzuhalten, 
sondern bereits vorhandene Geschwüre in ihrem Weitergreifen auf- 
zuhalten, sprechen einer solchen Auffassung entschieden das Wort. 

Nicht minder ist es Erfahrungssache, dass in dumpfen 
feuchten schlecht gelüfteten und unreinlichen Wohnungen 
der Verlauf von Wunden und Geschwüren ein höchst ungünstiger 



Castorani, Klin. Monatsblätter, 1878, S. 220-, Thilo, ibid., S. 235. 



70 Oculistischc Namen; septische Formen der Hornhauteiterung. 

7A\ sein pflegt, dass hier ganz unbedeutende äussere Veranlassungen, 
herpetische Efflorescenzen u. s. w., häufig die verderblichsten 
Eiterungsprocesse im Gefolge haben und denselben einen entschieden 
septischen Charakter aufprägen. Es macht sich hier eben unter 
anderen schädlichen Einflüssen ohne Zweifel die Einwirkung zer- 
setzter organischer Stoffe auf die Gewebstheile geltend. Es steht 
damit im Zusammenhange, dass arme Leute das grösste Procent 
der Fälle mit Hypopyurnkeratitis und Ulcus serpens liefern. 

Mit den zersetzten Stoffen werden selbstverständlich sehr oft 
Mikrococcen und Bakterien, unter Umständen wohl auch Lep- 
tothrix buccalis, Schimmelpilze und andere derlei Organismen 
auf eine wunde Stelle der Hornhaut übertragen und finden in dem 
alsbald entwickelten Eiterherde eine ihrer raschen Vermehrung 
überaus günstige Brutstätte. Dieselben können aber ebenso gut 
auch nachträglich, nach erfolgter Ansteckung des Gewebes, durch 
trockene Sporen aus der Luft auf den Geschwürsboden über- 
tragen werden und dort üppig gedeihen. Wenn in dem die An- 
steckung vermittelnden Theile zersetzter Stoffe Organismen der 
fraglichen Art fehlen und die Zuführung von Keimen durch die 
Luft auf ungünstige Verhältnisse stösst, können dieselben wohl 
auch in dem Geschwüre völlig vermisst werden, ohne dass da- 
durch der septische Charakter des Processes geändert würde. 

Wirklich hat Michel *)• trotz eifrigem und wochenlang fortgesetztem 
Suchen bei Eiterangsprocessen , welchen sonst der septische Charakter zu- 
gesprochen wird, namentlich beim Ulcus serpens, keine Pilze zu linden 
vermocht. Ebenso scheint Sattler' 2 ) öfters vergeblich nach jenen Organismen 
geforscht zu haben, indem er >nicht vollständig davon überzeugt ist, dass 
»alle Formen von Bornhautgeschwüren und nicht einmal alle Fälle von 
»Ulcus serpens auf mykotischen Ursprung 1 zurückzuführen sind«. 

Dagegen steht es fest, dass derlei Organismen öfters unter 
dem besten antiseptischen Verbände und bei dein günstigsten 



J) Michel, Klin. Monatsblätter, 1879, Beilage S. 156. 
2 ) Sattler, ibid., S. 140. 



Keratitis xerotica scu neuroparalytica. 7 1 

Heilungsverlaufe sich entwickeln, l ) überhaupt in Eiterherden ge- 
funden werden , welche ihrem ganzen Verhalten nach den sep- 
tischen nicht zugezählt werden können. 

So haben Eberth, 2 ) Balogh,») Treitel, 4 ) Homer, 5 ) 
Decker/) Feuer 7 ) u. A. die Mykosis an Geschwüren nachge- 
wiesen, welche früher allgemein als neuro paraly tische galten, 
heutzutage aber als x erotische angesprochen werden müssen, nach- 
dem es durch die ausgezeichneten Arbeiten Feuer 's 8 ) sicherge- 
stellt ist, dass die Neuroparalysis, d. h. die Leitungshemmung 
des Trigeminus und der ihm beigemischten sympathischen, bezie- 
hungsweise trophischen (?) Nerven , die Ernährung der Hornhaut 
nicht in unmittelbarer Weise zu schädigen vermöge, sondern 
dass die Quintuslähmung lediglich dadurch zur Hornhautentzündung 
führen könne, dass sie den Lidschlag unvollständig macht oder 
ganz aufhebt, nebenbei aber auch die Thränensecretion ver- 
mindert. Unter solchen Verhältnissen geschieht es nämlich leicht, 
dass der in der offenen Lidspalte blossliegende Theil der Cornea 
unter dem Einflüsse der atmosphärischen Luft vertrocknet, stellen- 
weise abstirbt, verschorft und dann als fremder Körper auf das 
umgebende noch gesunde Gewebe reizend wirkt, eine mehr oder 
weniger heftige, meistens bis zur Eiterung und Ausstossung des 
Schorfes ansteigende Entzündung anregt. 

Ist aber die Beirrung des Lidschlusses die eigentliche 
Quelle der »Keratitis xerotica«, so versteht es sich von 
selbst, dass es gar keiner materiellen greifbaren Veränderung im 



') Hiller, Centralblatt für Chirurgie, 1876, Nr. 11—15, nach Feuer (1. c). 

2 ) Eberth, Centralblatt für medicinische Wissenschaften, 1873, Nr. 32. 

3 ) Balogh, ibid., 1876, Nr. 6. 

4 ) Treitel, Arch. f. Ophthalmologie XXII., 2, S. 246. 

5 ) Homer, Klin. Monatsblätter, 1877, Beilage S. 131. 

6 ) Ch. Decker, Contribution ä l'ctiule de la Keratite neuroparalyt. 
Geneve, 1876. p. 50. 

7 ) Feuer, Wiener medicinische Presse, 1877, Nr. 43 — 45. 

8 ) Feuer, Sitzungsberichte der k. Akademie der Wissenschaften zu Wien, 
III. Abth., LXXIV. 



72 Oculistische Xamen; sept Formen der Hornhauteiterung; marantische Geschwüre. 

Quintusstamme bedarf, um sie in's Leben zu rufen; dass vielmehr 
Alles, was die Empfindlichkeit der vorderen Augapfel- 
oberfläche auf ein Kleines herabgesetzt oder bis zur völligen 
Gefühllosigkeit abstumpft und damit die Reflexe auf den Kreis- 
muskel der Lider schwächt oder gänzlich zu nicht© macht, ebenso 
wie rein mechanische Behinderungen des Lidschlusses, 
den krankhaften Vorgang in's Leben zu rufen vermag. Man findet 
darum die Keratitis xerotica gar nicht selten bei hochstgradiger Er- 
schöpfung des Körpers durch schwere Krankheiten, Säfteverluste 
u. s. w.; die sogenannten »marantischen Hornhautgeschwüre« 
sind oft xerotischen Ursprunges. 

Andererseits aber bieten der Exophthalmus, das Ectro- 
pium u. s. w. Gelegenheit zur Bildung von Troekenschorfen 
und erscheinen folgerecht nicht selten mit xerotischen Ge- 
schwüren gepaart. 

An derlei offenliegenden Eiterherden ist nun selbstver- 
ständlich die Gelegenheit zur Ueberpflanzung von septischen 
Stoffen und von Sporen durch die Luft, durch Verbände u. s. w. 
eine weit günstigere als dort, wo das Auge durch die Thränen 
und den Lidschlag fortwährend gesäubert und obendrein einen 
grossen Theil des Tages hindurch von den geschlossenen Lidern 
geschützt wird. Es darf darum gar nicht wundern, wenn xerotische 
Geschwüre vielleicht häufiger als andere mykotisch befunden 
werden und auch nicht selten ganz den septischen Charakter 
tragen. 

Die unmittelbare Wirkung, welche »ansteckende«, in Zer- 
setzung begriffene Stoffe und die sie so häutig begleitenden kleinen 
Organismen auf blossliegende Parenchymtheile ausüben, ist wahr- 
scheinlich nicht verschieden von der Wirkung beliebiger 
anderer chemischer Reize. Der septische Charakter der 
durch sie angeregten und unterhaltenen Verscliwärungsprocesse, d. i. 
das hartnäckige Umsichgreifen der eitrigen Zerstörung und der sich 
lange hinausspinnende Verlauf der Krankheit bedürfen zu ihrer 
Erklärung durchaus nicht einer gewissen »Specificität des Giftes«; 



Reizlose marantische Hornhautgescliwüre. 73 

sondern lassen sieli ganz gut aus der fermentartigen Fort- 
zeugung der Zersetzungsproducte und Pilze im »intieirten« Herde 
begreifen. Solcher Zersetzungsvorgänge mag es nun gar mancherlei 
geben, wie es auch sehr verschiedene Ansteckungsstoffe giebt. 
Ich möchte darum auch die septischen Hornhautgescliwüre, 
soweit sie hier Gegenstand der Erörterung waren, nicht als spe- 
zifische im engeren Wortsinne bezeichnen und ihnen nicht einen 
streng abgesonderten Platz im Systeme anweisen, sondern selbe 
unter dem vieldeutigen Namen der »verunreinigten« aufführen. 

Ks gilt beim Abscesse und Geschwüre die Heftigkeit des 
Reizes als die nächste Ursache dessen, dass die Entzündung bis 
zur Eiterbildung gedeiht, Es ist dies aber nur dann richtig, 
wenn die Reizgrösse mit dem Massstabe der vorhandenen Reiz- 
empfänglichkeit und Widerstandsfähigkeit gemessen wird. 
In der That reichen bei schwächlichen elenden, durch Kummer 
und Noth herabgekommenen, durch Krankheit erschöpften Leuten, 
insbesondere bei derlei Kindern und hochbetagten marastischen 
Greisen, absolut ganz unbedeutende Reize hin, um weit aus- 
greifende Eiterungen in der Hornhaut einzuleiten und auf das 
uveale Gebiet überzuführen, Hypopyum, eitrige Glaskörpertrübungen 
u. s. w. zu erzengen. 

Ks ist der Reiz mitunter ein so geringfügiger und vorüber- 
gehender, dass er der Wahrnehmung des Kranken gänzlich ent- 
schwindet und nur äusserst schwache Reflexe auf die vasomoto- 
rischen Nerven des betreffenden Gebietes auszulösen vermag; daher 
denn auch diese »reizlose Art marantischer Geschwüre« gerne 
mit unverhältnissmässig geringer oder ohne adle Einspritzung 
des perikornealen Gefässkranzes einherzuschreiten pflegt und in ihrem 
ganzen Verhalten sich den »k alte n oder Lymphabscesse n« 
nähert. Dass es dabei fast immer zur wirklichen Verschwärung 
und zum Ergüsse der eitrigen Producte kömmt, nicht leicht aber 
wie im Unterhautbindegewebe oder in der Umgebung der Knochen 
Eindickung und Verkäsung des Eiters beobachtet wird, mag seinen 
Grund in der oberflächlichen Lage des cornealen Herdes haben, 



74 Oculistische Namen ; tuberculose, scrophulose Hornhauteiterung. 

da hier die Gelegenheit zur Bildung eines hinlänglich dicken und 
daher den Durchbrach hindernden Grenzwalles aus hypertrophi- 
sch cm Gewebe fehlt. 

Besonders gefährdet sind in dieser Beziehung mit allgemeiner 
weit vorgeschrittener tu bereu löser oder scrophulöser Phthise 
behaftete Individuen. Alle Verletzungen des Auges ; insbesondere 
also auch operative Wunden, nehmen bei denselben ganz un- 
vcrliältnissmässig häufig den Ausgang in zerstörende Vereiterung 
der Hornhaut und selbst des gesammten Bulbus. 

Aber auch ohne alle auffindbare äussere Veranlassung, schein- 
bar von selbst, entwickeln sich unter solchen Umständen mit- 
unter corneale Infiltrate von ganz eigentümlichem Verhalten neben 
massenhaften uvealen Produkten von knotigem Bau und käsigem Aus- 
sehen, welche ich mit Rücksicht auf das vorhandene Allgemein- 
leiden als »tuberculose« beschrieben habe. ') Nach den neuzeitigen 
geläuterten Anschauungen dürfen dieselben aber kaum mehr anders, 
denn als hyperplastische eitrige Bildungen aufgefasst und müssen 
von dem echten heteroplastischen Tuberkel Virchow's 2 ) 
strenge geschieden werden. 

Ob dieser einzeln stehend oder gar primär in der Hornhaut vor- 
komme, wie Einige behaupten, 3 ) ist nach den Untersuchungen Baumgarten's 4 ) 
und Hänsell's 5 ) sehr zu bezweifeln. Ein Durchbrechen von Tuberkel- 
massen aus dein vorderen Kammerraume durch die Cornea und die Möglich- 
keit, durch Impfung Tuberkel in der Hornhaut zu erzeugen, gelten jedoch 
als erwiesene Thatsaehen. Sattler 6 ) hat Tuberkel in der pannösen Gra- 
nula tionsschichte beobachtet. 



!) Stellwag, Ophthalmologie L, S. 148, 150, 338, Anmerkung 165; 
IL, S. 146, 451, Anmerkung 153. 

2 ) Virchow, Die krankhaften Geschwülste IL Berlin, 1864—1865. Vor- 
lesung 21. 

3 ) Areolen, Resoconto d. clin. ottalm. Palermo, 1871. p. 127; Grade- 
nigo, Ann. d'ocul., 1870, p. 177, 260; Walb, Klin. Monatsblätter, 1877, 
S. 285, Literatur S. 201; Perl's Arch. f. Ophthalmologie XIX., 1, S. 221. 

4) Baumgarten, Arch. f. Ophthalmologie XXIV., 3, S. 185, 194. 

5 ) Hänsell, ibid. XXV., 4, S. 1, 59. 

6 ) Sattler, Klin. Monatsblätter, 1877, Beilage S. 64. 



Keratitis leprosa; conjunctivalc Formen der Keratitis. 75 

Die knotigen Infiltrate, welche Ihm der Lepra, bei der anästhe- 
tischen Form sowohl als besonders bei der knotigen, öfters in der Horn- 
haut, Iris, dem Strahlenkranze und in der Aderliant sieli entwickeln, sind 
nicht Tuberkel, sondern Grannlome. Sie bestellen aus lauter Rundzellen, 
führen spärliche Gefässe, verkäsen gerne und schrumpfen. Wo sie vereitern, 
ist meistens Facialislahmung und Ectropium gegeben; die Ursache der eitrigen 
Schmelzung seheint in dem Biossliegen des Herdes gesucht werden zu müssen. l ) 



Zu den conjunctivalen Formen der Keratitis (S. 57) 
übergehend; werde ich vorerst von dem Herpes ciliaris 2 ) und 
dann von der oberflächlichen gefässbildenden Hornhaut- 
entzündung sprechen. 

Der Herpes ciliaris kennzeichnet sich in seiner ursprüng- 
lichen primären Gestalt durch einen äusserst scharf umschrie- 
benen, im Querschnitte stets kreisrunden, im senkrechten Durchrisse 
aber spitzkegeligen, mohn- bis hirsekorngrossen, aus dicht aneinander 
gedrängten Rundzellen bestehenden Knoten, dessen nach hinten 
sehende Spitze in einen Nerven mit entzündlich infiltrirter 
Scheide ausläuft (Fig. 1 und 2). 

Er lagert immer ganz oberflächlich, seine breite Basis dicht 
unter der Oberhaut diese mehr oder weniger vorbauchend, der 
Körper in das Gefüge eingesenkt. Sein Standort ist das Binde- 
hautblatt der Hornhaut und das vordere Dritttheil der Con- 
junetiva bulbi. Nur in den allerseltensten Ausnahmsfallen, wenn 
jemals, findet man ihn jenseits dieser Grenze im Lidspalten- 
theile oder gar auf den von den Lidern gedeckten Portionen 
der Bindehaut. 



*) 0. Bull und Hansen, The leprous diseases of the eye. Christiania, 
1873. p, 2 u. f.; ,). Neumann, Klinische Vorlesungen über Lepra. Wien, 
1877. S. 13. 

2 ) St eil wag, Walther und Ammon's Journal für Chirurgie und 
Augenheilkunde IX., S. 510 u. f.; Ophthalmologie L, S. 90; Lehrbuch, 1870, 
S. 58, G7. 



76 



Oculistische Namen ; Conjunctivale Formen der Keratitis. 



Der Knoten kann ausnahmsweise wieder zurückgehen, aber 

auch organisiren und ständig werden. In der Regel jedoch 
lockert sich bald sein Greftige, indem eine faserstoffreiche wässerige 



Fig. 1. 




Intercellularsubstanz die Zellen 
auseinanderdrängt und sich 
gleichzeitig in grösserer Menge 
an der Oberfläche sammelt. 
Das überliegende Epithel wird 
solchermassen emporgehoben 
und bildet ein den Knoten 
krönendes wasserhelles 
Bläschen, das jedoch binnen 
Kurzem sich lymphartig und 
später eiterähnlich trübt, indem 
die Zellen rasch verfettigen, 
zerfallen und dem mittlerweile 
ebenfalls differencirten Bläs- 
cheninhalte sich beimischen. 
Gemeiniglich kömmt es in- 
dessen gar nicht zur Bildung eines »Lymph- oder Eiter- 
bläschens«, das zarte Epithel berstet frühzeitig und man ge- 
wahrt statt dessen eine runde molin- bis hirsekorngrosse E x- 
coriation mit überhängenden fetzigen epithelialen Rändern und 
lymph- oder eiterartig infiltrirtem Boden. Bald aber stösst sich 
auch die infiltrirte Masse ab, es zeigt sich eine scharf umschriebene 
kreisrunde, wie mit einem Locheisen geschlagene, trichterförmige 
Lücke im Hornhautgefüge , deren Ränder und Boden meistens 
ganz durchsichtig sind , gewöhnlich aber rasch sich florartig 
trüben. 

Der Process beginnt stets mit einem mehr weniger lebhaften 
örtlichen Schmerz, welcher gewöhnlich Lidkrampf, vermehrte 
Thränensecretion und grosse Empfindlichkeit der Netzhaut gegen 
Licht, also einen unter dem Namen »Lichtscheu« bekannten 
Symptomencomplex auslöst, Dabei wird in einfachen schulgerechten 



Herpesknoten im ersten Entwickelungsstadium 
nach Iwanoff. 
E Epithel, _ß ßowmann'sche Membran, C Grund- 
substanz der Hornhaut. N der erkrankte Coraeal- 
nerv, von Rundzellen reichlich besetzt, am Vorder- 
ende den Knoten tragend. 



Herpes ciliaris und seine Beziehungen zum Zoster. 77 

Fällen ein von dem Knoten ans gegen die Uebergangsfalte hin 

streng meridional ziehender band- oder fächerförmiger Streifen 

der Augapfelbindehaut und des unterliegenden episcleralen Grefliges 

von Blut eingespritzt und y^ 2 . 

entzündlich gesell wellt. Steht _^-^^^^^5^^S^^Ä^^^_ 

der Knoten aber jenseits ?S^^^^^Ä] 

des Randes in der Hornhaut. ■ "i^KS/SB^B^ 

so erseheint der entzündlich ^^^^^^mM^^^^^^fe^^^ 

geröthete und geschwellte B 

Episclera Anfangs von dem ~^~^zzzzziz. ~^^LZZ~^~ZZZ1T~ q 
Knoten getrennt. Allmälig ~ 77""^ °^JiJi?^^~ — ""'-' 

aber trübt sich der zwischen- ~^.3EEZIE ^zzZ-' - " " 

N 
liegende Theil der Cornea . 

Herpesknoten vor Entwickelung des Bläschens 

durch Ent wickelung einer sub- nach Iwanoff. 

epithelialen graulicheil Trtt- ^ Epithel .B erscheint bereits etwas vorgebaucht. 

bung, die sich rasch mit Blutgefässen durchspinnt und nun als 
Verlängerung des conjunctivalen Gefässbündels bis zu den Knoten 
hinzieht. 

Die ursprünglich streng typische Gestaltung des Entzün- 
dungsherdes als eines bläschentragenden scharf begrenzten kege- 
ligen Knotens , welcher in einem zur vorderen Augapfeloberfläche 
hinstreichenden Gefühlsnerven mit entzündlich veränderter Scheide 
ausläuft , kennzeichnen den Process ganz unzweideutig als ein 
zur Gruppe der Gürtelausschläge gehöriges Exanthem. 
Und wirklich finden sich ganz dieselben Efflorescenzen auf 
der Cornea und auf dem vorderen Dritttheile der Conpin etiva bulbi 
in einem grossen Procente der nicht gerade seltenen Fälle, in 
welchen ein zweifelloser Herpes zoster sich auf den Lidern, der 
Stirne, vornehmlich aber im Verzweigungsgebiete des Nervus 
naso ciliaris entwickelt hat. 

Das Aufschiessen der charakteristischen Hornhautefflorescenzen 
im Verlaufe des Herpes zoster nasociliaris , welches ich in zwei 
Fällen der Hebra'schen Klinik zu beobachten Gelegenheit hatte, 



78 Oculistische Namen ; Conjunctivale Formen der Keratitis. 

war es auch, was mich vor dreissig Jahren bestimmt hat, die Be- 
ziehungen des bis dahin als Ophthalmia pustularis, phlyctaenu- 
losa, scrophulosa u. s. w. beschriebenen, überaus häufigen krank- 
haften Vorganges zu den Gürtelausschlägen näher zu studiren. Die 
Ergebnisse dieser Untersuchungen hatten mir bald die Ueberzeugung 
aufgedrängt, dass beide Processe auf das Innigste zusammenhängen, 
ja dass der Herpes ciliaris nichts Anderes, als ein auf das 
Verzweigungsgebiet eines einzelnen oder mehrerer Ciliar- 
nervenfäden beschränkter Zoster sei. Eine reiche Erfahrung 
hat seither an dieser Ueberzeugung nichts zu ändern vermocht; 
im Gegenthcile haben meine eigenen und die veröffentlichten 
Beobachtungen Anderer dieselbe bis zur Unerschütterlichkeit ge- 
festiget. 

Es müsste eine hübsche Reihe sein, wenn ich alle seit 1847 
gesehenen Fälle von Herpes zoster der Lider, Wangen, der Stirne 
und Nase mit gleichzeitigem Herpes ciliaris zusammenstellen könnte. 
Ich stehe davon ab, weil die wenigsten genau genug notirt sind, 
als dass sie als Beweismaterial dienen könnten. Doch war keiner 
darunter, welcher als Gegengrund hätte verwerthet werden können. 
Einen solchen hätte ich auf das Sorgfältigste untersucht und in 
meinen Aufzeichnungen roth angestrichen. Meistens kommen auch 
die Kranken erst zum Augenarzte, wenn das Augenleiden bereits 
vorgeschritten und seine ursprüngliche Gestalt verwischt ist; man 
findet kein Bläschen mehr und der oft winzige unterlagernde Knoten 
ist bereits geschmolzen, ja häufig sind schon secundäre Zustände 
gegeben, die Efiflorescenzen haben sich in Geschwüre mit ganz 
unregelmässigen Grenzen und durchsichtigem oder infiltrirtem Boden 
verwandelt. Waren dieselben gruppenweise gehäuft, so erscheinen 
sie in einen mehr weniger tiefgreifenden gemeinsamen gesell wii- 
rigen Herd zusammengeflossen, auf dessen Boden man nur aus- 
nahmsweise noch die den einzelnen Knötchen zugehörigen Sub- 
stanzlücken unterscheiden kann. Hier und da stösst man indessen 
doch auf Fälle, in welchen das Augenleiden von seiner Ent- 
stehung an oder doch in seiner ursprünglichen Form zu 



Herpes ciliaris und seine Beziehungen zum Zoster. 79 

beobachten ist und da zeigt es sich denn auch auf das Bestimmteste; 
dass die beim Zoster ophthalmicus im vorderen Ciliargebiete auf- 
schiessenden Effioresccnzen in Allem und Jedem auf das Vollstän- 
digste jenen gleichen ; welche das eigentliche Wesen des so 
überaus häutigen Herpes ciliaris (corneae et conjunctivae) aus- 
machen. 

Bei einem 22jährigen Tischlergehilfen ist angeblich seit zwei Tagen die 
ganze rechte Stirnhälfte, von der Medianlinie bis zur Schläfegegend und auf- 
wärts in den behaarten Theil der Kopfhaut hinein, ferner das innere Drittel 
(Wx rechten oberen Augenlides besetzt mit grösseren und kleineren, von 
hämorrhagischen Extravasaten theilweise blauroth gefärbten Gruppen her- 
petischer Efflorescenzen, während der übrige obere Lidrand einzelne zer- 
streut stehende, Bläschen tragende Knoten aufweist. Die Augapfelbinde- 
haut ist ganz blass, mit Ausnahme eines von der Uebergangsfalte zum unteren 
äusseren Quadranten der Cornea meridional streichenden Bündels stark ein- 
gespritzter Gefässe, welche sich über den Hornhautrand hinüber bis zu einem 
bereits geschmolzenen herpetischen Knoten ziehen. Dieser sitzt etwa in der 
Mitte des Halbmessers, dringt trichterförmig tief in das Cornealgefüge ein 
und ist von eitergelber Farbe. Er ist nur in den tieferen Schichten scharf 
begrenzt, an der Oberfläche findet er sich umgeben von einer lancettlichen 
Excoriation mit Hörig getrübtem Grunde. Am Nasenflügel und im Inneren 
der Nase war keine Veränderung zu sehen. 

Während ich die letzte Feile an das BHanuscript der vorliegenden Arbeit 
lege, Ende September 1881, befinden sich zufällig gerade zwei Fälle von 
Herpes zoster ophthalmicus auf meiner Klinik in Behandlung. Ich lasse 
sie nach den Aufzeichnungen des Herrn Dr. Hampel folgen. Der ersteFall 
betrifft einen stämmig gebauten 18jährigen Drechslergehilfen, welcher zwei Tage 
vor seiner Aufnahme unter allgemeinem Unbehagen, Frösteln, Uebelkeiten, an 
heftigen brennenden Schmerzen und entzündlicher Schwellung in der Um- 
gebung des rechten Auges erkrankt war. Bei der Untersuchung zeigen sich 
an der äusseren Haut der rechten Stirn- und Nasenhälfte sowie der beiden 
rechtsseitigen Lider zahlreiche theils einzeln stehende, theils in grössere und 
kleinere Gruppen gehäufte, hirse- bis hanfkorngrosse Bläschen mit trübem, 
serösen bis eitergelben Inhalte. Diese Bläschen und Bläschengruppen sitzen 
sännntlich auf dnnkelrothem derb inliltrirten und mächtig geschwellten Boden, 
heben sich demgemäss sehr deutlich ab von den umgebenden nur massig 
gerötheten und geschwellten Hauttheilen, welche mehr den Charakter ent- 
zündlichen Oedems zur Schau tragen. Der Krankheitsherd ist an der Mittel- 
linie der Stirne und Nase scharf abgesetzt. Er erstreckt sich nach oben 
und in der Schläfegegend bis nahe an die Haargrenze, nach unten bis an die 
Spitze und den Flügelrand der Nase. Die beiden Lider sind so stark 



80 Oculistische Namen ; Conjunctivale Formen der Keratitis. 

angeschwollen, dass die Lidspalte nicht geöffnet werden kann. Der mediale Thei) 

derselben ist von einer mächtigen Bläschengruppe bestanden, welche mit ein- 
zelnen Efflorescenzen auf die freie Lidrandfläche, j;i auf die Randpartie der 
Conjunctiva palpebralis übergreift. Die Bläschen sind nicht alle gleichen 
Alters. Während die nahe der Haargrenze und an der Nasenspitze sitzenden 
noch prall gespannt und von einem wenig trüben Inhalte gefüllt erseheinen, 
sind die dem Auge näher gelegenen schon etwas eingesunken, die epitheliale 
Wand derselben ist deutlich gerunzelt und der Inhalt dem Eiter ähnlich. Die 
Oberfläche der zwischengelegenen dunkel blauroth gefärbten und stark infil- 
trirten Hantstellen ist von schilfriger Epidermis überkleidet. Die Conjunc- 
tiva palpebralis und bulbi ist geröthet und geschwellt, von reichlichen Thränen 
überfluthet. Rings um die Hornhaut ist das episclerale (Jetassnetz stark 
eingespritzt, am meisten nach oben und aussen, wo sich bei 4mm. von dem 
Cornealrande entfernt ein hirsekorngrosses rundliches scharf umschriebenes 
granliches 11 erpesknöt chen entwickelt hat. Hornhaut und Iris sanimt den 
tiefer gelegenen Theilen des Augapfels erscheinen normal, die Pupille eng, 
träge reagirend. Lichtscheu nicht besonders stark, Schmerzhaftigkeit gering, 
Bulbushärte nicht merkbar verändert. Ueber Sensibilitätsstörungen im Be- 
reiche des Krankheitsherdes lassen sich keine sicheren Auskünfte ermitteln, 
doch giebt der Kranke eine Verminderung der Empfindlichkeit zu. — Tags 
darauf findet sich am oberen Cornealrande, im Limbus eingebettet, ein dem 
vorerwähnten ganz ähnliches rundes Knötchen, während in der äusseren Haut 
der Schläfegegend eine neue Gruppe von Bläschenknoten aufgeschossen ist. 
Nach weiteren 24 Stunden sind die zwei pericornealen Knötchen in kleine 
rundliche flache Geschwürchen mit graulichem Belage verwandelt, Dafür 
haben sich in der Hornhaut selbst, nahe ihrem oberen Rande, drei voll- 
kommen wasserhelle Bläschen auf mattem trüben Boden gebildet. Nach 
wenigen Stunden sind dieselben geborsten und an ihrer Stelle zeigen sich 
ganz oberflächliche, an den Grenzen zusammenfliessende Substanzverluste mit 
trübem Belage. Im l'eluigen erscheint die Hornhaut sowie die Iris normal. 
Die Efflorescenzen an der ausseien Haut sind unter Verminderung der ent- 
zündlichen Erscheinungen zu riachen gelben und braunen Borken vertrocknet, 
zum Theile auch wohl schon abgefallen, so dass an ihrer Stelle mehr oder 
weniger tiefgreifende, unregelmässig aber scharf geränderte Substanzverluste 
mit Eiterbelag zu Tage treten. Der Kranke verlässt in diesem Zustande 
das Spital. 

Der andere Fall wurde blos ambulatorisch behandelt. Ein 16 jähriger 
schwächlich gebaute]' Schneider war vier Tage vor seinem Erscheinen auf der 
Klinik unter Schüttelfrost und allgemeinem Unbehagen erkrankt Des Morgens 
darauf war im rechten Mundwinkel ein schmerzhafter Ausschlag bemerkt 
worden. Am zweiten Tage nach der Erkrankung begann das rechte Auge 
zu schmerzen, zu thränen, es röthete sich, während die Lider anschwollen 
und gleichzeitig in der Gegend des rechten Stirnhöckers ein ovaler, etwa 



Herpes ciliaris und seine Beziehungen zum Zoster. 8 1 

silberguldengrosser Entzündungsherd zum Vorschein kam. Da der Zustand 
allmälig schlimmer wurde, suchte der Kranke ärztliche Hilfe. Es zeigt sich 
am rechten Mundwinkel eine etwa bohnengrosse , dunkel blaurotfa gefärbte, 
derb infiltrirte Stelle, welche mit gelbbraunen Krusten bedeckt ist und 
theilwei.se die äussere Haut, theilweise die Lippenschleimhaut betrifft. Einzelne 
der Borken lösen sich bereits und lassen unter sich rundliche, scharf und steil 
begrenzte, ziemlich tiefgreifende Substanzverluste erkennen. Die Lider des 
rechten Auges sind von entzündlichem Oedem angeschwollen. Ihr innerer 
Theil sowie die dem Canthus nahe Partie der äusseren Haut ist dunkel ge- 
röthet, derb infiltrirt und von einer Anzahl runder hirsekorngrosser Bläschen 
mit gelblichtrübem Inhalte bestanden. Eine ganz ähnliche aber grössere 
Efflorescenzgruppe befindet sich in der Gegend des rechten Stirnhöckers. 
Die Lider sind krampfhaft geschlossen, von Thränen überfluthet. Bei ihrer 
gewaltsamen Oeffnung zeigt sich eine intensive pericomeale Gefa'ssinjection. 
Nach oben hin nimmt dieselbe noch etwas zu und dort präsentiren sich, dem 
Linibus aufsitzend, zwei rundliche mohnkorngrosse grauliche Knötchen. Etwas 
unterhalb derselben erscheint die Cornea im Umfange eines Pfefferkornes der 
Oberhaut beraubt, rauh, exfoliirt. Nach zwei Tagen sind die Reizerschei- 
nungen gewichen, die beiden Knötchen am Limbus in oberflächliche (Jc- 
schwiirchen mit geringem graulichen Beschläge verwandelt, die Excoriationen 
der Cornea in Ueberhäutung und die Herpcsgruppen an der äusseren Haut 
in Abtrocknung begriffen. Der Kranke bleibt aus. 

Auch Emmert 1 ) beschreibt die beim Zoster ophthalmicus in 
der Hornhaut auftretenden Efflorescenzen als rundliche sulzige Knöt- 
chen, Jak seh 2 ) als feine oberflächliche Infiltrate, Hybord 3 )als 
oberflächliche stecknadelkopfgrosse Geschwüre, Wyss 4 ) als Bläs- 
chen, welche in die Grundsubstanz der Hornhaut hin eingreifen und 
auf der Bindehaut als umschriebene Grübchen und weisse Punkte 
erscheinen, aus denen sich etwas Eiter auspressen lässt, Hirsch- 
berg 5 ) erzählt von einem Falle, in welchem neben Herpes zoster 
nasociliaris »typische Conjunctivitis phlyctaenulosa« bestand, 
und Johnen 6 ) erklärt das Hornhautleiden bei Zoster ophthalmicus 



*) Emmert, Wiener medicinische Wochenschrift, 1870, Nr. 42. 

2 ) Jaksch, Nagel's Jahresbericht, 1870, 8. 413. 

3 ) Hybord nach Jaclard, Contribution ä l'etude de Herpes ophth. 
Geneve, 1874. p. 11. 

4 ) Wyss, Arch. f. Heilkunde XII., S. 2G1. 

5 ) Hirschberg, Klinische Beobachtungen. Berlin, 1874. S. 87, 4. Fall. 

6 ) Johnen, Deutsche Klinik, 1868, S. 228. 

Stellwag, Abhandlungen. 6 



82 Oculistische Namen; Conjunctivale Formen der Keratitis. 

geradezu für identisch mit dem, was man Keratitis lynipha- 
tica, scrophulosa oder phlyctaenulosa nennt. 

In den meisten Fällen findet man die Cornealefflorescenzen 
beim Zoster ophthalmicus allerdings kurzweg als Phly et an en oder 
als wasserhelle Bläschen bezeichnet, wenn es sich nicht bereits 
um seeundäre Zustände handelt, und Homer 1 ) will sogar die 
Knotenform ganz hinwegläugnen. Nach ihm ist »die erste Erkran- 
»kung, welche wir finden, immer das Auftreten einer Reihe voll- 
» kommen wass erhell er Bläschen, die meistens gruppenweise 
»zusammengehören und ganz gewöhnlich mehr peripherisch an der 
»Cornea sitzend eine Rosenkranzstellung einnehmen. Natürlich ist 
»ein gewisser Wechsel in Zahl, Sitz und Gruppirung der Bläschen 
»vorhanden, aber charakteristisch ist immer, dass die primäre Affec- 
»tion in wasserhellen Bläschen besteht, die gruppenweise zu- 
»sammengeordnet sind. Dabei ist im ersten Momente der Eruption 
»fast keine Trübung der Hornhaut, nur eine unbedeutende Trübung 
»des Epithels da, wo die Bläschen aufsteigen, und eine sehr leichte 
»Trübung der umgebenden Hornhaut. Wenn die Bläschen platzen 
»(die nie wie bei Keratitis phlyctaenulosa einen grauen Hügel dar- 
» stellen, der offenbar durch eine Zellenanhäufung bedingt wäre), 
»dann haben wir einen unregelmässigen Substanzverlust, den wir 
»Alle auf den ersten Blick für eine traumatische Keratitis ansehen 
»würden.« 

Es steht diese Behauptung Horner's in grellem Widerspruche 
mit den zahlreichen Beobachtungen vieler Anderer, wie schon eine 
oberflächliche Durchsicht der veröffentlichten Fälle mit aller Sicher- 
heit erkennen lässt. Es ist dies Homer auch nicht entgangen, und 
er fand sich darum veranlasst, die als Keratitis lymphatica, scro- 
phulosa oder phlyctaenulosa beschriebene Krankheit nach Hasner's 2 ) 
Vorgang dem Ekzem zuzurechnen. 3 ) 



') Homer, Klinische Monatsblätter, 1871, 8. 321, 324. 

2 ) Hagner, Entwurf einer anatomischen Begründung etc. Prag, 1847. S.88. 

3 ) Homer, 1. c, S. 337. 



Herpes ciliaris und seine Beziehungen zum Zoster. 83 

Es hat zu der herrschenden Verwirrung der Umstand viel 
beigetragen, dass die Dermatologen, der am meisten in die Augen 
springenden Erscheinung nachgehend, den Herpes einfach unter die 
Bläschenausschläge eingereiht haben. Es heisst in den be- 
treffenden Lehrbüchern ') ziemlich übereinstimmend: »Wir verstehen 
»seit Will an unter Herpes eine acut und typisch verlaufende 
»gutartige Hautkrankheit, welche sich durch die Bildung von in 
»Gruppen gestellten, mit wasserhellcr Flüssigkeit gefüllten Bläs- 
»chen charakterisirt , gewisse theils anatomisch besonders vor- 
»gezeichnete, theils wenigstens topographisch markirte Kegionen 
»des Körpers oecupirt und jedesmal in einem bestimmten, auf relativ 
»kurze Zeit bemessenen Cyklus abläuft.« 

Das Krankheitsbild wird im Allgemeinen folgender 
massen gezeichnet: »An einer bestimmten Region der Haut ent- 
»stehen in acuter Weise eine oder mehrere Gruppen von kleinen 
»Epidermoidalelevationen, Knötchen, welche sich rasch durch 
»Ansammlung von Serum zu Bläschen entwickeln; damit ist die 
»Höhe des Processes erreicht.« 

Bezüglich des Zoster heisst es: »Der Ausbruch des Zoster 
»erfolgt, ob mit oder ohne Prodromalneuralgien, höchst acut. Unter 
»dem Gefühle von Brennen schiessen an einzelnen Stellen der 
»Haut auf vorher gerötheter Basis einzelne Gruppen von hirse- 
»korngrossen und etwas grösseren lebhaft rothen Knötchen auf, 
»welche binnen wenigen Stunden, ein l)is zwei Tagen, sich zu 
»Bläschen von Stecknadelkopf- bis Schrotkorn- und Erbsengrösse 
»entwickeln .... Die Eruptionsdauer kann sich auf vier bis 
»acht Tage erstrecken, indem nämlich nicht alle Gruppen schon 
»am ersten Tage auftauchen. Die Efflorescenzen der einzelnen 
»Gruppen aber sind coaevi, erreichen demnach die Höhe ihrer 
»Entwickelnng gleichzeitig, und es kann eine Gruppe schon voll- 



J ) Kaposi, Pathologie und Therapie der Bautkrankheiten. Wien und 
Leipzig, 1880. S. 307, 312, 314, 325; J. Neumann, Lehrbuch der Hautkrank- 
heiten. Wien, 1880. S. 188. 

6* 



84 Oculistische Namen ; Conjunctivale Formen der Keratitis. 

»ständig entwickelt sein, während eine andere eben erst auftaucht. 
»Die Bläschen der einzelnen Gruppen stehen entweder ganz isolirt 
»von einander, oder sind, wenn grösser geworden, dicht anein- 
ander gedrängt, ja sie können zu einer grossen an der Oberfläche 
»höckerigen Blase zusammenfliessen .... Es kann der Zoster 
»abortiv verlaufen, indem alle Gruppen nur in Knötchen be- 
istehen und letztere gar nirgends zu Bläschen sich entwickeln, 
»sondern alsbald wieder unter Abblättern und Abschuppen sich 
»verlieren. Einzelne unvollkommen entwickelte Gruppen 
»finden sich beinahe bei jedem Zoster, manchmal als ziem- 

» liehe Spätlinge « 

Die Schleimhautefflorescenzen bei Herpes facialis 
(labialis) betreifend, sagt Kaposi: »Bisweilen finden sich analog 
»Erkrankungsherde im Bereiche der Wangenschleimhaut und des 
weichen und harten Gaumens, der Zunge. Das Epithel wird an 
»einzelnen oder gruppirten Punkten grau getrübt, abgestossen, 
»worauf die betreifenden Stellen roth und für einige Tage empfind- 
»lich zurückbleiben .... Es ist bekannt, dass dieser Herpes im 
»Verlauf von ephemeren und überhaupt acuten fieberhaften Erkran- 
kungen, Schnupfen, Pneumonie, Typhus, also bei vollständig gering- 
fügigen sowie auch bei intensiven Erkrankungen aufzutreten pflegt 
»(Hydroa febrilis).« 

Angesichts dieser Schilderungen der H e b r a 'sehen Schule 
dürfte es Jedermann klar sein, was die Hautärzte unter einem 
»Herpesb laschen« verstanden wissen wollen, und was es mit 
den Hörn er eben wasser hellen Bläschen bei Herpes ophthalmicus 
für eine Bewandtnis* habe. Wer jemals einen Gürtelausschlag 
beobachtet und die von der heftigsten Entzündung dunkel gerö- 
theten heissen mächtig angeschwollenen und gespannten Hauttlieile 
gesehen hat, auf welchen die Bläschen treibenden Knoten 
und späteren Borken wie auf einem gemeinschaftlichen Blüthen- 
boden zusammengedrängt stehen; wer weiters die häufig bis auf 
das Unterhautbindegewebe reichenden hässlichen zerrissenen Narben 
betrachtet hat, welche der Zoster in vielen Fällen zurücklägst: der 



Herpes ciliaris und seine Beziehungen zum Zoster. 85 

kann das anatomische Wesen der Herpesefflorescenz unmöglich 
in der Emportreibung der Oberhaut durch eine blosse Ansammlung- 
rein seröser wasserheller Flüssigkeit erblicken. Im Uebrigen ver- 
weise ich ihn auf die mikroskopischen Untersuchungen Is. Neu- 
mann's') und die von diesem gelieferten Zeichnungen. 

Man ist nun aber einmal gewöhnt , den Zoster einen Bläs- 
chenausschlag zu nennen und so haben denn auch die meisten 
Schriftsteller bei der Mittheilung ihrer Fälle sich der Mühe ent- 
hoben, auf eine nähere Beschreibung der in der Hörn- und Binde- 
haut auftretenden Effloreseenzen näher einzugehen. Sie sprechen 
kurzweg von Bläschen und von Phlyctänen. Was den Ausdruck 
»Bläschen« betrifft, so ist es durchaus nicht noth wendig, stets 
einen Beobachtungsfehler unterzustellen. Ich möchte betreffs 
dessen nur in Erinnerung bringen, dass selbst reichliche Anhäu- 
fungen von Rundzellen im Cornealgefüge dem freien Auge häufig 
erst sichtbar werden, wenn die Elemente sich bereits differenzirt 
haben, dass eine umschriebene Infiltration des Bläschenbodens 
also ganz gut bestehen könne, ohne dass dieselbe vor dem meistens 
so frühzeitigen Bersten des Bläschens bemerkbar wird. Mit der 
Bezeichnung »Phlyctäne« spielen die Beobachter aber ganz 
deutlich auf die Ophthalmia phlyctaenulosa, lymphatica u. s. w. 
an, deren Effloreseenzen ursprünglich Unbestrittenermassen Bläs- 
chen tragende Knoten sind, welche indessen durch mannig- 
faltige seeundäre Wandlungen in der Bläschenwand, in dem 
Knoten und in dem Boden der Efflorescenz sich weiterhin sehr 
verschiedenartig zu gestalten vermögen. 2 ) Ein triftiger Ein- 
wand gegen die Gleichstellung der Effloreseenzen beim Zoster 
Ophthalmien* und beim Herpes ciliaris lässt sich demgemäss aus 
diesen Angaben der Autoren nicht schmieden. 

Indem ich nun auf die übrigen Merkmale des Herpes 
übergehe, inuss ich in erster Linie hervorheben, was ich seit 



!) Is. Neumann, 1. c, S. 198, 200. 

2 ) Siehe die Zusammenstellung von V. Jachirrt, Contribution ä l'etude 
de Herpes ophth. Geneve, 1874. p. 7, 13, 66, 



OD Oculisfcische Namen; Conjunctivalc Formen der Keratitis. 

dreissig Jahren schon so oft betont habe, nämlich, dass beim Herpes 
ciliaris jede einzelne Efflorescenz den für die Bläschenflechte 
überhaupt charakteristischen acuten und typischen Ver- 
lauf nehme. Wenn die Krankheit unter gewissen Umständen sich 
öfters Wochen und Monate fortspinnt, so liegt der Grund einmal 
darin, dass der Herpes ciliaris gleich dem Herpes facialis zu Reci- 
diven neigt, eine Efflorescenz nach der anderen treibt ; das andere 
Mal aber darin, dass nach Ablauf des typischen Processes die Ver- 
heil ung der durch die Efflorescenzen gesetzten und vielen äusseren 
Schädlichkeiten preisgegebenen Substanzlücken, wie nach den 
Pocken u. s. w\, längere Zeit in Anspruch nimmt und nicht selten 
Störungen erleidet. 

Dazu kömmt, dass die dem Zoster pathognomonisch zu- 
gehörigen nervösen Erscheinungen sich in allen ihren 
Einzclnheiten auch beim Herpcs ciliaris wieder finden. 
Die qualvollen Neuralgien, welche dem Gürtelausschlage vor- 
anzugehen und ihn zu begleiten pflegen, sind beim Herpes ciliaris 
durch die mehr oder weniger lebhaften brennenden oder stechenden 
Schmerzen vertreten, welche den Beginn des Augenleidens kenn- 
zeichnen und sich gerne mit dein Symptomencomplexe »Lichtscheu« 
vergesellschaften. Nicht minder aber finden auch die Anästhesien 
der vom Zoster befallenen Hauttheile und die nebenhergehenden, 
auf vasomotorische Störungen bezogenen Erscheinungen beim 
Herpes ciliaris ihr Aequivalent. Nach Molter's 1 ) Versuchen er- 
zeugen nämlich »phlyetänuläre Processe partielle Empfindung s- 
»lähmung und zwar Analgie im Bereiche der eitrig inflltrirten 
»oder vom Epithel entblössten Stellen; ferner herabgesetztes Em- 
»plindungsvermögen für Schmerz und Berührung in nächster Nälic, 
»während Drucksinn und Temperatursinn unverändert bleiben.« 
Nagel' 2 ) hebt überdies das häufige Vorkommen von Hypotonie 
des Bulbus bei phly ctänulären Formen der Keratitis hervor. 



i) Mol t er, Klinische Monatsblätter, 1878, Beilage S. 58, 60. 
2) Nagel, ibid., 1873, 8. 397, 398. 



Herpes ciliaris und seine Beziehungen zum Zoster. 87 

Homer 1 ) hat zuerst auf diese beiden Symptome bei der Bläschen- 
flechte des Auges aufmerksam gemacht, spricht sie aber nur dem Zoster 
Ophthalmien* und einer besonderen, durch Schmerzhaftigkeit und Hart- 
näckigkeit ausgezeichneten Form des Herpes corneae zu, welche sich du ich 
gruppenweise Eruption und Confluenz wasserheller Bläschen charakterisirt. 
Die Bornhaut soll dabei ihrem ganzen Umfange nach anästhetisch und die 
Druckverminderung eine colossale sein. Molter 2 ) und Hirschberg 3 ) fanden 
gänzliche Empfindungslosigkeit für Druck und Schmerz sowie Lähmung des 
Temperatursinnes an den Eruptions stellen der Cornea bei Zoster ophthal- 
micus, und Fuchs 4 ) totale Unempfindlichkeit der Hornhaut gegen die gröbste 
Berührung sowie gegen Hitze und Eiskälte neben vollständiger Trigeminus- 
lähmung nach einem Gürtelausschlage in dessen Gebiete. 

Wenn bezüglich der genannten Erscheinungen beim Zoster 
ophthalmicus und dem Herpes ciliaris ein Unterschied be- 
steht, so kann derselbe nach dem Mitgetheilten nicht als ein wesent- 
licher, sondern lediglich als ein grad weiser anerkannt werden; 
und für einen solchen bieten die vorliegenden pathologisch ana- 
tomischen Befunde eine völlig genügende Erklärung. Das 
eigentliche Grundleiden und der Ausgangspunkt des an der 
Körperoberfläche sich abspielenden Processes ist nämlich stets ein 
Entzündungsherd in irgend welchem Theile eines Gefühls- 
nerven. Bei dem Herpes ciliaris beschränkt sich derselbe auf 
die Peripherie eines einzelnen Nervenfadens oder auf einen End- 
zweig letzter Ordnung; bei den Gürtelausschlägen im strengen 
Wortsinne aber ist ein grösserer Ast oder Stamm, ein ihm an- 
gehöriges peripheres Ganglion oder sein Centraltheil der Ursitz des 
Leidens. Für den Herpes ciliaris hat Iwanoff die erforderlichen 
Belege geliefert (S. 76, 77); für den Zoster aber stehen bereits 
eine ganze Reihe von Leichenuntersuchungen zu Gebote. 

Nach den Ergebnissen der ersten Sectionsbefunde 5 ) musste 
es scheinen, als ob der Zoster der Gliedmassen und des Rumpfes 



i) Homer, Klinische Monatsblätter, 1871, S. 324, 325. 

2 ) Molter, ibid., 1878, Beilage S. 40 u. f. 

3 ) Hirschberg, Arch. f. Augenheilkunde VIII., S. 167. 

4 ) Fuchs, Wiener medicinische Jahrbücher, 1878, 8. 578. 

5 ) Literatur: Abrahamsz, XIV. Jaarlijksch Verslag. Utrecht, 1873. 
Kaposi, Pathologie und Therapie der Hautkrankheiten. Wien, 1880. 



88 Oculistische Namen; Conjunctivae Formen der Keratitis. 

stets von einem entzündeten Spinalganglion, der Zoster ophthal- 
micus aber vom Ganglion Gasseri seinen Ausgangspunkt nehme. 

Was den letzteren betrifft, sofandWyss 1 ) in Uebereinstimmung mit 
dem ersten Beobachter der Ganglienerkrankung, Bären sprung, 2 ) eine ent- 
zündliche Infiltration und Blntanstretung im Ganglion Gasseri. Die Bornhaut 
war in ihren oberfläehliehen Schichten von Zellen stark durchsetzt, so dass 
die Anhäufung der Zellen in den Nervenscheiden wenig auffiel. Die Ciliar- 
nerven waren von lymphoiden Zellen umhüllt. Dabei Irido Chorioiditis 
mit Blutextra vasaten, welche Wyss jedoch auf die nebenhergehende und 
zum Tode führende Phlebitis venae ophthalmicae zurückführt. Homer 8 ) 
fand in demselben Falle die langen Ciliarnerven von Lymphzellen und Blut 
sehr verlindert. 

Sattler 4 ) beobachtete einen Herpes ophthalmicus bei einem 85jährigen 
Manne nach Kohlenoxydgasvergiftung. Die Efflorescenzgruppen waren über 
das ganze Verzweigungsgebiet des ersten Quintusastes ausgebreitet. In der 
Cornea ein kleines Haches Geschwür. Iridochorioiditis mit starker Netz- 
haut- und Glaskörperinfiltration. Das Ganglion Gasseri erschien dem freien 
Auge grauröthlich, sehr saftreich, ohne Blutaustretungen. Ebenso der erste 
Trigenünusast mit seinen Augenlisten und dem Ganglion ciliare. Mikroskopisch 
zeigte sich Infiltration des interstitiellen Bindegewebes mit Bundzellen und 
regressive Metamorphose der Ganglienzellen bis zum Zerfalle, Umwandlung 
des die Ganglienzellen umgebenden Endothels in graue trübe homogene 
Massen, soweit der erste Ast im Ganglion Wurzeln hat, während die übrigen 
Theile des Ganglion fast vollkommen normal waren. Auch die durch- 
setzenden Fasern des Trigeminus waren ziemlich intact, während die dort 
entspringenden sehr verändert erschienen. Im Ganglion ciliare waren die 
Ganglienzellen unverändert, dagegen das interstitielle Bindegewebe sehr stark 
mit Rundzellen durchsetzt und die eintretenden Fasern ziemlich degenerirt. 
Noch mehr degenerirt aber erschienen die austretenden Ciliarnerven und zwar 
bis in ihre letztem Verästelungen, doch abnehmend gegen die Peripherie. 
Sattler schliesst daraus, dass es sich hier nicht um ein Fortschreiten der 
Entzündung von dem Nervengefüge auf das Bindegewebe handle, sondern 



S. 308; Wiener medicinische Jahrbücher, 187G, S. 80 u. f.-, J. Neumann, 
Lehrbuch der Hautkrankheiten. Wien, 1880. S. 197; Stell wag, Lehrbuch, 
1870, S. G9, 77. 

') Wyss, Arch. f. Heilkunde XII.. S. 261, 267. 

2 ) Bärensprung, Charit«'- Anualen, 1863, IX., 3, S. 7, 8. 

3) Homer, Klinische Monatsblätter, 1871, S. 33G. 

4 ) Sattler, ibid., 1874, S. .'».Vi ; Anzeiger der Gesellschaft der Aerzte. 
Wien, 1875. Nr. 3. 



Herpes ciliaris und seine Beziehungen zum Zoster. 89 

dass dieses eher durch den Einfluss der Nerven auf die Capillarcn und pro- 
capillaren Venen geschehe. 

Wäre nach diesen Erfahrungen die Entwickelung eines Gürtel- 
ausschlages wirklich an entzündliche Vorgänge im Bereiche von 
Ganglien gebunden, so müsste man mit Rücksicht auf die un- 
zweifelhafte Gleichheit des Processes auch den Herpes ciliaris aus 
ähnlichen Erkrankungen der zahlreichen intrachorioidalen Gan- 
glien abzuleiten versuchen. Es hat sich jedoch ergeben und die 
Untersuchungen Kaposi's 1 ) leisten die Gewähr dafür , »dass der 
»Zoster sich auch in Folge von Verletzungen und Erkrankungen 
»aller Art, Zerrung, Entzündung, Druck, Neoplasmen etc. theils 
»der peripheren Nervenstämme für sich, theils der Gebilde 
»des Rückenmarkes und Gehirnes, mit Ausschluss also 
»der Intervertebralganglien, entwickeln könne.« 

Fasst man dies in's Auge, so wird es auf den ersten Blick 
klar, wie es komme, dass der Herpes ciliaris ein ungemein 
häufiges Leiden sei und sehr oft auf die allerunbedeutendsten 
äusseren Veranlassungen zurückgeführt werden müsse, während der 
Zoster der Haut zu den verhältnissmässig selteneren Krankheiten 
gerechnet wird. Es ist der Erstere seinem Standorte nach 
nämlich an die Oberfläche der Cornea und des vordersten 
Dritttheiles der Conjunctiva bulbi gebunden. Es sind dies 
die am meisten vorspringenden Abschnitte des in der offenen 
Lidspalte biossliegenden Theiles der vorderen Bulbusoberfläche. Es 
sind aber auch sehr nerven reiche Abschnitte und die dort endi- 
genden vorderen Ciliarnervcn sind nicht wie die Gefühlsnerven der 
äusseren Haut durch eine dicke Lage verhornter Epidermis ge- 
schützt, sondern bilden ein dichtes Geflecht unter der zarten 
weichen Epithellage, ja dringen mit ihren Endigungen im Bereiche 
der Hornhaut in das Epithel hinein, sind also der Einwirkung 
äusserer Reize ganz besonders preisgegeben und müssen es sein, 



! ) Kaposi, Wiener medicinische Wochenschrift, 1876, S. 32; 1877, 
Nr. 25, 26-, Wiener medicinische Jahrbücher, 1876, S. 55, 74, 75. 



90 Oculistische Namen; Conjunctivalc Formen der Keratitis. 

da sie ja gleichsam als Wächter des Auges zu wirken haben. 
Nervenreize finden an den genannten Stellen also einen wie 
nirgendwo günstigen Boden und es darf nicht wundern, wenn die 
Gegenwirkungen daselbst etwas kräftiger ausfallen. 

Selbstverständlich wird dieses Missverhältniss zwischen der 
Grösse des veranlassenden Eeizes und der Reaction besonders dort 
stark hervortreten, wo noch das Moment einer örtlichen oder all- 
gemeinen Schwäche, einer verminderten Widerstandskraft 
hinzutritt: bei schwächlichen kränklichen verweichlichten, durch 
unzweckmässige Nahrung und Lebensweise, durch ungesunde Woh- 
nungen u. s. w., durch häutige oder schwere fieberhafte Erkran- 
kungen herabgckoinmencn, erschöpften Menschen, besonders bei 
Kindern. Daher denn auch die hervorragende Rolle, welche der 
Herpes ciliar is unter den Kinderkrankheiten, namentlich 
unter den sogenannten Scrophuliden (S. 54) sowie unter den 
Begleitern und Nachkrankheiten der acuten Exantheme, l ) vor- 
züglich der Blattern (S. 63) und Masern,' 2 ) spielt. 

Es scheint übrigens, als ob das dem Herpes zu Grunde lie- 
gende Nervenleiden bestehen könne, ohne dass es nothwendig zur 
Bildung der charakteristischen Efflorescenzen kommen müsse, dass 
demnach die Grenzen dieser Krankheitsgruppe noch weiter gesteckt 
werden dürfen, als dies dermalen geschieht. Schliephake und 
Heimann 3 ) berichten von einigen Fällen, in welchen neben heftigen 
neuralgischen Schmerzen im Verzweigungsgebiete des Trigeminus 
einseitige Röthung und Wärmeerhöhung der äusseren Haut mit 
den Erscheinungen einer überaus heftigen Ciliarreizung und mit 
deutlicher Hypotonie des betreffenden Auges bestand. In mehreren 
Fällen fanden sich Phlyctänen oder ihre Folgezustände auf der 
Hornhaut. Einige Male war auch Myosis mit Ptosis des oberen 
Augenlides und merkbare Sensibilitätsstörung des obersten Hals- 



*) Stell wag, Walthcr und Ammon's Journal für Chirurgie und Augen- 
heilkunde IX., S. 508-, Ophthalmologie L, S. 104. 

2 ) Königstein, Öesterr. Jahrbücher für Pädiatrik VII. , 1876, S. 23. 

3 ) Schliephake und Heimann, Arch. f. Augenheilkunde V., S. 286, 303. 



Herpes ciliaria und seine Beziehungen zum Zoster; Verwandte Zustände. 91 

ganglion gegeben. Schliephake und Heimann bringen diese 
Fälle in Verbindung mit anderen, in welchen heftige Ciliarreizung 
mit Druckverminderung im Auge beobachtet wurde, die Um- 
gebungen des letzteren aber frei blieben. Sie berufen sich dabei 
auf Nagel, ') welcher ähnliche Beobachtungen zuerst gemacht hat 
und geneigt ist, darin eine eigene Krank hei tsform zu erblicken, 
von welcher er vermuthet, dass sie mit dem Zoster in Verwandt 
schaft stehe. Dieselbe kennzeichnet sich nach seiner Schilderung 
durch starke pericorneale Injection ohne, irgend erhebliche Ver- 
änderungen in der Cornea und Conjunctiva, nur ist eine leichte 
Schwellung des Limbus ohne deutliche Phlyctänenbildung zu be- 
merken, dabei geringe Herabsetzung der Sehschärfe und vermehrte 
Lacrymation, erheblicher Schmerz im Auge bei sehr auffälliger 
Herabsetzung des Druckes. Die Fälle verlaufen sehr langsam. 
Es kömmt ein solcher Zustand mit oder ohne deutliche Hypo- 
tonie sehr häufig vor. Ich habe ihn von jeher immer zu dem 
Herpes ciliaris gerechnet, indem meisthin über kurz oder lang doch 
die charakteristischen Bläschenknoten aufschiessen, nicht selten mit 
bedeutender Erleichterung des Kranken, wie dies auch beim Zoster 
öfters vorkömmt. 2 ) Aber auch einen Fall der ersten Art habe 
ich gesehen und lasse ihn folgen. 

Ein öOj ähriger vermöglicher Mann leidet seit einer Woche an sehr 
heftigen einseitigen, über die ganze linke Kopfhälfte und die linke Nasen- 
Seite ausstrahlenden Schmerzen. Seit zwei Tagen sind auch lebhafte Schmerzen 
und entzündliche Röthe des linken Auges dazu gekommen. Bei näherer 
Untersuchung ergiebt sich, dass die Kopfschmerzen sich auf das ganze 
Verzweigungsgebiet des linken Stirnnerven bis zum Hinterhaupte erstrecken, 
oberflächlich in der Haut sitzen und an der Medianlinie eine scharfe Grenze 
linden. Dieselben sind anhaltend, verstärken sich zeitweilig mit nicht deut- 
lichem Typus bis zum Unerträglichen. Durch Druck auf die schmerzhafte 
Kopfschwarte werden sie ermässigt, Dabei fühlt sich die letztere linkerseits 
viel wärmer an als an der rechten Kopfhälfte. Eine auffallende stärkere 
Röthnng derselben ist jedoch nicht nachzuweisen. Der Kranke klagt über 
ein eigentümliches Kriebeln und Ameisenlaufen im Bereiche der linken 



1 ) Nagel, Klinische Monatsblätter, 1871, S. 335. 

2 ) Same 1 soh n, Arch. f. Ophthalmologie XXL, 3, S. 29. 



92 Oculistische Namen ; Conjunctivale Formen der Keratitis. 

Stirn- und Kopfschwarte und bei dem Versuche ergiebt sich eine sehr be- 
trächtliche Herabsetzung der Empfindlichkeit gegen Druck, Streichen u. s. w. 
Ganz ähnlich verhalten sich die linke Nasenhälfte und die innere Hälfte 
beider linken Augenlider. Ueberdies ist die Schleimhaut der linken 
Nasenhälfte bedeutend geschwollen, geröthet. Der Kranke hat daselbst das 
Gefühl eines heftigen Schnupfens ohne auffällig vermehrte Absonderung, 
jammert über die Verstopfung und das Kriebeln in derselben, während rechter- 
seits völlige Durchgängigkeit besteht. Die beiden linken Augenlider sind 
leicht geröthet, ihr Band etwas ödematös angeschwollen. Die Bindehaut 
geröthet, von Thränen überfluthet, der pcricorneale Theil überdies mächtig 
gewulstet, blauroth gefärbt, der Limbus stark eingespritzt und infiltrirt, Die 
Cornea glänzend, scheinbar unverändert, Kammer weit, Iris in ihrer Fär- 
bung normal, Pupille sehr verengert, auf Atropin nicht reagirend. Die Härte 
des Bulbus unter dem gewöhnlichen Masse. Die gebräuchlichen Mittel 
bleiben ohne Wirkung, doch gelingt es durch hypodermatische Einspritzung 
von schwachen Morphiumlösungen zeitweilig die Leiden zu mildern. 

Am fünften Tage nach der ersten Untersuchung zeigt sich der untere 
äussere Quadrant der linken Hornhaut im Umfange einer mittelgrossen 
Erbse oberflächlich trüb und rauh. Anderen Tages ist der Ausbruch einer 
regelrechten herpetischen Bläschengruppe nicht mehr zu verkennen. 
Die Bläschen stehen dicht gedrängt. Einzelne derselben sind schon geplatzt 
und durch kleine Grübchen mit trübem infiltrirten Boden ersetzt. Am achten 
Tage ist die ganze Gruppe in ein tiefes offenes Geschwür mit fetzig- 
grubigem Grunde verwandelt, in welchem man noch deutlich einzelne graue 
Knötchen unterscheiden kann. Von da an verwischt sich die Spur der Bläs- 
chenknoten immer mehr, das Geschwür nimmt an Tiefe und Umfang zu, ver- 
gesellschaftet sich mit einem mehr als 1'" hohen Onyx, mit hochgradiger 
Iritis und mit einem sehr massigen Hypopjaim, während das Sehver- 
mögen auf quantitative Lichtempfindung sinkt. Eine Durchschneidimg des 
Geschwürbodens mit dem schmalen Staarmesser und die Entleerung gles Eiters 
aus der Kammer sowie die systematische Anwendung von feuchtwarmen 
Ueberschlägen aus Chamillenaufguss bringen nur unvollständige Erleichterung. 
Der Process zieht sich wochenlang hin. Auch die Schmerzen und die Ge- 
fühlstaubheit im Bereiche der linken Stirne, Kopfschwarte und Nase sowie 
die Schwellung der Schleimhaut in der linken Nasenhöhle sind wenig geändert. 
Endlich beginnt das Leiden allmälig zurückzugehen. 

Sechs Monate nach dem ersten Auftreten sind alle Schmerzen ge- 
wichen, doch im Verzweigungsgebiete des Stirnnerven, besonders in der 
Scheitelwandgegend, das Gefühl noch nicht völlig hergestellt. Die linke Nasen- 
höhle frei. Die Lider normal, die Bindehaut blass. Einzelne vordere Ciliar- 
venen stark ausgedehnt, besonders im äusseren Quadranten. Der Augapfel im 
Umfange etwas verkleinert, unregelmässig gestaltet, indem der äussere Qua- 
drant leicht buckelig hervorspringt. Hier fühlt man auch eine Härte, so dass 



Herpes ciliaris und seine Beziehungen zum Zoster ; Vasomotorische Störungen. 93 

man an einen Tumor zu denken Anlass hat. Im Uebrigen ist die Spannung 
der Lederhaut der normalen gleich. Die Hornhaut erscheint in ihrem Kreis 
durchmesser um ein Kleines vermindert, dafür aber stumpfkegelig vorspringend. 
Die Mitte derselben ist von einer dichten durchgreifenden sehnenähnlichen 
Narbe eingenommen, der etwa linienbreite Randsaum durchsichtig. Die Iris 
der Hinterwand der Cornea anliegend, hochgradig atrophirt, stellenweise in 
straff gespannte dichte weisse fibröse Stränge mit zwischenliegenden schiefer- 
grauen Flecken verwandelt. Absolute Amaurose. 

Es tritt in diesem und in den ihm ähnlichen früher erwähnten 
Fällen die vasomotorische Lähmung ganz deutlich zu Tage. 
Die verwandtschaftlichen Beziehungen der fraglichen Processe 
zu dem Herpes erscheinen dadurch noch fester begründet , denn 
die Wahrzeichen der Gefässparalyse finden sich bei allen Arten 
von Gürtelausschlägen nicht nur sehr kräftig, sondern in einer fin- 
den Verlauf des erkrankten Gefühlsnerven geradezu charakteristischen 
Weise ausgeprägt. 

Strenge genommen ist eigentlich das Gegebensein vasomo- 
torischer Störungen bei tiefen Erkrankungen von Gefühlsnerven 
oder ihrer Ganglien selbstverständlich, da die Stämme und 
Aeste dieser Nerven sowie deren Ganglien sehr viele sympathische 
Fäden in sich enthalten, beziehungsweise aus den Ganglienzellen 
hervorgehen lassen. Es müsste sogar das grösste Staunen erregen, 
wenn bei einer schweren Entzündung des Ganglion Gasseri 
oder bei Entartung der Quintus würz ein, l ) wie selbe als Grund- 
leiden des Zoster ophthalmicus nachgewiesen wurden, derlei 
Symptome immer fehlen sollten; ja man darf sich billig darob 
verwundern, dass erst Homer 2 ) auf die beträchtliche Wärme- 
erhöhung und Don der 's 3 ) auf die vermehrte Seh weis sab son- 
derung im Verzweigungsgebiete des ersten Trigeminusastes bei 
Bestand eines Gürtelausschlages aufmerksam geworden sind. Es 
lässt sich nämlich kaum denken, dass die sympathischen Fasern 
den Erkrankungsherd ganz unbehelligt durchlaufen können. 



*) Weidner, Berliner klinische Wochenschrift, 1871, S. 27. 
'-) Homer, Klinische Monatsblätter, 1871, S. 322. 
3 ) Donders, ibid., S. 334. 



94 Oculistische Namen ; CoDJunctivale Formen der Keratitis. 

Es bedarf aber gar nicht materieller Veränderungen , also 
einer unmittelbaren Tlieilnalnne der sympathischen Fasern an 
entzündlichen und anderen pathologischen Vorgängen , welche sich 
innerhalb des Stammes, Astes oder Ganglion eines Gefühlsnerven 
abspielen, um im Verzweigungsgebiete des Letzteren und selbst 
darüb er hinaus G e f ä s s 1 ä h m u n g e n mit allen ihren Folgen in' s 
Dasein zu rufen. Jedwede kräftige Reiz e in Wirkung, gleich- 
viel welcher Art sie sei, genügt dazu. l ) In Anbetracht der Wichtig- 
keit, welche diese Verhältnisse für den vorliegenden Gegenstand 
haben, erlaube ich mir die Zusammenstellung der Ergebnisse von 
Versuchen mit Hautreizen aus meinem Lehrbuche 2 ) wörtlich zu 
wiederholen: Hautreize ziehen primär eine Verengerung der 
kleinen Körpergefässe mit Temperaturerniedrigung sowie mit 
Vergrösserung der Zahl und Energie der Herzschläge nach sich. 
Die Gefässcontraction hält auch nach Beseitigung der Ursache 
noch eine Zeit an, um schliesslich einer geringen Erweiterung- 
Platz zu machen, wenn der Hautreiz ein relativ schwacher war. 
Die Gefassverengerung geht dagegen im Verzweigungsgebiete des 
gereizten Gefühlsnerven und in dessen Nachbarschaft sehr rasch 
und fast unmittelbar in starke Erweiterung über, während sie 
in entfernteren Organen andauert, wenn der Hautreiz ein 
relativ starker war. Der Grad der effectiven Reizung hängt 
nicht blos von der absoluten Stärke des Eingriffes, sondern auch 
von der jeweiligen Irritabilität des Körpers ab, so dass ein 
und derselbe Reiz bei verschiedenen Individuen und bei demselben 
Individuum unter verschiedenen Umständen ganz entgegengesetzte 
Reizzustände veranlassen, also einmal Gefäss Verengerung mit 
Erniedrigung der Temperatur, das andere Mal Gefässerweiterung 
mit anfänglicher Steigerung der Wärme, weiterhin aber Verlang- 
samung des Blutstromes, passive Hyperämien mit davon abhängiger 



») Foster, Lehrbuch der Physiologie. Heidelberg, 1881. 8. 1G9, 18G, 
189 u. f. 

2) Stell wag, Lehrbuch, 1870, S. 12. 



Herpes ciliaris und seine Beziehtingen zum Zoster; Vasomotorische Störungen. 95 

Wärmeverminderung begründen und solchermassen die Neigung zu 
Oedem, zu entzündlichen Ausschwitzungen mit allen deren Folgen 
steigern oder erzeugen kann. 

Ganz im Einklänge damit pflegt sich beim Zoster die Re- 
flexwirkung des im heftigsten Reizzustande befindlichen Gefühls- 
nerven auf das zugehörige vasomotorische Gebiet längs des 
ganzen Verlaufes des kranken Stammes oder Astes zu offen- 
baren. Der anatomischen Richtung desselben strenge folgend ist 
ein mehr oder weniger breiter Hautstreifen, welcher sich baumartig 
verzweigt und an der Spitze seiner Zweige die einzelnen Gruppen 
der Bläschenknoten trägt, entzündlich geröthet, sammt dem sub- 
cutanen Gewebe mächtig angeschwollen und heiss. Beim Herpes 
ciliaris, wo es sich blos um die analoge Erkrankung eines ein- 
zelnen oder mehrerer peripherer Endäste handelt , äussert sich 
die gleich werthige vasomotorische Störung in der entzünd- 
lichen Röthung und Schwellung eines band- oder fächerförmigen 
Theiles der Bindehaut und der unterliegenden Episclera, welcher 
entsprechend dem Zuge der Ciliarnerven genau in mcridionaler 
Richtung streicht. Ist der Knoten entfernt vom Rande auf der 
Hornhaut gelegen, so endet das eingespritzte Gefässbündel am 
Limb us, doch häutig trübt sich bald der entsprechende Seetor der 
Cornea durch Ablagerung einer Rundzellenschichte zwischen dem 
Epithel und dem Bowmann'schen Stratum, bildet zahlreiche blut- 
führende Gefässräume, welche mit dem eingespritzten conjunc- 
tivalen und episcleralen Adernetze in unmittelbarer Verbindung 
stehen, und lässt so das Gefässbündel bis an den Knoten heran- 
treten. Dass bei einer Mehrheit von gleichzeitig bestehenden 
oder sich vorbereitenden herpetischen Bläschenknoten die zuge- 
hörigen Gefässbündel zusammeniliessen und so das charakteri- 
stische Bild verwischen können, bedarf keiner weiteren Erörterung. 

Die tiefe Rbthung, die mächtige Schwellung und die Wärme- 
zunahme, welche beim Zoster längs des Zuges des erkrankten 
Gefühlsnerven und als Umrahmung der einzelnen Efflorescenzen- 
gruppen beobachtet werden, sind selbstverständlich der Ausdruck einer 



96 Oculistische Namen; Conjunctivale Formen der Keratitis. 

heftigen Entzündung, welche sich in den betreffenden Theilen 
der Haut und des unterlagernden lockeren Bindegewebes auf Grund- 
lage der reflectorischen Gefässparalyse entwickelt hat. Beim 
Herpes frontalis und nasociliaris, wo der erkrankte Quintus- 
ast eine grosse Strecke seines Verlaufes in der Tiefe der Augen- 
höhle verborgen ist, macht sich die von diesem intraorbitalen 
Nervenstücke ausgehende vasomotorische Störung durch entzünd- 
liche Schwellung des lockeren Orbitalge füges, der Bindehaut 
und Lider geltend. Häufig und zwar besonders bei Ergriffensein 
des nasociliaren Astes, welcher dem Augapfel näher liegt und 
die sensitive Wurzel für das Ganglion ophthalmicum abgiebt, pflanzt 
sich die Reflexwirkung auf das uveale Gebiet fort, der Bulbus 
selbst wird unter den Erscheinungen einer Keratoiritis, Iridozyklitis, 
Iridochorioiditis , ja einer eitrigen Panophthalmitis in den Process 
einbezogen. Andererseits greift die Neuritis vom Nasociliaris auch 
gerne auf das Ganglion ophthalmicum und auf die Ciliar- 
nerven über. Gemeiniglich wird dann der Augapfel selbst ein 
Boden für herpetische Eruptionen. Diese treten einzeln oder gruppig 
gehäuft auf der Hornhaut oder dem vordersten Dritttheile der Binde- 
haut hervor; sie können rasch abheilen, aber auch in verheerende 
Geschwüre übergehen und die Cornea gänzlich zerstören, ') während 
auf reflectorischem Wege von dem entzündeten ciliaren Gefühls- 
nerven aus gar nicht selten gleichfalls Iritis, Iridozyklitis u. s. w. 
angeregt werden. 

Beim Herpes ciliaris, wo der entzündliche Reizzustand des 
peripheren Nervenfadens wahrscheinlich nicht über das intracho- 
rioidale Gangliengebiet hinausreicht, beschränken sich oftmals 
auch die vasomotorischen Reflexwirkungen auf die nächste Nach- 
barschaft des ursprünglich ergriffenen sensitiven Nervenrohres 
und kommen unter der Gestalt des erwähnten bandförmigen Ent- 
zündungsstreifens zum Ausdrucke, welcher sich an die Efflorescenz 



!) Hirschfeld, Arch. f. Augenheilkunde VIII., S. 16G; Pacton, ibid., 
S. 168. 



Herpes ciliaris und seine Beziehungen /.um Zoster; seenndäre Zustände. 97 

anschliessend in meridionaler Richtung durch das Bindehautblatt 
der Hornhaut, durch die Conjunctiva und unterlagernde Episclera 
hinzieht. 

Je stärker der entzündliche Reizzustand aber wird, um so 
weiter greift die vasomotorische Störung. Oftmals sieht man 
grosse Bogentheile des pericornealen Gcfüges entzündlich 
geröthet und geschwellt. Ueherdies wird, besonders wenn der ent- 
zündliche Reizzustand wegen öfterer Recidiven des Herpes ciliaris 
längere Zeit sich hinausspinnt, die Gefässparalysc gerne über die 
gesammte Bindehaut ausgebreitet, es bilden sich mehr weniger 
starke Katarrhe aus, welche zur Hyperplasie (Trachom) führen 
und entschieden blennorrhoischen Charakter annehmen können 
(Blennorrhoea scrophulosa Klein'). 

Häufig geschieht es bei so heftigen Reizzuständen auch, dass 
die Hornhaut in der nächsten Umgebung des Bläschenknotens 
eitrig infiltrirt und der vordere Theil der Gefässhaut in den 
Process verwickelt wird, Keratoiritis, Iridokyklitis u. s. w, zum 
Vorscheine kömmt. Endlich werden bei längerer Dauer des patho- 
logischen Vorganges die vasomotorischen Reflexwirkungen auch in 
den umliegenden Lymphge flechten offenbar, es schwellen die 
Nacken- und Unterkieferdrüsen an und können unter ungün- 
stigen Verhältnissen ganz ausserordentliche Grössen erreichen. 

Die entzündlichen Anschwellungen der Sohn cid ersehen 
Haut, der Nasenflügel und Lippen sowie die ekzematösen 
Ge Sichtsausschläge, welche sich im Verlaufe des Herpcs cilia- 
ris so gerne ausbilden, sind nur mehr mittelbare Folgen. Sie 
gehören eigentlich dem Symptomcomplexe »Lichtscheu« an, 
welcher überhaupt an Reizzustände des vordersten sub epithe- 
lialen Geflechtes ciliarer Gefühlsnerven gebunden ist. Ihre 
nächste Veranlassung ist nämlich die Ueberfluthung der Nasen- 
schleimhaut und der genannten Gesichtstheile mit den im Ueber- 
masse abgesonderten sehr salzhaltigen Thränen. Verminderung der 



] ) Klein, Oesterreichische Jahrbücher für Pädiatrik, 1876, 1, S. 71. 

Stellwag, Abhandlungen. 7 



98 Oeulistisehe Namen; Conjunctivale Formen der Keratitis. 

Thränensecretion durch einen öfters gewechselten gut anliegende^ 
Schutzverband, sorgliche Reinhaltung und Schätzung der mehr aus- 
gesetzten Tlieile der Gesichtshaut durch mit Fett bestrichene Leinen* 
flecke können ihre Entwicklung daher auch leicht verhindern und 
sie, wo sie bereits gegeben sind, zur Heilung bringen; 

Alles in Allem stellt sich der Herpes eiliaris als ein 
rein örtliches Leiden dar, das von einein sensitiven End- 
zweige des Ciliarnervensy stein s ausgeht und hei jedem 
Mensehen in jeder Altersperiode durch Reize der mannigfaltigste^ 
Art angelacht werden kann. Das Moment der örtlichen oder 
allgemeinen Schwäche und Widerstandsunfähigkeit (S. 52) 
wird aber bei ihm insoferne von unverhältnissniässig grosser ätio- 
logischer Bedeutung, als es in Anbetracht der wenig geschützten 
Lage des vordersten ciliaren Nervengeflechtes die geringfügigsten 
äusseren Reizeinwirkungen ausreichend macht, um das herpetische 
Grundleiden, die periphere Neuritis, auszulösen, den Process durch 
fortgesetzte Nachschübe in die Länge zu ziehen und die vaso- 
motorischen Reflexwirkungen in Stärke und Ausdehnung weii 
über das entsprechende Maass zu steigern. Kräftigung und Abhärtung 
des Körpers ist daher dort, wo eine solche Schwäche sich kund- 
giebt, eine hochwichtige Aufgabe der Therapie. 

Die zweite Form der conjuncti valen Keratitis, die Kera- 
titis vascularis oder superficialis, kennzeichnet sich durch eine 
unter mehr oder weniger lebhafter Gefässeinspritzung und entzünd- 
licher Schwellung des pericornealen Gefliges zu Stande kommende 
Ablagerung einer Rundzellenschichte zwischen der Bowmann'schen 
Membran und dem Epithel, welches in Folge dessen emporgehoben 
und zum Theile auch abgestössen wird, daher die Oberfläche der 
Hornhaut im Bereiche der erkrankten Stelle rauh und Sülzig ge- 
trübt erscheint. In dem neugebildeten Zellenlager bilden sich als- 
bald Oefäss räume, welche von dem Kandschliiiii'cnnetze aus mit 
Blut gefüllt werden und den Anschein geben, als ob sich das Ader- 
netz von der Bindehaut und Episclera auf den Krankheitsherd der 



Keratitis vascnlaris; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider 99 

Hornhaut fortgesetzt hätte. Es sind diese Geiassräume aber wan- 
dungslos und gleich der sie bergenden Pundzellenschichte über 
aus flüchtig, sie können bei Tilgung der Ursache des Entzündung^ 
proeesses in kürzester Zeit Föllig verschwinden. Beim Fortwirken 
des ursächlichen Momentes aber beginnen sie bald sieli höher zu 
gestalten, die Rundzellenschichte gewinnt den Charakter eines 
Oranulationsstratuius, in welchem die neugebildeten Gefasse 
sieb rasch mit Wandungen umspinnen, während das hyperplastische 
Grundgeflige in fortschreitender Entwicklung an der Oberfläche 
zu Epithel, in den tieferen Lagen aber zu Bindegewebe um- 
gestaltet wird , um weiterbin unter zunehmender Verdichtung zu 
einem selmenäbnbchen gefässarmen Narbenstratum zusammen- 
zuschrumpfen. Es wiederholt sieb darin ganz geinau derselbe Vor- 
gang, welchen man an entzündeten Wundflächen der Haut u. s. w. 
so häufig als Fleischwärzchen- und Narbenbildung beobachtet. 
Auf der Hornhautoberfläche führt er den Namen Pannus, und 
falls die massenvermehrende Entzündung noch fortdauert, 
Keratitis pannosa und Pannus inflaminatorius, im Stadium 
der Verödung aber Fleck, macula. 

Es kömmt die Keratitis vascnlaris kaum jemals selbstständig 
vor. Oftmals ist sie eine Begleiterin dor uvealen oder selc- 
ralen Formen der Hornhautentzündung, namentlich der späteren 
Verlaufsstadien. Gemeiniglich aber tritt sie als Theilerseheinung 
herpetischer Processe und besonders der hypertrophirenden 
Formen der Bindehautentzündung auf. 



Im Bereiche dov Bindehaut und Lider tritt die Diffu- 
sious Fähigkeit krankhafter Processe womöglich noch deutlicher 
hervor, als auf dem uvealen Gebiete und findet in den genetischen 
Verhärtnissen (S. 10), in dem innigen Zusammenhange der mor- 
phologischen Bestandteile (S. 14), sowie in der Vertheilung der 
(belasse ihre natürliche Erklärung. 



100 Oeulistische Namen; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

Die Bindehautgefässe sondern sich in vordere und in 
hintere. Die erstereil versorgen das vordere Dritttheil dei 
Conjunctiva bulbi und stehen unter der Herrschaft ciliarer Aeste 
des Synipathicus. Die arteriellen Zweige derselben gehen gleich 
den vorderen kurzen Ciliarschlagadern ; mit welchen sie vielfach 
anastomosiren, aus den Muskelästen hervor. Die hinteren Binde- 
hautgefasse speisen die hintere Zone der Conjunctiva bulbi, den 
Uebergangstheil und die Tarsalportion. Die arteriellen Zweige 
derselben stammen aus den Gefassen der Lider und derThränen* 
drüse, bekommen jedoch auch Zuwachs aus der Arteria angularis, 
temporalis und infraorbitalis. Die Venen gehen grösstenteils in 
die Vena angularis und in die Schläfeblutadern ober, stehen aber 
auch mit den Orbitalvenen in Verbindung. 

Die Lidschlagadern sind Zweige der Arteria Ophthalmien, 
hängen jedoch durch zahlreiche Aestchen mit den Adergeflechten 
der Umgebung zusammen. Sie treten als Arteria palpebralis 
interna et externa an die Augendeckel heran und bilden auf 
der vorderen Knorpelfläche je zwei mehr oder weniger vollstän- 
dige , in der Wiukelgegend durch stärkere Stämmchen vereinigte 
Bögen, von denen der eine näher dem convexen Knorpelrande, 
der andere näher dem Lidrande gelegen ist. Von jedem Arcus 
tarseus geht nach den Untersuchungen C. Langer's ! ) eine grosse 
Anzahl von Aesten ab, die auf der vorderen Knorpelfläche sich 
vertheilen. Zahlreiche Abzweigungen derselben dringen in den 
Lidknorpel ein und umspinnen, in netzartige Geflechte aufgelöst, 
korbähnlich die einzelneu Drüsen. Jede Drüse erhält auf diese 
Weise ein ziemlich abgeschlossenes Gefässsystem , das nur an den 
gröberen Stämmchen mit jenem der Nachbardrüse in Zusammenhang 
steht. Andere Aeste des dem convexen Knorpelrande näheren 
GefässbQgens durchbohren die Fascia tarsoorbitalis , verbinden 
sich mit den von den Muskelschlagadern abgesendeten Zweigen 
und vertheilen sich, stetig dem Lidrande zustrebend, in der Con- 



») C. Langer, Wiener medicinische Jahrbücher, 1878, S. 329, 332 u. 



Gefässe dei* Bindehaut und Lider; der entzündliche Process in der Bindehaut. 101 

junetiva palpebralis. In gleicher Weise löst sich auch von dem 
»nderen Arcus tarseus eine Reihe von zarten Aesten ab. Ein 
Theil derselben versorgt die prätarsalen Gebilde, die Muskeln, 
die Lidhaut, die Wimpernbalge und die sie begleitenden Drüsen etc., 
während der andere Theil das lockere Randgewebe des Lidknorpels 
durchbohrt und sich in der Conjunctiva tarsalis verzweigt, den 
von oben, beziehungsweise unten, kommenden Gelassen entgegen- 
laufend. Nur sehr spärliche feine (leiasschen gehen von den Binde- 
hautgeflechten durch die innere Knorpelschichte zu den Drüsen; 
im Ganzen schliesst dieser im Bereiche seiner dem Convexrande 
näheren zwei Drittheile das (iefässsystem der Bindehaut von dem 
der prätarsalen Gebilde ziemlich strenge ab. Die Venen sind an 
Caliber und Zahl weitaus überwiegend. Wo sie die Arterien be- 
gleiten, findet man sie immer einzeln, nie zu zweien. 

Auf die Bindehautentzündungen näher eingehend will 
ich nur kurz bemerken, dass die wesentlichen Grundzttge des 
entzündlichen Processes immer die gleichen bleiben, es möge der- 
selbe sich in der Oonjunctiva oder in einem andern Organe ab- 
spielen. In Folge der Einwirkung eines von Aussen oder von einem 
nachbarlichen Krankheitsherde kommenden Reizes wird in einem 
grösseren oder kleineren Abschnitte dvv Bindehaut fTcfässparalysc 
mit vermehrter Filtration und mit massenhafter Auswan- 
dern n g weisse r B 1 u tk ö* rp e r c h e n, vielleicht auch mit W u ch c r u n g 
der fixen Bindegewebszellcn, eingeleitet. Auf einem senkrechten 
Durchschnitte der mehr oder weniger stark gerötheten und ent- 
zündlich gesehwellten Conjunctiva erscheinen Züge von Rund- 
zellen, welche der Getassvcrtheilung folgend in den tieferen 
Lagen weite Maschennetze bilden, nach vorne hin aber immer 
dichter zusammentreten. Nahe der Oberfläche zeigt sich das Ge- 
füge ganz gleichmässig durchsetzt und von einer dicht unter dem 
Epithel gelegenen Schichte an einander gedrängter Rundzellen 
überkleidet. Fs wird diese oberflächliche »Granulationsschichte« 
fortwährend durchschwitzt von einer mit der Heftigkeit des ent- 
zündlichen Vorganges wachsenden Menge eines anfangs wasser- 



102 Oculistische Namen ; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

klaren faserstoffhaltigen Filtfates, welches die oberflächlichsten 
Zellenlagen lockert, zur Äbstossung bringt und den reichlicher 
öiessenden Thräncn beimischt. Die solcliermassen frei werdenden 
Zellen sind im ersten Beginne des Leidens Theilc des vorhan- 
denen Epithels; rasch aber folgen die vordersten Lagen der 
stetig sieh fortbildenden Granulationsschichte nach, es löst sich ein 
Stratum nach dem andern ab und bildet in Vereinigung mit dem 
Transsudate das »entzündliche Secret«, während immer wieder 
neue Zellenlagen an seine Stelle rücken. 

Das entzündliche Seeret gestaltet sieh je nach dem Lnt- 
wickelungsgrade des krankhaften Processen ausserordentlich ver- 
schieden. Halt sich der Letztere innerhalb der Grenzen der 
Massigkeit, so entfernt es sieh nur wenig- von den normalen 
Absonderungen der Schleimhaut; es ist ein fadenziehender, flockig 
geballter, von jungen Lpitlielzellen, von Schleim- und Eiterkörperchen 
in wechselnder .Menge durchmischter und darum mehr oder weniger 
trüber Schleim (katarrhalisches Produet). Bei steigender 
Midie des Processes wird das Secret massenhaft und erscheint 
als eine düunschleimige flockige Flüssigkeit, welche von einer Un- 
zahl in Zerfall begriffener and fortgeschrittener zelliger Elemente, 
von Schleim- und Eiterkörperchen, von freien Kernen und Detritus 
eiterähnlich gefärbt ist (blennorrboisches Produet). Hei noch 
höheren Lntwickelungsgradcn gewinnt das in überreicher Menge 
gelieferte Secret ganz das Aussehen eines rahmartigen oder 
dünnflüssigen molkenartigen Liters und setzt sich aus einem 
serösen, mit faserstoffigen Gerinnseln durchmischten Menstruum 
und aus dem Zerfalle kurzlebiger Zellen, aus freien Kernen und 
Detritus mit noch erhaltenen Eiterkörperchen zusammen tpyorrüoi- 
s eh es Produet). 

In einzelnen Lallen ist das an die freie Oberfläche durch- 
schwitzende serumähnliche Filtrat ausserge wohnlich faserstoff reich 
und kittet, indem es rasch gerinnt, die neugebildeten oberfläch- 
lichen Zellenlagen zu einer festen derben hautähnlichen Masse 
zusammen. Es überkleiden diese membranösen Auflagerungen 






Katarrhalisches, blennorrhoisches, croupösee Product ; Ansteckung. 103 

nur selten grosse Abschnitte oder die ganze Bindehaut und 
erreichen dann bisweilen eine ganz beträchtliche Dicke. Meistens 
erscheinen sie, während die übrige entzündete Bindehaut l)los 
eitriges Product absetzt, blos fleckweise an Stellen, welche vor- 
dem gleichfalls Schleim «»der Kiter geliefert -haben. Sie bestehen 
aus einem anregelmässigen Netzwerke mit eingeschalteten Eiter- 
körperchen, freien Kernen und Detritus, bisweilen auch rothen 
Blutkörperchen. Sie hängen durch flockenartige in die Tiefe drin- 
gende Fortsätze mit dem infiltrirten Gefttge der Bindehaut fest 
zusammen. In Fällen höchstgradiger Entwickelung greift das 
gerinnende Transsudat wohl auch durch die ganze Dicke 
der chemotisch angeschwollenen Bindehaut und Lider, lüsst die- 
selben brettähnlich hart und blutarm erscheinen und führt durch 
Beschränkung (U^ Kreislaufes gar nicht selten zu theilweisem 
Absterben der entzündeten (Jewebe (croupöses Product). 

Man hat auf Grund dieser Verschiedenheiten eine praktisch 
ganz brauchbare Eintheilung der Bindehautentzündungen gebaut. 
Es lässt sich gegen dieselbe auch von wissenschaftlich ein 
Standpunkte nichts einwenden, wenn man unter Katarrh, Blen- 
norrhoe, Pyorrhoe, Croup nichts Anderes als Abarten und 
beziehungsweise aufsteigende Höhengrade eines und des 
selben krankhaften Vorganges versteht. Gegen eine wesent- 
liche Verschiedenheit der genannten Syndesmitisformen spricht 
nämlich zu laut die liberwiegende Häufigkeit von Uebergängen 
und Mischfprmen, das sehr gewöhnliche Auf- und Abwärts- 
gleiten des Processes auf jener Höhenstufenleiter in einem und 
demselben Falle und endlich der Umstand, dass die gleiche Ur- 
sache in verschiedenen Fällen je nach der vorhandenen Keiz- 
empfänglichkeit bald diesen bald jenen Entwickelungsgrad der 
Entzündung im Gefolge haben kann. 

Unter diesen Ursachen kömmt besonders die Uebertragung 
von Ansteckungsstoffen auf die Oonjunctiva in Betracht, daher 
denn auch allseitig von gonnorrhoischen und diphtherischen 
Formen der Bindehautentzündung gesprochen wird. 



104 Oculistische Namen ; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

»Für eine Uebertragbarkeit des (blennorrhoischen) Ansteckungs- 
»stoffes durch die Luft lassen sich durchaus keine schlagenden Gründe 
»vorbringen und man hat alle Ursache, an der Richtigkeit dieser Hypothese 
»zu zweifeln. Allerdings will man jüngst in der Atmosphäre von Augen- 
»krankenslilen Epithelzellcn gefunden haben (Frank, Eisclt) und directe 
»Versuche (Mars ton) deuten darauf hin, dass ein starker Luftstrom, welcher 
»über einen mit frischem Eiter getränkten Lappen getrieben wird, Eiter- 
»körperchen mit sich zu reissen vermöge. Allein von diesen Erfahrungen, 
»auch wenn sie ganz richtig sind, bis zum Nachweise einer durch die 
»Luft vermittelten Ansteckung ist ein weiter Weg, besonders wenn man die 
»Experimente berücksichtigt, welche mit verdünntem und vertrockneten Eiter 
angestellt worden sind (Tiringer). Immerhin liegt darin eine Aufforderung 
»zur grössten Vorsicht, und man wird wohl thun, stets so zu verfahren, 
»als wäre die Ansteckung durch die Luft eine vollendete Thatsache.« 

Mit diesen Worten habe ich in meinem Lehrbuche ') mich über die 
Uebertragbarkeit des blennorrhoischen Ansteckungsstoffes durch die Luft 
ausgesprochen und weiterhin mit Bezug auf das Trachom gesagt: »Eine 
»Ansteckung durch die Luft als die Trägerin dunstföriniger feinvertheilter 
»Partikelchen des ansteckenden Secretes ist zwar nicht unmöglich, allein sie 
»ist auch nicht erwiesen, ja nicht einmal genug wahrscheinlich gemacht 
worden.« 

Arlt 2 ) giebt diese Sätze in folgender Weise wieder: »Wenn Stell wag 
»auf pag. 457 die Ansteckung in Distanz bestreitet, so hat er auf pag. 429 
»bereits gesagt, man werde wohl thun, stets so zu verfahren, als wäre die 
»Ansteckung durch die Luft eine vollendete Thatsache.« — Ich habe nichts 
hinzuzufügen. 

Was die Diphtheritis conjunctivae anbelangt, so ist es 
bei dem gegenwärtigen Stande der Diplitheritislehre 3 ) nicht leicht, 
sieli ein ganz bestimmtes Urtheil Über das eigentliche Wesen des 
Processes zu bilden. Man kann es nur als höchst wahrschein- 
lich hinstellen , dass es sich um eine Mykose handle, dass die 
Einwanderung gewisser speeifischer, sieb rasch vermehrender Pilz- 
arten in das Gewehe der Bindehaut den eigentümlichen Process 
anrege und unterhalte, welcher sich seiner äusseren Erscheinung 



i) Stell wag, Lehrbuch, 1870, S. 429, 457. 

2 ) Arlt, Klinische Darstellung. Wien, 1881. S. 44. 

3 ) ühle und Wagner, Ilandltuch der allgemeinen Pathologie. Leipzig, 
1876. S. 308 u. f. 



Diphtheritis conjunctivae; Erscheinungsform. 105 

nach den croupösen Formen der Syndesmitis sehr nähert oder völlig: 
mit ihnen übereinstimmt. 

Ks wäre nach diesen Voraussetzungen die Diphtheritis con- 
junetivae als eine besondere ätiologische (mykotische) Art des 
Croup aufzufassen ; sie stände zu dem Letzteren in demselben Ver- 
hältnisse; wie die bei Blattern ; Masern und Scharlach so häufig 
Torkommenden katarrhalischen und blennorrhoischen Bindehauter- 
krankungen zu (Wn genannten acuten Exanthemen; oder wie gewisse 
Blennorrhoen zur Gonorrhoe. 

Der diphtheritis che Process erstreckt sieh gleich dem 
Croup nur ausnahmsweise über die gesammte Bindehaut; bildet 
vielmehr in der Regel Mos einzelne kleinere oder grössere Herde, 
die ihren Standort mit Vorliebe auf der Conjunctiva palpebrarum, 
seltener auf dem Uebergangstheile wählen. Die übrige Binde- 
haut ist in manchen Fällen blos leicht geröthet; gelockert und 
schlaff; meistens aber tief geröthet; stark geschwollen prall heiss, 
überaus schmerzhaft und von einem mein* oder weniger reichlichen 
katarrhalischen; blennorrhoischen oder pyorrhoischen Producte iiber- 
fluthet. Die diphtherischen Herde kennzeichnen sich durch eine 
undurchsichtige mattgrauweisse speckige Gewebs i n f i 1 1 r a t i o n, 
welche sich durch die ganze Dicke der ergriffenen Bindehaut 
portioB; häufig durch die ganze Dicke des Lides erstreckt und 
dieses dann brettähnlich hart und prall erscheinen lässt. Sie werden 
oftmals von den angrenzenden stark geschwellten Conjunctival- 
theilen überragt und stellen sich dann als Ein Senkungen dar. 
In vielen Fällen findet sich an ihrer Oberfläche eine an Mächtig- 
keit wechselnde derbe festhaftende croupartige Membran ; in 
anderen Fällen blos ein graulicher schmieriger fetziger oder 
flockiger Belag. Im weiteren Verlaufe des Leidens stossen sich 
die infiltrirten Gewebe sammt der etwaigen hautähnlichen Decke 
auf grössere oder geringere Tiefe brandig ab und hinterlassen wunde 
oder geschwürige Substanzlücken, die später narbig verheilen. ') 



*) Pflüger, Bericht der Bemer Augenklinik, 1877, S. 22-, Kirsch- 
baum er, Jahresbericht der Salzburger Augenheilanstalt, 1878, S. 23-, 



10b Oculistische Namen; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

Gewöhnlich treten die diphtherischen Herde auf, kurz nach- 
dem die Theile durch Röthung, Schwellung, auffallende Wärme- 
entwickelung und Schmerzhaftigkeit ihre Erkrankung geoffenbart 



haben. Oftmals gehen aber auch längere Zeit katarrhalische oder 
blennorrhoische Zustände voraus und, da diese fortzudauern pflegen, 
nachdem das diphtherische Infiltrat sich bereits abgestossen hat, 
erscheint die Diphtheritis wie eine Episode im Verlaute einer 
Blennorrhoe, eines Katarrhes, oder als Mi seh form. 

Die grosse Aehnlichkeit der Krankheitsbilder macht es im 
Einzelnfalle oft schwierig, die Diphtheritis und den Croup aus- 
einander zu halten. Mit einiger Sicherheit kann dies meistens nur 
dann geschehen, wenn das Walten einer Epidemie oder Endemie, 
das Voraus- und Nebenhergehen gleichwertiger Processe im 
Bereiche des Rachens, des Kehlkopfes, der Luftröhre, des weichen 
Gaumens, der Wangen, Lippen , Nasenflügel, Lidränder u. s. w. 
mit dem der Diphtheritis zukommenden schweren und gewöhnlich 
fieberhaften Allgemeinleiden, mit rasch auftretenden Drüsen- 
anschwellungen etc. das infectiösc Moment« stark in den 
Vordergrund drängen. 

Die mikroskopische Untersuchung des Infiltrates und Be- 
lages, auch wenn sie in der Praxis immer thttnlich wäre, vermag 
bisher an und t"\\r sich ebenso wenig, wie das örtliche krankheits- 
bild, das Wesen des Leidens im Einzelnfalle mit Sicherheit fest- 
zustellen. Es gehen nämlich die Ansichten über die charakteri- 
stischen Merkmale des diphtheritisehen Produktes noch seht 
auseinander und das Vorhandensein von Pilzen überhaupt ist nicht 
massgebend, da mancherlei solche Organismen auch im Epithel 
normaler und im Belage anderweitig erkrankter Sehleim- 
häute, bei Katarrh, Blennorrhoe, Trachom, gefunden werden. Viel- 
leicht geben die jüngsten Arbeiten von Klebs, 1 ) welcher einen 



Jacob söhn, Mittheilungen aus der Königsberger Augenklinik. Berlin, 1880. 
S. 226. 

l ) Kleb«, Aren. f. experim. Path. und Pharm. IV., S. -21. 



Diphtheritis conjunctivae; Verhältniss zum Croup. 107 

für die Diphtherie charakteristischen Pilz (Microsporon 
diphtheriticum) beschreibt, der Sache eine andere Wendung. 

Mittlerweile kann man nicht einmal mit Bestimmtheit sagen; 
dass das diphtherische Product wirklieh immer mit dem 
croupösen übereinstimme. Nur so viel steht fest, dass das croupöse 
Product häufig nicht diphtheritiseh sei, dass es dann des weit 
ausgreifendes Contagiums enthehre und, wo es eine entschiedene 
Ansteckungsfahigkeit bekundet, immer wieder nur den öroup, eine 
Blennorrhoe, das Trachom u. s. w., also eine rein locale Schleim- 
hautentzündung, nicht aber die Diphtheritis in's Leben zu rufen 
vermöge. 

Es ist übrigens eine experimentel erwiesene Thatsache, dass 
der Croup des Kehlkopfes und der Luftröhre lediglich durch 
äussere Reizeinwirkungen, durch mechanische und chemische 
Eingriffe, veranlasst werden könne, und die Erfahrung liefert genü- 
gende Gründe, um Aehnliches auch vom Croup der Bindehaut 
vorauszusetzen. Alan wird sogar kaum fehlgehen, wenn man 
gewissen Epidemien von sogenannter Diphtheritis conjunctivae, 
welche durch ihre schauerlichen Verwüstungen in der oculistischen 
Literatur eine so traurige Berühmtheit erlangt haben, einen rein 
croupösen Charakter zuspricht und dieselben auf das unsinnig 
starke Aelzen zurückführt, welches vor Jahren bei der Ophthalmia 
neonatorum gebräuchlich war.') Ks spricht der Umstand für eine 
solche künstliche Erzeugung, dass derlei Epidemien nirgends 
mehr vorgekommen sind, seitdem die angeschuldigte Behandlungs- 
weise aufgelassen wurde. 

Jedwede Bindehautentzündung hebt mit einem mehr oder 
weniger heftigen Reizzustande an und erklimmt unter Zunahme 
desselben eine gewisse Höhe. Von da ab vermindert sich die 
Röthung, die Wärmeentwickelung sinkt, die Schwellung und Span- 



') Stell wag, Wiener Jahrbücher für Kinderheilkunde IL, 8. Il'O; 
111., S. M. 



108 Oculistische Namen ; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

nung der Theile weicht einer gewissen Erschlaffung; etwa vor- 
handene croupöse oder diphtheritische Belege und Infiltrate stossen 
sieh ab; die krankhaften Absonderungen hingegen steigern 
sieh eher und gewinnen meistens einen mehr schleimig-eitrigen 
oder eitrigen Charakter. Es scheint, als ob mit dem Fallen des 
entzündlichen Reizzustandes die entzündlichen Infiltrate grossen 
Theiles rasch der Aufsaugung anheim fielen, die paralytischen 
(iel'iisse aber und die contraetilen Elemente des stark aus- 
gedehnt gewesenen Gefüges nicht mit der entsprechenden Schnellig- 
keit auf die natürlichen Maasse zurückgeführt werden könnten, 
also eine Zeit lang in einein Zustande von Welkheit, Schlaff- 
heit verharrten und solchermassen wegen Verkleinerung der Wider- 
stände die Auswanderung farbloser Blutkörperchen und das Vor- 
rücken derselben an die freie Oberfläche wesentlich begünstigten. 

Man unterscheidet darum fast allgemein ein entzündliches 
oder Reizstadium, in welchem ein mehr antiphlogistisches reiz- 
milderndes Verfahren am Platze ist, und ein katarrhalisches oder 
Erschlaffungsstadium, in welchem man durch adstringirende 
gerbende Mittel, welche die Theile zur Zusammenziehung bringen 
sollen, bessere Erfolge zu erzielen pflegt. 

Das katarrhalische Stadium dehnt sich oft sehr in die 
Länge. Schliesslich gehen in vielen Fällen die kranken Theile 
wieder auf ihren Normalzustand zurück, während die infiltrirten 
Massen einerseits an die Oberfläche rücken und als Sccret ab- 
gestossen werden, andererseits aber in den Kreislauf übergehen 
und verschwinden. Tu vielen Fällen jedoch schlägt ein Theil 
(\c^ entzündlichen Productes den Weg zur Höhergestaltung ein, 
setzt sieh in Bindegewebe mit reichlicher Gefässneubildung um und 
begründet so einen Zustand von Wucherung, von Hypertrophie. 

Man kann angesichts dessen auch von secretorischen 
und hypertrophirenden Formen der Bindehautentzündung 
sprechen. Doch darf man dabei nicht übersehen, dass der Katarrh, 
die Blennorrhoe und Pyorrhoe, welche ganz vorzugsweise als 
secre torische Formen gelten müssten, sehr oft schon frühzeitig 



Sccretorische und hypertrophirende Formen der Syndesmitis. 109 

mit entschiedener Wucherung des Gefügcs cinhergehen, und dass 
umgekehrt das Prototyp der hypertrophirenden Bindehautentzündung, 
das Trachom, zeitweilig so reichliche Secrete liefert, dass es von 
vielen Augenärzten geradezu als chronische Blennorrhoe be- 
sehrieben wird. So wichtig also auch die rasche Feststellung einer 
beginnenden Wucherung in prognostischer und therapeutischer 
Beziehung erscheint, als Ein theilungsg rund für die Syndesmitis 
taugt sie nicht. 

In Wirklichkeit kan n jedwede F o r m o d e r j e d w e d er 6 r a d 
der Syndesmitis zur Hypertrophie der Gewebe führen; die 
Wucherung ist nicht eine eigene besondere Krankheit, sondern 
blog ein eigener besonderer Ausgang des Entzündungsprocesses, 
welcher allerdings oft schon im ersten Beginne des Leidens deut- 
lich vorgezeichnet ist. 

Es stellt sieh demnach die Bindehautentzündung im 
Ganzen und Grossen immer wieder als ein einheitlicher 
krankhafter Vorgang dar, welcher jedoch mannigfaltiger 
Modificationen fähig ist, die im praktischen Interesse wohl 
unterschieden werden müssen, aber durch keine scharfen Grenzen 
von einander getrennt sind, sondern vielfach ineinander verfliessen 
und sich mischen. 

Was die Wucherung an sich betrifft, so ist sie ebensowenig 
eine der Conjunctiva eigenth um liehe, sondern findet sich 
allenthalben wieder, wo Schleimhäute, ja überhaupt bindegewebige 
Organe, in hypertrophirende Entzündung gerathen. Der entzünd- 
liehen Anhäufung farbloser Blutkörperchen im Gefüge und auf 
der freien Oberfläche folgt nämlich die theilweise Höherge- 
stalt ung der neoplastischcn Elemente, deren Umwandlung in 
lockeres geiassreiches Bindegewebe, beziehungsweise in Epithel, 
weiterhin Verdichtung der wuchernden Masse und als Schluss- 
phase die Schrumpfung und Verödung in eine derbe sehnen- 
ähnliche gefä ssarme Narbe. Doch begründet die verschiedene 
Anordnung der histologischen Elemente mancherlei Abweichungen 
in der äusseren Erscheinung. 



110 Octdistische Namen; Entzündung im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

So stellt sich im Bindehautblatte der Cornea (Ins Leiden 
zuerst als Keratitis vascularis dar. Weiterhin wird die ober- 
flächliche Granulationsschichte durch ihre Organisation allmälig zum 
Pannus tenuis oder crassus und kann unter Umstünden bis zur 
üppigsten Fleischwärzchenbildung gedeihen. Am Ende verdichtet 
sieh die pannose Schichte in einen ständigen, bald zarten wolken- 
ähnlich gezeichneten, bald dichten sehnen artigen Fleck, be- 
ziehungsweise in eine Lage lockeren Bindegewebes, welches 
auf einer derben fibrösen Grundschichte haftend so aussieht, als 
habe sich die Bindehaut über die Cornea hinübergeschoben. 

Im Bereiche der eigentlichen Conjunctiva wird die 
Wucherung anfanglich gerne durch das entzündliche Oedem und 
die reichlichen Secrete undeutlich gemacht der Proccss erscheint 
unter dem Bilde einer secretorischen Form der Syndesmitis, aus- 
nahmsweise als Croup. Wird aber der schleimig-eitrige Belag sorg- 
fältig entfernt, oder haben sich die croupösen Auflagerungen 
abgestossen, so kömmt alsbald die wuchernde Granulations- 
schichte zum Vorscheine und ist leicht als ein gleiclnnässig 
gerottetes, beim geringsten Eingriffe parenchymatös blutendes, 
sammtähnlich rauhes, matt spiegelndes dünnes Stratum zu erkennen, 
welches sich über die Oberfläche der durch die Hyperplasie schwamm- 
artig aufgelockerten saftreichen Bindehaut hinüberzieht. Im weiteren 
Verlaufe verblaust, die oberflächliche Granulationsschichte mehr und 
mehr, indem die äussersten Zellenlagen überwiegend verhornen, in 
ein dickes E pi t h e 1 s t r a t u m umgewandelt werden , der liest 
aber sammt dem wuchernden Bindehautgefüge sich sehnig ver- 
dichtet; es zeigen sich fleckartig ausgebreitete dünne, sehnen- 
ähnlich glänzende oberflächliche, oder tief in die Conjunctiva ein- 
dringende netzförmige, ja selbst massige strahlige Narben, 
welche die Bindehaut um ein Beträchtliches verkleinern. 

Es kann die Wucherung eine sehr üppige sein, eine 
beträchtliche Massenvermehrung des conjunetivalen Gefüges be- 
gründen und nach längerem oder kürzerem Bestände grosse Ab- 
schnitte, ja selbst die ganze Bindehaut dn- narbigen Verödung 



Der Granulationsprocess in deT Bindehaut; Trachomkörner. 

zuführen, ohne dass es jemals zur Entwickelung der dem 
Trachome eigentümlichen Rauhigkeiten käme. Gemeinig- 
lich aher findet allerdings dns Gegentheil statt, es treten im 
öebergangstheile die charakteristische!] »Trachomkörner 
/erstreut oder in lange Querreihen geordnet sein- deutlich hervor, 
während der Lidtheil der Bindehaut von zarten papillenartigen, 
oder von breit aufsitzenden, oft ganz mächtigen und Fleisch- 
wärzchen ähnlichen, aus der Tiefe hervorwachsenden »Granula- 
tionen« iiberdeckl wird. Man pflegt im ersteren Falle von einem 
hypertropliirenden Katarrhe (Blennorrhoe), im letzteren von 
Trachom zu sprechen, obgleich dvr Process seinem Wesen nach 
stets der gleiche ist. Die Körner und Granulationen lassen 
sieh nämlich nur als örtliche Anhäufungen der hyperpiasirenden 
Elemente deuten, welche mit der Gefäs*svertheilung an der 
äussersten Oberfläche der Uebergangsfalte und der Conjunctiva 
palpebrarum in näheren Zusammenhang gebracht werden müssen. 
Die Trachomkörner sind örtliche Anhäufungen von 
Lymphkörperchen mit spärlicher oder mehr weniger reichlicher 
Intercellularsubstanz in dem adenoid infiltrirten Gewebe der Binde- 
haut. Indem diese Körner die umgebenden Theile des Fachwerkes 
bei ihrem Anwachsen zur Seite drängen, entstehen oft Bilder, als 
wären sie je von einer Hülle umschlossen. Sie finden sich nicht 
selten in der uebergangsfalte sonst ganz gesunder, höchstens 
leicht eingespritzter Bindehäute and haben so die Ansicht nahe 
gelegt, dass die Trachomkörner »aus präformirten Anlagen lymph- 
follikelartiger Gebilde« hervorgehen. 1 ) Bei Wucherungspro- 
cessen der (\injnnctiva (Mitwickeln sie sich sehr oft massen hat't. 
Sie bauchen dann die überlagernde, durch reichliche (Jefassnen- 
bildung gleichmässig geröthete Granulationsschichte hervor und er- 
scheinen als kleine rundliche Hügelchen, oder bei dichterem 
Zusammenstehen als schmale rosenkranzartig gekerbte Querwttlste, 
welche mit der Umgebung ganz gleichfarbig sind. Oft führen sie 

') Baumgarten, Arch. f. Ophthalmologie XXVI., l. S. 133. 



112 Oculistische Namen ; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

ziemlich viel sulzähnliche Intercellularsubstanz, werden dadurch 
massiger und Schemen dann graugelblich durch. In einzelnen 
Fällen überwiegt geradezu eine mehr seröse flüssige Intercellular- 
substanz, sie wachsen zur Grösse von Hanf- oder Pfefferkörnern 
an, platten sich gegenseitig ab und gewinnen, indem sie die ober- 
flächliche Granulationsschichte ganz zusammendrücken , das Aus- 
sehen eines durchsichtigen Frosch- oder Fischlaiches. 

Bei den Trachomkörnern der letzteren Art war mir schon 
vor Langem eine eigentümliche Anordnung der Ge fasse auf- 
gefallen. Ich konnte an vielen derselben einen in der Axe aus 
der Tiefe emporsteigenden Gefässstamni erkennen , welcher sich 
auf dem oft deutlich genabelten Gipfel in eine Anzahl von Zweig- 
chen spaltete, die strahlenartig auseinander fahrend unter mehr- 
facher Theilung ein schütteres Maschenwerk darstellten und durch 
ihre Endreiser mit einem ähnlichen Netze auf der Oberfläche der 
Nachbarkörner in Verbindung traten. Ich habe diese sternför- 
migen Gefässwirtel dann noch öfters an congestionirten Binde- 
häuten im Bereiche der Uebergangsfalte gesehen und glaubte 
darin den nächsten Grund für die umschriebenen Ansamm- 
lungen entzündlicher Producte, als welche die Trachomkörner 
überhaupt zu gelten haben, suchen zu dürfen. ] ) 

In neuerer Zeit hat nun C. Langer 2 ) an seinen Injections- 
präparaten Beobachtungen gemacht, welche die Richtigkeit meiner 
Ansicht, wenigstens für einen Th eil der Trachomkörner, sicherzu- 
stellen scheinen. Ich lasse ihn selbst sprechen: 

»Mit Rücksicht anf die so wechselvolle Anordnung des adenoiden snb- 
»conjunctivalen Gewebes versuchte ich es auch, die Uebergänge der 
»feinsten Arterien In die Capillaren und die Bildung der daraus 
»hervorgehenden Venen wurzeln kennen zu lernen. Darüber glaube ich 
»Folgendes aussagen zu können.« 

»Bevor die Arterien in ihre Endzweige zerfallen, gehen sie im snb- 
»conjunctivalcn Gewebe zahlreiche Anastomosen ein, bilden somit einen End- 



J) Stell wag, Lehrbuch, 1861, S. 306, 811. 

2 ) C. Langer, Wiener med. Jahrbücher, 1878, S. 336. 



Der Granulationsprocess in der Bindehaut; trachom. Granulationen. 113 

»plexus, wie dies auch in anderen membranösen Gebilden, z.B. in der L)ur;i 
»mater, der Fall ist und geben dann erst die Endarterien ab. Diese lösen 
»sich nun nach und nach , nämlich durch allmälige Abgabe von Zweigchen 
»und dem entsprechende Verjüngung ihres Kalibers, in dem conjunctivalen 
»Netze auf. Die Venen würz ein aber sind kurze dicke Röhrchen, welche 
»sich durch rasches Zusammentreten der benachbarten Elemente des Netzes 
»formen, so dass jede Venenwurzel das Centrum bildet eines kleinen Bezirkes 
»des Capillarnetzes. Vereinzelt injicirte Venenwurzeln stellen daher 
»mit ihren in das Netz übergehenden Ausläufern geradezu Sternchen dar, 
»welche offenbar auch in vivo, gelegentlich eintretender Stauungen in den 
»Venen, sich innerhalb der anscheinend diffus gefärbten Umgebung bemerklich 
»machen könnten.« 

»Die von mir untersuchten Lider stammten alle von anscheinend ge- 
sunden Augen, ihre Conjunctiva tarsea war zumeist nur in einer ganz 
»dünnen Schichte mit adenoidem Gewebe infiltrirt, in einem Falle aber zeigte 
»sich schon im Bereiche des Tarsus, näher seinem oberen Rande, eine grup- 
»pirte, Körner darstellende Infiltration (ein sogenannter Papillarkörper 
»der Oculisten). Die Injection des Lides geschah durch die Venen, und da 
»zeigte sich, dass diese Körner gerade an den kurzen Venenwurzeln 
»hafteten, d. h. um sie herum abgelagert waren. Die Venenwurzel ging 
»durch das Centrum des Kernes hindurch bis an die Oberfläche, 
»wo sie die zusammenlaufenden Röhrchen des Conjuncti val- 
»netzes aufnahm. Das Netz war durch die darunter liegende Ansammlung 
»adenoider Substanz abgehoben, bildete um jedes solche Korn eine Art 
»Körbchen, doch war es nicht in sich begrenzt, indem die Röhrchen des 
»Netzes stellenweise von den Körpern der Granula weg durch die Zwischen- 
räume hindurch auf die Kuppen der benachbarten Körner hinüber traten 
»und sich daselbst wieder mit den Röhrchen des dortigen Netzes verbanden. 
»Demzufolge wäre daher mindestens die erste Bildung der körnigen In- 
»filtration an die Venen würze In geknüpft, und die entsprechenden 
»Capillaren nur abgehobene Abschnitte des conjunctivalen Oberflächen- 
»netzes. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass es beim Fortgänge des In- 
»filtrationsprocesses später auch noch zur Ausbildung eines eigenen, das 
»Gewebe als solches durchziehenden Capillarnetzes kömmt.« 

Die trachom a lösen Granulationen verdanken ihre Ent- 
stehung gleichfalls der massenhaften adenoiden Infiltration 
des Bindehaiitgewebes. Die kleinen, mit spärlichem Protoplasma 
ausgestatteten Zellen sind in ihrer ursprünglichen Gestalt häufig 
noch spät ganz deutlich neben den in der Höhergestaltung schon 
weit vorgeschrittenen oder gar bereits in regressiver Metamorphose 

St eil wag, Abhandlungen. 8 



114 Oculistische Namen; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

begriffenen Elementen nachzuweisen ') und erscheinen hier und da 
auch wohl nesterweise zusammengehäuft im Lidtheile der Binde- 
haut. Die Infiltration betrifft immer die gesammte Con- 
junctiva tarsea und das unterlagernde submucöse Gefüge. 
Doch ist der vorwiegende Gefässreichthum und die Eng- 
maschigkeit der Endnetze in dem Warzenkörper des 
betreffenden Schleimhautabschnittes einer massigeren An- 
häufung von Lymphkörperchen ganz besonders günstig 
und diese wird überdies noch gefördert durch die in Absonderungs- 
organen allenthalben stark hervortretende Neigung der Wander- 
zellen , der Oberfläche zuzustreben. Man sieht diese Warzen 
darum bei Wucherungsprocessen gewöhnlich schon sehr frühzeitig 
als sogenannte »papilläre Granulationen« über die Oberfläche 
der Lidbindehaut sich erheben. Bei zunehmender Hypertrophie ver- 
schwinden sie aber in den breit aufsitzenden, aus dem Gefüge der 
Conjunctiva hervorwachsenden, den Fleischwärzchen ganz gleich- 
werthigen »diffusen Granulationen«, welche durch netzartig 
verzweigte, bald seuchte , bald tief eindringende Rinnen gegenseitig 
getrennt erscheinen. 

Es fliesscn die dicht aneinander gedrängten Granulationen an der Ober- 
fläche oft streckenweise zusammen und stellen so sc hl auch artig geschlos- 
sene Räume dar, welche in der Tiefe netzartig mit gleichen Räumen und 
offenen Rinnen in Verbindung stehen. Iwanoff 2 ) hat diese Gebilde zuerst 
an trachomatösen Bindehäuten und gelegentlich auch in der pannösen 
Schichte auf der Hornhaut gefunden. Er erklärt sie für tubulöse Drüsen 
und deutet solchermassen darauf hin, dass es sich hier nicht um eine Neu- 
bildung, sondern um eine durch den trachomatösen Wucherungsprocess be- 
dingte Umstaltung normaler Verhältnisse handelt. 

Die tubulösen Drüsen Henle's 3 ) sind nach den Untersuchungen 
Stieda's 4 ) und Waldeyer's 5 ) nämlich nichts Anderes als »mehr oder minder 
»tief eingreifende, in mäandrischen Linien verlaufende Spalten und Furchen, 



*) E. Berlin, Klin. Monatsblätter, 1878, S. 356. 

2 ) Iwanoff, Klin. Monatsblätter, 1878, Beilage S. 12. 

3 ) He nie, Handbuch d. Eingeweidelehre. Braunschweig, 1866. IL, S. 702. 

4 ) Stieda, Arch. f. mikr. Anatomie III., S. 357. 

5 ) Waldeyer, Graefe und Sämisch, Handbuch L, S. 240. 



Der Granulationsprocess in der Bindehaut; tubul. Drüsen ; sec. sulzigee Trachom. 115 

welche netzförmig untereinander zusammenhängen und in den Netzmaschen 
rundliche, nach der Oberfläche hin abgeplattete Vorsprünge des Conjunctival- 
»gewebes von sehr wechselnder Grösse umschliessen und auf senkrechten 
»Durchschnitten oft täuschend das Bild einfacher kurzer schlauchförmiger 
Drüsen geben, zumal das Epithel in der Tiefe der Furche seinen Charakter 
»ändert. Waldeyer hält es für wahrscheinlich, dass diese furchenartigen 
Einsenkungen als schleimabsondernde drüsige Bildungen fungiren 
können, undBaumgarten 1 ) spricht sich unumwunden dafür aus, dass in der 
normalen Conjunctiva eine sehr innige Kombination von Furchen und Drüsen 
sowie von morphologischen Zwischenstufen derselben bestehen. 

Es können diese Schläuche in der tr ach omat Ösen Bindehaut während 
des ganzen Krankheitsverlaufes bis in die spätesten Ausgangsstadien bestehen, 
sie können sich durch Zurückhaltung und Anhäufung des Inhaltes bedeutend 
vergrössern, ja das Aussehen von Cysten gewinnen, aber auch zu Grunde 
gelien und verschwinden. Ihre Innenwand deckt ein zartes Epithel, ober- 
flächlich mit runden oder polyedrischen, tiefer mit cylindrischen Zellen. 
Letztere lagern unmittelbar auf einer durch Druck membranartig verdichteten 
Schichte von Bindegewebe auf, einer Art Schlauchhaut, die ihrerseits 
wieder an adenoid infiltrirtes hyperplastisches Gefüge stösst. Der Inhalt der 
Schläuche besteht ans Detritus von zerfallenem Epithel und von Körnchen- 
zellen, sowie aus Lymphkörperclien. Er kann eingedickt werden, sich 
massenhaft ansammeln und zu festen harten Körnern ballen, aber auch nach 
vome treten, durch eine Mündung des Schlauches sich entleeren, oder das 
überlagernde Epithel auseinander drängen und sich so einen Weg nach Aussen 
bahnen. Mitunter sieht man an der Oberfläche der wuchernden Bindehaut die 
eingedickte Masse in Gestalt bräunlicher Punkte, welche sich wie Coniedonen 
ausdrücken lassen, worauf in der Regel der conjunctivale Entzündungsprocess 
einen wesentlichen Nachlass erfährt. 2 ) Die von Oettingen 3 ) in der amyloid 
entarteten Conjunctiva gefundenen schmierigen käsigen Massen dürften damit 
zusammenfallen. 

Der narbigen Verödung des wuchernden Bindehautgefäges 
gebt öfters ein eigentümlicher Entartungsprocess voraus, welchen 
ich unter dem Namen des seeundären sulzigen Trachoms be- 
schrieben habe. 4 ) Kr findet sich gelegentlich ebensowohl im Gefolge 



!) Bauinga rten, Arch. f. Ophthalmologie XXVI., 1, S. 122, 130. 

2 ) Berlin, Klin. Monatsblätter, 1878, S. 311, 344 u. f.; Jacob- 
sohn jun., Arch. f. Ophthalmologie XXV., 2, S. 131, 147, 156. 

3 ) Oettingen, Die ophth. Klinik Dorpats. Dorpat, 1871. S. 28. 

4 ) Stellwag, Lehrbuch, 1861, S. 375; 1871, S. 461. 

8* 



110 Oculistische Namen ; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

des schul gerechten Trachoms, als dort, wo die entzündliche 
Hyperplasie zu einer mehr gleich m ä s s i g e n Verdickung der Con- 
jimctiva ohne die charakteristischen Rauhigkeiten der Oberfläche 
geführt hat (S. 110). In einem wie in dem anderen Falle wird die 
hypertrophirte Bindehaut streckenweise blutarm, blass, schmutzig 
gelbgrau und sammt dem imterlagernden aufgetriebenen Knorpel 
sulzähnlich durchscheinend. Häufig, besonders wo der degenerative 
Vorgang auf dem Boden eines höhergradigen Trachoms im engeren 
Wortsinne sich entwickelt, machen sich ab und zu an einzelnen 
Stellen den Trachomkörnern ganz ähnliche, aber meistens umfangs- 
reichere, bis hanfkorngrosse, und mehr durchscheinende rundliche 
oder ovale Gebilde bemerklich, welche einzeln oder gruppig ge- 
häuft sich htigelartig über die Oberfläche der wuchernden Membran 
erheben. Dabei glättet sich die Letztere durch fortgesetzte 
Schrumpfung der primären Eauhigkeiten mehr und mehr, während 
die Bildung von gestrickten oder fleckartig ausgebreiteten Narben 
überhand nimmt. 

Man hat meine diesbezüglichen Angaben trotz des gar nicht 
seltenen Vorkommens der geschilderten Zustände lange Zeit ganz 
unbeachtet gelassen, bis Oettingen 1 ) die Aufmerksamkeit auf den 
Gegenstand lenkte und Kyber 2 ) den Process als eine Amyloid- 
entartung erkannte, welche Bindehaut und Knorpel betrifft, 
das verdickte Epithel und den Warzenkörper sowie die Meibom- 
schen Drüsen aber frei lässt. 

Schon Oettingen konnte das Krankheit sbild auf Grund- 
lage einer reichen Erfahrung wesentlich ergänzen. Er bringt Fälle, 
welche ihrem klinischen Verhalten nach unzweifelhaft hierher ge- 
hören und neben der gelblichweissen Verfärbung eine wächserne 
Härte der stark geschwellten entartenden Bindehautabschnitte, 
besonders der halbmondförmigen Falte, erkennen Hessen und sich 
durch holzartige Resistenz und Brüchigkeit der ohne Schrum- 



») Oettingen, Die ophth. Klinik Dorpats. Dorpat, 1871. S. 28, 49. 
2 ) Kyber nach Oettingen 1. c. S. 50. 



Amyloide Entartung der granalirenden Bindehaut; Amyloidtumoren. 117 

pfung stark aufgetriebenen buckeligen Tarsi auszeichneten. Ausser- 
dem betont er das öftere Vorkommen kleiner Herde, welche eine 
gelbgrünliche schmierige käsige Masse zu enthalten pflegen, Sic 
gehören sicherlich nicht zu der Amyloidentartung, sondern zu den 
schlauchartigen Gebilden, welche sich an der Oberfläche tracho- 
matöser Bindehäute häufig finden (S. 114). 

Seitdem ist eine lange Reihe von Fällen veröffentlicht worden, 
in welchen die amyloide Degeneration der Bindehaut und des 
Knorpels Gegenstand eingehender Studien war. Zwingmann l ) und 
Kubli 2 ) haben dieselben zusammengestellt und eine Anzahl neuer 
Beobachtungen hinzugefügt. 

Es ergieht sich daraus, dass der der Amyloidentartung vor- 
ausgehende Wuchcrungsprocess unter Umständen das gewöhnliche 
Mass überschreiten und mächtige Geschwülste aus der Binde- 
haut und dem Knorpel treiben könne. Ich habe derlei Geschwülste, 
welche neuerer Zeit unter dem Namen der »Amyloidtumoren« 
geführt werden, vielfach gesehen und dieselben früher als polypen- 
ähnliche Geschwülste beschrieben. Es sind theils klumpige 
Massen, welche in späteren Stadien des Processes immer auf einer 
narbig eingezogenen Basis oder gar auf einem förmlichen 
Stiele sitzen und in der Kegel aus der halbmondförmigen 
Falte oder der Karunk el hervorsprossen; 3 ) theils stellen sie sich 
als ganz enorme Vergrößerungen der Plica semilunaris oder 
als mächtige Duplicaturen im hypertrophirten Uebergangs- 
t heile dar, welche einem dritten Lide gleich einen grossen Theil 
der Bulbusoberfläche überdecken können. 4 ) Es haben diese Ge- 
schwülste, so lange sie noch wachsen, gleich der üppig wuchernden 
trachomatösen Bindehaut eine mehr dunkelrot he Farbe von reich- 
lichem Gehalte neoplastischer Gefässe; sie verblassen aber in dem 



') Zw in gm an n, Die Amyloidtumoren der Conjunctiva. Dorpat, 1879. 
S. 7, 43. 

2 ) Kubli, Arch. f. Augenheilkunde X., S. 430, 578. 

3 ) Stell wag, Ophthalmologie L, S. 877, 996. 

4 ) Stell wag, Lehrbuch, 1861, S, 368; 1871, S, 453, 



118 Oculistische Namen ; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

Masse, als der degenerative Proeess vorschreitet und die nachbar- 
lichen Portionen der Conjunctiva sich um sie herum narbig zu- 
sammenziehen. Sie können theilweise verknöchern. 1 ) 

Zwingmann 2 ) zählt sie den Granulomen zu und erklärt 
sie aus einem örtlichen Ueberwiegen des über die ganze Binde- 
haut ausgebreiteten Wucherungsprocesses. Rählmann 3 ) dagegen 
reiht sie den lymphoiden Geschwülsten oder Lymphomen 
an. »Der Tumor ist aufgebaut aus einem Bindegewebe, welches 
»ganz analog dem gewöhnlichen Adenoidgewebe der normalen Con- 
»junetiva construirt ist und die grösste Aehnlichkeit hat mit dem 
»Gewebe der Lymphdrüsen. In Anfangszuständen der Wuche- 
rung handelt es sich mehr um einfache hyperplastische Vergrösse- 
»rung des normalen Conjunctivalgewebes, in vorgeschrittenen 
»Stadien um reine Neubildung von Adenoidsubstanz. Es dringen 
»neugebildete, sich verästelnde, grosse, meist spindelförmige Zellen 
»in's subconjunctivale Gewebe gegen den Knorpel vor mit Neu- 
»bildung und Vermehrung von vergrösserten Lymphzellen in den 
»Zwischenräumen. In entwickelten Fällen findet sich in dem neu- 
» gebildeten Gewebe ein förmliches Fasergerüst, typisch geordnet, 
»mit zahlreich eingelagerten Kernen. Es verhält sich also das 
»Gewebe der sogenannten Amyloidtumoren der Conjunctiva ganz 
»so wie die gewöhnlichen Geschwülste der Lymphdrüsen, wie die 
»Lymphome.« 

Rählmann hält sich auf Grund seiner bisherigen Beobachtungen für 

berechtigt, die fragliehen Geschwülste »für Neubildungen eigenen Cha- 
raktere zu erklären, welche unabhängig vom Trachom der Con- 
junctiva entstehen und verlaufen«. Wenn damit gesagt sein soll, dass 
die Amyloidtumoren a u s s e r j e d e in p a t h o g e n e t i s c h e n Z u s a m m e n h a n g e 
mit dem Trachom stehen, so widerspricht diese Behauptung den Erfahrungen 
der meisten Schriftsteller, welche sich über den Gegenstand verlautbart haben. 
Ich selbst habe in den fünfziger und Anfangs der sechziger Jahre zu wieder- 



*) Hippel, Arch. f. Ophthalmologie XXV., 2, S. 1, 16. 

2 ) Zwingmann, Die Amyloidtumoren der Conjunctiva. Dorpat, 1879. 
S. 155. 

3 ) Rählmann, Arch. f. Augenheilkunde X., S. 138, 144. 



Amyloide Entartung der granulirenden Bindehaut; Arayloidtumoren. 119 

holten Malen nicht nur die mächtigen Faltenbildungen, sondern auch polypen- 
oder granulomähnliche Tumoren der in Rede stehenden Art auf Bindehäuten 
entstehen und wachsen gesehen, welche von unzweifelhaftem hochgradigen 
Trachome befallen waren. Wenn es aber heissen soll, dass die Entwicklung 
solcher Geschwülste nicht gebunden sei au den vorläufigen Bestand 
der charakteristischen Granulationen und Körner, also an das Tra- 
chom im engeren Wortsinne, so niuss ich allerdings Kahl mann zustimmen, 
dagegen aber wieder einwenden, dass der Begriff des Trachoms durch jene 
oberflächlichen Rauhigkeiten nicht erschöpft sei, der gleiche Wucherungs- 
process vielmehr auch eine ganz gleichmässige Massenzunahme des Binde- 
hautkörpers ohne Granulationen und Körner zu Stande bringen könne (S. 110) 
und dass die amyloide Degeneration, mein sulziges Trachom, als Ausgangs- 
stadium der einen wie der anderen Art beobachtet werde. 

Im Uebrigen schliesst die Behauptung, dass die amyloide Degeneration 
und das Auftreten amyloider Tumoren in der Regel an t rac ho m kranke 
Bindehäute gebunden sei, die erfahrungsmässige Thatsache nicht aus, dass 
üppige Granulationsprocesse an umschriebenen Stellen der Bindehaut 
walten und daselbst massenhafte Producte setzen können, die weiterhin 
der aniyloiden Entartung verfallen. Es deutet dies schon Zwingmann ] ) an, 
indem er die Amyloidtumoren »aus einem mehr oder weniger circum- 
»scripten oder diffusen Granulom durch Entartung des Gewebes desselben 
»den Ursprung nehmen« lässt, und wahrscheinlich sind Rählmann's beide 
Fälle gerade solche gewesen. 

Die histologischen Unterschiede zwischen t r ach omatö sein Gefüge und 
dem Gewebe der Amyloidtumoren, welche Rählmann 2 ) zu Gunsten 
seiner Ansicht aufführt, mögen zum Theile aus diesem Umstände zu erklären 
sein. Zum anderen Theile kommt in Betracht, dass die tracliomatöse Wuche- 
rung und die amyloide Degeneration der Zeit nach in der Regel weit 
auseinander stehen und dass beträchtliche Umstaltungen der ursprünglichen 
Producte inzwischen liegen. Fortgesetzte Untersuchungen werden den erfahrungs- 
mässigen Zusammenhang wohl auch mikroskopisch beleuchten. Die textuelle 
Aehnlichkeit der Rählmann'schen Tumoren mit Lymphomen darf dabei 
nicht irreführen, denn auch das Trachom ist nichts Anderes als eine lymphoide 
Hyperplasie, eine Granulation adenoiden Gewebes. 

Was nun die amyloide Degeneration als solche betrifft, so geht 
ihr nach Rählmann 3 ) stets eine hyaline Entartung des wuchernden 
adenoiden Gefüges und seiner Gefässe voraus. Erst später beginnt 
hier und da die Bildung amyloider Massen, sei es durch directe Umwandlung 
der Zellen oder durch Ausschwitzung aus dem Protoplasma. Es sind diese 



! ) Zwingmann, Die Amyloidtumoren. Dorpat, 1879. S. 155. 

2 ) Rählmann, Arch. f. Augenheilkunde X., S. 146. 

3 ) Rählmann, ibid., X., S. 138 u. f., 144. 



1 20 Oculistische Namen ; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

durch Jod und Jodschwefelsäure sich .stark färbenden Massen nach Leber 1 ) 
entweder in Gestalt grösserer oder kleinerer, oft geschichteter, rundlicher oder 
eckiger Körperchen, oder als schollige Gebilde in das Bindegewebe ein- 
gesprengt. Sie durchsetzen streckenweise auch die Gefässwände und können 
dann das Aussehen von Faserbündeln erlangen, so das« es scheint, als wären 
einzelne Faserbündel von amyloider Substanz eingehüllt. 

Der entzündliche Process bleibt bei den verschiedenen Formen 
der Syndesmitis ebensowenig* auf die eigentliche Bindehaut 
beschränkt wie bei der Uveitis u. s. w., daher denn auch hier 
der Name den krankhaften Vorgang nicht völlig deckt. 

Oft nimmt die Hornhaut Antheil, ohne dass dies nothwendig 
immer deutlich zur Wahrnehmung kommen mtisste. Es ist näm- 
lich bekannt ; dass sowohl in der subepithelialen Schichte als in dem 
Gefüge der eigentlichen Conjunctiva sich beträchtliche Mengen von 
Kundzellen ansammeln können, ohne sich durch besondere Erschei- 
nungen zu verrathen, und dass merkbare Trübungen in der Kegel 
das Ergebniss einer schon begonnenen oder gar vorgeschrittenen 
Differenzirung der eingewanderten Elemente sind. 

Die Keratitis ist unter solchen Umständen gewöhnlich be- 
gründet durch das Fortschreiten der Entzündung auf das homo- 
loge Bindehautblatt der Hornhaut und kömmt bei den wuchernden 
Formen von Syndesmitis unter der Gestalt der Keratitis vascu- 
losa, des Pannus und der Fleckbildimg zum Ausdrucke (S. 98). 
Bei den schweren acuten Formen, bei der Blennorrhoe, der 
Pyorrhoe, dem Croup, aber greift der Process nicht selten auf 
das Gefüge der eigentlichen Cornea über und bedingt dort 
mehr weniger massenhafte Infiltrate, welche rasch zu vereitern 
und so einzelne Abschnitte oder die ganze Hornhaut zu zerstören 
pflegen. 

In dieser Fortpflanzung der Entzündung auf das Paren- 
chym der Cornea liegt ein Theil der Gefahr, welche derlei 
Processe zu so gefürchteten Erkrankungen machen. Aber nur der 
kleinere Theil, die Hauptgefahr ist höchst wahrscheinlich 



') Leber, Arch. f. Ophthalmologie XXV., 1, S. 257, 268 u. f. 



Diffusion der Bindehautentzündungen. 121 

in den septischen Einflüssen zu suchen, welche die Ab- 
sonderungen der blennorrhoischcn u. s. w. Bindehaut in 
Folge der Zersetzung, welche sie in den schwer zugänglichen liefen 
Falten rasch eingehen, auf oberflächliche, seucht exfoliirtc 
oder gar schon geschwttrige Stellen der Cornea nehmen. 
Die auffällig* günstigen therapeutischen Erfolge, welche ich in 
jüngster Zeit bei einer Reihe schwerer Fälle von Blennorrhoe und 
Pyorrhoe erzielte, indem ich neben den gebräuchlichen täglich 
zweimaligen Streichungen mit zweipercentiger Höllensteinlösung den 
Bindehautsack alle zwei Stunden mit einer dreipercentigen Lösung 
von hypermangan saurem Kali gründlieh ausspülen Hess, drängen 
mir förmlich die Ueberzeugung auf, dass die von der Oberfläche 
die Tiefe und rasch um sich greifenden Hornhautver- 



m 



seh w ärunge n bei den genannten Syndesmitisformen septischen 
Charakters seien (§. 69). Für Epithelabschürfungen finden 
sich in der Mitleidenschaft des Bindehautblattes der Cornea reich- 
liche Veranlassungen. 

Auch die Lederhaut wird häufig in den Process verwickelt. 
Es tritt dies besonders auffällig bei langwierigen trachomatösen 
Leiden hervor, wo schliesslich die Sclerotica th eilweise oder ihrem 
ganzen Umfange nach veröden kann. Ein eigenthümliches por- 
zellanartiges Aussehen und pergamentähnliche Steifigkeit kenn- 
zeichnen die Sei er ose. Der damit gesetzte Verlust der Elasticität 
führt dann bisweilen zu glaueomatösen Zuständen , wie ich 
bereits wiederholt und zuletzt bei einem jugendlichen kräftigen 
Matrosen zu beobachten Gelegenheit hatte. 

Mitunter greift die Entzündung wohl auch tiefer. Leber 1 ) 
fand bei chronischem Trachom einmal kleine Granulombildungen 
in der Suprachorioidea, oberflächlich sehr zellenreich, im Centrum 
zellenarm, aus geschichtetem Bindegewebe bestehend. 

Am häufigsten und deutlichsten pflegt sich diese Mitleiden- 
schaft an den Lidern auszusprechen. Bekanntlich gilt das ent- 



l ) Leber, Klin. Monatsblätter, 1877, Beilage S. 119, 



122 Oculistische Namen; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

ztindliche Oedem der Lidränder oder der gesammten Augen- 
deckel nach Staaroperationen, künstlichen Pupillenbildungen u. s. w. 
als höchst unliebsames Wahrzeichen einer im Gange befindlichen 
Iridokyklitis oder Iridochorioiditis. Es pflanzen sich derlei entzünd- 
liche Processe eben fast immer von der Gefässhaut auf die Sclero- 
tica und die überlagernden Theile, namentlich auf die Bindehaut 
fort, welche mit dem Gefässsysteme der Lider in innigster Verbin- 
dung steht (S. 100). Diese Gefässverbindung macht aber auch 
entzündliche Anschwellungen der Lidränder zu ganz gewöhnlichen 
Begleitern der einfachen primären Syndesmitis. Dieselben treten 
oft bei stärkeren Katarrhen hervor und paaren sich dann gerne 
mit Akneeruptionen. In schwereren Fällen erscheint gewöhnlich 
das ganze Lid von entzündlichem Oedem aufgetrieben. Bei der 
Blennorrhoe und Pyorrhoe steigert sich das Letztere zur wahren 
Chemose, beim Croup aber werden die Lider durch das Ueber- 
mass der entzündlichen Infiltration mit starren Producten brett- 
ähnlich hart. 

Es sind bei diesen entzündlichen Anschwellungen wohl immer 
s ä mm t liehe Best an dt heile der Augendeckel einschliesslich des 
Knorpels mehr oder weniger betheiligt, Beiden acuten Formen 
der Syndesmitis geht der Process häufig wieder zurück, ohne merk- 
liche Spuren in der Haut und dem Tarsus der Lider zu hinter- 
lassen. Wenn sich aber die chronisch verlaufende hypertrophirende 
Form daraus entwickelt oder primär auftritt, kömmt es oftmals zu 
sehr beträchtlichen Infiltrationen und Auflockerungen des fase- 
rigen Knorpelgefüges. Der Tarsus schwillt wegen zunehmender 
Hyperplasie mehr und mehr an, wird bedeutend dicker, länger und 
breiter, während seine Steifigkeit sich ansehnlich vermindert. 

Ist die Flächenvergrösserung des Knorpels überwiegend, was be- 
sonders gerne dort geschieht, wo vorausgegangene mächtigere Oedeme der 
Bindehaut eine mechanische Dehnung des Lides bewerkstelligen konnten, 
so schliesst in Folge der damit gesetzten Verlängerung des Lidrandes 
dieser nicht mehr genau an den Bulbus an. Die senkrechten Kraftcompo- 
nenten der beiden Kreismuskelhälften treffen dann in einem nach hinten 
offenen Winkel auf einander und drängen die vom Augapfel abstehenden 



Wucherung und Schrumpfung des Lidknorpels ; Ectropium, Entropium. 126 

Randtheile der Lider bei jedem kräftigeren Lidschlusse nach vorne, können 
sie schliesslich wohl gar umkehren, so dass die wuchernde Conjunctiva zu 
Tage liegt (Ectropium). 

Es geschieht dies am häufigsten blos mit dem unteren Lide, da hier 
ausser der geringeren Widerstandskraft des Knorpels noch die dem Lide eigene 
Schwere die Umstülpung begünstigt und überdies auch ein besonderer Um- 
stand mitwirkt. Es ist nämlich, wie ich vor Jahren nachgewiesen habe, 1 ) die 
normale Th ränenleitung an die hermetische Schliessung der Lid- 
spalte beim Lidschlusse geknüpft und wird durch den Flächendruck des 
Kreismuskels auf den Inhalt des Bindehautsackes vermittelt. Steht der 
Lidrand vom Bulbus ab, so ist diese Druckwirkung lahmgelegt, es kann 
von der im Thränensee befindlichen Flüssigkeitsmenge nur ein kleiner Theil 
seiner eigenen Schwere folgend in die Nasenhöhle ablaufen, der Rest fliesst 
über die Lidhaut hinweg nach aussen, führt zu erythematöser Dermatitis, 
Hypertrophie und endlich zur Verkürzung der äusseren Liddecke, das Ectro- 
pium vervollständigend und fixirend. 

Wie überall folgt auch im Knorpel der hyperplastischen Auf- 
lockerung und Schwellung die endliche Verödung und Schrum- 
pfung des Gefüges. Besteht ein Ectropium, so wird das um- 
gestülpte Lid in seiner falschen Stellung nur verkürzt und in 
mannigfaltiger Weise verkrümmt. Im anderen Falle kann sich der 
wuchernde Tarsus auf einen ganz unförmlichen Klumpen zusammen- 
ziehen. Meistens biegt sich die wulstige Masse desselben kahn- 
förmig nach innen um, bringt so die Wimpern mit der Hornhaut 
in Berührung und fördert durch Anregung von Krämpfen des Kreis- 
muskels die Entropionirung der Lider. Dass dabei die Schrum- 
pfung der Bindehaut einen massgebenden Einfluss nehmen könne, 
liegt auf der Hand. 

Manche der Operationsmethoden, welche dermalen gegen solche Zustände 
geübt werden, waren nach Anagostakis 2 ) schon den Alten geläufig, ein 
Beweis, dass die in Rede stehenden Wucherungsprocesse mit ihren Folgen 
schon vor Jahrtausenden häufig waren und keineswegs der Neuzeit an- 
gehören. 



*) Stell wag, Wiener medicinische Wochenschrift, 1864. Nr. 51, 52-, 
1865, Nr. 8, 9, 85, 86. 

2 ) Anagostakis, Contributions a Fhistoire de la Chirurgie oculaire etc. 
Athenes, 1872. p. 2. 



124 Oculistische Namen; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

Es finden sich übrigens ähnliche durch die ganze Dicke 
der Lider hindurchgreifende Wucherungen des Bindegewebes aus- 
nahmsweise unter ganz besonderen Umständen. Ich habe nach dem 
Vorgange Guepin's 1 ) eine »Zellgewebsverhärtung« beschrieben, 
bei welcher die massenhafte Entwicklung neoplastischen Binde- 
gewebes und die Ausfüllung seiner Maschenräume mit seröser oder 
gelatinöser Substanz eine ständige sehr bedeutende Anschwel- 
lung der Lider begründet. Die Geschwulst erscheint beim Befühlen 
härtlich pastös, behält einige Zeit nach der Ausübung eines Finger- 
druckes eine entsprechende Impression, ist unempfindlich und die 
äussere Haut darüber entweder nur leicht geröthet oder von nor- 
maler Farbe. 2 ) Es kommen derartige Hypertrophien nach Koth- 
1 auf vor. Einmal habe ich selbe auf beide Lider ausgedehnt als 
Folge einer Verödung der abführenden Lymphwege durch 
Vereiterung und Vernarbung der Ohrspeicheldrüse, ich glaube nach 
Typhus, gesehen. 

Innig verwandt damit ist die Elephantiasis palpebrarum. 
Michel 3 ) und Theodor Beck 4 ) haben die in neuerer Zeit ver- 
lautbarten Fälle gesammelt und Letzterer zwei eigene Beobachtungen 
beigefügt. Es schliesst sich ihnen ein weiterer Fall von Walz- 
berg 5 ) an. Nach den überaus sorgfältigen und eingehenden Unter- 
suchungen Th. Beck 's handelt es sich dabei um eine, sämmtliche 
Bestandtheile des Lides einschliesslich des Knorpels betreffende, 
massenhafte Vermehrung der Bindegewebsfasern und der 
elastischen Elemente durch Neubildung, daher sich dieselben auch 
in allen Entwicklungsstufen finden. Dazu kömmt eine sehr beträcht- 
liche ungleichmässige und ganz unregelmässige Erweiterung der 



*) Guepin, Mackenzie Maladies de l'oeil, traduit par Warlomont et 
Testelin. Paris, 1856. I., p. 222. 

2 ) Stellwag, Ophthalmologie IL, 1858, S. 070. 

3 ) Michel, Graefe und Sämisch, Handbuch IV., 1876, S. 408. 

4 ) Th. Beck, Ueber Elephantiasis des oberen Augenlides. Diss. Basel, 
1878. S. 5, 32, 35. 

5 ) Walzberg, Klin. Monatsblätter, 1870, S. 439, 



Zellgewebsverhärtung, Elephantiasis, Gummen der Lider. 1 25 

intra vitam wahrscheinlich gefüllten Lymphräume und Lymph 
ge fasse. Beide diese Momente wirken zusammen , um der Ge- 
schwulst die prall elastische Consistenz beim Anfühlen zu gehen: 
Tu dritter Reihe sind die Gummen der Lider zu erwähnen. 
Sie werden schon von Astruc und Plenk 1 ) als g* ersten korn- 
artige Geschwülste des Lidrandes geschildert } welche öfters in 
fressende Geschwüre übergehen. Lawrence, Mackenzie und 
Des m a r r e s 2 ) hab en im laufenden Jahrhunderte sehr ausführlich 
über den Gegenstand geschrieben. Auf Grundlage ihrer Angaben 
und mehrerer eigener Beobachtungen war ich 3 ) bereits im Jahre 
1858 in der Lage, den syphilitischen Erkrankungen der 
Lider einen ziemlich umfangreichen Abschnitt meiner »Ophthal- 
mologie« zu widmen. Es wurde daselbst (§. 340) das öftere Auf- 
treten von bald einzeln stehenden, bald gruppig gehäuften akne- 
ähnlichen Geschwülsten an der Lidfläche und vorzugsweise am 
freien Lidrande betont, welche Geschwülste tief in das Gefüge 
des Augendeckels hineingreifen, sämmtliche Bestand theile des- 
selben durchsetzen und, wenn sie der eitrigen Schmelzung anheim- 
fallen, meistens ansehnliche Abschnitte des Lides mit Einschluss 
des Knorpels unter der charakteristischen Gestalt seeundärer syphi- 
litischer Geschwüre zerstören, hässliche Narben, oft mit Ver- 
krümmung des Lides hinterlassend. Sechs Jahre darauf hat Zeissl 4 ) 
unter Bezugnahme auf meine und Desmarres' Arbeiten die 
syphilitischen Erkrankungen der Lider kurz geschildert. Nach wei- 
teren zwei Jahren ist Hirschler 5 ) mit der Veröffentlichung dreier 
Fälle von »Blepharitis syphilitica« gefolgt. Diese letzteren 



') Nach Zeissl, AUg. Wiener medicinische Zeitung, 1877, Nr. 34—37. 

2 ) Lawrence, Klin. Handbibliothek V. Weimar, 1831. S. 237 — 258; 
Mackenzie, Praktische Abhandhing über die Krankheiten des Auges. 
Weimar, 1832. S. 147; Traite des mal. de l'oeil. Paris, 1856. I., p. 174—182; 
Desmarres, Traite des mal. des yeux. Paris, 1847. p. 156 — 161. 

3 ) Stell wag, Ophthalmologie IL, 1858, S. 954—958. 

4 ) Zeissl, Lehrbuch der constitutionellen Syphilis. Erlangen, 1864. 
S. 288. 

5 ) Hirschler, Wiener medicinische Wochenschrift, 1866, Nr. 72, 73, 74. 



126 Oculistische Namen; Entzündungen im Grebiete der Bindehaut und Lider. 

gelten unter den Augenärzten sonderbarer Weise als die ersten 
modernen Beobachtungen. 1 ) 

In neuester Zeit haben sich die einschlägigen Erfahrungen in 
der ergiebigsten Weise vervielfältigt. Es stellt sich dabei heraus ; 
dass die Lidgummen nur zum T heile in der Gestalt umschrie- 
bener randständiger gerstenkornähnlicher Geschwülste erscheinen, 
welche in tiefe Geschwüre mit verhärtetem, speckig infiltrirtem 
Grunde und fetzigen wulstigen Rändern übergehen 2 ) und gelegent- 
lich wohl auch sich über den ganzen Lidrand verbreiten. 8 ) In 
nicht seltenen Fällen durchwuchert das syphilitische Granulom ein 
oder beide Lider desselben Auges ihrer ganzen Ausdeh- 
nung nach und treibt die Augendeckel zu mächtigen Tumoren 
auf. 4 ) Ich lasse drei Fälle aus meiner Klinik und einen aus 
der Privatpraxis Dr. Bergmeister 's folgen. Der letztere Fall ist 
mir schriftlich mitgetheilt worden. 

Erster Fall. Bei einem 30jährigen kräftigen Kanalränmer mit allen 
Zeichen seeundärer Syphilis, namentlich einem über den ganzen Körper 
verbreiteten Hautsyphilide, besteht (Herbst 1874) seit mehreren Wochen eine 
enorme Schwellung des linken oberen Lides in der Art, dass dasselbe 
unter beträchtlicher Verlängerung des freien Randes weit über das untere 
Lid hinüberragt und völlig unbeweglich erscheint. An der Geschwulst sind 
sämmtliche Theile des Angendeckels, äussere Haut, subcutanes Gewebe, 
Knorpel und Bindehaut gleichmässig betheiligt, so dass das Lid bei einer 
durchschnittlichen Dicke von zwei Centimetern sich wie eine homogene , ober- 
flächlich platte, etwas elastische härtliche Geschwulst anfühlt, welche nur an 
einzelnen nicht scharf umgrenzten Stellen etwas dichter und consistenter ist. 
Die äussere Liddecke ist ganz faltenlos, prall gespannt, deutlich infiltrirt, 
bläulich geröthet und lässt sich über der unterlagernden Geschwulstmasse 
nicht verschieben, ist mit ihr völlig verschmolzen. Der Tumor ist ziemlich 



1 ) Michel, Graefe und Sämisch, Handbuch IV., S. 418. 

2 ) Wedl, Atlas der pathologischen Histologie des Auges. Leipzig, 1861. 
Adnexa III, Fig. 25, 26; Mooren, Ophthalmologische Mittheilungen. Berlin, 
1874. S. 6; Dietlen, Klin. Monatsblätter, 1876, Beilage S. 8. 

3 ) Pflüger, Klin. Monatsblätter, 1876, S. 160. 

4 ) Vogel, Magawly, Nagel's Jahresbericht, 1873, S. 441; Dietlen, 
Klin. Monatsblätter, 1876, Beilage S. 4; Laskiewicz, Allg. Wiener medici- 
nische Zeitimg, 1877, Nr. 23, S. 211; Fuchs, Klin. Monatsblätter, 1878, S. 21. 



Gummen der Lider, Tarsitis syphilitica. \21 

unempfindlich und begrenzt sich nahezu scharf an dem knöchernen Orbital- 
rande. Die beiden Lidlefzen sind ganz verstrichen, da der Lidrand eine 
einheitliche stark convexe Fläche bildet. Die Wimpern sind unverändert. 
Die Conjunctiva erscheint ihrer ganzen Ausdehnung nach beträchtlich 
geschwellt, um den Hornhautrand herum zu mächtigen Wülsten aufgetrieben, 
so dass die Cornea förmlich darin vergraben ist. Sie zeigt sieh streckenweise 
stark hyperämisch, dunkel geröthet, aufgelockert, streckenweise von wachs- 
ähnlich gelblicher Farbe und mit groben Gefässnetzen durchsetzt, von speckiger 
Consistenz. Die Hornhaut und die Binnenorgane des Augapfels erweisen 
sich gesund. Jane energisch eingeleitete Schmierkur hatte auffallend gün- 
stigen Erfolg. Schon nach wenigen Einreibungen war die Geschwulst merk- 
lich gesunken, die äussere Liddecke weicher und ein wenig verschieblicher 
geworden, die Bindehantwülste um die Cornea herum hatten sich verkleinert. 
Nach einigen weiteren Inunctionen war die Abschwellung und Verschieblich- 
keit der äusseren Liddecke eine sehr beträchtliche, man fühlte deutlich den 
mächtig aufgetriebenen Knorpel durch. Leider entfloh der Kranke vor Vollen- 
dung der Heilung. 

Die beiden anderen Fälle habe ich nicht selbst aufgezeichnet, kann 
daher nur nach den klinischen Protokollen berichten. Der eine betrifft einen 
24jährigen Schneider, welcher (Januar 1878) vor drei Jahren an einem Tripper, 
sonst aber nie an einer syphilitischen Krankheit gelitten zu haben behauptet. 
Seit fünf Wochen bemerkt er eine Anschwellung des linken oberen Augen- 
lides. Dieselbe beginnt genau am convexen Rande des Tarsus und endet an 
seinem unteren Rande, so dass die Substanz des Knorpels allein erkrankt zu 
sein scheint. Die Geschwulst hat die Consistenz eines Knorpels und macht 
die Umstülpung des Lides unmöglich. Die übrigen Theile sind normal. Eine 
Schmierkur führte zu vollständiger Heilung. 

Der dritte Fall betrifft eine 25jährige Nähterin, welche (August 1878) 
seit drei Monaten eine Anschwellung beider Lider des rechten Auges und 
seit vierzehn Tagen ein llautsyphilid bemerkt. Die Lider sind infiltrirt und 
geröthet, namentlich im inneren Augenwinkel. Die Conjunctiva ist chemo- 
tisch und rings um die Cornea in 0*5 Centimeter hohen Wülsten hervorragend. 
Maculöscs Syphilid am ganzen Körper; Drüsenanschwellungen am Halse. 
Schmierkur. Heilung. 

Bergmeister's Fall. E. B., 45 Jahn 1 alt, hat angeblich vor Jahren 
blos einen Tripper überstanden, im Jahre 1868 an Bluthusten gelitten und im 
Jahre 1873 durch drei bis vier Monate an einem Kehlkoptleiden laborirt. Vor 
zwei Jahren bekam er vor dem rechten Ohre eine Drüsenvereiterung, darauf 
unter dem linken Auge in der Gegend des Orbitalrandes ein Geschwür, von 
dem noch eine linsengrosse leicht deprimirte Hautnarbe sichtbar ist. Vor 
anderthalb Jahren begannen ähnliche Ulcerationsproccsse am Lidrande des 
linken unteren Lides, welche allmälig den Intermarginalsaum sammt Haar- 
zwiebelboden in der ganzen Ausdehnung des unteren und theilweise auch des 



128 Oculistische Namen; Entzündungen im Gebiete der Bindehaut und Lider. 

oberen Lides zerstörten. Patient stellte sich mir Anfangs April 1881 vor. 
Ich fand am oberen linken Augenlide nach auswärts vom Thränenpimkte ein 
speckig weissbelegtes Geschwür, welches am Intermarginalsaume eine Breite 
von circa 4'" hatte. Dasselbe erstreckte sich trichterförmig an der Innenfläche 
des Lides nach innen oben (nasenwärts) bis gegen den Fornix conjunctivae 
und durchsetzte die Conjunctiva bis tief in den Tarsus hinein. Von aussen 
fühlte sich die Stelle hart und derb an. Die halbmondförmige Falte war ge- 
schwellt, der nicht ulcerirte Theil der Bindehaut des Oberlides von narbigen 
Linien durchsetzt, dazwischen papillär gewuchert. Zwei Wochen später ent- 
wickelte sich etwas nach aussen von der Mitte des Oberlides unter starker 
Schwellung ein zweites hartes Infiltrat, welches ebenso nach innen zu ulcerirte. 
Patient bekam anfangs innerlich Jodkalium, später Jodoformpillen; local wurde 
die Geschwiirsfläche anfangs mit drei Procent Carbolwasser gereinigt und, 
als sich diess erfolglos erwies, mit reinem Jodoformpulver bestreut, was gut 
vertragen wurde. 

Trotzdem breitete sich das Geschwür in einem Winkel serpiginös über 
den Lidrand aus, wahrend der zweite Herd in der Mitte des Lides unter Ge- 
brauch von Jodoform sich vollkommen gereinigt hatte und auch die Sclerose 
geschwunden war. Nim wurden dreissig Inunctionen gemacht und dabei eine 
Zeitlang Zittmann getrunken, später aber an Stelle des letzteren nochmals 
Jodoform genommen. Jetzt ging der Process rasch in Heilung über, welche 
Anfangs Juni eine vollständige war. Der Liddefect ist unbedeutend und 
überhaupt nur im inneren Winkel bemerkbar, wo allerdings der Thränen- 
punkt zerstört und in die Narbe einbezogen ist. Der Lidschluss ist perfect. 

Man hat sich dermalen gewöhnt, die Lidgummen unter dem 
Kamen »Tarsitis syphilitica seil gummosa« zu führen; ich 
glaube mit Unrecht, da in der Regel sämmtliche Bestandteile 
eines oder 1) eider Augendeckel dem Granulationsprocesse verfallen 
und die Wucherung nicht einmal häufig von dem Knorpel aus- 
zugehen pflegt, sondern gerne von der äusseren Haut und dem 
subcutanen Gefüge oder von der Bindehaut und der Submucosa 
auf denselben fortschreitet. Im Einklänge damit sind denn auch 
Fälle bekannt, in welchen die Infiltration und Geschwürbildung 
noch auf die Conjunctiva beschränkt schien. 1 ) Immerhin ist 
gewöhnlich der Tarsus der am meisten veränderte Theil, und dass er 



J ) Wecker, Traite theor. et prat. des mal. des yeux. Paris, 1863. I., 
p. 180-, Estlander, Klin. Monatsblätter, 1870, S. 259-, Hirschberg, Klin. 
Beobachtungen. Wien, 1874. S. 25; Hock, Wiener Klinik IL, 1870, 8. 75. 



Pathologische Anatomie der Lidgummen. 129 

ebensowohl primär ergriffen werden könne, lässt sich schon daraus 
schliessen, dass Gummen auch in der Sclera und dem tiberlagern- 
den lockeren Episcleralgefüge beobachtet worden sind. J ) 

Die erste anatomische Untersuchung ist Wedl 2 ) zu verdanken. Der 
Wucherungsprocess war hier von seinem Hauptsitze, dem Corium, auf die 
übrigen Bestandteile des Lidrandes und auf den mächtig aufgetriebenen er- 
weichten Knorpel übergegangen. Die Infiltration rührte von Elementen her, 
deren rundliche Kerne von verschiedener Grösse sich zu Zügen und Haufen 
gruppirten. Die im Schnitte quer getroffenen Fasern des Kreismuskcls 
waren von Kernzügen umsponnen. Letztere Hessen sich auch in die Haar- 
bälge der Cilien verfolgen und erklärten die Verkümmerung und Schief- 
stellung der Wimpern. Derselbe Wucherungsprocess hatte auch k den Lid- 
knorpel ergriffen. In demselben waren zahlreiche Klümpchen von Fettzellen 
eingelagert. Die Oberfläche der Meiboin'schen Acini war ganz dicht mit 
solchen Kernen besetzt. An der Co njunctival Oberfläche ragten eine Menge 
ziemlich grosser neugebildeter kegelförmiger Papillen hervor. 

Den zweiten Befund hat Vogel 3 ) geliefert: »In dem lockeren fibrö- 
»sen Bindegewebe, welches den Knorpel umgiebt, hatte sich ein üppig 
»wucherndes Granulationsgewebe gebildet, das sich besonders durch die Grösse 
»der neugebildeten Zellen auszeichnete, so dass es einem Rundzellensarkome 
»glich. Die Fasern des perichondrialen Bindegewebes zeigten an den 
»Stellen, wo sie nicht durch das neugebildete Gewebe verdrängt waren, eine 
»ansehnliche Aufquellung und Verdickung; namentlich war die Wandung 
»der Gefässe colossal verdickt und das Innere derselben dadurch verengt. 
»Das neugebildete Gewebe hatte nun weiterhin papillenförmige Sprossen in 
»die Substanz des Knorpels hineingetrieben und so denselben an einzelnen 
»Stellen zum Schwunde gebracht. Im Granulationsgewebe fanden sich noch 
»einzelne zerstreute Inseln von Knorpelsubstanz. Das Knorpelgewebe 
»selbst war in der Art verändert, dass sich die einzelnen Fasern nicht mehr 
»als solche erkennen Hessen. Es stellte vielmehr eine im Ganzen mehr homo- 
»gene klumpige Masse dar, an der sich nur hier und da schwache Andeu- 
» hingen faseriger Structur zeigten.« Vogel glaubt darin eine amyloide 
Degeneration des Knorpels erkennen und den Process überhaupt als Peri- 
chondritis des Tarsalknorpels ansprechen zu dürfen. 



*) Coccius, Die Heilanstalt für arme Augenkranke. Leipzig, 1870. 
S. 36. 

' 2 ) Wedl, Atlas der pathologischen Histologie des Auges. Leipzig, 
1861. Adnexa III, Fig. 25, 26. 

3 ) Vogel, Nagel's Jahresbericht, 1873, S. 442. 

Stell wag, Abhandlungen. 9 



loO Oculistische Namen; Entzündungen der Lidsckmeerdrüsen. 

Es erübrigt nur noch, Einiges über die Erkrankungen der 
Lidschmeerdrüsen beizufügen. Ein Theil dieser Schmeerdrüsen 
gehört der äusseren Haut an. Es umlagern dieselben gruppen- 
weise die Ausführungsgänge der Wimpernbälge, in welche sie 
neben eigentümlich gestalteten Schweissdrüsen ! ) münden 
(Zeis'sche Drüsen). Der andere Theil ist in den Faserknorpel 
eingebettet und öffnet sich mittelst eines häutigen Ausführungs- 
ganges an der inneren Lefze des Lides (Meibom'sche Drüsen). 
Alle diese Drüsen sind lappig gebaut, von Lymphräumen um- 
geben 2 ) und von einem dichten Gefässnetze, welches von den 
Endzweigen der Lidarterien gespeist wird (S. 100), korbähnlich 
umsponnen. Die meisten lassen eine durch Verdichtung des um- 
gebenden Gefüges entstandene, fast glashelle Membrana propria 
ganz deutlich erkennen. Ihr Inneres wird von Zellen ausgefüllt. 
Die jüngsten, der Membrana propria unmittelbar aufsitzenden 
Zellen sind klein, kubisch, ohne Fettgehalt. Hierauf folgen zahl- 
reiche Lagen platter Zellen, deren Gehalt an grösseren oder kleineren 
Fetttropfen gegen die Mitte des Acinus stetig zunimmt, so dass an 
den innersten Zellen auch der Kern in der Fettbildung unter- 
gegangen ist. Doch behalten die einzelnen Zellen ihre Form und 
erst gegen den Ausführungsgang hin zerfallen sie gänzlich und 
bilden dureh Znsammenfliessen der Fettmassen das eigenthümliche 
Secret, den Schmeer. 3 ) 

In einzelnen, nicht ganz seltenen Fällen ist diese Schmeer- 
absonderung in den Zeis'schen Drüsen eine überreichliche, der 
äussere Lidrand erscheint beständig von einer schmierigen öligen 
Masse und stellenweise von fettigen Schüppchen belegt, bei unrein- 
lichen Kranken wohl auch ganz vergraben in mächtigen gelb- 
lichen, von Schmutz oft ganz dunkel gefärbten rissigen Borken, 
welche der unversehrten Oberhaut und den Wimpern lose anhaften. 



^Waldeyer, Graefe und Hämisch, Handbuch L, S. 238; Sattler, 
Arch. f. mikrosk. Anat. XIII., S. 783. 

2) Czerny, Klin. Monatsblätter, 1874, S. 424. 

3) Fuchs, Arch. f. Ophthalmologie XXIV., 2, S. 132. 



Seborrhoe; Pathologische Anatomie der Liddrüsenentzündung. 131 

Die unterliegende Haut ist höchstens leicht geröthet, doch findet 
sich nirgends eine entzündliche oder hypertrophische Auftreibung 
derselben und des subcutanen Gewebes, in welchem die fraglichen 
Drüsen liegen. Es handelt sich eben nicht um eine Blephara- 
denitis, für welche der sehr langwierige und meistens habituelle 
Zustand gemeiniglich gehalten wird, sondern um eine Seborrhoe 
des Lidrandes, 1 ) und diese ist dann in der Regel blos die Theil- 
erscheinung eines über grössere Abschnitte der Gesichtshaut ver- 
breiteten krankhaften Zustandes. Ich sah sie am öftesten bei 
Semiten. Aeusserste Reinlichkeit, häufige Waschungen der von 
Fett tiberströmten Hautpartien mit feiner Seife leisten dagegen 
noch am meisten. 

Trifft irgend ein entzündlicher Reiz diese oder jene Drüse, 
so kömmt es alsbald zur Hyperämie des ihr zugehörigen Gefass- 
netzes, zu vermehrter Filtration und massenhafter Auswanderung 
farbloser Blutkörperchen in das periacinöse Gefüge und in die 
Drtisenhöhlung selbst, also zu einer mehr oder weniger umfang- 
reichen örtlichen Anschwellung. Vermöge der eigenthümlichen 
Gefassvertheilung und der Lockerheit des umgebenden subcutanen 
Gewebes greift der Process indessen unter der Gestalt entzünd- 
lichen Oedems gerne weit um sich, es werden das betreffende 
Lid und selbst die nachbarlichen Theile der Nasen- und Wangen- 
haut mächtig aufgetrieben, und man hat bisweilen Noth, das eigent- 
liche Reizcentrum in der chemotischen Geschwulst als eine härtere, 
gegen Berührung überaus empfindliche Stelle herauszufinden. 

Meistens geht die Entzündung rasch in Eiterung über. Das 
in und um den Drüsenbalg sich anhäufende entzündliche Product 
drängt dann öfters das vorgefundene Secret gegen den Ausfüh- 
rungsgang, oder erscheint selbst an dessen Mündung und lässt sich 
durch Druck entleeren. Häufiger aber hebt der um die Drüse und 
ihren Ausführungsgang angesammelte Eiter das infiltrirte lockere 
Gefüge, welches die Drüsenmündung umgiebt, unter der charak- 



[ ) Stell wag, Ophthalmologie IL, Su 932. 

9* 



132 Oculistische Namen ; Entzündung der Lidschnieerdrüsen. 

teristischen Gestalt einer genabelten Pustel empor und bricht 
schliesslich durch, worauf meistens rasche Heilung, mitunter 
aber auch Granulation und in seltenen Fällen Geschwtirs- 
bildung mit Hinterlassung tiefgreifender strahliger Narben folgt. 

Im Bereiche der Z eis 'sehen Drüsen, welche der Haut ober- 
flache sehr nahe liegen, ist der eben geschilderte Vorgang etwas 
ganz Gewöhnliches. An den Knorpel drtisen wird er gelegentlich 
ebenfalls, aber viel seltener beobachtet. Bei den Letzteren ist 
nämlich die verhältnissmässig grosse Entfernung der Acini von der 
Mündung einer unmittelbaren Entleerung des Eiters oder einer 
Pustelbildung wenig günstig, das entzündliche Product bahnt sich 
leichter einen Weg nach Aussen durch das nächst umliegende 
Gewebe, indem dieses allmälig in den Process verwickelt und 
eitrig geschmolzen wird. 

Es geschieht dieses namentlich dann gerne, wenn ein er- 
krankter Acinus der hinteren Knorpelfläche sehr nahe liegt, also 
blos eine dünne Schichte des Tarsus und die Lidbindehaut zu 
durchbrechen sind. Insoferne aber die Mehrzahl der Acini der 
vorderen Knorpelfläche näher liegt, findet der Durchbruch ge- 
wöhnlich grosse Schwierigkeiten und der entzündliche Process ist 
oft erschöpft, ehe die Entleerung des Eiters gelungen ist. 

Eine wahre Eiterbildung findet eben nur im Herdcentrum 
statt ; gegen die Peripherie hin wachsen die massenhaft angesam- 
melten Rundzellen aus und entwickeln reichliche Mengen faseriger 
Intercellularsubstanz, der Eiterherd erscheint umgeben von einer 
mehr oder weniger dicken Schichte von G ran ulationsge webe, 
welche sich dammartig immer weiter nach Aussen vorschiebt, wenn 
die inneren Lagen derselben eiterig abschmelzen. Endlich ist der 
Entzündungsreiz erloschen, die Eiterung beendigt, das hyper- 
plastische Stratum sammt dem Inhalte der davon umschlossenen 
Höhle verfallen allmälig der Aufsaugung, so dass keine Spur des 
Processes übrig bleibt. Oder aber das Granulationsgewebe 
organisirt theilweise höher und verdichtet sich zu einer mehr oder 
weniger dicken und derben bindegewebigen Kapsel, welche 



Hordeolum; Chalazion ; Beziehungen zur Hautfinne, Acne. 133 

mit dem Knorpel innig zusammenhängt und in Verbindung mit 
demselben eine kleinere oder grössere, ganz unregelmässig gestal- 
tete, ein- oder mehrfach enge Höhlung umschliesst, deren Inhalt 
je nach Umständen ein sehr verschiedener sein kann. 

Von dem Eiter und Secrete findet man in späteren Stadien 
des Verlaufes in der Regel kaum schwache Spuren. Meistens wird 
die Höhlung zum grossen Theile ausgefüllt von einer eigentüm- 
lichen sulzähnlichen schwach gestreiften Masse, die nach Fuchs 1 ) 
durch Alkohol krümlich gefällt wird, also dem Mucin nahe ver- 
wandt und mit Riesenzellen reichlich durchsetzt ist. Fuchs führt 
sie auf eine Art regressiver Metamorphose, auf schleimige Er- 
weichung eines Theiles des Granulationsgewebes zurück. Daneben 
findet sich oft etwas gelbliche viscide oder rein seröse Flüssig- 
keit. In älteren Fällen erscheint die Granulationsschichte bis- 
weilen auf derbes sehnenartiges Gefüge verdichtet und die 
davon umschlossene Höhlung gänzlich gefüllt von wasserhellem 
oder gelblichem Serum, der Krankheitsherd stellt sich unter der 
Gestalt einer buchtigen, oft mehrfächerigen Cyste dar, deren eine 
Wand der hier sehr verdünnte Knorpel bildet. 

So lange die entzündlichen Erscheinungen das Krankheits- 
bild beherrschen, wird der Zustand als Gerstenkorn, Hordeolum, 
bezeichnet; später aber, wenn das Product unter fortschreitender 
Höhergestaltung mehr ständige Formen angenommen hat, wird 
das Leiden als Hagelkorn, Chalazion, geführt. 

Ich kann in dem entzündlichen Processe nichts Anderes als 
eine Wiederholung jener krankhaften Vorgänge erblicken, welche 
sich in den Schmeerdrüsen der Haut unter dem Namen der Finne, 
Acne, so häufig abspielen. Die Eiteransammlung in und um die 
ergriffenen Lidschmeerdrüsen, besonders aber die Pustelbildung an 
der Mündung ihrer Ausführungsgänge ist das genaue Abbild des 
gleichen Processes an gleichen Bestandteilen der allgemeinen 
Decke. Wenn die anatomischen Verhältnisse der Knorpel- 



») Fuchs, Arch. f. Ophthalmologie XXIV., 2, S. 138. 



134 Oculistische Namen ; Entzündung der Lidschmeerdrüsen. 

drtisen der Entleerung des Eiters durch den Ausführungsgang oder 
durch eine berstende Pustel häufig Schwierigkeiten bereiten und 
einen Durchbruch durch die Herd Wandungen oder die Einkap- 
selung des Productes durch Granulationsgewebe erzwingen: so 
kann darin nicht eine wesentliche Verschiedenheit des patho- 
logischen Processes als solchen , sondern lediglich nur eine 
Modification desselben durch rein örtliche Umstände erblickt 
werden. Es fällt diese Abweichung übrigens auch schon darum 
nicht sehr in das Gewicht, weil die Finne der äusseren Haut 
in gleicher Weise nicht noth wendig bis zur Eiterung gedeiht und 
den Eiter entleert , sondern gar nicht selten in Form solider 
Knoten auftritt und ständig wird, verhärtet. ') 

Ich habe in Anbetracht dessen die Entzündung der Lid- 
schmeerdrüsen schon seit Langem als eine rein örtliche Form 
der Hautfinne betrachtet 2 ) und als Acne ciliaris und Acne 
tarsalis in das System eingereiht. Die Knorpelfinne zeigt 
sich immer nur in Gestalt einzelner zerstreuter Knoten oder 
Pusteln und trägt daher vorzugsweise den Charakter der Acne 
disseminata. Die Finne des Lidrandes dagegen erscheint bald 
als einzelner randständiger Knoten (Pustel), bald aber ist ein 
grosser Theil oder die Gesammtheit der Wimpernschmeer- 
drüsen in den Process verwickelt, die einzelnen Efflorescenzen 
fliessen ineinander, die Krankheit stellt sich als Acne confluens, 
d. i. als ein Zustand dar, welcher in den meisten Lehrbüchern 
als Blepharitis (Blepharadenitis) ciliaris aufgeführt und in 
eine secretorische , eine hypertrophirende und eine ge- 
schwürige Form unterschieden wird. 

Ganz im Einklänge mit dieser Auffassung wird das Leiden 
der Lidschmeerdrüsen gleichwie die Hautfinne in der Regel, 
wenn nicht immer, begründet durch eine Behinderung der 



*) Vergleiche die Lehrbücher von Is. Neumann, 1880, S. 246-, Kapos] 
1880, S. 449. 

2) Stellwag, Ophthalmologie IL, S. 932, 937. 



Beziehungen zur Hautfinne; Äetiologie. 135 

Excretion. Das Hinderniss der Ausscheidung* ist entweder ein 
rein mechanisches, eine Verstopfung- der Mündung durch Epi- 
dermis, durch katarrhalische Krusten u. s. w. 7 oder aber es ist in 
einer normwidrigen Beschaffenheit des Secretes selbst, in 
mangelhafter Verfettung und vorwiegender Verhornung 
der Zellen gelegen. 

Man sieht solche halbverhornte Zellenhaufen gar nicht selten 
in Gestalt fettig glänzender Schüppchen den leicht gerötheten und 
geschwellten Lidrand bedecken (Blepharitis ciliaris secretoria). 
Oftmals erscheint das Drüsenproduct auch in den Ausführungs- 
gängen der Knorpel- und Wimperndrüsen massig angesammelt 
und stellt den Comedonen gleich werthige, weissgelblich durch- 
scheinende strangartige Geschwülste dar. Oder es häufen sich die 
verhornenden Zellen in den Schmeerdrüsen der äusseren Lidlefze 
zu rundlichen harten he 11 weissen, stark hervorspringenden, con- 
centrisch geschichteten, mohn- bis pfefferkorngrossen Tumoren 
(Milium); oder es entwickeln sich gar um einzelne vollgestopfte 
Drüsen dem Molluscum ähnliche Gebilde. ') 

Gemeiniglich aber wird eine solche Ansammlung von Pro- 
ducten nicht gut vertragen, das Secret übt einen mechanischen 
und vielleicht auch chemischen Reiz auf die Wandungen der 
Drüse, es folgt Entzündung mit dem Ausgang in Eiterung oder 
Hypertrophie (Acne). 

Dass der Genuss gewisser Speisen und Getränke, Ueber- 
anstrengung der Augen, Aufenthalt in rauchigen Localen u. s. w. 
durch Vermehrung der Absonderung und eine damit verbundene 
chemische Abänderung des Secretes die Stockung der Excretion 
und folgerecht die Entwickelung von Acneknoten und Pusteln be- 
günstigen könne, ist mir sehr wahrscheinlich. 

Immer jedoch ist es die Ansammlung, »Retention« des 
Productes, welche der Finnenbildung zu Grunde liegt, und wenn 
die Acneefflorescenz im weiteren Verlaufe den Charakter eines 



l ) St eil wag, Ophthalmologie IL, S. 9G0. 



136 Üculistische Namen ; Entzündung der Lidschmeerdrüsen. 

Granuloms 1 ) annimmt, so ist selbe doch immer ein auf ein er 
Retentionsgeschwulst aufgebautes Granulom. 

Fuchs 2 ) bringt die Acne in nähere Beziehung zur Scrophulose. Ich 
kann einem solchen Zusammenhange nicht das Wort sprechen. Mein Assistent, 
Herr Dr. Hampel, hat sich die Mühe genommen, das Alter der mit Hordeolum 
und Chalazion behafteten ambulatorischen Kranken meiner Klinik zusammen- 
zustellen. Es waren in den letzten zehn Jahren 247 Fälle zur Beobachtung 
gekommen. Davon standen 

von 5 Wochen bis 10 Jahren 

» 11 bis 20 Jahren 

» 21 » 30 » 

» 31 » 40 » 

» 41 » 50 

» 51 » 65 

Es stellt sich das Verhältniss der unter und über 20 Jahre alten Kranken 
demnach wie 83 : 164 oder 33-6 Procent zu 66-4 Procent, ist demnach der 
Annahme einer Beiwirkung der Scrophulose nicht günstig. 



29 


im 


Alter 


54 


» 


» 


86 


» 


» 


34 


» 


» 


31 


» 


» 


13 


» 


» 



J ) Fuchs, Aren f. Ophthalmologie XXIV., 2, S. 146. 
2) Fuchs, ibid., XXIV., 2, S. 154. 



IL 

Zur pathologischen Anatomie des Glaukoms. 

Von 

Prof. Dr. C. Wedl. 

J_Jie vorliegenden Originalmittheilungen beziehen sich auf etwa 
ein Dutzend glaukomatöser Augen, welche mir durch die Gefällig- 
keit des Herrn Prof. St eil wag und des Herrn Regimentsarztes 
und Privatdocenten Dr. A. Weich sei bäum zur Untersuchung über- 
mittelt wurden. Einige ältere Fälle habe ich einer Revision unter- 
zogen. Ich war bemüht , das, wenn auch nicht reichhaltige, doch 
verlässlich diagnosticirte Material nach meinen Kräften auszunützen, 
und hoffe an einem anderen Orte ein eingehenderes Detail mit den 
nöthigen Illustrationen und mit Berücksichtigung der einschlägigen 
Literatur zu veröffentlichen. 

Die Sclera bildet eine elastische Kapsel, welche sowohl beim 
Zug durch die Augenmuskeln, als auch beim Druck von Seite 
der anschlagenden Blutwelle eine Lageveränderung ihrer kleinsten 
Theilchen erleiden muss. 

Es ist bekannt, dass die Bindegewebsbündel am Aequator 
und vor demselben eine vorzugsweise meridionale und hinter 
demselben eine mehr circuläre Richtung in ihrem Verlaufe ein- 
halten. Diesem Hauptzuge der Bündel folgen auch die elastischen 
Fasern, deren Reichhaltigkeit ich hier insbesondere betonen 
zu müssen glaube. 

Selbstverständlich ist es sehr leicht, an feinen Schnitten, welche mit 
Kali- oder Natron hydrat oder mit schwachen Säuren behandelt werden. 



138 Prof. Wcdl, Zar paUlologischen Anatomie des Glaukoms. 

sich von der zahllosen Menge der gröberen, feineren und feinsten elastischen 
Fasern zu überzeugen. Ich versuchte es auch mit Wasserstoffdioxyd 
und es schien mir, als biete diese Flüssigkeit, wenn sie längere Zeit auf 
das Scleralgewebe aufhellend einwirkt, den Vbrtheil, dass letzteres nicht so 
sehr wie in schwachen Säuren aufquillt oder einschrumpft, wie dies bei Ein- 
wirkung von Alkalien gewöhnlich zu geschehen pflegt. Man wird über- 
rascht von spiraligen wellenförmigen und zu feinsten dichten Netzen verbun- 
denen elastischen, durch Tingirung noch deutlicher hervortretenden Fasern, 
welche in ihren Hauptzügen nach dem Verlaufe der Bindegew ebsbiindel sich 
richten, obwohl sie dieselben mannigfach durchsetzen. 

Diesen Hauptzügen der Bindegewebsbündel and elastischen 
Fasern entspricht auch die Spaltrichtung. Führt man eine Tren- 
nung des Zusammenhanges der Sclerafasern dadurch herbei , dass 
man eine drehrunde Nadel , die an ihrem dickeren Theile etwa 
einen Durchmesser von zwei Millimetern hat, senkrecht auf die 
Tangentialebene durch die Sclera stösst, so werden die in einer 
bestimmten Hauptrichtung verlaufenden Fasern vorerst durch die 
Nadelspitze getrennt und beim Fortschieben der Nadel seitwärts 
gedrängt. Zieht man die Nadel aus der Sclera wieder heraus, so 
werden die Fasern bestrebt sein, in ihre frühere Lage zurückzu- 
kehren. Es wird deshalb nach dem Herausziehen der Nadel kein 
kreisförmiges Loch, sondern ein Spalt zurückbleiben, der bei 
seitlich angewendetem Zuge eine spindelförmige Gestalt hat. Es 
ist daher klar, dass die Spalte in der vorderen Sclera eine meri- 
dionale, in dem hinteren Abschnitte, wo die Faserzüge eine 
vorzugsweise circuläre Anordnung einhalten, eine cir ciliare Rich- 
tung haben müssen. 

In noch auffälligerer Weise tritt der Sachverhalt auf, wenn man Scleren 
von grösseren Säugethieren wählt. Es versteht sich übrigens von selbst, 
dass, wenn die kleinsten Theilchen nicht mehr in ihre frühere Lage nach 
einer, längere Zeit andauernden Spannung zurückzukehren vermögen, das 
betreffende Gewebe einen gewissen Grad von Rigidität angenommen haben 
müsse. Ebenso ist es einleuchtend, dass die Zug- und Druckelasticität wie die 
Elasticitätsgrenze der Sclera in physiologischer und pathologischer Beziehung 
eine specielle Bearbeitung verlangt. 

Es ist bekannt, dass die Elasticität aller Gewebe mit dem 
fortschreitenden Alter abnimmt und in jenen Organen , welche 



Veränderungen der Sclerotica; mondsichelförmige Klappen der Scleralkanäle. 139 

Ernährungsstörungen erleiden , insbesondere sich geltend 
macht und daselbst auch vorzeitig eine Abnahme auftreten kann. 

Die Ernährungsstörungen der Sclera in dem glaukoma- 
tösen Auge geben sich insbesondere bei chronischem Verlaufe 
durch Verfettung zu erkennen, welche mitunter einen so hohen 
Grad erreichen kann, dass die Sclera durch Einlagerung von winzigen 
Fettkörnchen in das GeAvebe wolkig getrübt erscheint. Diese 
fettkörnigen Trübungen sind bisweilen in dem hinteren Abschnitte 
der Sclera sehr auffällig, und es ist immerhin möglich, dass an der 
Stelle des Opticuseintrittes, wo das dichte Scleralgewebe durch die 
Lamina cribrosa vertreten ist, letztere einsinkt, weil das 
Gitterwerk der bindegewebigen Balken den nöthigen Grad von 
Widerstandsfähigkeit eingebüsst hat. Es verdient dieses Moment 
meines Erachtens Berücksichtigung. 

Eine andere physikalische Erscheinung, welche auf eine Rigi- 
dität hindeutet, macht sich nicht selten in dem glaukomatösen 
Bulbus bemerkbar. Die inneren Lagen der Scleralfaserbündel 
zeigen daselbst einen mehr parallelen Zug, als ob sie näher 
aneinander gedrängt wären, und ein erhöhtes Lichtbrechungs- 
vermögen, d. h. die sich durchkreuzenden Bündel sind weniger 
markirt, das Scleralgewebe erhält ein mehr homogenes Ansehen. 

Es sind die veränderten Elasticitätsverhältnisse der Sclera 
auch noch in einer anderen Beziehung wichtig, indem die sie in 
schiefer Richtung durchsetzenden ein- und austretenden Blut- 
gefässe und die Ciliarnerven in andere Druckverhältnisse 
gesetzt werden. 

An den zumeist hinter der Aequatorialzone befindlichen 
Scleralkanälen der Wirbelvenen, der hinteren Ciliararterien 
und der hinteren Ciliarnerven beobachtet man bekanntlich nach 
Abzug der Chorioidea mondsichelartige Klappen, noch grösser 
an der Sclera grösserer Säugethiere. Diese Klappen bestehen, wie 
Durchschnitte lehren, aus mehrfachen Lagen elastischer La- 
mellen. Die sogenannte Lamina fusca mit ihren pigmentirten 
Zellen begleitet eine Strecke weit die Gefässe und Nerven durch 



140 Prof. We dl, Zur pathologischen Anatomie des Glaukoms. 

die schief von aussen und rückwärts nach innen und vorwärts 
führenden Kanäle der Sclera. Wächst nun der Druck von innen 
her, so werden diese Klappen einen erhöhten Grad von Com- 
pression erleiden und folgerecht namentlich den rückläufigen 
Blutstrom beeinträchtigen. Nebenbei wird auch ein übermässiger 
Druck auf die hinteren Ciliarnerven ausgeübt. 

Einen wichtigen Factor ; welcher die Druckverhältnisse im 
Auge wesentlich beeinflusse bilden die hyperämischen Zustände, 
insbesondere in der Chorioidea, im Ciliarkörper, in der Iris 
und in den vorderen Ciliargefässen. Jeder, der sich mit In- 
jectionen von Bulbis abgibt, weiss, dass während der Injection 
eine Spannung des Bulbus eintritt, welche wuchst, wenn mehr 
Injectionsmasse in die Gefässe eingetrieben wird. 

Der Blutdruck, unter welchem das Auge beim Glaukom leidet, 
steigert sich nicht selten so sehr, dass es zu Blutextravasaten 
kömmt, welche nicht blos an der Chorioidea, an dem Ciliar- 
körper und der Iris sich vorfinden und als rostgelbe Flecken die 
Residuen der apoplektischen Herde bezeichnen, sondern bisweilen 
an dem Circulus arteriosus Halleri vorkommen. 

Die Thrombosen in den Blutgefässen kennzeichnen sich 
durch eine Anhäufung von weissen Blutkörperchen, welche das 
Lumen des Gefässes vollständig obstruiren und auch frei im Ge- 
webe, namentlich der Chorioidea, liegen; ferner durch Fibrin- 
netze mit feinmolekulärem oder fettkörnigem Zerfall, Umwandlung 
des Blutes in eine glasig verquollene Masse. Die rothen Blut- 
körperchen sind in stark abgeplatteten Gefassen verblasst, in ein- 
facher Lage durch gegenseitige Berührung polygonal geworden. 
Die hyperämischen Zustände finden sich in den grösseren 
Venen und den Vortices. 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die beeinträchtigte 
Thätigkeit der vasomotorischen Nerven beim Glaukom eine 
hervorragende Rolle spielt. 

Der Nachweis der feinen Verzweigungen der vasomotorischen Nerven 
ist im Auge mit mancherlei Schwierigkeiten verbunden. Es ist nicht blos 



Vasomotorische Störungen; Ge&aserweiterung und ihre Folgen. 141 

das Pigment, das der Beobachtung sehr hinderlich in den Weg tritt, sondern 
inch insbesondere an manchen Orten das zarte verstrickte elastische und das 
Bindegewebe, in welchem die Gefasse eingebettet liegen. Die Cohnheim- 
sche Methode, die feinen marklosen Nervengeflechte mittelst Goldchloricl 
zu verfolgen, lässt sich für pigmenti ose Augen verwenden und scheint mir 
besonders für die Augen (U-* weissen Kaninchens geeignet. Als Vorstudium habe 
ich die Lungensäcke von Triton und Byla arborea benutzt, welche vermöge 
ihrer dünnen Wandungen die neutrale Goldchloridlösung leicht eindringen 
und die Nervatur auch an dem Capillargetässsysteme zur Evidenz bringen lassen. 
Ieli habe bis jetzt feine mark lose X e rv engefl e c h te an den Ciliar- 
fortsätzen, an der Iris und an den Arterien der Chorioidea mit ein- 
zelnen die Choriocapillaris schief durchsetzenden Nervenfaden gesehen. 

Die Thätigkeit der vasomotorischen Nerven scheint beim 
Glaukom alsbald und in weiterem Umfange zu erschlaffen. Man be- 
gegnet nämlich häufig Erweiterungen und einem Klaffen nicht 
blos der kleinen Arterien, sondern auch der Venen, Ueber- 
gangsgefässe und selbst der Capillaren. Die Wand des meist 
leeren Blutgefässes zeigt eine kreisrunde Lichtung im Querschnitte; 
die elastische Membran der kleinen Arterien erscheint nicht mehr 
gefaltet im Querschnitte, sondern mehr glatt gespannt 

Die Consequenz der Erschlaffung der kleinen Arterien ist, 
dass dieselben erweitert bleiben und demnach mehr Blut in 
dieselben einströmt. Es hört die Begulirung der Circulation durch 
die Lähmung ihrer glatten Muskelfasern auf: es macht sieh eine 
ungleichinässige Hl utvertheil ung geltend; der Druck in 
dem venösen Abschnitte muss offenbar gesteigert werden. 

Es ist auch klar, dass die erweiterten Arterien vermöge 
des Verlustes ihres Tonus den andringenden Pulswellen keinen 
gehörigen Widerstand entgegensetzen können, daher eine Pul- 
sation in den dilatirten Arterien auftritt, welche sieb auch auf 
die Venen fortpflanzen kann. Es ist auch der Fall möglich, dass 
der Widerstand in den Capillaren ein geringer wird, wodurch 
die Arterien nicht in dem gehörigen Grade von Spannung erhalten 
werden; es wird somit auch in diesem Falle eine Pulsation in den 
Arterien sich bemerkbar machen, welche sich gleichfalls auf die 
Venen ausdehnen kann. 



142 Prof. Wedl, Zur pathologischen Anatomie des Glaukoms. 

Die durch einige Zeit gestörten Circulationsverhältnisse, die 
kyperämischen Zustände, namentlich in dem venösen Gebiete, 
veranlassen hier wie in anderen Organen Ernährungsstörungen. 
Die behinderte Oxygenation der Gewebe, der theilweise höhere 
Druck, unter welchem dieselben gesetzt werden, die Volumszunahme 
der Kohlensäure bei venöser Hyperämie scheinen entzündlich 
reizend und dann resorbirend auf die Gewebe einzuwirken. 

Die hyperämische Schwellung der Ciliarfortsätze, 
welche in dem Beginne des Glaukoms auftritt, muss notwen- 
diger Weise eine Stellungsveränderung in der Iris zur Folge 
haben; es wird dieselbe nach vorwärts gedrängt und werden 
ihre Circulationsverhältnisse alterirt. Es wird die vordere Kammer 
verengert; es kann der Pupi Harr and der Iris in Berührung mit 
der Cornea kommen, wobei sich daselbst leicht eine lockere binde- 
gewebige Adhäsion bildet, während der übrige Theil der Iris 
von der Cornea absteht. Die vordere Kammer wird hierdurch 
theilweise abgesackt. Durch die anhaltende Schwellung der Ciliar- 
fortsätze wird auch der continuirliche Abfluss des Blutes in den 
vorderen Ciliarvenen behindert. 

Mit dem beginnenden Schwunde der Ciliarfortsätze geht 
nicht selten eine schwielige Entartung einher. Es tritt eine sehr 
auffällige Verdickung der bindegewebigen Scheide der Blutgefässe ein, 
welche von mehreren Lagen concentrisch gelagerter Bindegewebs- 
körperchen gebildet wird. Die Lichtung solcher Gefässe wird enger, 
und es kommt mitunter zur Obliteration der kleineren Arterien, 
wo einige Endothelzellenkerne die Lichtung vollständig decken, oder 
es wird der Rest der Letzteren mit einer mehr weniger homogenen 
transparenten Masse verstopft. Die weiteren Venen der Fort- 
sätze bleiben offen, sind jedoch in ihrer Mehrzahl blutleer. Es 
ist klar, dass dann die zugeführte Blutmenge eine geringere ist, 
während die abführenden Gefässe ein weites Lumen zeigen. Um 
sich von diesem Sachverhalte zu überzeugen, ist es erspriesslich, 
die Schnitte senkrecht zur Axe der Gefässe zu führen, die Fort- 
sätze somit in der Frontalebene zu durchschneiden. 



Atrophie der Bianenmuskeln ; Scleroohorioidalectasien. 14o 

Bei der starken Spannung, welche der Bulbus beim Glaukom 
durch längere Zeit erfährt, ist es nicht zu verwundern, dass die 
zur Innervation des Sphincter pupillae bestimmten Oculomo- 
toriusfasern einen lähmungsartigen Zustand erleiden, welcher sich 
durch eine beträchtlich erweiterte Pupille kundgibt. Der Muskel 
erscheint abgeplattet, dünn, blutleer; seine Zellen sind in chronischer 
Verfettung begriffen, trübe, bei höheren Graden von Schwund durch 
spärliche Züge angedeutet. Häufig ist eine grössere Menge von 
irregulären, agglomerirten, pigmentirten, neugebildeten Zellen gegen 
den Pupillarrand zu sehen. Bei der herabgesetzten Ernährung der 
Iris wird dieselbe dünner, verliert einen beträchtlichen Theil ihres 
Pigmentgehaltes, der unregelmässig vertheilt ist; sie wird insbeson- 
dere an manchen Orten durchscheinend, zeigt bisweilen selbst Ge- 
webslücken von scharfer Begrenzung in Folge von Resorption. Die 
grösseren, von ihrem Marginaltheile gegen die Pupille ziehenden 
Gefässe sind stark geschlängelt, offenbar wegen der Verkürzung 
der Radien der Iris. 

Ebenso wie der Sphincter pupillae verödet auch der Mus- 
culus ciliaris; es tritt eine Abflachung und eine mehr weniger 
auffällige chronische Verfettung ein. Der Querdurchmesser nimmt 
ab, und es erscheinen als Reste der glatten Muskelfaserbündel fahl- 
gelbe Stränge, in welchen nur mehr geschrumpfte Kerne wahr- 
nehmbar sind. Bisweilen beobachtet man eine Sclerosirung des 
Ciliarmuskels , indem das interstitielle Bindegewebe desselben in 
straffe Bündel verwandelt und die glatten Muskelfasern mehr und 
mehr zurückgedrängt werden. Die Nerven, welche letztgenannten 
Muskel versorgen, werden abgeplattet, die Scheiden ihrer Primitiv- 
röhren gefaltet, sie quellen nicht mehr in verdünnten Säuren, ihr 
Mark ist nahezu geschwunden, feinkörnig getrübt. 

Man hat bisweilen Gelegenheit, die Entwicklung des partiellen 
Sclerochorioidealstaphyloms zu verfolgen, und zwar in langen 
Schnitten, welche an glaukomatösen Augen in der Gegend des 
Aequators geführt werden. Man beobachtet nämlich an der inneren 
Oberfläche der Sclera in verschiedenen Distanzen ganz entschiedene, 



144 Prof. Wedl, Zur pathologischen Auatomie des Glaukoms. 

schon mittelst des unbewaffneten Auges wahrnehmbare , gruben- 
förmige Substanzdefecte , welche von hyperämischen Venen der 
Tunica vasculosa der Chorioidea ausgefüllt werden, ohne dass eine 
Veränderung in dem Abschnitte des Scleralgewebes , welcher der 
Grube entspricht, sich bemerkbar macht. Der Verlust betrügt 
vorerst beiläufig ein Viertel oder ein Drittel des Querdurchmessers 
der Sclera und wird wahrscheinlich durch den continuirlichen Druck 
von Seite der ausgedehnten Venen eingeleitet, ebenso wie die 
Usuren am Knochengewebe bei Ausdehnungen von Arterien oder 
Venen. 

Es können andererseits auch circumscripte bindegewebige 
Wucherungen an der Aussenseite der Chorioidea einen Schwund 
an den betreffenden Stellen der Sclera herbeiführen, ähnlich wie 
die Pacchionischen Granulationen an der Arachnoidea eine Usur in 
der Glastafel des Schädeldaches zur Folge haben. 

Hat sich im Verlaufe des Glaukoms ein diffuses Sclerochorioi- 
dealstaphylom in der vorderen Bulbushälfte entwickelt, so zwar, 
dass Sclera und Chorioidea nebst der Retina auffällig dünner ge- 
worden sind, so zeichnen sich die Scleralfasern, namentlich gegen 
die Innenseite zu, durch einen vorwiegend parallelen Zug und, 
wie es den Anschein hat, durch eine grössere Dichtigkeit aus. 
In der äusseren Zone der Sclera, insbesondere gegen die Cornea 
hin, sind Herde von gewucherten kleinen Zellen eingelagert ; es ist 
an solchen Orten zu einer Scleritis gekommen. Die Zelleninfiltration 
in dem episcleralen Bindegewebe kann hieb ei einen solchen 
Grad erreichen, dass es von den kleinen Rundzellen ganz voll- 
gepfropft erscheint. Auch das Co njunctival epithel participirt an 
dieser Wucherung in umschriebenen Stellen. Man sieht von der 
Oberfläche gegen die Tiefe ziehende rundliche Einsenkungen des 
Epithels, welche, von dem Corium der Schleimhaut scharf ab- 
gegrenzt, mit jungen Epithelzellen erfüllt sind. In der Chorioidea 
und Retina vermisst man an den entsprechenden ausgedehnten 
Partien eine entzündliche Infiltration; es ist eben ein einfacher 
Schwund. 



Veränderungen im Bereiche der Aderhaut; Knochenneubildungen. 145 

Findet man in einem glaukomatösen Auge ein Staphylonia 
posticum, so ist an den dit misten Steilen die Chorioidea der- 
artig geschwunden, dass sie an Querschnitten nur mehr eine trans- 
parente structurlose, mit der Sclera dicht verbundene Schichte mit 
zerstreuten Pigmentmolekülen bildet, wobei s am int liehe Gefässe 
untergegangen sind. 

Bei der chronisch entzündlichen Forin des Glaukoms 
kommt es im Ciliargefässsysteme hier und da zu überraschenden 
heterologen Bildungen von Knochensubstanz von verschie- 
dener Ausdehnung, was die Flächenausbreitung und Dicke betrifft. 
Häutiger ist der hintere Abschnitt der Chorioidea ihr Sitz; es 
treten in der der Choriocapillaris entsprechenden Schichte Knochen- 
bälkchen auf, die, in einer bindegewebigen Hülle eingebettet, nur 
etwelche Knochenkörperchen beherbergen. Weiters bilden sich 
concentrische Lagen von Knochenkörperchen mit ausgesprochener 
lamellöser Structur. An diese Systeme von Lamellen werden neue 
angelagert, deren Bögen jedoch eine andere Richtung haben, so 
zwar, dass sie in ihrem Verlaufe mit den nachbarlichen Lamellen- 
systemen sich durchkreuzen. Eine Vascularisation der neuge- 
bildeten Knochensubstanz wird erst evidenter, wenn dieselbe eine 
gewisse Ausdehnung in die Fläche und eine geAvisse Dicke erreicht 
hat. Der Bulbus schrumpft hierbei mehr und mehr ein. 

Hat sich eine umfangreichere und dickere Knochensub- 
stanz gebildet, welche sich aus dem collabirten Bulbus ausschälen 
lässt, so findet man eine von Getasskanälen durchbohrte Rinde, 
von welcher Bälkchen abgehen und ihrerseits wieder zu einem 
Balkenwerke sich vereinigen; man hat eben einen spongiösen 
Knochen mit einem periostalen Ueberzuge und Fettzellengruppen in 
der Marksubstanz vor sich. Der neugebildete Knochen erleidet 
aber mit der Zeit einen Abbruch in seiner regelmässigen Ernährung. 
In einem Falle eines glaukomatösen Auges habe ich ein einige 
Quadratmillimeter grosses Knoehenplättcheii, in einer zähen schwieli- 
gen Bindegewebsmasse eingebettet, an der inneren Oberfläche des 
Corpus ciliare gefunden, offenbar in Folge von Cyclitis. 

St eil wag, Abhandlungen. 10 



146 Prof. Wedl, Zur pathologischen Anatomie des Glaukoms. 

Die gestörten Circulationsverhältnisse in den vorderen Ciliar- 
gefässen ziehen Folgekran kh ei ten nach sich. Frontale Schnitte 
an der Uebergangsstelle von der Sclera in die Cornea verschaffen 
einen guten Ueberblick über die Hyperämie der pericomealen 
Arterien und Venen mit Abzweigungen von tief in die Cornea 
eindringenden Capillaren. In dem episcleralen Bindegewebe 
wuchern oft kleine Rundzellen; es wachsen pannöse Schichten 
über einen geringeren oder grösseren Abschnitt der Cornea, wobei 
radialwärts verlaufende neugebildete Blutgefässe in ihren Schichten 
zum Vorschein kommen. Das Conjunctivalepithel wird dicker 
und bildet namentlich an dem Ueb ergange von der Sclera in die 
Cornea und an letzterer selbst unregelmässige trichterförmige Ein- 
senkungen. Sind Verwachsungen der Cornea mit der Iris 
eingetreten, so geben sich die Reizungszustände in den hinteren 
Schichten der ersteren durch eine Prolification von Zellen zu er- 
kennen, welche in den hintersten Lagen am stärksten angehäuft 
sind und schliesslich eine Usur der Membrana Descemeti her- 
vorrufen, so dass das proliferirende pigmentirte Bindegewebe von 
Seite der Iris in unmittelbaren Contact mit dem Corneaige webe 
gelangt und mit vielfachen Fortsätzen in dasselbe hineinwächst. 
Manchmal ist ein einfacher Schwund der Cornea ohne Ver- 
wachsung mit der Iris zu beobachten, wobei ihr Dickendurchmesser 
insbesondere gegen den centralen Theil auf eine ungleichmässige 
Weise abgenommen hat und der Durchschnitt insbesondere an der 
Hinterseite statt der bogenförmigen Begrenzung seichte Einbuch- 
tungen aufweist. Die vordere Kammer ist enge geworden, die 
atrophische Iris mit dem collabirten Ligamentum pectinatum steht 
unter einem sehr spitzen Winkel von der Cornea ab. In Letzterer 
kommt es beim Glaukom bekanntlich nicht selten zur G e schwur s- 
bildung, wozu die Reizungszustände im Ciliarnervengebiete die Ver- 
anlassung abgeben dürften. 

Der glaukomatöse Process wirkt auch störend auf die anderen 
durchsichtigen Medien, das Kammerwasser, die Linse und den 
Glaskörper ein. Ob eine Volumszunahme in beiden letzteren 



Veränderungen in den dioptrischen Medien. 147 

gelegentlich auftritt, ist schwer zu ermitteln; es ist hingegen leicht 
nachweisbar , dass die Trübungen theils auf Rechnung von Prä- 
eipi taten eiweisshaltiger Flüssigkeiten kommen, theils in dem 
Protoplasma der betreffenden Zellen auftreten oder der Prolification 
der letzteren zuzuschreiben sind. 

Manche Zellengruppcn unterliegen dem Einschmelzungs- 
oder totalen Verödungspro cesse. So sind z. B. die Zellen an 
der hinteren Oberfläche der vorderen Linsenkapsel bisweilen 
vollständig allem Anscheine nach einer stark getrübten molekularen 
Masse gewichen, die Linsenfasergruppen der Corticalsubstanz 
sind bald wie bei Cataracta mollis durch eine dickflüssige getrübte 
Substanz auseinander gedrängt, bald, wenn die Interpretation richtig 
ist, nach der Fläche quer gefaltet. Nicht selten sind grosse granu- 
lirte Kugeln zwischen den Fasern der Rinde eingelagert. Die 
Linsenfasern unterliegen manchmal einem Verkalkungsprocesse, 
wobei Kalkkörner in der brüchig gewordenen Faser eingestreut 
sind, oder es sind an verkalkenden Linsen aus concentrischen Lagen 
aufgebaute oder einfache Drusen eingeschoben, an anderen Orten 
feinkörnige amorphe Kalksalze in einer organischen Grundsub- 
stanz eingebettet. Mitunter wuchern die Kerne in der Kernzone 
der Linse. 

Der Glaskörper ist nicht selten mit der Retina so verlöthet, 
dass eine Trennung nicht mehr möglich ist. Die Glaskörperzellen 
stehen in Gruppen beisammen und wachsen mitunter mit mehr- 
fachen Fortsätzen aus. Bei Verwachsungen des Glaskörpers mit der 
Netzhaut ist auch die Bedingung des Hinein Wachsens von 
Zweigen der Retinalgefässe gegeben. Es können somit Rei- 
zungszustände sowohl in den Linsen- als auch in den Glaskörper- 
zellen gelegentlich sich bemerkbar machen. 

Die Entstehung von B lu t ex trava säten an der Insertions- 
s teile des Nervus opticus ist bei Hyperämien des Ciliargefäss- 
systems wegen der Rami communicantes zwischen den hinteren 
Ciliar- und Retinalgefässen erklärlich. Es kommt auch zur Ablage- 
rung von schmutzig rothbräunlichen Pigmentkörnerhaufen, welche 

10* 



148 Prof. Wi.'dl, Zur pathologischen Anatomie des Glaskörpers. 

theils in der Lamina cribrosa liegen , in ausgesprochenen Fällen 
schon mittelst des blossen Auges wahrzunehmen, theils längs der 
Arteria centralis retinae in den Opticus hinein zu verfolgen sind. 

Die pigmentirten Zellen der Retina (M. Schultzens, 
10. Schicht) gehen mehrfache pathologische Veränderungen ein, 
welche bekanntlich darin bestehen, dass die Pigmentkörner ver- 
blassen und fettige Trübungen des Protoplasmas erscheinen. Ich 
habe Abschnitte der Chorioidea sammt Retina einige Wochen der 
Einwirkung von Wasserstoffdioxyd unter Einfluss des Lichtes aus- 
gesetzt. Es werden auf diese Weise diese Zellen vollständig ent- 
färbt, ein körniges Protoplasma bleibt zurück; die körnigen Trü- 
bungen der Stäbchenschichte kann man so deutlich zur Anschauung 
bringen. Häufig treten in dem Protoplasma dieser Zellen colloide 
Metamorphosen auf. Es erscheinen tropfenartige, das Licht wie 
mattes Glas brechende Gebilde, welche bald kleiner, bald grösser 
und im letzteren Falle von einem Saume pigmentirter Körner um- 
geben sind, wobei die polygonale Gestalt erhalten bleibt. 

Diese Metamorphose des Protoplasmas ist nicht mit den 
grösseren colloidähnlichen Tropfen zu verwechseln, welche an der 
Tunica elastica interna der Chorioidea sitzen, bei denen es auch 
fraglich ist, ob sie aus Zellen hervorgegangen oder vielleicht eine 
unmittelbar erfolgende Auflagerungsschichte der elastischen Haut 
sind. Dieselben sind von einem Kranze pigmentirter polygonaler 
Zellen umgeben, oder letztere lagern sich in continuirlicher Reihe 
nach Art eines Daches über die Kuppe; sie wachsen durch Appo- 
sition neuer Schichten und verschmelzen mit nachbarlichen. Diese 
breit aufsitzenden sphäroidischen Gebilde gehen auch einen Ver- 
kalkungsprocess ein. 

Mitunter trifft man in glaukomatösen Augen eine Retina, 
welche in ihrem Vorder- oder auch in ihrem Hinterabschnitte, mit 
dem unbewaffneten Auge besehen, an einer circumscripten Stelle 
ein marmorirtes Ansehen hat oder mit eingelagerten trüben Punkten 
besetzt erscheint. Die Dicke der Netzhaut hat an solchen Orten 



Veränderungen im lichtempfindenden Apparate. 149 

zugenommen. Die denselben entnommenen Querschnitte zeigen 
Arkaden , deren Aussen- und Innenseiten durch dichte Aggregate 
von kleinen rundlichen Bindegewebszellen abgeschlossen sind, deren 
Säulen aus pinselartig an ihren Enden sich ausbreitenden , ge- 
streckten Fasern mit eingelagerten ovalen Kernen bestehen. Die 
Hohlräume dieser Arkaden schliessen eine transparente Flüssigkeit 
ein; an der äusseren kleinzelligen Schicht sitzen manchmal wohl- 
erhaltene Stäbchen. Es ist hier nicht der Ort, mich in ein näheres 
Detail einzulassen ; nur so viel möchte ich mir erlauben zu bemerken, 
dass diese bindegewebige Verbildung der Netzhaut, welche an 
senilen Augen in ihrem Vorderabschnitte nicht selten vorzukommen 
pflegt, nicht als ein einfaches Oedem bezeichnet werden kann, 
sondern als eine beträchtliche Wucherung des bindegewebigen 
Gerüstes der Netzhaut aufzufassen sei, wobei die Stützfasern 
die Pfeiler der Arkaden abgeben. 

Die Causalmomente für die Entstehung der glauko- 
matösen Sehnervenexcavation sind noch unklar; wahrschein- 
lich sind deren mehrere. Es ist eben noch schwer, diejenigen 
Momente, welche auf Rechnung der Blutstauung, namentlich am 
Circulus arteriosus, der etwaigen consecutiven Extravasate oder der 
vermehrten Transsudation daselbst zu setzen sind, von anderen 
Momenten, welche der verminderten Elasticität der hintersten 
ringförmigen Scleralfasern und der Lamina cribrosa zuzuschreiben 
sind, zu sondern. Der kleine Trichter, der sich an der Sehnervenpapille 
vorfindet und zum Austritte der Arterien und Eintritt der Venen dient, 
wird nach und nach zu einer Mulde erweitert. Der Umfang, die 
Tiefe und Gestalt der letzteren sind verschieden; immerhin wird 
eine Deviation der ausstrahlenden Sehnervenfasern und der Blut- 
gefässe die Folge und um so auffälliger sein, je tiefer und weiter 
die Mulde ist. Das Einsinken der Lamina cribrosa wächst natür- 
lich mit der Tiefe der Excavation. 

Die hierdurch bewirkte Knickung der Sehnervenfasern, die 
gesteigerte Spannung des Bulbus müssen offenbar hemmend auf 
die Leitung der Sehempfindung zum Gehirne einwirken. Es können 



150 Prof. Wedl, Zur pathologischen Anatomie des Glaukoms. 

deshalb beim Glaukom die Elemente der Netzbaut sieb normal 
verhalten, während die Lichtempfindung aufgehoben ist. 

So wurden z. B. Stäbchen und Zapfen, ebenso die Körner und Ganglien- 
zellen mit der Opticusfaserschicht einer Retina bei seeundärem Glaukom, das 
sich in Folge von einer traumatischen Affection mit vollständiger Erblindung 

und hochgradiger Excavation in einem von Herrn Professor St eil wag enu- 
cleirten Bulbus entwickelt hatte, an Stellen zunächst der Insertion des Opticus 
ganz normal, in ungetrübtem Zustande vorgefunden. So waren an dem rechten 
Auge eines an Morbus Brighti verstorbenen Pfrtindners, das mir von Herrn 
Dr. Weichselbaum übersendet wurde, und wo von Herrn Primarius Dr.Koller 
die Diagnose: beginnendes Glaukom gestellt war, die Retinaschichten 
vollkommen gut erhalten. 

Die atrophischen Zustände der Netzhaut, wenn sie 
überhaupt hervortreten, erstrecken sich entweder über die ganze 
Haut oder beschränken sich auf einzelne Gebiete. Höhere 
Grade von Atrophie mit einer beträchtlichen Verdünnung der Haut 
kommen selbstverständlich nur bei einem sehr chronischen Ver- 
laufe vor. Die Opticusfaserschicht ist hierbei nur mehr durch 
dünne gestreckte Faserzüge angedeutet. Die häufig an dem Glas- 
körper haftende Lamina elastica interna ist getrübt, die Ganglien- 
zellenschicht ganz unkenntlich geworden ; selbst die Körnerschichten 
zeigen blos zerstreute geschrumpfte Kerne, oft mit colloiden Klümp- 
chen gemengt; einzelne grössere Blutgefässe klaffen mit ihrer ver- 
dickten Adventitia; das pigmentirte Epithel ist mehr weniger 
verblasst, hie und da ganz verschwunden und durch colloide protu- 
berirende Massen verdrängt. An solchen Orten ist gewöhnlich 
die Chorioidea so innig mit der Netzhaut verschmolzen, dass eine 
mechanische Trennung nicht mehr möglich wird; es ziehen pig- 
mentirte Körnergruppen durch die verkümmerte Retina. Hat sich 
eine chronische Chorioiditis mit Wucherung von pigmentirten 
Bindegewebszellen entwickelt, so durchsetzen dieselben bald mehr 
bald weniger die verkümmerten Lagen der Netzhaut, und es ent- 
steht jenes Bild, welches man als Retinitis pigmentosa bezeichnet. 

In einem Falle eines wegen Glaukom operirten, an Tuberculosc ver- 
storbenen 50jährigen Pfründners wurde hochgradige Anhäufung von roth- 
braunen Pigmentkörnerhaufen in der Lamina cribrosa, ebenso in dem schwielig 



Veränderungen im lieh tempfmdenden Apparate. 151 

degenerirten, von der eingesunkenen Papille abgehenden Zapfen der abgeho- 
benen Retina beobachtet. 

Einige Male habe ich Microeoccusballen bei geschrumpften Netzhäuten 
an den Wandungen von grösseren Arterien und Venen angetroffen. 

Ein neuritischer Process im Orbitalstücke des Opticus 
scheint sich bei Glaukom seltener hinzuzugesellen. Ist er vorhanden, 
so sehreitet er von dem Neurilemma nervi optici central war ts, 
wobei Agglomerate von Kernen in den bindegewebigen Scheiden 
der Nervenbündel liegen und von der Peripherie aus abnehmen. 

Der consecutive Schwund der Nervenfaserbündel offen- 
bart sich durch eine Abnahme des Volumens , grössere Dichtigkeit 
und fahlgelbliche Verfärbung. Die Zunahme der Dichte erklärt sich 
durch die schwielige Beschaffenheit des interstitiellen Bindegewebes 
und der Adventitia der klaffenden Arterien, Venen und selbst der 
hier und da erhaltenen Capillaren. Die Trübung der Nervenbündel 
beruht auf einer chronischen Verfettung, welche auch in der Arteria 
centralis durch fettkörnige Trübung der Grefässwände bisweilen aus- 
gesprochen ist. 



III. 

lieber Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

.Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen gilt es dermalen 
als eine Thatsache, dass der eigentliche Kernpunkt , das Wesen 
des »Glaukom« genannten Processes die kr an kh af t e Steigern n g 
des in trao ciliaren Druckes sei. Hat man sich doch bereits 
gewöhnt, jede merkliche Erhöhung des Binnendruckes als einen 
glaukomatösen Zustand zu bezeichnen und umgekehrt gewisse 
dem grünen Staare zugehörige Symptomgruppen auf eine Druck- 
vermehrung als Ursache zu beziehen, auch wenn eine die Norm 
übersteigende Härte des Augapfels in keiner Weise mit Sicherheit 
nachgewiesen werden kann. 

Demgemäss muss jede nosologische Erörterung des Glaukoms 
die krankhafte Drucksteigerung zum Ausgangspunkte haben und 
den wahren Grund der letzteren aufschliessen , um eine sichere 
Unterlage für den scheinbar so verwickelten Bau der Lehre zu 
gewinnen. Gerade in dieser Beziehung herrscht aber gegenwärtig 
eine sich stets steigernde Verwirrung, indem man bald diese, bald 
jene mehr weniger beständige Erscheinung herausgreift und selbe 
ohne Berücksichtigung feststehender Thatsachen, ja im offenen 
Widerspruche damit, in ursächliches Verhältniss zur Drucksteigerung 
zu bringen sucht. 

So hatte Knies 1 ) kaum gefunden, dass in vielen glauko- 
matösen Augen der Zellgewebsraum im Iriswinkel 2 ) (auch 



») Knies, Aren. f. Ophthalmologie XXIL, 3, S. 163. 

2) Heisrath, Arch. f. Ophthalmologie XXVL, 1, S. 221 u. f., 231. 



Verengerung oder Verstopfung der vorderen Lymphbahnen. 153 

Fontana'scker Raum genannt) eine beträchtliche Anhäufung ent- 
zündlicher Producte erkennen lasse, dass diese Infiltration weiterhin 
zur Verödung und Schrumpfung des Gefüges führe und eine Ver- 
löthung der Irisperipherie mit der hinteren Hornhautwand veran- 
lasse: als auch schon eine Verstopfung der am vorderen Scleral- 
rande nach Aussen führenden Lymphwege als nothwendige Folge 
angenommen, demgemäss ein Missverhältniss zwischen Abfuhr und 
Absonderung, weiterhin eine Vermehrung des Augapfelinhaltes 
und damit eine Steigerung des Binnendruckes als noth- 
wendige Consequenzen abgeleitet wurden. 

Natürlich hat man auch sinnreich ausgedachte Versuche an 
todten Menschen- und an lebenden Thieraugen zur Begründung der 
neuen Lehre herangezogen (Ad. Weber, 1 ), Schöler' 2 ), ein Ver- 
fahren, welches sich leider gar so häufig als willfährige Stütze für 
die gegent heiligsten Ansichten erwiesen hat. 

Doch konnten die Praktiker die ganze Theorie nur schwer 
mit gewissen Erfahrungen vereinbaren. Es fiel ihnen auf, dass bei 
einem Abschlüsse der vorderen Lymphwege der vordere Kammer- 
raum sich verengern statt erweitern solle (Arlt 3 ), und dass eine 
Verlegung des Fontana'schen Raumes nur die durchziehenden 
Lymphwege unwegsam machen solle , während die vorderen 
Ciliarvenen in der Regel eine zehr auffällige Erweiterung er- 
kennen lassen. Noch bedenklicher aber mussten die, zumal in den 
Anfangsstadien der Krankheit, so überaus häufigen und auffälligen 
Schwankungen in den Druck Verhältnissen glaukomatöser 
Augen stimmen. In der That lässt sieh eine exsudative Ver- 
stopfung der vorderen Lymphwege wohl mit einem allmäligen und 
stetigen Ansteigen und Abfallen der wesentlichen Krankheits- 
erscheinungen zusammenreimen, nimmermehr aber mit einem perio- 
dischen und oft sogar typischen Wechsel derselben. 



!) Ad. Weber, Arch. f. Ophthalmologie XXIIL, 1, S. 1. 

2 ) Schöler, ibid. XXV., 4, S. 63. 

3 ) Arlt, Klin. Monatsblätter, 1878, Beilage S. 97. 



154 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

Ich habe gleich Anderen einen solchen Wechsel gar oft und besonders 

ausgeprägt bei einer alten Kaufmannsfrau aus der Klientel des Herrn 
Dr. Heinzel zu beobachten Gelegenheit gehabt. Es hatte sich bei derselben 
seit 18G7 tagtäglich gegen 9 Uhr Morgens auffällige Drucksteigerung mit 
starker Trübung der Hornhautmitte und Umnebelung des Gesichtsfeldes an 
beiden Augen eingestellt, war bis zu einer wechselnden Höhe angestiegen, 
gegen Mittag aber wieder ziemlich rasch bis zur völligen Normalität zurück- 
gegangen. Im Jahre 1S7G hatten die Anfälle an Heftigkeit und Dauer merk- 
lich zugenommen, die Nachlässe waren weniger vollständig geworden, während 
das Auftreten einer Excavation und einer Gesichtsfeldeinschränkung nach 
innen den Zustand bedrohlich gestalteten, daher zur Iridektomie geschritten 
werden musste, was denn auch einen befriedigenden Erfolg hatte, ohne jedoch 
leise Andeutungen der früheren typischen Anfälle gänzlich zu verhindern, da 
diese selbst jetzt 1881 noch sich täglich wiederholen. 

Erschien solchergestalt die Knies 'sehe Lehre schon vorne- 
herein sehr verdächtig, so haben ihr die Untersuchungen H. Pagen- 
stecher 's ') vollends jeden Halt genommen. Wirklich konnte dieser 
verdienstvolle Forscher der ophthalmologischen Gesellschaft zu Heidel- 
berg* bereits 1877 Präparate vorlegen, welche klar beweisen, dass 
die von Knies beschriebenen Veränderungen im Bereiche des 
Fontana'schen Raumes in ausgesprochen glaukomatösen Augen voll- 
ständig fehlen können und umgekehrt nicht selten dort bestehen, 
wo während des Lebens niemals eine Spur von Drucksteigerung 
erkennbar gewesen ist. Schnabel 2 ) und Brailey 3 ) haben die 
Befunde H. Pagenstecher's vollauf bestätigt, daher jetzt wohl 
kein Zweifel darüber gehegt werden kann, dass die von Knies 
beobachteten Infiltrationen des Iriswinkels nicht sowohl als noso- 
logische Momente der Drucksteigerung aufgefasst werden können, 
sondern blos die Bedeutung sehr gewöhnlicher, immerhin aber 
unbeständiger Folgezustände des Glaukoms oder vielmehr 
der mit dem Glaukome in der Regel verknüpften Entzündungen 
des vorderen Uvealtractes haben. 

Brailey stützt sich bei seinen Angaben auf die mikrosko- 
pische Untersuchung einer erstaunlichen Menge (149) von Augen, 



1 ) H. Pagenstecher, Klin. Monatsblätter, 1877, Beilage S. 7. 

2 ) Schnabel, Arch. f. Augenheilkunde VIL, S. 99. 

3 ) Brailey, Ophth. Hosp. Rep. IX., p. 219 u. f., 388; X., p. 90 u. f. 



Verengerung oder Verstopfung der vorderen Lymphbahnen. 155 

welche, mit Drucksteigerung behaftet, lebenden Kranken ent- 
nommen wurden. Es waren zumeist Fälle mit bereits veraltetem 
primären und sccundären Glaukome, doch befanden sich auch einige 
darunter, in welchen der Process noch als ein ziemlich frischer 
betrachtet werden konnte. Brailey hebt ausdrücklich hervor, dass 
Drucksteigerung mit völliger Freiheit, ja mit Erweiterung des 
Iriswinkels bestehen könne, dass die Verlöthung der Irisperipherie 
mit dem Rande der Descemeti öfters eine blos partielle sei, und 
dass gar nicht selten die Ciliarzone der Regenbogenhaut der Innen- 
wand des Ligamentum pectinatum nur angedrückt erscheine, mit 
der Descemeti also nicht in Berührung stehe. Als entferntere 
Ursache der Anlöthung gilt ihm die Entzündung der Theile, welche 
er in frischeren Fällen deutlich nachweisen konnte. Als nächste 
Veranlassung aber bezeichnet er die spätere Schrumpfung des 
infiltrirten Balkenwerkes im Bereiche des Fontana'schen Raumes 
und bringt damit auch die Vor- und Einwärtszerrung der Spitzen 
der Ciliarfortsätze in Zusammenhang. Ganz folgerichtig sind ihm 
die von Knies beschriebenen Veränderungen blos seeundäre Zu- 
stände, welche unmöglich der Drucksteigerung zu Grunde liegen 
können. ! ) 

Nach seiner Meinung lässt sich die Druck Steigerung nur aus 
einer VermehrnngderBinnenmedien erklären, und diese muss 
auf eine entzündliche Hyp er se er etion von Seite der Strahlen- 
fortsätze und der Regenbogenhaut zurückgeführt werden. Ist dann 
einmal seeundär die Irisperipherie an die Descemeti angelöthet, so 
kann allerdings auch eine Behemmung des Abflusses bei- 
wirken, die Drucksteigerung unterhalten und sogar steigern. 2 ) 
Eine Beengung oder Verschliessung der Abzugswege in 
der vorderen Scleralzone scheint ihm aber ziemlich häufig gegeben 
zu sein, indem er 3 ) den Schlemm'schen Kanal beim primären 



*) Brailey, üphth. Hosp. Rep. IX., p. 220. 

2 ) Brailey, ibid. X., p. 10, 282. 

3 ) Brailey, ibid. IX., p. 222 u. f., 390. 



156 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

und secundären Glaukome , namentlich wenn eine Anlöthung der 
Irisperipherie an den Rand der Descemeti bestand , gewöhnlich 
ganz geschlossen oder doch kaum sichtbar vorfand. Er sieht 
darin eine Folge von Pressung, welche er theils auf den erhöhten 
Binnendruck, theils auf die entzündliche Infiltration der Umgebung 
des Kanales zurückführt. 

Nach den Untersuchungen K ö ni g s t e in 's *) kann diesem Ver- 
halten des Schlemm' sehen Kanales jedoch kaum eine sonder- 
liche Bedeutung zugeschrieben werden; es muss umsomehr für ein 
rein zufälliges gelten, als die Verengerung und Schliessung durch- 
aus keine constante ist, im Gegentheile der Kanal gar nicht 
selten trotz starker Drucksteigerung und trotz Anlöthung der Iris- 
peripherie an den Rand der Descemeti von Brailey weit offen 
gesehen worden ist. 

Im Uebrigen kann der Schlemm'sche Kanal nach den Arbeiten 
von Leber, 2 ) Heisrath 3 ) und Königstein 4 ) wohl nicht mehr als 
Lymphbehälter angesehen werden, wie einst Schwalbe 5 ) und 
Waldeyer ) behaupteten, sondern muss in Zukunft ganz bestimmt 
als ein Geflecht von Venen gelten. Ueberhaupt scheint die Zeit 
gekommen, wo die abführenden Lymphwege im vorderen Scleral- 
gürtel ihre Glanzrolle ausgespielt haben. Die Arbeiten von Leber, 7 ) 
Schwalbe 8 ) und Brugsch 9 ) haben nämlich herausgestellt, dass 
die vordere Kammer sicherlich nicht, das Lückensystem des 
Ligamentum pectinatum und der Fontana'sche Raum aber sehr 



!) Königstein, Arch. f. Ophthalmologie XXVI., 2, S. 152 n. f. 

2 ) Leber, ibid. XIX., 2, S. 91, 106. 

3) Heisrath, ibid. XXVI., 1, S. 231, 233, 239. 

4 ) Königstein, ibid. XXVI., 2, S. 158. 

5 ) Schwalbe, Arch. f. mikrosk. Anatomie VI., S. 1, 261. 

6 ) Waldeyer, Graefe und Sämisch, Handbuch I., S. 233, 250. 

7 ) Leber, Arch. f. Ophthalmologie XIX., 2, S. 87, 105, 109; XXVI., 2, 
S. 169, 174. 

8 ) Schwalbe, Centralblatt für die medlcinischen Wissenschaften, 1868, 
S. 851. 

9 ) Brugsch, Arch. f. Ophthalmologie XXIII., 3, S. 255, 284. 



Verengerung oder Verstopfung der vorderen und hinteren Lymphbahnen. 157 

wahrscheinlich nicht mit abführenden Lymphwegen in 
Verbindung stehen. 

Es hat sich hierbei entgegen den Ansichten von Schwalbe 
und Heisrath 1 ) auch ergeben, dass die vordere Kammer in keiner 
offenen Verbindung mit Blutgefässen stehe, dass aus ihr aber 
sehr leicht und schon bei geringem Drucke Flüssigkeiten in die 
Gefässe des Zellgewebsraumes am Iriswinkel hinüber filtriren und 
durch diese nach Aussen abströmen. 

Nach Leber erfolgt diese Filtration zunächst und hauptsächlich in die 
Gefässe des Circulus venosus oder Plexus ciliar is (Schlemm'schen Ka- 
nales). Von diesem gelangt die Flüssigkeit in die perforirenden Aeste der vor- 
deren Ciliarvenen und weiterhin in deren episclerale Verzweigungen. Auch 
kömmt dabei noch die Iris und nach Heisrath 2 ) das Bindegewebe des 
Ciliarmuskels, der Strahlenfortsätze und der inneren Sclerallagen 
in Betracht, insofeme die von deren Gefässen aufgenommene Flüssigkeit in 
die Wirbelvenen der Aderhaut abläuft. 

Wollte man nach allem dem eine verminderte oder auf- 
gehobene Wegsamkeit der vorderen Abzugsbahnen aus den 
Brailey'schen Befunden herleiten, so käme man mit Thatsachen 
in entschiedenen Widerspruch. Abgesehen von der Unbeständig- 
keit des Kanalverschlusses ist nämlich die zumeist vorgefundene 
Leerheit des fraglichen Venengeflechtes kaum anders denn als 
Beweis für die Gangbarkeit der vorderen Abzugs wege zu deuten 
und aus dem Abströmen des Venenblutes in der Richtung gegen 
das Herz hin zu erklären. Für die Annahme einer Behinderung 
der Filtration von Augenflüssigkeiten in die Lichtung des 
Schlemm'schen Kanales fehlen aber alle Belege. 

Alles in Allem steht demnach die Hypothese von 
einer Flüssigkeitsvermehrung im Binnenraume wegen Ver- 
engerung oder Verlegung der Abzugswege im vorderen 
Scleralgürtel auf sehr schwankenden Füssen. Dass aber 
auch der Verschluss der hinteren Lymphbahnen einen solchen 



J ) Heisrath, Arcli. f. Ophthalmologie XXVI., 1, S. 221. 
2 ) Heisrath, ibid. XXVL, 1, S. 242. 



158 Biuneudruckstcigerung und Glaukom. 

Zustand zu schaffen nicht vermöge, hat Russi l ) entgegen Stil- 
ling 2 ) durch Versuche an lebenden Thieren glaubwürdig dargethan. 

Die meisten Augenärzte haben sich in Anbetracht dessen 
wieder der von Donders 3 ) aufgestellten Theorie des See retions- 
druckes zugewendet. Sie stellen sich vor, dass die Absonderung 
der Binnen nie dien gleichwie jene des Speichels, der Thränen 
u. s. w. von den schwankenden Innervationen der absondernden 
Organe abhängig sei, dass die Menge und der Druck, unter welchem 
diese Flüssigkeiten aus den secernirenden Wandungen hervortreten, 
demgemäss auch die Füllung des inneren Augapfelraumes und die 
Spannung seiner äusseren Wandungen, mit dem jeweiligen Reiz- 
zustande der betreffenden Nerven steigen und fallen. Einige ein- 
schlägige Versuche an Thieren ') und der Umstand, dass neural- 
gische Anfälle im Bereiche des Quintus sowie die mannigfaltigsten 
auf das vordere Ciliar System einwirkenden inneren oder äusseren 
Reize eine Drucksteigerung auslösen können, werden als gute 
Beweisgründe verwerthet. 

Doch ergeben sich einige Schwierigkeiten daraus, dass derlei 
Nervenreizungen die pathologische Drucksteigerung nicht unbedingt, 
sondern nur unter bestimmten Verhältnissen herbeizuführen im 
Stande sind, nämlich wenn die Bulbuskapsel durch senile Involution 
oder durch Krankheiten u. s. w. an ihrer elastischen Dehnbarkeit 
verloren hat; dass sie in Augen mit gesunder elastischer Kapsel 
weder beim Menschen noch bei Versuchstieren einen dem Glau- 
kom ähnlichen Krankheitsprocess anzuregen vermögen; ja dass 
bei ganz gesunder Kapsel selbst die heftigsten Trigeminusneural- 
gien nur einen sehr geringen Einfiuss auf die Druckhöhe im Binnen- 
raume auszuüben pflegen. 



!) Russi, Die Umschnürung des Nervus opticus und deren Folgen fiir's 
Auge. Bern, 1880, S. 6(5. 

2 ) Stilling, Klin. Monatsblätter, 1877. Beilage, 8. 16. 

3 ) Donders, Arch. f. Ophthalmologie IX., 2, S. 215. 

4 ) Hippel und Grünhagen, Arch. f. Ophthalmologie XIV., 3, S. 219; 
XV., 1, S. 2G5. 



Sccretionstheorie. 159 

Eine andere Schwierigkeit liegt darin ; dass absolut glauko- 
matöse Augäpfel gar oft durch Monate hindurch unverändert 
beinhart gefunden werden und in diesem Zustande lange ver- 
harren können, nachdem die neuralgischen Erscheinungen schon 
längst vollkommen gewichen und oft sogar die inneren Bulbus- 
organe im Schwunde bedeutend vorgeschritten sind. 

Man glaubt diesen und ähnlichen Bedenken gegenüber sich 
auf den Satz stützen zu dürfen, nach welchem eine einzige posi- 
tive Thatsache mehr gilt, als ein Heer von negativen Gründen, 
und verweist auf die bekannte Entdeckung C. Ludwig's. ') Dieser 
hatte bei Versuchen an lebenden Thieren nämlich gefunden, dass 
Reizung des Unterkieferdrüsennerven die Speichelabsonderung 
ganz ausserordentlich vermehre und dieses Secret mit einer Druck- 
kraft durch den Ausführungsgang der Drüse hervortreten lasse, 
welche die Druckhöhe des Blutes in der Carotis beträchtlich über- 
steigt. Diese Höhe des Druckes, mit welcher das Secret auf die 
Quecksilbersäule des in den Drüsenausführungsgang eingeführten 
Manometers wirkt, schloss von vorneherein die Möglichkeit aus, 
den Druck als Ganzes von dem Blutdrucke abzuleiten. Man hielt 
sich daher für berechtigt, diesen Druck als etwas dem Secretions- 
vor gange selbst Inhärentes aufzufassen. 

Man hat dabei jedoch nach Stricker und Spina 2 ) nicht 
genügend berücksichtigt, dass das Vorhandensein von Muskel- 
fasern oder von anderen contractilen Elementen in den 
Speicheldrüsen und in deren Ausführungsgängen keineswegs aus- 
zuschliessen ist, sondern von gewichtigen Autoritäten, von Kölliker 
und Anderen, auf das Bestimmteste behauptet wird. Auch ist man 
darüber hinweggegangen, dass Asche rson an der Schwimmhaut 
des Frosches eine Contrac tili tat von Drüsenacinis erkannt und 
deren zeitweilige Verengerung bis zur Berührung der Wände beob- 



') Ludwig, Zeitschrift für rationelle Medicin. Neue Folge, 1851. 
S. 255, 272. 

2 ) Stricker und Spinn, Medicinische Jahrbücher. Wien, 1880. 
S. 355 u. f. 



160 Binnendrucksteigcrung und Glaukom, 

achtet hat. Endlich glauben Stricker und Spina durch Versuche 
an Thieren den Beweis erbracht zu haben , dass die Ausstossung 
des Drüsensecretes einerseits durch die Zusammenziehung der Acinus- 
wandungen ; andererseits aber auch durch eine von dem Nerven- 
reize abhängige Vergrösserung (Quellung') der Zellen im Acinus 
bewerkstelligt werde. 

Sei dem indessen wie immer, so fragt es sich: Kann denn 
eine Steigerung des Secretionsdruckes oder überhaupt eine Ver- 
mehrung der Binnenmedien ; sie möge durch reichlichere 
Zufuhr oder durch behinderte Abfuhr begründet sein, den 
intraoeularen Druck an und für sich vergrössern, oder kann sie 
dies nicht? 

Es ist klar, dass jeder Druck ein Drückendes, d. i. eine 
Kraft voraussetzt, welche in diesem Drucke zur Geltung kömmt. 
Die Frage lässt sich folgerecht auch dahin formuliren: Kann die 
lebendige Kraft, welche, in Spannkraft umgesetzt, den nor- 
malen intraoeularen Druck repräsentirt, in den dioptri- 
schen Medien oder in deren Absonderungsorganen ihre 
letzte und unmittelbare Quelle finden? 

Die Antwort kann keinen Augenblick zweifelhaft sein, wenn 
mau die praktische Erfahrung berücksichtigt, nach welcher die 
fühlbare Resistenz der Bulbuswände gegen einen äusseren Druck 
in sonst gesunden Augen unter allen Umständen sich bis zu dem 
Augenblicke auf nahezu gleicher normaler Höhe erhält, 
in welchem die Herzthätigkeit auszusetzen beginnt, im 
Momente des Todes aber plötzlich um ein Beträchtliches 
sinkt. Da die diöptrischen Medien im Momente des Todes 
unmöglich eine merkliche Einbusse erlitten haben können, liegt es 
klar auf der Hand, dass der normale intraoeulare Druck in 
erster Linie nicht von den Binnenmedien, sondern von 
dem Blutdrucke abhängig gedacht werden müsse, welch 1 
letzterer beim Sterben wegen Lähmung der Herzthätigkeit und 
Entleerung der Gefässe aufhört zu wirken. 



Der intrsocnlare Druck als Derivat des Herzdruckes. 16 1 

Die beträchtliche Abnahme, welche der intraocnlare Druck im Momente 
des Todes erleidet, ist auch von Hippel und Grünhagen 1 ) durch Versuche 
an Thieren erwiesen worden. Bouchut 2 ) hat viele Beobachtungen über die 
Circulationsverhältnissc im Binnenraume während des Absterbens von Kranken 
und Thieren gemacht. Im Momente des Todes oder wenig darnach ver- 
schwinden nach ihm die Arterien der Netzhaut, die Central venen werden 
dünner, sie entleeren sich, während die Blutsäule darin unterbrochen wird. 
Die Aderhaut entfärbt sich, der Augengrund wird weissgrau wie die Papille 
und diese daher unsichtbar. Auch Ad. Weber 3 ) sah Aehnliches. 

Ist aber der normale Binnendruck ein Derivat des Herz- 
druckes, so ist es schon von vorneherein sehr wahrschein- 
lich dass auch der gesteigerte intraoeulare Druck aus 
keiner andern Quelle abgeleitet werden dürfe. Einige 
theoretische Auseinandersetzungen werden dies übrigens mit voller 
Klarheit erweisen. 

Bekanntlich werden die grösstenteils flüssigen und darum so 
ziemlich unzusammendrückbaren Binnenmedien von der über- 
aus festen und elastisch wenig dehnbaren Bulbuskapsel um- 
schlossen. Zwischengelagert zwischen beide ist der Uvealtract und 
die Netzhaut. Ersterer besteht zum allergrössten Theile aus 
blutgefüllten Gefässen ; deren Inhalt unter einem von der leben- 
digen Kraft des Herzmuskels überkommenen Drucke dahinströmt. 
Das die Gefassnetze der Uvea zu einem Ganzen verbindende Stütz- 
gewebe steht an Masse weit zurück gegen die Gesammtheit der 
Gefässlicktungen, so dass man die Uvea ohne sonderlichen Fehler 
als eine zwischen die dioptrischen Medien als fast incom- 
pressible Unterlage und die Bulbuskapsel eingeschobene 
Flüssigkeitsschichte betrachten kann, welche von con- 
tractilen elastischen Wandungen begrenzt und von einer 
gewissen Quote des Herzdruckes in beständiger Vorwärts- 
bewegung erhalten wird. 



*) Hippel und Grünhagen, Arch. f. Ophthalmologie XIV., 3, S. 241. 

2 ) Bouchut, Gaz. med. de Paris, Nr. 49, p. 695. 

3 ) Ad. Weber, Klinische Monatsblätter, 1871, S. 383. 

S te 11 wag, Abhandlungen. 11 



162 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

Es verschlägt dabei gar nichts, dass der Vordertheil der Uvea, 
die Iris, durchlöchert ist und der Bulbuskapsel nicht unmittelbar 
anliegt, da es sich um hydrostatische Gesetze handelt. Jeden- 
falls muss man zugeben, dass die dioptrischen Medien auf den 
allergrössten Theil der Innenwand der Bulbuskapsel nicht 
unmittelbar zu drücken im Stande sind, sondern nur durch 
Vermittlung der zwischengelagerten, unter dem Herzdrucke 
stehenden, uvealen Blutschichte. 

Unter solchen Umständen kann aber ein von den dioptri- 
schen Medien ausgehender Druck unmöglich auf die Bul- 
buskapsel übertragen werden, ohne sich zuvor mit dem in 
der uvealen Blutschichte herrschenden Drucke in's Gleich- 
gewicht gesetzt zu haben. 

Man denke sich zuvörderst den von den diop tri sehen 
Medien ausgehenden Druck, er heisse der Kürze halber Glas- 
körperdruck, der Null gleich. Bei vorgeschrittenem Augapfel- 
schwunde sowie bei theilweiser Entleerung der Binnenmedien nach 
Leckwerdung der Bulbuskapsel ist ein solches Verhältniss in der 
That gegeben. Es sind dann die Widerstände, welche das 
einströmende Blut findet, sehr vermindert, der Seitendruck 
in den Binnengefässen aber ist wegen Verlangsamung des darin 
sich fortbewegenden Blutstromes ganz beträchtlich erhöht. Dem- 
gemäss erscheint bekanntlich das gesammte uveale und retinale 
Gelasssystem von Blut überfüllt, und die Gefässwandungen werden 
gedehnt, bis ihre Spannung dem vermehrten intravascularen Seiten- 
drucke das Gleichgewicht zu halten vermag. Man sieht dabei die 
Arterien excursiv pulsiren; sie verbreitern sich nicht nur bei 
jeder heranrückenden neuen Blutwelle, sondern verlängern und 
schlängeln sich auch, indem jede solche Blut welle eine weitere 
Steigerung des intravascularen Seitendruckes mit sich bringt. Die 
Gefässwandungen haben unter solchen Umständen den 
ganzen Seitendruck des Binnenstromgebietes zu tragen, 
kein Theil des letzteren wird auf die dioptrischen Medien und 
die Bulbuskapsel überpflanzt, der von den dioptrischenMedien 



Der iutraoculare Druck als Derivat des Herzdruckes. 1 63 

ausgehende sowie der auf denselben lastende Seitendruck 
des Blutes sind beide gleich Null, sie stehen also im Gleich- 
gewichte. 

Es sollen nun die dioptrischen Medien an Masse zu- 
nehmen, bis sie die Netzhaut und Uvea glatt zu spannen, sonach 
auf die darin kreisende Blutmenge einen Druck P, auszuüben im 
Stande sind. Offenbar haben nun die Wandungen der Binnen- 
gelasse nicht mehr den ganzen Seitendruck P des in ihnen 
dahinströmenden Blutes zu tragen, sondern diesen vermindert 
um den Glaskörper druck, also P — P, , indem eine Quote 
q = P, des intravascularen Seitendruckes nunmehr theils in Wärme 
umgesetzt, theils auf die dioptrischen Medien zurück- und 
auf die Bulbuskapsel tiberpflanzt wird, wo sie als intraoeu- 
larer Druck zur Geltung kömmt. 

Bliebe der Seitendruck P in den Binnengefässen bei 
so bewandten Umständen immer unverändert der gleiche, 
so müsste, wenn P, stetig zunimmt, der Unterschied P — P 1; 
d. i. der von den Gefäss Wandungen getragene Theil des intra- 
vascularen Seitendruckes sich stetig vermindern, und wenn P { = P 
wird, müsste der ganze intravasculare Seiten druck P, ver- 
mindert um den in Wärme umgesetzten Theil, auf die Binnen- 
medien zurück- und auf die Bulbuskapsel wirken. Nähme 
dann P l noch um ein Weiteres zu, so dass P { > P würde, so wäre 
der auf den dioptrischen Medien und auf der Bulbuskapsel 
lastende Druck mit Zurechnung des in Wärme übergegangenen 
Krafttheiles gleich P -\- (P x — P)- es müsste bei fortgesetztem 
Wachsthume von P, schliesslich eine Dehnung der Bulbus- 
kapsel bis zur Berstung erfolgen. 

Ohne Zweifel haben ähnliche Vorstellungen zu der irrigen 
Annahme geführt, dass eine Vermehrung der Binnenmedien an 
sich, ohne gleichzeitige Vergrösserung des gegebenen intravas- 
cularen Druckes, eine Steigerung des auf die Bulbuskapsel 
wirkenden, d. i. des intraoeularen Druckes zu bewerkstelligen 
im Stande sei. 



164 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

Man hat dabei jedoch ein wesentliches Moment übersehen. 
Jede Vergrösserung des Glaskörperdruckes bedingt im 
lebenden Auge unter sonst gleichen Verhältnissen näm- 
lich nothwendig eine gleichwerthige oder wenigstens 
proportionale Verkleinerung des intravascularen Seiten- 
druckes. Könnte der Glaskörperdruck im lebenden Auge den mitt- 
leren Werth des Seitendruckes erreichen, welcher norm- 
gemäss in den uvealen und retinalen Gelassen herrscht, so würde 
der mittlere intravasculare Druck in dem betreffenden 
kranken Auge der Null gleich sein oder sich nähern. Es könnte 
dann nur mehr während der Höhen phase einer arteriellen Welle 
eine kleine Blutmenge in die Binnenschlagadern eindringen. Stiege 
aber der Glaskörperdruck gar über den mittleren Normal- 
werth des intravascularen Druckes, so müsste sich das ge- 
sammte Binnengefässsystem nahezu völlig entleeren, die Blut- 
strömung würde darin völlig aufhören. 

Es ergiebt sich dies auf ganz unzweideutige Weise aus den 
von Donder's l ) angegebenen Versuchen, bei welchen der Glas- 
körperdruck durch einen von Aussen her auf den Augapfel wir- 
kenden, allmälig steigenden Fing er druck ersetzt wird. Die 
ophthalmoscopisch wahrnehmbaren Erscheinungen sind dann näm- 
lich bekanntermassen : zunehmende Verengerung der sicht- 
baren Binnengefässe, weiterhin das Auftreten des sogenannten 
Venen- und Arterienpulses, schliesslich nahezu völlige Blut- 
leere der retinalen und uvealen Gefässe, also Aufhebung der 
Binnenströmung. 

Es leuchtet aber auch von selbst ein, dass beim Anwachsen 
eines Druckes, welcher vom Glaskörper oder von Aussen her 
durch die Bulbuskapsel auf das Binnenstromgebiet einwirkt, vor- 
erst die Widerstände zunehmen, welche sich dem Einströmen 
des arteriellen Blutes entgegenstellen. Es tritt folgerecht bei 
jeder Phase des Herzdruckes weniger Blut in den Binnenraum 



! ) Donders, Arch. f. Ophthalmologie L, 2, S. 90 u. f. 



Der intraocnlare Druck als Derivat des Herzdruckes. 16ö 

ein und überdies ist die Stromkraft desselben geschwächt. 
Je weniger Schlagaderblut in die uvealen und retinalen Gefässe 
gelangt, um so geringer werden die Widerstünde, welche sich 
seiner Fortbewegung im Binnenrauine entgegensetzen. Diese 
Widerstände nehmen übrigens noch um ein Weiteres ab, indem 
der steigende Glaskörper- oder Fingerdruck nicht nur die Arterien, 
Bondern auch die Capillaren und Venen trifft und in den letz- 
teren ein beschleunigtes Abströmen durch die Lederhaut- 
emissarien veranlasst. 

Es ist nun der intravasculare Seitendruck nichts An- 
deres, als jene Quote der vom Herzmuskel überkommenen 
lebendigen Stromkraft, welche an den Widerständen ge- 
brochen, auf die Gefässwandungen und deren Umgebung 
übertragen, in Spannkraft umgesetzt wird. Jede Vermin- 
derung der Stromkraft und der ihr entgegenstehenden 
Widerstände bedingt also ein Sinken, jede Vergrösseruug 
derselben ein Steigen des intravasculare n Seitendruckes. 

Man kann demnach auch sagen: Jede Erhöhung des Glas- 
körperdruckes bedingt eine gleichwertige Herabsetzung 
des intravaseularen Druckes und diese kömmt im Binnen- 
stromgebiete durch entsprechende Verengerung der Gefässe und 
durch Beschleunigung der Blutströmung zur Aeusserung. Mit an- 
deren Worten heisst dies: Der Glaskörperdruck und der intra- 
vasculare Seitendruck setzen sich unter sonst normalen 
Verhältnissen beständig in's Gleichgewicht; was der erstere 
gewinnt, verliert notliwendig der letztere. 

Demgemäss ist auch die Druckquote, welche bei unver- 
ändertem Blutdrucke in den zuführenden Arterien auf die 
Umgebungen des Binnenstromgebietes tibertragen wird, 
stets die gleiche, eine Steigerung des intraocularen Druckes 
erscheint nur in zwei Fällen möglich: es muss entweder der 
Glaskörperdruck so w r eit erhöht werden, dass er gegen 
den in den Binnengefässen normgemäss herrschenden 
Seitendruck in's Uebergewicht kömmt; oder aber es muss 



166 Binnendracksteigerung und Glaukom. 

bei unverändertem normalen Glaskö.rperdrucke der intra- 
vasculare Druck im Binnenstromgebiete steigen. Ersteres 
ist in der Wirklichkeit ausgeschlossen, weil mit einer Zunahme 
des Glaskörperdruckes bis zur Höhe des gegebenen intravascularen 
Druckes oder gar darüber jede Circulation im Binnenstromgebiete 
aufhören und sonach auch die Absonderung der dioptrischen Medien 
unterbrochen werden müsste. Es kann also jede Steigerung des 
intraoeularen Druckes nur auf eine Erhöhung des intra- 
vascularen Seitendruckes zurückgeführt werden, und der 
intraokulare Druck ist ganz und gar als ein Derivat des 
Herzdruckes aufzufassen. 

Um diese im Binnenraume des Auges herrschenden Druck- 
verhältnisse besser versinnlichen zu können, habe ich durch den 
k. k. Hofmechaniker W. Hauck einen Apparat anfertigen lassen. 
Fig. 3 stellt den Hauptbestandteil desselben in 2 / 5; Fig. 4 das 
ganze Instrument in '/ 8 der natürlichen Grösse dar. 

Es ist eine Kautschukblase A von 3 Mm. Wanddicke, 10 Cm. Höhe 
und 9 Cm. Durchmesser. Der an 4 Cm. hinge Hals derselben ist nach oben durch 
eine Messingkapsel B luftdicht geschlossen und trügt einen dicht anlie- 
genden Mantel M von gleichem .Metall, um missliebige Ausdehnungen des 
Blasenhalses und damit gesetzte Verlegungen der Rohröffnungen zu be- 
hindern. In der Mitte der Messingkapsel B mündet ein messingener Hohl- 
zapfen a mit gut schliessbarem Hahne. Am oberen Ende dieses Hohlzapfens 
bei m ist ein Sehraabengewinde angebracht, um eine Messingröhre b mit 
Ablaufhahn c luftdicht autsetzen zu können. Diese Messingröhre b lässt sich 
durch weitere Ansatzstücke auf 4 M. und durch einen angefügten Kautschuk- 
schlauch noch weiter verlängern. Wird sie von ihrem oberen Ende aus mit- 
telst des Trichters o mit Wasser gefüllt, so lässt sie das Innere der Blase 
A unter den Druck einer beliebig hohen Wassersäule bringen. Ein zweiter 
Hohl zapfen d mit Hahn hat die Bestimmung, bei der Füllung der Blase .1 
mit Wasser die Luft vollständig entweichen zu lassen. Ist alle Luft entfernt, 
so wird der Hahn abgesperrt erhalten. 

Die Kautschukblase A wird von einem CUasmantel D umhüllt, dessen 
Hals gleichfalls luftdicht in die Messingkapsel B eingefügt ist. Zwischen der 
Blase A und dem Glasmantel D bleibt ein Zwischenraum E von un- 
gefähr 1 Cm. Weite. In diesen Zwischenraum E münden drei messingene 
Hohlzapfen mit luftdicht schliessenden Hähnen. Auf das obere Ende des 
ersten Hohlzapfens e ist ein bei 7 M. langes Kautschukrohr § luftdicht 



168 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

aufgepasst. Dasselbe steht nach oben mit einem Wasserbehälter F in 
Verbindung'. Wird dessen Hahn geöffnet, so fliesst der Inhalt in beständigem 
Strome nach dem Zwischenräume E und setzt dessen Wandungen unter den 
Druck einer Wassersäule, deren Höhe durch Heben oder Senken des 
Behälters F nach Belieben gewechselt werden kann. Der zweite Hohl- 
zapfen / hat eine gleiche Bohrung wie e und verlängert sich in eine 
gekrümmte Messingröhre. Sie hat den Abfluss des in dem Zwischenräume 
E einströmenden Wassers zu vermitteln. Dem dritten Hohlzapfen h ist ein 
2 M. hohes Glas röhr * luftdicht aufgepasst. Dasselbedientals Manometer, 
d. h. es zeigt durch den Höhenstand der in ihm aufsteigenden Wassersäule 
die Grösse des im Zwischenräume E herrschenden Druckes, die »Wider- 
standshöhe« an. 

Das Instrument wird durch ein massives Gestell ff aus Gusseisen 
in seiner Lage iixirt. 

Die Handhabung ist nicht gerade schwierig. Vorerst werden 
sämmtliche Hähne vollständig geöffnet, sodann die Blase A 
nnd der Zwischenraum E von den Hohlzapfen a und e aus durch 
den Trichter o mit Wasser gefüllt und alle darin befindliche Luft 
auf das Sorgfältigste entfernt. Hierauf werden die Hähne bei a 
und d geschlossen. Die Wandungen der Blase A stehen nun 
im Niveau des Blasenmittelpunktes p unter einem Druck e, 
welcher, allerdings nicht ganz richtig, als mittlerer aufgefasst 
und durch h2rr, bezeichnet werden kann, wo h den Abstand 
des Blasenmittelpunktes p vom oberen Ende des Hohlzapfens 
a bedeutet und r den Radius der Blase vorstellt. Jetzt wird 
der Hahn des Wasserbehälters F geöffnet, so dass Wasser in 
beständigem Strome sich durch das Kautschukrohr g ergiesst. 
Ist alle Luft aus demselben ausgetrieben, so wird dessen 
unteres Ende auf den Hohlzapfen e aufgesetzt, dessen Hahn offen 
steht, und so der Strom in den Zwischenraum E geleitet, aus 
welchem das Wasser durch die krumme Röhre / abläuft. In dem 
Augenblicke, als die Strömung in dem Zwischenräume E sich her- 
gestellt hat, beginnt das Wasser auch in dem Manometer i zu 
steigen und erreicht endlich eine gewisse Höhe, auf welcher es 
weiterhin verharrt, so lange die Verhältnisse im Apparate dieselben 
bleiben. 



Der intraoenlaxe Druck als Derivat des Herzdruckes. 169 

Der in der Blase A herrschende Druck, er heisse der innere 
Druck, kann durch Verlängerung- und Füllung der Röhre ab be- 
liebig erhöht und dann durch Schliessung des Hahnes bei a auch 
fixirt werden. Der Druck des strömenden Wassers im Zwischen- 
räume E 7 er heisse der äussere Druck, lässt sich durch Heben 
und Senken des Behälters F } ausserdem aber auch durch einen 
Druck auf den Kautschukschlauch g sowie durch Drehungen des 
Ablaufhahnes bei / innerhalb sehr weiter Grenzen ändern. Es zeigt 
sich nun Folgendes : 

Bei freiem Zu- und Abflüsse des strömenden Wassers und 
bei unverändertem Stande des Behälters F bleibt die 
Fltissigkeitssäule im Manometer i nach kurzen Schwankungen 
immer wieder nahezu auf dem gleichen Höhenpunkte 
stehen, es möge der in der Blase A herrschende »innere« 
Druck steigen oder fallen. 

Wird jedoch der innere Druck dem äusseren gleich 
oder übersteigt er letzteren gar und ist er gross genug, um 
die Widerstände der elastischen Blasenwand zu überwinden, so 
dehnt sich der Kautschukballon bis zur Berührung des 
Glasmantels aus, die Wasserströmung im Zwischenräume E 
wird, so weit der Blasenkörper reicht, unterbrochen, der äussere 
Druck sinkt auf Null daselbt. 

Steht der Behälter F 6-5 M. oberhalb des Blasenmittelpunktes p, so 
stellt sich die Manometersäule immer auf 122—124 Cm., es möge der innere 
Druck durch eine Wassersäule von 0-26, 1-5, 2-5 oder 5 M. Höhe bedingt 
werden. Wird die Röhre a b jedoch auf nahezu G M. oder darüber verlängert 
und gefüllt, so dass der innere Druck dem äusseren gleich oder grösser wird, 
so sperrt sieh die Circulation des Wassers im Zwischenräume E, indem sich 
die Blasenwand an den Glasballon anlegt. 

Die kleinen Unterschiede im Manometerstande kommen auf Rechnung 
des Niveauwechsels beim Ablaufen und Zufallen des Wassers im Behälter. 

Bei grossen Differenzen zwischen dem inneren und äusseren Drucke 
ist es nothwendig, den Hahn bei a zu schliessen, nachdem man im Rohre 
ab die Wassersäule von beabsichtigter Höhe eine kurze Zeit auf den Inhalt 
der Blase hat einwirken lassen, so dass sie ihren Druck mit den Widerständen 
an der Kautschukwand in's Gleichgewicht bringen kann. Bei offenem Hahne 



170 Binneüdnickateigerung und Glaukom. 

wird nämlich, wenn der innere Druck gross und stark im Uebergewichte 
ist, die Blasenwand zu sehr ausgedehnt und die Strömung- im Zwischenräume 
E unterbrochen. Ueberwiegt aber der äussere Druck um ein sehr Beträcht- 
liches, so wird die Blase bei offenem Hahne von Aussen her zusammen- 
gedrückt und deren Inhalt in der Röhre ab emporgetrieben. 

Bei grossen Differenzen schützt übrigens auch die Schliessung des 
Hahnes nicht immer vor der Absperrung der Circulation, wenn der äussere 
Druck ein sehr starker ist. Es reicht dann nämlich der Unterschied des 
Druckes bei n und im Niveau des Halses hin, um den Boden der Blase A 
emporzudrücken und den Aequator der Blase bis zur Berührung mit der 
Innenwand der Glaskugel auszudehnen, so dass die Strömung des Wassers 
auf den Zwischenraum im Halse beschränkt wird. 

Wird die Zufuhr des Wassers durch einen noch so 
leichten Druck auf die elastische Kautschukröhre g beirrt, 
so sinkt die Flüssigkeitssäule im Manometer schnell und 
ausgiebig. 

Wird dagegen der Ab flu ss des Wassers durch Drehung 
des Halmes bei/ beschränkt, so steigt das Manometer über- 
aus rasch. Es genügt eine kaum merkliche Drehung des Hahnes 
bei/ um wenige Grade ; um das Wasser im Manometer oben 
überfliessen zu machen. 

Die Beziehungen, welche zwischen den einzelnen Bestandteilen des 
beschriebenen Apparates und des lebenden Auges bestehen, liegen klar 
zu Tage und bedürfen keiner weitläufigen Auseinandersetzungen. Der in den 
extraoeularen Schlagadern herrschende, vom Herzmuskel überkommene 
Blutdruck erscheint im Apparate vertreten durch die Schwerkraft der 
Wassersäule, welche im elastischen Rohre ey vom Wasserbehälter F abfliegst. 
Der Blutstrom in den uvealen und retinalen Gefässen wird ersetzt 
durch die im Zwischenräume E sich stetig fortbewegende Wasser- 
schichte. Für den veränderlich gedachten Glaskörperdruck ist der in 
der Blase A herrschende Wasserdruck gesetzt. Er kann durch Verlängerung 
und Füllung des Rohres ab beliebig gesteigert werden. Die elastisch con- 
tractilen Gefäss Wandungen des Binnenstromgebietes werden, allerdings 
nur einseitig, durch die Kautschukwand der Blase A repräsentirt. Um den 
Apparat in dieser Beziehung ganz entsprechend zu gestalten, sollte statt des 
Glasmantels 1) eine sehr widerstandsfähige, elastisch wenig dehnbare Wand 
stehen. Dann würde man aber nicht sehen, was im Apparate vorgeht, Uebri- 
gens handelt es sich ja nur um den Seiten druck, welcher im Zwischen- 
räume E unter wechselnden Verhältnissen herrscht, und dieser lässt 
sich aus dem Manometerstande genügend beurtheilen. 



Mögliche Quellen der Drucksteigerung. 171 

Im Ganzen weisen auch die geschilderten Versuche klar dar- 
auf hin, dass der intraoeulare Druck nur als Derivat des 
Herzdruckes aufzufassen sei und seiner Grösse nach be- 
stimmt werde einerseits von dem Blutdrücke, welcher in 
den extraocularen Zufuhrarterien herrscht, andererseits 
von den Widerständen, welche dem Binnenstroine ent- 
gegenstehen. 



Darf der intraoeulare Druck nur mehr als Derivat des Herz- 
druckes betrachtet werden, so stellt sich die Frage, welches 
wohl die Momente seien, welche am lebenden Auge mög- 
licher Weise eine krankhafte Erhöhung des Binnendruckes 
bewerkstelligen können oder müssen. 

Nach dem Vorhergehenden lassen sich als solche Momente nur 
die directe Erhöhung des Herzdruckes und die locale Ver- 
mehrung des vasculären Seitendruckes durch Wider- 
stände, welche der Blutstrom im Binnenraume findet, denken. 

Die Zunahme des Herzdruckes kann an und für sich 
nie und nimmer den Binnendruck dauernd erhöhen, indem jede 
Vergrösserung des arteriellen Seitendruckes durch den regulato- 
rischen Einfluss der Bulbuskapsel sogleich auf den Venenstrom 
übertragen, daher ein beschleunigtes Abfliessen des Venen- 
blutes veranlasst und so der Ausgleich angebahnt wird. Die Con- 
stanz des Binnendruckes bei freier Blutbahn ist eine durch 
die tägliche Erfahrung und genaue Versuche hinlänglich festgestellte 
Thatsaclie. Uebrigens fehlt in den allermeisten Fällen von intraoeu- 
larer Drucksteigerung jedwedes Anzeichen einer Erhöhung des 
Herzdruckes oder ist nur sehr vorübergehend nachzuweisen. 

Es können daher blos vermehrte Widerstände, welche der 
Blutstrom im Binnenraume vorfindet, die Veranlassung zu krank- 
haften Erhöhungen des intraoeularen Druckes abgeben. Es fragt 
sich demnach: welches sind die Stromhindernisse, die eine 



172 Binnendrocksteigerang und Glaukom. 

grössere Quote der vom Herzen überkommenen lebendigen Krafl 
in vascularen Seitendruck umsetzen und als Spannkraft auf die 
Bnlbnskapsel übertragen können? 

Da kommen denn vorerst krank halte Erweiterungen der 
arteriellen Binnengefässe mit Lähmung oder anderweitiger 
Functionsbehinderung ihrer Muskulatur und mit Elasticitätsverlust 
der Wandungen in Betracht. Jedwede Kalibervermehrung der End- 
zweige erschwert nämlich wegen Verminderung der Strömungs- 
geschwindigkeit den Uebertritt des Blutes in die Capillaren, oder 
ist eigentlich schon der Ausdruck für das damit gesetzte Strom- 
hinderniss. 

Es sind derlei Erweiterungen der arteriellen Augapfelgefli^« 
bei glaukomatösen Zuständen ein regelmässiger Befund. Die stark 
ausgedehnten vorderen Ciliargefässe, welche man bei krank- 
haften Drucksteigerungen von einiger Dauer nur selten vermisst. 
sind zum guten Theile Schlagaderzweige. Man kann sieh 
davon leicht überzeugen , wenn man selbe mit dem Finger kräftig 
zusammendrückt, indem sie sieh beim Aufhören des Druckes rasch 
von der Uebergangsfalte aus wieder füllen. Sie treten, ohne sich 
in Zweige aufzulösen, mit unvermindertem Kaliber durch die 
Sclera hindurch in den Binnenraum ein und lassen so keinen Zweifel 
darüber ; dass auch ihre Verästelungen im Innern des Auges 
eine Strecke weit stark erweitert seien. Anatomische Unter- 
suchungen von Augen, in welchen der Proeess noch ein halb- 
wegs frischer ist und die Theile nicht schon im Schwunde weit 
vorgeschritten sind, ergeben unter Umständen in der That eine 
ganz ausserordentliche Bluttiberfüllung im ganzen vorderen 
Ciliargebiete, jedenfalls aber eine höchst auffällige Erweiterung 
der daselbst verästelten Gefässe, besonders der Arterien. 
Brailey 1 ) und Wedl (S. 140, 141) haben dieses mit aller Bestimmt- 
heit nachgewiesen, und Ersterer hat die Kaliberzunahme an dem 
Circulus arteriosus major iridis sogar gemessen. Er konnte in 



>) Brailey, Ophth. Hosp. Bep. IX., p. 223, 379 u. f.; X., p. 90 u. f. 



Gefässerweiterungen als Stromhindernisse, vasomotorische Einflüsse. 1 73 

einzelnen Fällen die Gefassausdehnung bis in die ex trao ciliaren 
Btammtheile der vorderen Ciliararterien verfolgen. Im Accommoda- 

tionsmuskel war sie bisweilen zu einem so hohen Grade gediehe«, 
dass derselbe einige Aehnlichkeit mit cavernösem Gewebe ge- 
wann. Dabei waren die Wandungen weit mehr verdünnt, als 
(Wv Vergrößerung der Lichtung entsprach. Die Erweiterung war 

auch keine gleich massige, sie erschien zuweilen auf umschrie- 
bene Stellen beschränkt und an einzelnen Punkten mehr aus- 
gesprochen als an anderen, ja öfters zeigte sie sich auf verschie- 
denen Strecken desselben Gefässes in verschiedenem Grade 
entwickelt. 

Brailey 1 ) hält diese sehr auffällige Ungleichmässigkeit 
des Arterienkalibers und der Wandverdünnung ganz unvereinbar 
mit der Annahme, dass Strömungshindernisse in den Wirbel- 
venen die nächste Ursache abgeben. Er ist vielmehr in Ueber- 
einstimmung mit Wedl (S. 140) sehr geneigt, vasomotorischen 
Einflüssen eine hervorragende Schuld beizumessen, besonders in 
Fällen, wo heftige Nervenreize den Process eingeleitet haben, 
beim seeundären Glaukom, bei Bestand vorderer Synechien mit 
Zerrung der Iris und des Strahlenkranzes, bei Lageveränderungen 
der Linse u. s. w. 

Ohne Zweifel liegt in derlei Functionsstörungen des vasomo- 
torischen Apparates ein hochwichtiger pathogenetischer Factor, 
dessen Spuren bei zukünftigen Forschungen nachzugehen man allen 
Grund hat. Schon die Schwankungen des pathologischen 
Binnendruckes im Beginne des Processes legen diese Noth wen- 
digkeit sehr nahe. 

Es steht aber sehr dahin, ob die in ausgeschnittenen glau- 
komatösen Augäpfeln vorgefundenen Gefässerweiterungen immer, 
oder auch nur in einem erheblichen Procente der Fälle, auf Ge- 
fässlähmungen als letzte Ursache zurückgeführt werden können, 
mit anderen Worten, ob die Druck Steigerung in jenen Bu Ibis 



») Brailey, Ophth. Hosp. Rcp. IX., p. 383 u. f., 387-, X., p. 12. 



174 Binncndruckstcigerung und Glaukom. 

lediglich durch vasomotorische Störungen eingeleitet 
worden ist. Wenn man erwägt , dass die Pupille in frischen 
Fällen von Glaukom oft noch einen gewissen Grad von Beweg- 
lichkeit, namentlich bei Einwirkung von Atropin oder Eserin, be- 
kundet; dass unter solchen Verhältnissen die Ausschneidung 
eines Irisstückes häufig ohne jede Blutung gelingt, die Regenbogen- 
hautgefässe also noch einen guten Theil ihres Zusammenziehungs- 
vermögens bewahrt haben; endlich dass auffällige Gefässerwei- 
terungen im vorderen Ciliargebiete bei frischen Glaukomfällen 
keine constanten Vorkommnisse sind und dass Brailey ') unter 
solchen Umständen den Durchmesser und die Wandungen der Ge- 
fässe normal gefunden hat: so kömmt man nothwendig zu dem 
Schlüsse, dass die fraglichen Gefässerweiterungen häufig, wenn 
nicht in der grössten Mehrzahl der Fälle, secundäre Zustände 
sind, welche erst im Verlaufe des glaukomatösen Processes, also 
nach entwickelter Drucksteigerimg, in Folge anderweitiger Strom- 
hindernisse oder der gewöhnlich damit einhergehenden Entzün- 
dungen in's Leben getreten sind. 

Immerhin müssen Gefässlähmungen als mögliche Veran- 
lassungen der Drucksteigerung im Auge behalten werden. Noch 
wichtiger aber können dieselben einmal als Momente werden, welche 
eine bereits gesetzte Drucksteigerung unterhalten, sta- 
bilisiren. 

In zweiter Linie lässt sich die Unwegsamkeit grösserer 
Capillarbezirke des Binnenraumes als Ursache einer 
Stauung des arteriellen Blutstromes und folgerecht einer 
krankhaften Drucksteigerung denken. Insofern e kommen Ge- 
schwulstbildungen, hauptsächlich aber Entzündungen und 
deren Folgen, ausgebreitete Verödungen des Uvea Ige biet es, in 
Rechnung. Viele Augenärzte erklären auf Grund ihrer Erfahrung 
die Uveitis auch geradezu als den Ausgangs- und Angelpunkt 
des glaukomatösen Processes und stehen nicht an, eine 

*) Braue y, Ophth. Hosp. Rep. IX., p. 384. 



Unwegsamkeit grösserer Capillarbezirke als Stromhindernisse. Chorioiditis. 170 

Chorioiditis auch dort als vorhanden anzunehmen, wo während des 
Lebens deutliehe Merkmale der Entzündung nicht mit Sicherheit 
nachgewiesen werden können. 

Insbesondere hat Fuchs l ) in neuester Zeit darauf hingewiesen, 
dass in einer grossen Anzahl von Fällen ausgesprochenen Glaukoms 
an der vorderen Zone der Ader- und Netzhaut alle Zeichen 
einer floriden Retinochorioiditis exsudativa oder die aus der- 
selben sich entwickelnden eigentümlichen atrophischen Plaques 
mit mehr oder weniger Pigmentanhäufung gefunden werden, welche 
der Augenspiegeluntersuchung ihrer ganz peripheren Lage wegen 
bisher entgangen sind. Fuchs hält diese Plaques für charakte- 
ristische Attribute des Glaukoms und meint, dass sie mit der 
Drucksteigerung im innigsten nosologischen Zusammenhange stehen, 
indem mit der Atrophie der vorderen Aderhautzone die meisten 
oder alle darin verzweigten Gefässe obliteriren und solchermassen 
Widerstände für den arteriellen Strom geschaffen werden, welche 
noth wendig den Seitendruck erhöhen müssen. 

Dagegen ist einzuwenden, dass die erwähnten pathologischen 
Zustände der Aderhaut keineswegs beständige oder auch nur 
regelmässige Begleiter des glaukomatösen Processes sind, wie 
seiner Zeit schon Samelsohn 2 ) hervorgehoben hat. In vorge- 
schrittenen Stadien der Krankheit, besonders wenn das Glaukom 
ein se cun dar es war oder gleich von vorneherein mit ausgesprochenen 
entzündlichen Erscheinungen aufgetreten ist, mögen sie aller- 
dings sehr gewöhnlich vorgefunden werden. Ob sie aber in 
ganz frischen Fällen, namentlich wo die Drucksteigerung noch 
schwankt, schon vorhanden sind, das muss erst erwiesen werden, 
und gerade darauf kömmt es hier an. Wenn man erwägt, dass 
primäre frische Glaukome sehr oft ohne Spur einer Einschrän- 
kung des Gesichtsfeldes einhergehen und dieses in seinem ganzen 
Umfange nach einer glückliehen Operation zu erhalten pflegen, so 



J ) Fuchs, Kim. Monatsblätter, 1878, Beilage, 8. 65. 
2 ) Samelsohn, Klin. Monatsblätter, 1878, Beilage S. 82. 



176 Birraendrucksteigerung und Glaukom. 

kömmt man nothwendig zu dem Schlüsse , dass die exsudative 
Retinochorioiditis ganz unmöglich zu den regelmässigen »prä- 
glau komatö sc n« Veränderungen im Binnenraume gehören, also 
auch mit (Wr Entwickelang der Drucksteigerung nichts zu thun 
haben könne. 

Man wird in dieser Ansicht durch den Umstand bestärkt, dass 
Brailey ') in der ausserordentlich grossen Anzahl von genau unter- 
suchten Fällen gleich Wedl (S. 144, 145, 150) wohl häufig die Er- 
scheinungen einer Chorioiditis gefunden hat, aber ausdrücklich 
die Unbeständigkeit derselben und die damit verknüpfte ge- 
ringe oder ganz fehlende Veränderung der Aderhautge- 
fässe hervorhebt. Andererseits darf auch nicht übersehen werden, 
dass man gruppig zusammengehäufte Rundzellen, besonders im 
Bereiche der Choriocapillaris und der nachbarlichen Schichte, mit- 
unter bei einfachen Entzündungen anderer, selbst entfernter 
Bulbusorgane beobachtet hat. Sattler 2 ) fand derlei Aderhaut- 
infiltrate bei Hornhautgeschwüren, bei Neuritis u. s. w., Leber 3 ) 
bei Trachom. 

Man wird nach Allein dem kaum fehlgehen, wenn man die 
Aderhautentzündung als eine zumeist seeundäre betrachtet, beim 
primären Glaukome als Theilerscheinung des gemeiniglich über 
den ganzen Uvealtract und seine Dependenzen (S. 38) sich aus- 
breitenden entzündlichen Processes auffasst, bei seeundärem Glau- 
kome aber gelegentlich mit dem Grundleiden, einem Irisvorfalle 
mit Zerrung des K yklon u. s. w., in pathogenetische Verbindung bringt. 

Man hat um so mehr Grund für eine solche Ansicht, als be- 
kanntlich totale oder herdweise Retinochorioiditis mit ihren Folgen, 
Schwund der Ader- und Netzhaut, gar nicht selten lange Jahre 
hindurch fortbesteht, ohne jemals Anlass zur Druck Steigerung 
gegeben zu haben. 



>) Brailey, Ophth. Hosp. Rep. IX., p. 201 u. f., 392; X., p. 136,282. 

2 ) Sattler, Arch. f. Ophthalmologie XXIL, 2, S. 42 u. f. 

3 ) Leber, Klin. Monatsblätter, 1877, Beilage S. 119. 



Unwegsamkeil grösserer Capillarbezirke als Stromhinderniss. 177 

Ein 47jähriger Maler giebt an, schon seit seiner Kindheit in der Däm- 
merung schlechter gesehen zu haben als seine Kameraden. Seit zwei Jahren 
habe sich sein Sehvermögen wesentlich verschlechtert, insoferne er in minder 
gut erleuchteten Bäumen Noth habe, sich zurecht zu finden und besonders 
durch Nichtwahrnehmung seitlich gelegener Gegenstände, selbst im vollen 
Tageslichte, häufig in Gefahr gerathe. Seinem Berufe als Maler könne er 
noch nachkommen, obwohl er manche Tage die Umrisse und Farbentöne der 
Objecte nicht mehr ganz so scharf zn erkennen glaube wie früher. Die genaue 
Untersuchung ergiebt die centrale Sehschärfe bei corrigirter Myopie ■/» fast 
2 % . Das Farbenunterscheidungsvermögen zeigt sich als ein sehr entwickeltes 
sowohl was die feinsten Töne als die Schattirungen betrifft. Dagegen erweiset 
der Perimeter eine ganz ausserordentliche allseitige Einschränkung des Ge- 
sichtsfeldes auf beiden Augen. Dasselbe präsentirt sich als ein kleiner 
rings um den Fixirpunkt gelagerter Fleck mit vorwaltender Borizontalaus- 
dehnung, dessen zackigeckige Grenzen ziemlich schart* abgesetzt sind und 
in senkrechter Richtung 15", in wagrechter 30° wenig überschreiten. Der 
Augenspiegel ergiebt die Papille von nahezu normaler Röthung, die Central- 
gefässe anverändert. An der äussersten Peripherie der Netzhaut linden sich 
einige wenige Gruppen kleiner, in das Retinalgeftige eingesprengter schwarzer 
Pigmentpunkte, doch nirgends ausgebildete, Knochenkörperchen ähnliche 
Haufen schwarzen Farbestoffes. Dagegen ist ein grosser Theil der vorderen 
Aderhautzone in Gestalt Langgestreckter, in der Breitenrichtung d. i. quer 
gelagerter Plaques mit rundlichen Umrissen atrophirt, so dass die Lederhaut 
mit ihrem eigenthümlichen sehnigen Glänze weiss durchleuchtet. Von einer 
Drucksteigcrung ist nichts zu merken, auch ergiebt die Anamnese keine 
Spur von vorausgängigen Erscheinungen, welche mit einer krankhaften 
Erhöhung des intraocnlaren Druckes in Zusammenhang gebracht werden 
können. 

Es war dies nebenbei gesagt der einzige unter Hunderten von Fidlen, 
in welchen ich von der liypodermatischen Anwendung des Strychninum 
nitricuin einen Erfolg gegen amblyopische Zustünde erzielt zu haben ver- 
meinte. Schon nach der ersten Einspritzung war der höchst intelligente und 
als tüchtiger Maler scheinbar auch höchst vertrauenswürdige Kranke voll 
Verwunderung' über die ausserordentliche Wirksamkeit des Mittels. Nach der 
zweiten und dritten Injection kannte sein Enthusiasmus keine Grenze. Leider 
stellte sich jetzt eine stark schmerzhafte entzündliche Reizung im Unterhaut- 
bindegewebe der Stirngegend ein und nöthigte zum Aussetzen des Mittels. 
Als dann etwa nach zehn Tagen wieder eine genaue Untersuchung angestellt 
wurde, zeigte sich, dass weder die centrale Sehschärfe, noch die Ausdehnung 
des Gesichtsfeldes eine wesentliche Veränderung erlitten hatte. 

In dritter Linie kommen als mögliche Veranlassungen einer 

Stauung des arteriellen Binnenstromes und folgerecht einer kränk- 
sten wag, Abhandlungen. 12 



178 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

haften Erhöhung des intraocularen Druckes Verengerungen und 
Verstopfungen grösserer Blutaderstämme, insbesondere 
der Wirbelvenen als der Hauptabzugswege des Binnenstrom- 
gebietes, in Betracht. 

Bezüglich der letzteren bedarf es nicht mehr des theore- 
tischen Calculs, indem Versuche an lebenden Thieren mit aller 
Bestimmtheit herausgestellt haben , dass Strombehinderungen an 
der Ausmündung der Vasa vorticosa chorioideae that sächlich eine 
nachweisbare sehr beträchtliche Spannungsvermehrung der 
Bulbuskapsel nach sich ziehen. Darf auch die von Einzelnen ge- 
messene Grösse der Drucksteigerung keineswegs als richtig an- 
erkannt werden, da hierbei Manometer verwendet wurden, deren 
Einführung in das Augeninnere die hydrostatischen Verhältnisse 
des Binnenraumes völlig ändert, ') so kann doch über die That- 
sächlichkeit einer namhaften Erhöhung des intraocularen Druckes 
nicht der geringste Zweifel erhoben werden. 

Der Erste, welcher in dieser Richtung bahnbrechend auftrat, war 
Adamiik. 2 ) Derselbe unterband an Augen, welche mit möglichster Schonung 
der arteriellen Ciliarzweige von ihren Weichtheilen cntblösst worden waren, 
alle vier Wirbelvenen knapp an ihrem Austritte aus der Lederhaut und 
erzielte solchermassen eine Steigerung des intraocularen Druckes auf das 
Drei- und Vierfache. Noch mehr, die Unterbindung einer einzigen Wirbel- 
vene genügte, um den Kinnendruck auffällig zu erhöhen. 

Leber 3 ) spricht von der künstlichen Drucksteigerung durch Unter- 
bindung mehrerer oder sämmtlicher Venae vorticosae schon wie von 
etwas Bekanntem und Selbstverständlichem: »Der Augendruck erfährt dabei 
»eine bedeutende Steigerung-, das Auge fühlt sich nach Unterbindungen sämmt- 
»licher Venen sehr hart an und es entwickelt sich nach kurzer Zeit eine 
»enorme venöse Hyperämie der Iris und Ciliarfortsätze und ein starkes Oedem 
»der Bindehaut, — Wenn nur eine oder einige der Wirbelvenen unterbunden 
»waren, so beschränkte sich die Stauung ganz scharf auf den Theil der Iris 
»und derjenigen Ciliarfortsätze, welche diesen Venen entsprachen.« 



') Stell wag, Der intraoculare Druck etc. Wien, 1868. S. 2. 

-) Adamük, Annal. d'ocul. LVIIL, p. 8. 

■■) Leber, Arch. f. Ophthalmologie XIX., 2, S. 141, 145. 



Verengerung und Verstopfung grösserer Venenäste als Stromhinderniss. 17.) 

Ad. Weber 1 ) kam zu ähnlichen Ergebnissen. »Umschnürt man bei 
»einem im Chloralschlafe befindlichen, durch Morphium noch anästhesirten 
»Kaninchen die hinteren Venen, so tritt schon mich wenigen Stunden deut- 
»liche Prominenz und erhöhte Spannung des Bulbus ein; die Iris legt sich 
»peripherisch der Hornhaut an und die Mitte der Kammer füllt sich mit Blut. 
»Nach zwölf Stunden ist die Prominenz und die Ausdehnung des Bulbus so 
»stark, dass der Margo orbitalis überragt wird. Die Vergrösserung scheint 
»sich aber annoch nur auf den Scleraltheil desselben zu beziehen, denn die 
»Maasse der Hornhaut bleiben denen des gesunden Auges vollständig gleich . . . 
»In den nächsten zwei bis drei Tagen ändert sich an den genannten Erschei- 
»nungen nichts . . . ; dagegen entwickelt sich nun um den cornealen Pigment- 
»ring ein mit unbewaffnetem Auge deutlich erkennbarer flachmaschiger Ge- 
»fässkranz mit zwei, je an der Nasal- und Temporalseite horizontal nach 
»hinten verlaufenden Venenstämmen •, ausserdem geringe Chemosis der Con- 
»junetiva und Palpebra tertia. Auch die Hornhaut beginnt jetzt ausgedehnt 
»zu werden. . . . Hiermit scheint aber der Höhepunkt des intraoeularen Druckes 
»erreicht, denn von jetzt an nimmt sowohl die Prominenz wie die Spannung 
»ab. Gleichzeitig bemerkt man eine Abnahme des Blutergusses (in der 
»Vorderkammer) und statt desselben tritt aus der Pupille, dieselbe anfangs 
»wie ein Hutpilz überdeckend, ein schmutzig gelbrothes Exsudat. . . . Ein bis 
»zwei Tage darnach beginnt der Druck und die Ausdehnung des Bulbus 
»sichtlich abzunehmen. Nach circa sechs Tagen ist auch das hutpilzähnliche 
»Pupillarexsudat geschwunden, es hat eine ausgebreitete Glaskörpertrübung 
»Platz gegriffen und die Linse sich kataraktös getrübt.« 

Die negativen Resultate, welche Memorski 2 ) bei seinen Experi- 
menten an Thicren erhielt, können füglich nicht als Gründe gegen die Rich- 
tigkeit des soeben Mitgethcilten verwendet werden, da der um die Lehre von 
den häniostatischen Verhältnissen des Binnenraumes so hoch verdiente Forscher 
nicht sowohl die Wirbel venen, als vielmehr die vier Drosselvenen und 
die beiden Venae anonymae unwegsam gemacht hatte, um die Autonomie 
des Binnenstromgebietes darzulegen. 

Dagegen bedürfen die Versuche Schöler's 3 ) einer Erörterung. Der- 
selbe tritt lebhaft ein für die Abhängigkeit der pathologischen Drucksteige- 
rung von der Vermehrung der Binnenmedien durch Verschluss der im 
vorderen Scleralrande gelegenen Lymphwege. Um den experimentellen 
Nachweis dieser seiner Ansicht zu erbringen und die gegentheiligen An- 
schauungen zu widerlegen, verschorftc er mittelst eines zweckmässig zu- 
bereiteten glühenden Drahtes den Bindehautsaum und die angrenzende 
Zone der Lederhaut in einer Breite von circa 2 Mm., oder die Wirbel- 



i) Ad. Weber, Arch. f. Ophthalmologie XXIIL, 1, S. 13 u. f. 

2 ) Memorski, ibid. XL, 2, S. 98 u. f. 

• ! ,i Schöler, ibid. XXV., 4. S. 71, »7, 99 u. f. 

12* 



löO Binnendrucksteigertmg und Glaukom. 

vencn bei ihrem Austritte aus der Sclerotien, oder beide diese T heile 
nach einander. »Es ergiebt sich im Gegensatze zu der bisher herrschenden 
»Anschauung, dass der Verschluss der Venae vorticosae bei sonst offenen 
»Ausscheidungswegen (vorderen Lymphbahnen) keine bemerkenswerthe Stei- 
»gerung des Binnendruckes im Auge bewirkt und nur am lebenden Auge 
»bei Verlegung der Filtration am Limbus ein gesteigerter Druck im Auge 
»sich rascher ausgleicht (im Verhältnisse von 1: 1-2), wenn die Venae vorti- 
»cosae offen sind, als nach ihrem Verschlusse. War hingegen der Limbus 
»offen geblieben, so glich sich nach Verschluss der Wirbelvenen ein künst- 
»lich gesteigerter Druck im Auge ebenso rasch wie bei offenen Ausschei- 
»dungs wegen aus. Dass bei pathologischer Drucksteigerung im Auge, in 
»specie beim Glaukom, ein Verschluss der Venae vorticosae keine patho- 
» logische Rolle spielt, beweist am besten die schon von Leber erwähnte 
»und wohl den meisten Fachgenossen aus eigener Erfahrung bekannte That- 
» sache, dass beim Glaucoma absolutum die Venae vorticosae von Blut strotzend 
»gefunden werden.« 

Es läge nun allerdings sehr nahe, die abweichenden Resultate Sehöler's 
damit zu erklären, dass man die Thrombosining der Wirbelvenen durch den 
Glühdraht für eine unvollständige hält. Allein Seh ö ler ist zu ganz ähn- 
lichen Ergebnissen auch bei Unterbindung der vier Venae vorticosae ge- 
kommen, er konnte mittelst des Manometers auch bei völliger Abschnü- 
rung dieser Venen nur eine verhältnissmässig geringe und bald sich 
wieder ausgleichende Drucksteigerung im Innern des Auges nachweisen. 
Man steht also wieder auf dem Punkte, auf welchen Experimente an lebenden 
Thieren so häufig hinführen, auf dem Punkte, auf welchem man sich darüber 
entscheiden muss, welchen) der Experimentatoren man mehr Vertrauen schenken 
will, denn beide Theile stützen sich auf positive Thatsachen. Ein Nachexperi- 
mentiren führt nicht stets zum Ziele, es vermehrt höchstens die Majorität oder 
die Minorität und nicht immer ist die erstere die Vertreterin des Richtigen. 
Immerhin darf man wohl behaupten, dass ein Ausbleiben der Druck- 
Steigerung bei Verschluss der Wirbelvenen allen physikalischen Grundsätzen 
widerstreiten würde, denn damit wird nothwendig die Stromkraft des Blutes 
im Binnenraume wesentlich vermindert; was aber an Stromkraft verloren 
geht, kann unmöglich verschwinden, es muss wenigstens zum grössten Theile 
in Seitendruck unigesetzt werden. Uebrigens behauptet Schüler auch nicht, 
dass jede Drucksteigerung ausgeschlossen ist; ergiebt sie zu und findet seiner 
Theorie entsprechend nur, dass Verlegung der in der vorderen Scleralgrenze 
gelegenen Einissarien erforderlich ist, um erhebliche und länger andau- 
ernde Erhöhungen des intraoeularen Druckes zu erzielen. Dass aber Ver- 
schliessung der hinteren und vorderen Abzugswege des venösen Blutes einen 
grösseren Eftect haben müsse als Verstopfung der Wirbelvenen allein, 
liegt auf der Hand, da solchermassen eine noch weit höhere Quote der 
Stromkraft lahmgelegt wird. 






Stromhindernisse im Binnenraume genügen allein zur Drucksteigerung. 181 

Im Uebrigen liefert auch die praktische Erfahrung Belege 
dafür, dass die verminderte Wegsamkeit grösserer Blut- 
ader stamm e, namentlich der Wirbelvenen, als thatsächliche 
Quelle krankhafter Drucksteigerungen zu gelten habe. Wedl 
(S. 140) hat Thrombosen der Wirbelvenen im Aderhautbereiche 
wiederholt beim Glaukom gefunden und ich hatte vor Kurzem 
erst Gelegenheit, ausgebreitete Verstopfungen einer grösseren Cho- 
rioidalvene mit entzündlichem Producte in einem Falle seeundären 
Glaukoms mit aller Bestimmtheit nachzuweisen. Bei der Pan Oph- 
thalmitis suppurativa, welche immer mit einer sehr hohen 
Drucksteigerung einherschreitet, sind Thrombosirungen der Wirbel- 
venen ein regelmässiger Befund. Ueberdies lässt sich die Spannungs- 
zunahme der Bulbuskapsel, welche beim Bestände intraoeularer 
Tumoren meistens gegeben ist und sogar als ein charakteri- 
stisches Merkmal derselben gilt, in der Mehrzahl der Fälle mit 
der Verstopfung grösserer Blutadergebiete in Zusammenhang bringen, 
selbst bei retinalem Gliom, da dieses häufig auf die Chorioidea 
übergreift. B r a i 1 e y ') hebt die regelmässige Betheiligung der 
Aderhaut bei Geschwulstbildnngen im Augeninnern als Quelle von 
Drucksteigerungen deutlieh hervor. 

Es liegt auf der Hand, dass Strom hin de misse in den 
Arterien, in den Capillaren und in den Venen des Binnen- 
raumes an und für sieli ohne alle Beihilfe anderer Mo- 
mente genügen, um krankhafte Drucksteigerungen zu 
begründen. Im Einklänge damit finden sich denn auch patho- 
logische Drueksteigerungen, d. i. glaukomatöse Zustände im weiteren 
Wortsinne, gelegentlich in jedem Alter, in früher gesunden 
und in pathologisch veränderten Augen, und was auch Brailey 2 ) 
sehr betont, ebensowohl bei normal elastischer, ja bei entzünd- 
lich aufgelockerter, als bei starrer unnachgiebiger Bulbus- 
kapsel. Nur ist bei einer mehr dehnbaren Lederhaut ein höherer 



*) Brailey, Ophth. Hosp. Rep. IX., p. 201; X., p. IG. 
,} ) Brailey, ibid. IX., p. 385, 393. 



1 82 Binnendrueksteigerung und Glaukom. 

Grad von Drucksteigerung erforderlich, um dem tastenden Finger 
die Härtezunahme auffällig zu machen, als dort, wo von vorne- 
herein schon wenig Elasticität disponibel gewesen ist. 

Diese Unabhängigkeit glaukomatöser Zustände von dem Alter 
des Kranken und von der Beschaffenheit der Bulbuskapsel tritt 
deutlich hervor bei den überaus mannigfaltigen Krankheitsformen, 
welche unter dem Namen Secundärglaukom zusammengefasst 
werden. Umgekehrt aber sind es vorzugsweise gerade Fälle 
dieser Art, in welchen man öfters schon frühzeitig, vor oder 
beim Beginne der pathologischen Drucksteigerung, greifbare 
Stromhindernisse in diesem oder jenem Binnengefässbezirke 
nachzuweisen vermag und ein ursächlicher Zusammenhang zwi- 
schen den ersteren und den letzteren kaum in Frage kömmt. 

In der grössten Mehrzahl der Fälle jedoch, namentlich beim 
Primärglaukome, wird man während der ersten Phasen des 
Processes im Binnen räume selbst vergeblich nach auffälligen 
Erweiterungen der Arterien oder nach Verstopfungen grösserer Ca- 
pillarbezirke und Blutaderstämme suchen. Wo man auf solche stösst, 
wird man gewöhnlich allen Grund haben, dieselben als secundäre 
Zustände, als Folgen der bereits bestehenden Drucksteigerung oder 
vielmehr der diese letztere bedingenden krankhaften Verhältnisse 
aufzufassen. Und doch ist auch in diesen Fällen die Stauung, 
wenigstens in • dem Venengebiete, eine überaus deutliche und 
zwingt förmlich zur Annahme von Strömungshindernissen, 
welche, da sie im Binnenraume selbst nicht bestehen und da jen- 
seits der Sclera gelegene Venenstauungen auf das Binnenstrom- 
gebiet nur einen sehr untergeordneten Einfluss üben, not h wendig 
in die Lederhautemissarien verlegt werden müssen. 

Es offenbart sich diese Stauung im Binnenstromgebiete schon 
am lebenden Auge durch starke Erweiterung einer An- 
zahl von episcleralen Stämmen. Wo der Process nicht mit 
einem ausgesprochenen entzündlichen Reizzustande einhergeht 
und ein stark entwickelter pericornealer Gefässkranz das Bild ver- 
wischt y andererseits aber auch das Glaukom nicht gar zu sehr 






Uvcale Blutstauungen wegen Stromhindernissen in den Scleralduvclilüsseu. 18o 

veraltet und in der Entartung der Theile vorgeschritten ist, sieht 
man die einzelnen ektatischen Stämme in meridionaler Richtung 
dahinstr eichen und sich schliesslich mit unvermindertem Caliber 
im verzweigt in den vorderen Lederhautgürtel einsenken. Sie 
führen s am int lieh dunkles Blut, sind indessen, wie schon erwähnt 
wurde, theils Schlagadern, theils Venen. Da sie sich vor ihrem 
Eintritte in den Binnenraum nicht in Netze auflösen, kann ihre 
Ausdehnung unmöglich vasomotorischen Einflüssen auf Rech- 
nung geschrieben werden, sie muss einen rein mechanischen 
Grund haben. Was die arteriellen Stämme betrifft, so liegt es 
selbstverständlich am nächsten, die Drucksteigerung oder viel- 
mehr die vermöge derselben im Binnenraume gesetzten Wider- 
stände verantwortlich zu machen. Die Dunkelheit des in 
den ektatischen Schlagadern enthaltenen Blutes erscheint dann 
einfach als Folge des verlangsamten Einströmens und der 
damit verknüpften Desoxydation in den Stämmen. Was aber die 
Venen anbelangt, so muss in Erwägung gebracht werden, dass 
die Blutadern des vorderen Ciliargebietes in der Norm nur eine 
unverhältnissmässig kleine Quote des aus dem Augeninnern zurück- 
kehrenden Blutes abzuführen haben und daher am gesunden 
Auge gewöhnlich ganz unsichtbar sind. Eine so beträchtliche Er- 
weiterung der Stämme kann, da vasomotorische Einflüsse aus- 
geschlossen sind, offenbar nur auf collaterale Strömungen bezogen 
w r erden. Diese setzen aber anderweitig gegebene Stauungen vor- 
aus und weisen so direct auf Kreislaufshindernisse in den 
Hauptabzugskanälen des Binnenstromgebietes, in den Wir- 
belvenen hin. 

Mit viel grösserer Bestimmtheit lässt sich der Bestand von 
Venenstauungen aus dem Befunde bei glaukomatösen Augen er- 
schliessen, welche auf operativem Wege lebenden Kranken ent- 
nommen und der anatomischen Untersuchung zugeführt worden 
sind. Es ist in denselben nämlich, wenn mit der gehörigen Vor- 
sicht zu Werke gegangen wird, in der Regel und vielleicht immer 
eine sehr beträchtliche Blut Überfüllung des Uvealgebietes, 



184 Binnendrucksteigcrung und Glaukom. 

vernehmlich des Strahlenkranzes und der Aderhaut, sowie der Netz- 
li a u t nachzuweisen. 

In Brailey 's ') Arbeiten findet sich diese Hyperämie vielfach 
angedeutet und an mehreren Stellen mit aller Schärfe hervorgehoben. 
Sie betrifft nach diesem Autor nicht blos die Venen , sondern ist 
in älteren Fällen immer auf die Schlagadern sowie gelegentlich 
auch auf die zwischengelagerten Haargefässnetze ausgebreitet 
und geht im vorderen Uvealtr acte mit auffälliger Verdünnung, 
im Retin albezirke dagegen mit Hypertrophie der Gefässwände, 
namentlich der Arterien, einher. In der Aderhaut fand Brailey 
die Gefässwände gewöhnlich nur wenig verändert. 

Nach Wedl (S. 140) bilden »die hyperämischen Zustände, 
»insbesondere in der Chorioidea, im Ciliarkörper, in der Iris 
»und in den vorderen Ciliargefässen einen wichtigen Factor, welcher 
»die Druckverhältnisse im Auge wesentlich beeinflusst«. Wedl 
weist darauf hin, dass der Blutdruck beim Glaukom in diesen 
Gefässen nicht selten in dem Grade gesteigert sei, dass es zu Blut- 
extravasaten in der Ad erbaut, im Ciliarkörper, in der Iris und 
selbst im Circulus arteriosus Halleri kömmt. 

Was mich betrifft, so habe ich in den Fällen, welche ich 
neuerer Zeit zu untersuchen Gelegenheit hatte, die Blutüber- 
füllung der Retina und des Uvealtractes, insonderheit der 
Ader haut, meistens stark ausgeprägt gefunden, während die extra- 
ocularen Theile der Wirbelvenen höchstens eine dünne Blut- 
säule enthielten, gewöhnlich aber leer schienen. Am auffälligsten 
war mir dieses an einigen glaukomatösen Augen, welche ich bei 
Lebzeiten der Kranken enucleirt habe. 

Es würde mich aber gar nicht überraschen, wenn andere 
Beobachter bei ihren Untersuchungen gelegentlich zu geg enthei- 
ligen Befunden gelangten. Ich habe mich nämlich durch den 
Augenschein auf das Bestimmteste überzeugt, dass sich die Ver- 
hältnisse während der Operation und besonders während der 



') Brailey, Oplith. Hosp. Rep. IX., p. 190, 380, 384; X., p. 134 u. f., 200. 






Uveale Blutstauungen wegen Stromhindernissen in den Scleraldurchlässen. 185 

Manipulationen mit dem bereits enucleirten Bulbus wesentlich 
ändern können. Wird der aus seinen Verbindungen gelöste Aug- 
apfel behufs genauer Betrachtung in der Hand hin und her ge- 
wendet oder gar gedrückt, so kann es geschehen, dass die extra- 
o ciliaren Stücke der Wirbelvenen, welche vordem sehr dünn oder 
gar leer erschienen waren, sich plötzlich füllen und an dem durch- 
schnittenen Ende eine Quantität von Venenblut entleeren. Die 
unmittelbare Folge dessen ist, dass der bisher auffällig gespannt 
gebliebene Bulbus alsogleich eine beträchtliche Härteverminderung 
erkennen lässt. Dass bei einem solchen Vorgange eine gegebene 
Blut üb er f tili ung der Gefässhaut leicht in eine Blutleere ver- 
kehrt werden könne, ist selbstverständlich. 

Ich möchte darum dringend empfehlen, bei der Ausschälung glau- 
komatöser Augen, welche man auf den Zustand der Binnengefässe prüfen 
und namentlich bezüglich der intraokularen Blutvertheilung durchforschen 
will, mit der äussersten Vorsicht zu Werke zu gehen, sie namentlich vor jedem 
Drucke zu bewahren und überhaupt jedes entbehrliche Hantiren mit den- 
selben zu vermeiden. Man thut am besten, den Seitenmuskel, mit dessen 
Durchschneidung man die Operation beginnt, auf eine weite Strecke zu isoliren 
und dann mehrere Linien hinter seinem Ansätze zu durchtrennen, um einen 
langen Stumpf zu erhalten, an welchem der Bulbus mittelst einer geeigneten 
Pincette ohne allen Druck und ohne Zerrung nach den verschiedensten Rich- 
tungen bewegt werden kann. Hat man dann die Tenon'sche Kapsel mit den 
übrigen Muskelansätzen durch die zwei vorgeschriebenen Scheerenschläge 
durchschnitten, so kann man den Bulbus durch einen leisen Zug an seinem 
Muskelstumpfe hin und her wenden, um die am hinteren Scleralumfange 
rinnenförmig eingesenkten Stämme der Wirbelvenen zur Ansicht zu bekommen. 
Ist endlich der Sehnerv durchtrennt, so soll der Augapfel ohne alle weitere 
Berührung mit der Hand sogleich in eine härtende (Müller'sche) Flüssigkeit 
gebracht und erst nach einiger Zeit der Eröffnung unterzogen werden. Ich 
glaube, dass bei einem solchen Vorgehen gleich massigere Befunde als 
bisher zu erzielen sein werden. Als Beleg für das Gesagte lasse ich einen 
einschlägigen Fall folgen. 

Eine 60 Jahre alte Wäscherin leidet seit Langem an einer umschrie- 
benen Caries im Vordertheile des linken Orbitaldaches. Der daselbst abge- 
sonderte Eiter entleert sich durch eine für mittlere Sonden durchgängige, 
etwa in der Mitte des oberen Orbitalrandes gelegene Oeffnung in der Lidhaut, 
welche durch eine strahlige Narbe etwas verkürzt ist, so dass der leicht 
ectropionirte obere Augendeckel die Lidspalte nicht völlig zu schliessen ver- 



186 Bitmendrucksteigerung und Glaukom. 

mag. Vor drei Tagen, nachdem sich die Kranke angeblich einem starken 
Zuge ausgesetzt hatte, begann das gegenwärtige Leiden mit heftigen Schmerzen 
und entzündlicher Schwellung am linken Auge. Bei der Aufnahme auf die 
Klinik am 25. April 1880 wurde leichte chemotische Schwellung der Lider 
und der gesammten Bindehaut vorgefunden. Die Hornhaut war bereits in 
ihrem ganzen Umfange eitrig infiltrirt, das untere innere Drittel derselben 
oberflächlich exfoliirt und der Geschwürsgrund zapfenartig vorspringend ; dabei 
heftige Schmerzen. Es wurde sogleich die Paracentese der Cornea mit dem 
schmalen Graefe'schen Messer durchgeführt und dabei eine ziemliche Menge 
Eiter aus der Vorderkammer entleert. Unter der Anwendung des Druckver- 
bandes und dreimal des Tages wiederholter feuchtwarmer Ueberschläge 
besserte sich der Zustand, insoferne die obere äussere Peripherie der Cornea 
in Gestalt einer in der Mitte etwa 4 Mm. breiten Mondsichel durchscheinend 
wurde und die der Hinterwand anliegende infiltrirte und entfärbte Iris er- 
kennen Hess. Doch begann der Gipfel des ektatischen Geschwürsbodens zu 
granuliren und Hess deutlich Einsprengungen von Pigment erkennen, so dass 
kein Zweifel bestehen konnte, dass das Geschwür durchgebrochen war und 
mit einem Vorfalle der Regenbogenhaut sich complicirt hatte. Die Lichtem- 
pfindung erwies sich in allen Theilen des Gesichtsfeldes als eine normale. 
Allmälig reinigte sich auch die ausgebauchte Partie in der Hornhaut, Hess 
die Iris grüngrau durchschimmern und gewann an Consistenz. 

Am 3. Juni stellten sich zuerst in der Nacht wüthende, über den ganzen 
Kopf ausstrahlende, drückende Schmerzen ein und hielten mehrere Stunden 
an, um dann zu remittiren, alsbald aber wieder zu steigen, so dass der Zu- 
stand der Kranken unerträglich wurde. Die Untersuchung ergab eine ganz 
auffällige Spannung der Bulbuskapsel und Einschränkung des Gesichtsfeldes 
nach innen unten. Die Anwendung von Eserin blieb erfolglos. Es wurde 
daher am G. Juni zur Enucleation des Bulbus geschritten. 

Nachdem die Tenon'sche Kapsel im seitlichen und oberen Umfange durch- 
schnitten und die Sehnen des äusseren, oberen und inneren Musculus rectus 
sowie des Obliquus superior vom Bulbus getrennt waren, wurde die Tenon'sche 
Kapsel mittelst Ilaken nach rückwärts geschlagen und der Augapfel nach 
verschiedenen Seiten gedreht, um die extraoeularen Theile der Wirbelvenen 
zur Anschauung zu bringen. Keiner der sieben anwesenden Aerzte 
vermochte eine derselben zu erkennen, obwohl der hintere Umfang 
des Bulbus stückweise blossgelegt wurde und die geringe Blutung nicht das 
geringste Hinderniss abgab. Hierauf wurde der Sehnerv durchschnitten und 
der Augapfel aus seinen letzten Verbindungen gelöst. 

Bei der nunmehr mit aller Sorgfalt durchg« führten Untersuchung zeigte 
der enucleirte Bulbus eine ganz auffällige Härte und Spannung. Die vier 
Wirbelvenen wurden unmittelbar nach der Ausschälung des Auges nicht 
wahrgenommen, obwohl die Kapsel ganz rein präparirt erschien. Erst nach 
längerem Suchen konnten dieselben als dünne bläuliehe Stränge in der Tiefe 



Uveale Blutstauungen wegen Stromhindcrnissen in don Scleraldurchlässen. 187 

des episcleralen Gefüges meridional nach hinten ziehend nachgewiesen werden. 
Es entleerte sich aus ihren durchschnittenen Enden etwas venöses Blut. 

Das Auge wurde nun in einen feuchten Lappen gehüllt und in das 
Laboratorium des Herrn Prof. Wedl übertragen, um dort genauer durch- 
forscht zu werden. Eine Stunde nach der Enucleation erwies sich die früher 
ganz bedeutende Barte des Bulbus wesentlich vermindert und die Wirbel- 
venen waren nun ganz deutlich in ihrem ganzen Verlaufe als bläulich durch- 
scheinende platte Stränge an der Aussen wand des hinteren Bulbusumfanges 
zu erkennen. Sie waren jedenfalls viel mehr gefüllt als unmittelbar nach der 
Enucleation. 

Es wurde jetzt mit Vermeidung der Venae vorticosae ein meridionaler 
Schnitt durch den Bulbus geführt, um die inneren Theile mittelst Lupe zu 
prüfen. Es zeigte sich in der Chorioidea die Thrombosirung einer 
Wirbelvene. Im Uebrigen fand man eine sehr entwickelte Pigmentatro- 
phie, so dass das Geäder ausserordentlich deutlich zur Anschauung kam. Das- 
selbe war blutarm, zum Theile ganz blutleer. 

Es ist kein Zweifel, dass das in den extraoeularen Theilen der Wirbel- 
venen nunmehr vorfindige grössere Blutquantum in der Zeit während der 
Enucleation bis zu der anatomischen Untersuchung aus der Aderhaut nach 
aussen gelangt ist und so die scheinbare Anämie der Aderhaut mit der 
ganz eclatanten Spannungsabnahme der Bulbuskapsel herbeigeführt hat. In 
der Netzhaut Hessen sich die Gefässe noch sämmtlich als blutführend er- 
kennen. Eine Excavation der Papille bestand nicht. Prof. Wedl wird 
seinerzeit die näheren Untersuchungsergebnisse veröffentlichen. 

Ich glaube mich nicht zu irren 7 wenn ich einen ähnlichen 
Wechsel des Blutgehaltes der Aderhaut auch in solchen glauko- 
matösen Augen für möglich und wahrscheinlich halte, welche 
Leichen entnommen worden sind. Nur so lassen sich die Wider- 
sprüche in den betreffenden Angaben verschiedener Autoren er- 
klären. Ich für meinen Theil muss auf Grundlage einer nicht 
unbedeutenden Erfahrung aus früherer Zeit die starke Blutüber- 
füllung der chorioidalen Wirbelvenen als einen zum Mindesten sehr 
häufigen Befund bei glaukomatösen Cadaveraugen bezeichnen. 
Leber 1 ) sagt: »Bei der anatomischen Untersuchung glaukomatöser 
»Augen habe ich die Venae vorticosae nicht blutleer oder verengert, 
»sondern im Gegentheile stark mit Blut gefüllt gefunden.« Seh öl er 2 ) 



1 ) Leber, Graefe und Sämisch, Handbuch IL, S. 355. 

2) Schüler, Areh. f. Ophthalmologie XXV., 4, S. 100. 



188 Binncndrucksteigerung und Glaukom. 

erklärt es für eine »wohl den meisten Fachgenossen aus eigener 
»Erfahrung bekannte Thatsache ? dass beim Glaucoma absolutum 
»die Venae vorticosae von Blut strotzend gefunden werden«. Die 
beiden Forscher erklären diese Blutüberfüllung als unvereinbar 
mit dem Bestände von Stromhindernissen ; während Schnabel 1 ) 
umgekehrt die Leerheit der Aderhautgefässe an glaukomatösen 
Cadaveraugen als triftigen Einwand gegen die Stauungstheorie ver- 
werthen will. 

Ich möchte bezüglich dessen an die ausserordentlichen Schwan- 
kungen erinnern ; welche nach Sattler 2 ) der Füllungsgrad der 
Aderhautgefässe bei normalen Augen verschiedener Individuen 
gleichen Alters nach dem Tode erkennen lässt und welche nach 
Heisrath 3 ) sogar von der Lagerung des Kopfes nach dem 
Sterben beeinflusst werden. Oifenbar hat überdies die Todes- 
ursache ; der Zustand der Gefäss wände und damit auch das 
Stadium des Glaukomprocesses, in welchem der Kranke sein Leben 
einbüsst, einen massgebenden Einfluss. Die Behandlung des Auges 
beim Ausschneiden thut dann das Uebrige. 

Viel hat übrigens zu dieser Verwirrung ein wesentlicher 
Grundirrthum beigetragen. Weil Versuche an lebenden Thieren 
ergeben hatten ; dass die A b s c h n ü r u n g einer oder mehrerer 
Wirbelvenen an ihrer Ausmündung den Binnendruck zu steigern 
vermöge, schloss man ohneweiters, dass auch beim Menschen 
eine oder mehrere Wirbelvenen innerhalb der Scleralemissarien un- 
wegsam geworden sein müssen ; auf dass der intraoculare Druck 
gesteigert und so ein glaukomatöser Zustand herbeigeführt werden 
könne. 

Um die Verstopfung und gänzliche Unwegsamkeit einer 
oder mehrerer Wirbelvenen im Bereiche ihrer Lederhautdurchlässe 
handelt es sich jedoch in der Regel gewiss nicht, kann 



*) Schnabel, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde VII., S. 119. 

2 ) Sattler, Arch. f. Ophthalmologie XXIL, 2, S. 41. 

3 ) Heisrath, ibid. XXVI., 1, S. 238. 






Die Stromhinderniaae in den Seleraldurchlässen. 189 

und darf es sich gar nicht handeln. Dies schlösse näm- 
lich die Ausgleichsfähigkeit der Drucksteigerung aus, und 
doch hat man derlei Ausgleiche beim beginnenden Glaukome in den 
oft typischen Schwankungen der Druckhöhe tagtäglich vor 
Augen. Auch erzielt man selbe in vielen Fällen leicht und sicher 
durch Anwendung des Es er in sowie auf operativem Wege. 
Ueberdies ist wohl mit Gewissheit anzunehmen, dass Verstopfungen 
oder auch nur auffällige Verengerungen der Scleraldurch- 
lässe oder der sie passirenden Gefässstücke den bisherigen Nach- 
forschungen nicht entgangen wären, und doch haben Wedl's und 
Brailey's ') Befunde nur Kernanhäufungen im umgebenden 
Scleralgefüge , aber keine wesentliche Veränderung der Lich- 
tung ergeben. 

Von ausserordentlicher Wichtigkeit wäre es in dieser Bezie- 
hung, einen klaren Einblick in die functionellen Verhältnisse jener 
klappenähnlichen Gebilde zu gewinnen, welche sich an der 
inneren Mündung der für die Wirbelvenen bestimmten Emissarien 
finden. Wedl (S. 139) hat dieselben genauer untersucht und aus 
mehrfachen Lagen elastischer Lamellen zusammengesetzt gefunden. 
Er hält dafür, dass sie, wenn sie von innen her einem Drucke 
ausgesetzt sind, den rückläufigen Blut ström zu beeinträch- 
tigen, d. i. Stauungen zu veranlassen vermögen. Roser und Leber 2 ) 
haben schon früher diese Meinung ausgesprochen, sind aber von 
dieser Ansicht zurückgekommen und erklären dermalen die frag- 
lichen anatomischen Verhältnisse für ungeeignet, um Stauungen 
in den Wirbelvenen zu erklären. 

Vom rein theoretischen Standpunkte aus betrachtet 
genügt die Verminderung der, ohnehin geringen, normalen ela- 
stischen Dehnbarkeit des Scleralgefüges, um intraokulare 
Drucksteigerungen zu erklären. 



J ) Liailey, Ophth. Hosp. llep. IX., p. 385-, X., p. 206. 

'-) Böser und Leber, Grade und Sä'misch, Handbuch IL, S. .'555. 



190 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

Man denke sich eine arterielle Blutwelle unter dem systo- 
lischen Drucke des Herzens an der inneren Mündung der scleralen 
Kanäle durch die Ciliargefässe anlangen. Offenbar würde das bis- 
herige Gleichgewicht der im Binnenstromgebiete herrschenden Druck- 
verhältnisse aufrecht erhalten bleiben, wenn diese arterielle Welle 
mit ihrer vom Herzen überkommenen Geschwindigkeit durch 
die Capillaren und Venen bis zu den extraocularen Abführungs- 
stämmen sich fortbewegen könnte. Da aber in den Capillaren eine 
entsprechende Beschleunigung des Stromes nicht stattfindet, so 
muss das systolische Plus der arteriellen Stromkraft zum grossen 
Theile als Seitendruck auf die Bulbuskapsel übertragen werden 
und von dieser aus als elastische Kraft auf das uveale und 
retinale Gefässsystem zurückwirken. Es sollte also bei jeder 
Herzsystole der intraoculare Druck steigen, bei jeder Herzdiastole 
fallen. Dies geschieht jedoch nur, wenn die Bulbuskapsel nicht 
in der Lage ist, die überkommene vermehrte Spannkraft durch die 
dioptrischen Medien voll auf die Binnengefässe rückwirken zu 
lassen, namentlich bei manometrischen Versuchen, wo bei jeder 
Herzsystole die Binnenmedien durch die in den Bulbusraum ein- 
geführte Röhre ausweichen und so ein beträchtliches Steigen der 
Manometersäule veranlassen. 

Unter solchen Umständen, überhaupt bei unvollständiger Füllung 
des Bulbusraumes, finden aber auch sehr excursive Pulsbewegungen der 
Binnengefässe statt, wie schon früher (S. 162) erwähnt wurde. Ich erinnere 
mich lebhaft eines Falles, in welchem ich bei vollständiger Glaskörperver- 
flüssigung und Zonulaatrophie die Lappenextraction einer Cataracta durch- 
führen wollte. Unmittelbar nach dem Hornhautschnitte entleerte sich nebst dem 
Kammerwasser der grösste Theil des wässerigen Corpus vitreum und der 
Staar versank in die Tiefe des Auges. Bei den vergeblichen Versuchen, die 
Linse herauszufischen, wurde der Lappen weit gelüftet und man konnte die 
Netzhautgelässe bei jeder Herzsystole sich mächtig verbreitern und in excur- 
siven Windungen sich schlängeln sehen. Ich war sehr betrübt; doch verlief 
Alles glücklich. Der Kranke verliess sehend die Klinik und schrieb nach einer 
Reihe von Wochen einen Brief voll dankbarer Anerkennung. 

Bei unverletzter und normal gefüllter Bulbuskapsel 
werden derlei pulsatorische Druckschwankungen weder durch 



Die Stromhindernisse in den Scleraldurchlässen. Dl 

das Gefühl noch durch die verfügbaren Instrumente wahrgenommen. 
In dem Maasse nämlich , als der diastolische Wellenberg in den 
Binnenarterien ansteigen, der Seitendruck also wachsen und als Spann- 
kraft auf die Wandungen der Bulbuskapsel übertragen werden soll, 
wird durch die elastische Rückwirkung der letzteren auf das Binnen - 
Stromgebiet der Widerstand gegen die arterielle Puls welle ver- 
mehrt und der Abfluss durch die intraocularen Stammtheile der 
Wirbelvenen beschleunigt. Das Ergebniss dieses regulato- 
rischen Einflusses der elastischen Bulbuskapsel ist ein mehr 
gleichmässiges Dahinströmcn des arteriellen Blutes in den 
Binnenschlagadern, eine gewisse Beständigkeit der jeweilig im 
intraocularen Stromgebiete enthaltenen Blutmenge und eine gewisse 
Stabilität des Binnendruckes. 1 ) Es bleiben eben nur mini- 
male pulsatorische Schwankungen übrig, welche ihre Erklärung 
darin finden, dass die Fortpflanzung des arteriellen Seitendruckes 
auf die intraocularen Stämme der Wirbelvenen eine gewisse, 
wenn auch noch so geringe, Zeit braucht, der Beginn der Steigerung 
des Blutabflusses aus den letzteren der Arteriendiastole also ein 
ganz klein wenig nachschleppt. 

Dass beim Anrücken der arteriellen Blutwelle wirklich eine 
Beschleunigung des venösen Blut ström es in den intraocularen 
Stämmen der Wirbelgefässe, also ein vermehrter Blutabfluss, 
stattfinde, darf man mit Grund nach den Vorgängen schliessen, 
welche bei dem, fälschlich sogenannten, retinalen Venenpulse 
beobachtet werden. 

Es ist dieser Venenpuls bekanntlich öfters unter ganz nor- 
malen Verhältnissen wahrnehmbar. Häufiger jedoch lässt er sich 
nur durch einen auf den Augapfel ausgeübten Fingerdruck sicht- 
bar machen. Man findet dann, dass mit dem Beginne der Herz- 
systole, also mit dem Ansteigen des arteriellen Wellenberges das 
Endstück einer oder mehrerer retinaler Centralvenen von der Ge- 
fässpforte gegen die Papillengrenze vor schreitend enger und 



l ) Ätemorski, Aren. f. Ophthalmologie XL, 2, S. 84 u. f. 



192 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

blässer wird. Unter gewissen Umständen, namentlich bei stark 
winkeligem Verlaufe eines solchen centralen Venenstückes, kann 
dessen Verengerung während der Hohe der Arteriendiastole wohl 
auch so weit gehen, dass die darin enthaltene Blutsäule dem 
Auge völlig entschwindet. Unmittelbar darnach jedoch füllt 
und erweitert sich das betreifende Venenstück wieder in umge- 
kehrter Richtung, von der Peripherie der Papille gegen die Pforte 
hin, und nach einer kleinen Pause wiederholt sich der Vorgang 
rhythmisch von Neuem. 

Diese rhythmischen Entleerungen der centralen Venenstücke 
können wohl nicht anders, denn als beschleunigtes Abströmen 
der der Pforte zunächst gelegenen Theile der venösen Blutsäule 
gedeutet werden. Sie finden bekanntermassen ihren Erklärungs- 
grund in der grösseren Lichtung der betreffenden Gefässab schnitte 
und in der wesentlichen Verminderung der Widerstände, auf welche 
das abfliessende Blut jenseits der Siebmembran im Nerven- 
kopfe stösst. 

Was nun diese Widerstände anbelangt, so können dieselben 
in der Zeit zwischen einer und der anderen Arteriendiastole un- 
möglich erhebliche Unterschiede darbieten. Unter dieser Voraus- 
setzung inuss aber beim Anheben eines arteriellen Wellenberges, 
wo am in eisten Blut mit am wenigsten durch Widerstände ge- 
schwächter Stromkraft in die extraocularen Venenstücke austritt, 
der Seitendruck in den letzteren am grössten sein, die umge- 
benden Theile des Nervenkopfes verdrängen und dann sich ver- 
mindern, um schliesslich als elastische Kraft wieder treibend auf 
den venösen Blutstrom rückzuwirken. 

Es lässt sich solch ermassen recht gut eine Regulirung der 
Strömung auch in den extraocularen Theilen der retinalen 
Centralvenen als nothwendige Folge der Elasticität des Nerven- 
kopfgefüges behaupten. Jedenfalls muss die elastische Nach- 
giebigkeit der Umgebungen die raschere Entleerung der 
der Pforte nächstgelegenen intraocularen Endstücke der 
centralen Venen wesentlich erleichtern und damit auch den 



Dir Stromhindernisse in den Scieraldnrchiässen. 193 

regulatorischen Einfluss der elastischen Bulbuskapsel auf das 
Binnenstromgebiet in hohem Grade begünstigen. 

Die Ström ungsgesetze für die retinalen und für die 
uvealen Gefässe können mm unmöglich ganz verschieden sein. Beide 
Systeme stehen innerhalb des eigentlichen Binnenraumes gleich- 
massig unter dem regulirenden Einmisse der elastischen Bulbus- 
kapsel und auch das anatomische Verhalten derselben sowohl in 
den intra- als in den extraocularen Theilen ist ein sehr ähnliches. 
Allerdings besteht ein Unterschied; insoferne die elastische Nach- 
giebigkeit des Nervenkopfgefüges eine grössere ist als jene 
der scleralen Emissar ien Wandungen; daher denn auch die 
Strömungswiderstände für die retinalen Gefässe geringer sein 
müssen als für die uvealen. Immerhin jedoch besteht eine 
gewisse elastische Nachgiebigkeit der Sclerotica, ja sie 
schwankt in normalen Augen erfahrungsmässig innerhalb ziemlich 
weiter Grenzen; so lange sie aber besteht, kann die 
regulatorische Rückwirkung der Emissarienwan- 
dungen auf die uvealen Binnenvenen niemals gleich Null 
werden. 

Jedwede Verminderung dieser elastischen Nachgiebigkeit 
der scleralen Emissarien Wandungen muss folgerecht die Strömungs- 
widerstände für die uvealen Binnengefasse vergrössern und 
die ausgleichende Rückwirkung auf den Blutstrom in den letzteren 
vermindern. Es ist dabei ganz gleichgiltig, wie und wodurch 
die elastische Nachgiebigkeit der Theile vermindert oder ganz auf- 
gehoben wird. Es ist ganz gleichgiltig, ob ein von Aussen her 
auf den Augapfel ausgeübter Druck einen Theil der verfügbaren 
Elasticität der Bulbuskapsel mechanisch bindet ; ob in einem Ein- 
zelnfalle die Lederhaut von Natur aus mit wenig Elasticität aus- 
gestattet erscheint, oder ob sie dieselbe durch senile oder durch 
irgendwelche krankhafte Processe zeitweilig oder dauernd ein- 
gebüsst hat. Hier wie dort wird die mangelhafte Regulirung der 
Strömung in den Binnengefässen schliesslich sich zur Geltung 
bringen müssen. 

St eil wag, Abhandlungen. 13 



HM Binnendrucksteigerung and Glaukom. 

Eine derartige Störung der uvealen Blutströmung durch Ver- 
grösserung der Widerstände, welche dem venösen Blutabflusse 
entgegenwirken, ist nun aber gar nicht denkbar ohne Steigerung 
des arteriellen Seitendmckes in den Binnengefössen. Man 
muss nämlich immer im Auge behalten, dass die Wirbelvenen 
das uveale Venenblut bis auf eine ganz kleine Quote, welche durch 
die vorderen Ciliarvenen entweicht, nach Aussen zu leiten haben, 
dass sie also die Abzugswege für den allergrössten Theil des 
gesammten Binnenstromgebietes abgeben. Dann muss man in 
Anschlag bringen, dass Strömungswiderstände, welche aus der ver- 
minderten elastischen Nachgiebigkeit des Lederhautgefftges er- 
wach se n , woh 1 alle C ili a r g e f ä s s e treffen , die W i r b e 1 v e n e n 
aber am meisten , besonders im Vergleiche mit den vorderen und 
hinteren Oiliararterien, da die letzteren die Sclerotica fast senk- 
recht, also in der kürzesten Strecke durchbohren, während die 
Wirbelvenen unter sehr spitzen Winkeln in ihre Einissarien ab- 
biegen und die Sclera schief, in einem langen Kanäle, durch- 
setzen. 1 ) Bei gleicher Elasticitätsverminderung in allen Theilen 
der Lederhaut kann demgemäss die Stromkraft in den Endstücken 
der Wirbelvenen eine bedeutende Einbusse erleiden, während 
die Stromkraft in den arteriellen Ciliargefassen nur eine kleine 
Quote verloren hat. Damit ist aber auch schon das Gleichgewicht 
gestört und der Ueberschuss an arterieller Stromkraft muss im 
Binnenstromgebiete als vermehrter Seitendruck, d. i. als ge- 
steigerter intraoeularer Druck, zur Geltung kommen. 

Dem entsprechend findet man erfahrungsmässig das primäre 
Glaukom oder das Glaukom im engeren Wort sinne durch- 
wegs nur an Augen, welche von Natur aus eine steife rigide 
unnachgiebige Lederhaut besitzen, allenfalls ererbt haben: beson- 
ders an stark hypermetropisehen, d. i. plathymorphisehen, sehr 
kleinen Bulbis, deren Sclera sich durch eine verhältnissmassig 



l ) Leber, Denkschriften der math.-naturw. Klasse der kais Akademie 
der Wissensch. zu Wien, XX IV. Band, S. -525. 



Directe Veranlassungen des Glaukoms, Reifczung der Ciliarnerven. 195 

bedeutende Dicke auszuzeichnen pflegt; weiters an G-reisen- 
»ugen mit Zeichen vorgeschrittener seniler Veränderungen; an den 
Augen Gichtleidender sowie an Augen, deren Lederhaut unter 
der Herrschaft langwieriger hypertrophirender Bindehautent- 
zündungen und der darauf folgenden Schrumpfungsprocesse mit- 
gelitten hat, oder bei Iridochorioiditis in den degenerativen Vor- 
gang verflochten worden ist. 

Es führt ein solchermassen begründeter Elasticitätsmangel der 
Sclerotien allerdings nicht noth wendig zur Drucksteigerung. 
Stösst man doch oft genug auf Augäpfel, welche vermöge der 
Rigidität ihrer Wandungen sich beinhart anfühlen und in diesem 
Zustande seit Jahren ganz normal functioniren, also jedwede 
Binnendrucksteigerung mit Gewissheit ausschliessen lassen. Der 
Elasticitätsmangel ist unter solchen Umständen eben kaum ein 
absoluter und reicht aus, um die Regulirung der Binnenströmungen 
bei normalen Anforderungen zu bewerkstelligen. Es bedarf dann 
aber nur eines scheinbar geringfügigen Anstosses, um die aus- 
gleichende Wirkung ungenügend zu machen, also die patho- 
logische Drucksteigerung' hervortreten zu lassen. 

Eine Vergrößerung der Anforderungen an die Bulbus- 
kapsel als Regulator des Binnenstromgebietes kann resultiren aus 
der Steigerung des Herz druck es überhaupt, oder aus der 
localen Vermehrung der arteriellen Stromkraft, oder endlich 
aus der G e f ä s s e r w e i t e r u n g un d damit gesetzten Verlangsamun g 
der Strömung in dem Quellengebiete der Wirbelvenen. 

Die äusseren Veranlassungen dazu sind ausserordentlich 
mannigfaltig. *) Jedes Lehrbuch führt eine lange Reihe derselben auf. 

Reizungen der sensiblen Ciliarnerven und ihres gemein- 
samen Stammes, des Trigeminus, spielen dabei ohne Zweifel eine 
bedeutsame Rolle. In neuester Zeit hat Mooren 2 ) eine Fülle von 



J ) Stell wag, Der intraoeulare Druck. Wien, 1868. S. 44. 
2 ) Mooren, Beiträge zur klinischen und operativen Glaukombehandlung. 
Düsseldorf, 1881. S. 5—23. 

13* 



196 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

einschlägigen Erfahrungen verlantbart und das pathogenetische Feld 
des Glaukoms wesentlich erweitert , indem er darauf hinweist, dass 
der Ausgangspunkt dieser Trigeminusneuralgien ein sehr ver- 
schiedener sein könne. 

Heftige Gemüthsbewegungen , besonders deprimi- 
rende, l ) wie Angst, Kummer, Schrecken, welche kräftig auf das 
Herz wirken und demgemäss leicht Kreislaufsstörungen be- 
gründen, gelten allenthalben als ätiologische Momente, welche bei 
Vorhandensein der nöthigen Vorbedingungen den Ausbruch glau- 
komatöser Zustände anzubahnen vermögen. 

Sehr gefürchtet werden auch die Mydriatica in allen Fällen, 
in welchen ein günstiger Boden für Drucksteigerungen gegeben ist. 
Wenn Einzelne 2 ) auf Grund angestellter Versuche diese Gefahr 
läugnen wollen, so steht ihnen die grösste Mehrzahl der Augen- 
ärzte entgegen, da dieselbe in dieser Beziehung wiederholt die 
traurigsten Erfahrungen zu machen in der Lage war. Gewitziget, 
pflege ich bei jedem älteren Individuum vorerst sorgfältigst die 
Resistenz der Lederhaut zu prüfen, ehe ich Atropin verwende, und 
lieber darauf zu verzichten, wenn die Steifigkeit der Bulbuskapsol 
nur einigermassen die Norm zu überschreiten scheint, Selbst bei 
jungen Leuten vernachlässige ich diese Vorsicht nicht, wenn das 
vorhandene Leiden eine Elasticitätsverminderung der Sclerotien durch 
Einbeziehung derselben in den entzündlichen Process möglicher- 
weise im Gefolge haben konnte, 

Es ist dieser missliche Einfluss der Mydriatica zweifelsohne 
zu erklären durch deren eigentümliche Wirkung auf das Binnen- 
stromgebiet. Indem sie durch Vermittelung der intraoeularen 
Ganglien und der davon ausgehenden sympathischen Nerven- 
fasern die Muskulatur der vorderen Ciliargefässe in einen tonischen 
Krampfzustand versetzen, treiben sie einen grossen Theil des 
darin kreisenden Blutes durch die an der hinteren Wand der Strahlen- 



') Arlt, Klin. Monatsblatter, 1878, Beilage S. 98. 

2 ) Schweigger, Klin. Monatsblätter, 1878, Beilage S. 84. 



Directe Veranlassungen des Glaukoms, Mydriatica, Myotica. 197 

fortsetze verlaufenden Verbindungszweige in die Gefässnetze, 
aus welchen die Wirbelvenen sich recrutiren. Es werden solcher- 
ii lassen durch die mydriatischen Mittel die Anforderungen an die 
Wirbelvenen als Hauptabzugswege des Binnenstromgebietes 
ansehnlich gesteigert. War vor dem schon das Leistungsvermögen 
derselben bis nahe zu jener Grenze in Anspruch genommen, bei 
welcher unter normalen Verhältnissen ein zureichendes Ab- 
strömen «venösen Blutes gerade noch vermittelt werden konnte : so 
muss es jetzt zu einer Stauung und folgerecht zu einer krank- 
haften Drucksteigerung kommen. 1 ) 

Dass eine anderweitig begründete Pupillenerweiterung in 
ähnlicher Weise die Blutvertheilung im Binnenraume ändern und so möglicher- 
weise in geeigneten Fällen das Glaukom auslösen könne, braucht keiner 
besonderen Erörterung. Nach Laqueur's 2 ) Ansicht begünstigt Alles den 
Ausbruch des Glaukoms, was als schwächende Potenz auf den Organismus 
wirkt und eine Erweiterung der Pupille mit sich bringt. Dahin zählt 
Laqueur deprimirendc Gemüthsbewegungen und ausserdem Schlaflosigkeit, 
Hunger, Nausea u. s. w. 

Im vollen Einklänge damit lässt sich aus dem speeifischen 
an ti mydriatischen Einflüsse, welchen die Myotica auf das vor- 
dere ciliare Binnenstromgebiet ausüben , auch die in neuerer Zeit 
viel gerühmte druckvermindernde, also glaukomwidrige Wir- 
kung der Eserinpräparate deuten. Insoferne das Eserin näm- 
lich durch Vermittelung der intraoeularen Ganglien und der daraus 
hervorgehenden sympathischen Nervenzweige die Muskulatur der 
vorderen Ciliargefässe lähmt, 3 ) die Lichtung derselben also sehr 
bedeutend erweitert und deren Fassungsraum entsprechend ver- 
grösser t: müssen, da das intraoeulare Blutquantum nur innerhalb 
sehr enger Grenzen wandelbar ist, die Wirbelvenen etwas entleert 
und in ihrer Eigenschaft als Hauptabzugswege für den Binnen- 
strom wesentlich entlastet werden. Damit ist aber auch schon 



i) Stell wag, Der intraoeulare Druck. Wien, 1868. S. 92. 

2 ) Laqueur, Arch. f. Ophthalmologie XXVI., 2, S. 4. 

3 ) St eil wag, Der intraoeulare Druck. Wien, 1868. S. 94. 



198 Rinnendrucksteigemng und Glaukom. 

die Ausgleichsmöglichkeit für Stauungen in den Wirbelvenen und 
sohin auch für pathologische Drucksteigerungen gegeben. 

Laqueur ') macht darauf aufmerksam, dass im tiefen gesunden Schlafe 
eine sehr starke Verengerung der Pupille beobachtet werde. Erbringt 
dieses Moment in Verbindung mit dem erfahrungsmässigen günstigen Ein- 
flüsse, welchen der Schlaf auf die Lösung der glaukomatösen Anfälle 
im Prodromalstadium zu nehmen pflegt. 

Es setzt die Wirksamkeit der Myotica selbstverständlich die 
volle Actionsfähigkeit der betreffenden Gefässmuskulatur 
als nothwendige Bedingung voraus. Wo die Gefässmuskeln und 
die Gefäss wände sammt dem umhüllenden Stroma schon sehr 
gelitten haben: bei seit längerer Zeit bestehenden und vielleicht 
gar schon degenerativ gewordenen Processen , insbesondere bei 
dem chronischen entzündlichen Glaukome , ist erfahrungs- 
mässig nur wenig oder gar nichts zu hoffen; selbst bei wenig 
vorgeschrittenen derlei Zuständen ist die druckvermindernde 
Wirkung eine sehr unsichere. Auch versagt das Mittel gar oft 
bei nicht ganz frischem acuten entzündlichen Glaukome, 
wenn das Leiden mit hochgradig entwickelten Reizerscheinungen 
und massenhafter Productbildung in dem vorderen Uvealgebiete 
eiuhergeht. Dagegen bewährt es sich sehr gewöhnlich in ganz 
frischen Fällen und besonders während des sogenannten Pro- 
dromalstadiums, wenn es gilt, einen ersten heftigeren Anfall 
oder sich öfter wiederholende minder allarmirende Insulte 
zu bekämpfen. Da darf man in den meisten Fällen auf einen 
günstigen Erfolg rechnen. Zum Mindesten werden gewöhnlich 
die oft schweren Leiden des Kranken gemildert und die bedroh- 
lichsten Vorgänge im Innern des Bulbus abgeschwächt, so dass 
Zeit gewonnen wird, während welcher die Operation vorbereitet 
oder ein vielleicht ferne wohnender Operateur aufgesucht werden 
kann. In einzelnen solchen Fällen geht das Leiden scheinbar 
ganz zurück und es verstreichen Wochen und Monate, ehe es zu 



') Laqueur, Arch. f. Ophthalmologie XXVI., 2, S. 18. 



Diivcte Veranlassungen des Glaukoms ; vasomotorische Störungen. 199 

einem neuen Anfalle kömmt. Eine dauernde Heilung steht jedoch 
kaum in Aussicht, denn die Bedingungen zur Druck Steigerung sind 
einmal vorhanden und der nächste äussere oder innere Anstoss 
ruft das Grlaukoin wieder hervor. 

Die oftmals sehr prompte Wirkung des Eseriu könnte leicht dazu ver- 
führen, mit dessen Gebrauch längere Zeit fortzufahren, um die immer sich 
wiederholenden [nsulte niederzuhalten. Es muss davor gewarnt werden, inso- 
ferne die 1 solchermassen unterhaltene Gefässparalyse im vorderen Ciliargebiete 

nicht gar selten zu sein 1 missliebigen Folgen, zu schwere)' Iridok yklitis, führt. 

Als mögliche Veranlassung pathologischer Drucksteigerungen 
müssen weiters auch krankhafte Innervationsverhältnisse 
des vasomotorischen Apparates der Binnengefässmusku- 
latur genannt werden. Es ist nach den bisherigen Untersuchungen 1 ) 

als ziemlich sicher anzunehmen, dass Lähmungen oder Heizungen 
dieser Nerven (oder des Halsstranges und seiner Ursprünge im 
Hirnstiele und verlängerten Marke) am gesunden menschlichen 
Auge keinen merklichen Einfluss auf den intraocularen Druck 
zu nehmen vermögen, sei es unmittelbar durch Veränderungen des 
Blutdruckes überhaupt, oder mittelbar durch Beeinflussung der 
Secretion oder der Binnenmuskulatur. Wenn an lebenden 
Thi er en in solcher Weise wirklich Schwankungen des intraocu- 
laren Druckes willkürlich hervorgerufen Averden, so spricht Alles 
dafür, dass Spannungsveränderungen der organischen Orbital- 
muskeln als nächste Ursache anzuerkennen sind ; d. i. ein Moment, 
welches beim Menschen nur wenig in Rechnung kommen kann. 
Wohl aber ist die Annahme berechtigt, dass krankhafte Inner- 



!) Stellwag, Der intraoeulare Druck. Wien, 1868. S. 4, 10, 17, 20; 
Ada in ük, Centralblatt, 1867, Nr. 28; Klin. Monatsblätter, 1868, S. 386; 1869, 
S. 380; Sitzungsberichte der kais. Akademie der Wissensch. zu Wien, 2. Ab- 
theilung, LIX.; Hippel und Grünhagen, Aren. f. Ophthalmologie XIV., 3, 
S. 219; XV., l, S. 265; Klin. Monatsblätter, 1869, S. 374; Nicati, La para- 
lyse du nerf symp. cerebr. Lausanne, 1873. p. 25; S. Klein, Psychiatrische 
Studien, 1877, Sep.-Abdruck S. 89; Nagel, Klin. Monatsblätter, 1873. S. 394; 
Schliephake, Aren. f. Augen- und Ohrenheilkunde V., S. 286; Heiniann, 
ibid., S. 30o. 



200 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

vationen der sympathischen Binnengefässnerven, ähnlich den durch 
mydriatische oder myotische Mittel bedingten, eine ungleich- 
massige Vertheilung der intraocularen Blutmenge nach sich zu 
ziehen vermögen. Eine solche ungleichmässige Vertheilung der 
Blutmenge kann dann selbstverständlich eine, für den Ausgleich 
der Zu- und Abfuhr des Blutes etwa erforderliche, Aenderung 
der Stromgeschwindigkeit in einzelnen Abschnitten des 
Binnengefässsystems erschweren oder erleichtern, geeig- 
neten Falles eine Drucksteigerung setzen oder lösen. 

Würden z. B. durch solche krankhafte Innervationen einzelne oder 
alle Wirbel venen erweitert, so miisste es unter Voraussetzung der übrigen 
Bedingungen ebenso zur Stauung und weiter zur Druckerhöhung kommen, 
wie in disponirten Augen nach Einwirkung' von Atropin. Umgekehrt miisste 
eine nachfolgende, durch k r a n k h a f t e Innervationen verursachte Verengerung 
des Wirbelvenensystems den Ausgleich begünstigen. 

Ist dieses richtig, so darf man nach den Versuchen Adamük's ■) 
und Sinitzin's 2 ) noch weiter gehen und mit Berücksichtigung des 
Umstandes, dass sehr viele Augenzweige des Sympathicus grosse 
Strecken im ersten Aste des Trigeminus verlaufen und dass beide 
Nerven in innigstem reflektorischen Verbände stehen, sich den 
Schluss erlauben: dass der Einfluss, welchen Reiz ungs- und Läh- 
mungszustände des Quintus unter gewissen Verhältnissen auf 
die Höhe des intraocularen Druckes nehmen können, nicht sowohl 
eine unmittelbare Folge der Functionsstörungen des Trigeminus 
darstelle, sondern vielmehr aus der directen Mitleidenschaft der 
im fünften Nerven streichenden sympathischen Zweige oder 
durch die Reflexe zu erklären sei, welche durch Vermittelung der 
Centra von dem Trigeminus auf die vasomotorischen Nerven ge- 
worfen werden. In einem wie in dem anderen Falle sind Ver- 
änderungen des Gefässkalibers und damit auch der Blutver- 
th ei hing in den einzelnen Abschnitten des Binnenstromgebietes 



*) Adamük, Sitzungsberichte der kais. Akademie der Wissensch. zu 
Wien. 2. Abtheilung, LIX, Sep.- Abdruck S. 16. 
2) Sinitzin, Centralblatt, 1871, S. 161. 



Directe Veranlassungen des Glaukoms; vasomotorische Störungen. 201 

die nothwendige Consequenz. Dass diese aber unter sonst geeig- 
neten Umständen auch eine Druck Steigerung zu begründen ver- 
mögen, ist schon wiederholt erwähnt worden. 

In solcher Weise, durch Rückwirkung der sensiblen Quintus- 
zweige auf die vasomotorischen Nerven des Binnenstromgebietes 
und durch die damit begründeten Veränderungen der Blutver- 
t hei hing im Binnenstromgebiete, mag auch nicht selten der Aus- 
bruch des Secundärglaukoms in Augen veranlasst werden, deren 
Lederhaut durch die vorangehenden krankhaften Processe unfähig 
geworden ist, als Regulator der intraocularen Blutströmung zu 
genügen. 

Sicherlich sind die im Verlaufe mancher Glaukome, besonders 
im sogenannten Prodromalstadium, so auffällig hervertretenden 
und oftmals durch lange Zeit einen ganz bestimmten Typus ein- 
haltenden Druckschwankungen auf vasomotorische Störungen 
im Binnenstromgebiete zurückzuführen. Es sprechen dafür die 
Analogien, welche diese Anfälle in den Paroxysmen des Wechsel- 
fiebers, in den mannigfaltigen Localleiden beim Morbus Basedowi ') 
und in zahlreichen anderen der allgemeinen Krankheitslehre zu- 
gehörigen Vorkommnissen finden. Es ist hierbei auch der Umstand 
wohl zu berücksichtigen, dass der Ausgleich in der Regel ein 
sehr leichter und in typischen Fällen innerhalb eines gewissen 
Zeitraumes vollendeter ist, ohne dass collaterale Strömungen im 
Bereiche der vorderen Ciliarvenen sich besonders auffällig zu machen 
pflegen. Ein absolutes Stromhinderniss, welches durch greif- 
bare materielle Veränderungen in den Scleralemissarien oder 
ihren Wandungen begründet wird, kann unter solchen Umständen, 
abgesehen von den negativen anatomischen Befunden, ganz 
unmöglich als vorhanden angenommen werden. Es muss sich 
vielmehr bestimmt um ein relatives Stromhinderniss han- 
deln, wie ein solches nach dem Vorhergehenden durch ungleich- 
massige Vertheilung der intraocularen Blutmenge und 



*) St eil wag, Lehrbuch, 1870, S. 588. 



202 Binnendraicksteigeriing und Glaukom. 

daraus folgende etwaige üeberlastung der Wirbelvenen zeitweilig 
gesetzt zu werden vermag. 

Wo hingegen das Glaukom bereits zum Ausbruche ge- 
kommen und die krankhafte Drucksteigerung, wenn auch 
unter fortgesetzten Schwankungen, ständig geworden ist, da 
liegt es allerdings nahe, ein stabiles Stromhinderniss in den 
Hauptabfuhrswegen des Binnengefässsvstems als notlrwendige 
Bedingung vorauszusetzen. 

In dieser Beziehung möchte ich nun vor allem Andern auf 
die ganz ausserordentliche Erweiterung der Gefässe, nament- 
lich der Arterien hinweisen, welche Brailey und Wedl (S. 172) 
im Binnenstromgebiete , vornehmlich in dem vorderen Uveal- 
tracte glaukomatöser Augen, gefunden haben. Es ist ganz unzweifel- 
haft, dass eine beträchtliche Kaliberzunahme vieler arterieller Zweige 
krankhafte Drucksteigerungen dauernd zu unterhalten im Stande 
seien, umsomehr, wenn sie nicht dem wechselnden Einflüsse vaso- 
motorischer Nerven allein, sondern pathologischen Verände- 
rungen ihrer Wände auf Rechnung zu setzen sind. Nur muss 
dabei erwogen werden, dass Brailey fast durchwegs blos Fälle 
von weit vorgeschrittenem und selbst veraltetem Glaukome 
zu seinen Untersuchungen verwenden konnte, bei frischen Fällen 
aber derlei Veränderungen vermisste; dass insoferne es also mehr 
als wahrscheinlich ist, dass die erwähnten Gefässerweiterungen 
erst nach erfolgter Stabilisirung der Drucksteigerung zu 
Stande gekommen, als secundäre Zustände aufzufassen seien. 

Man muss also immer wieder auf Stromhindernisse in den 
Abzugskanälen der Lederhaut zurückgreifen, um dauernde 
Drucksteigerungen zu erklären. Aber angesichts der anatomischen 
Befunde kann es sich nur ausnahmsweise um die wirkliche 
Verstopfung oder Zusammendrückung einer oder mehrerer Wirbel- 
venenstämme handeln. Eine bleibende Unwegsamkeit durch krank- 
hafte Productbildungen darf schon darum nicht als Regel ange- 
nommen werden, weil auch bereits ständig gewordene Druck- 
steigerungen durch eine richtig ausgeführte Sclerotomie oder 



Selbstuuterhaltung pathologischer Drucksteigerungen. 20o 

Iridektomie gewöhnlich ausgeglichen oder wenigstens ver- 
mindert werden können. 

Solche Erwägungen waren es, welche die Hypothese einer Art 
von Selbstunterhaltung pathologischer Drucksteigerungen 
gezeugt haben. ') Es wurden vorerst die anatomischen Differenzen 
in Anschlag gebracht, welche die äusseren, mit der duralen Hülle 
des Opticus im innigsten Verbände stehenden Schichten der Leder- 
haut gegenüber den inneren, mit der pialen Scheide, mit der 
Sieb- und Aderhaut in näherer genetischer Beziehung stehenden 
Lagen erkennen lassen. 2 ) Dann wurde die oft weit in die Leder- 
haut hinaufreichende Spaltung berücksichtigt, welche bei Sta- 
phyloma posticum öfters beobachtet wird. 3 ) Endlich wurde der 
Umstand verwerthet, dass die an glaukomatösen Augen wiederholt 
vorgefundenen atheromähnlichen Veränderungen der Sclera 
hauptsächlich die äusseren Lagen betreffen und deren elastische 
Nachgiebigkeit beeinträchtigen; während die Ausbildung der 
charakteristischen Excavation eine ganz beträchtliche Dehnbar- 
keit der Siebmembran bekundet und die immer schon sehr 
frühzeitig beginnende Entwickelung des sogenannten Bindege- 
websringes gleichfalls eine Zerrung der nachbarlichen Zone 
der inneren Scleralschichten und der damit verbundenen Ader- 
hautpartie vermuthen lässt, wie dies auch Schweigger 4 ) her- 
vorhebt, indem er sagt: »Es wird der die Excavation umgebende 
»Chorioidalring manchmal ganz in der Weise ektatisch, wie wir 
»dies bei Staphyloma posticum sehen. Der excavirte Sehnerv zeigt 
»sich von einer kleinen ringförmigen Scleralektasie umgeben, welche 
»dann einen Theil des Druckes trägt, der sonst eine schnellere 
»Zerstörung des Sehvermögens herbeigeführt haben würde.« 



*) Stellwag, Der intraoculare Druck. Wien, 1868. S. 39 u. f. 

2 ) He nie, Handbuch der Eingeweidelehre. Braunschweig, 1866. IL, 
S. 589; Michel, Arch. f. Ophthalmologie XVIIL, 1, S. 144; Kuhnt, ibid. 
XXV., 3, S. 221. 

3 ) Ed. Jäger, Einstellungen etc. Wien, 1861. Taf. II, Fig. 25, 27. 

4 ) Schweigger, Handbuch, 1871, S. 495. 



204 Binnendrueksteigerung und Glaukom. 

Ich glaube mich auch nicht zu irren, wenn ich die von Wedl (S. 145) 
als Staphyloma posticum angesprochenen ektatischen Partien in der 
Nachbarschaft des Sehnerveneintrittes glaucomatöser Augen auf einen »Binde- 
gewebsring« beziehe und zur Bestätigung des oben Gesagten verwerthe. 

Eine solche Dehnung der inneren Lederhautschichten, 
für welche übrigens auch der von Wedl (S. 139) hervorgehobene 
mehr parallel gewordene Zug der Faserelemente zu sprechen scheint, 
ist nun wohl nicht gut denkbar ohne Verschiebung gegenüber 
den äusseren Lagen, welche erfahrungsmässig keine oder doch 
nur eine ganz unwesentliche Fläch envergrösserung erleiden. Findet 
aber eine solche gegenseitige Verschiebung der inneren und 
äusseren Lederhaut schieb ten wirklich statt, so liegt die Mög- 
lichkeit und Wahrscheinlichkeit einer Verengerung der schief 
durch die Sclera verlaufenden Wirbelvenendurchlässe sowie 
einer Veränderung in der Stellung und Spannung der klap- 
penartigen Gebilde (S. 139, 189) auf der Hand. Damit ist 
dann nothwendig eine Beengung des venösen Blutabflusses, 
eine venöse Stauung verbunden. 

Wäre dieses Alles als richtig erwiesen, so Hesse sich auch 
die Heilwirkung der bei Glaukom üblichen Operations- 
methoden aus der Durchschneidung und damit verursachten 
Entspannung der äusseren Lederhautschichten genügend 
erklären. Es sind die letzteren nämlich zum grossen Theile aus 
meridional ziehenden Fasern aufgebaut. Werden sie innerhalb 
eines langen Bogens sämmtlich am oder nahe dem Hornhaut- 
rande durchschnitten, so müssen sie bei der gegebenen hohen Span- 
nung sich entsprechend zurückziehen und so im Bereiche der 
Wunde eine klaffende Lücke erzeugen. Durch Einlagerung einer 
bindegewebigen Narbenmasse kann dann die Flächenver- 
grösserung und Entspannung der äusseren Scleralschichten 
zu einer dauernden gemacht werden. 

So calculirend habe ich in drei Fällen, in welchen nicht viel zu verlieren 
war. den Operationszweck durch eine Art Peritomie der Lederhaut zu er- 
reichen gesucht, konnte aber zu keinen entscheidenden Resultaten gelangen. 
Ich trennte die Bindehaut in etwa 1 Mm. Entfernung von der Hornhautgrenze 



Peritomie, Heilwirkung der Iridektomie und Sclerotomie. 205 

mittelst eines Bistouris, so dass die vordere Scleralzone in etwa einem Dritt- 
theile ihrer Peripherie blosslag, und führte nun im Grunde der klaffenden 
Wunde von einem Winkel derselben zum andern einen Scalpellschnitt senk- 
recht auf die Fläche der Lederhaut so tief, dass die äusseren Lagen der letz- 
teren sämmtlich durchtrennt sein konnten, die inneren aber womöglich an- 
getroffen blieben. Es zeigte sich, dass ein solcher Schnitt in der geforderten 
Länge sehr grosse Schwierigkeiten biete. Ich gab die Sache daher wieder auf. 

Mein auf solche Voraussetzungen gebauter Lehrsatz: Die 
druck vermindernde , also antiglaukomatöse Heilwirkung 
der Iridektomie sei lediglich auf die Durchtrennung und 
Entspannung der äusseren Lederhautschichten zurück- 
zuführen und demgemäss auch durch eine einfache Sclero- 
tomie zu erzielen, l ) hat mannigfaltige Schicksale erlitten. An- 
fänglich schien die Sache ganz unbeachtet bleiben zu sollen, 
obgleich ich die These durch den ^tatsächlichen Erfolg mehrerer 
einfacher Sclerotomie n begründet hatte. Drei Jahre später jedoch 
griff Quaglino 2 ) den Gegenstand auf und bestätigte durch weitere 
fünf Fälle die Richtigkeit meiner Auffassung. Nun meldete sich 
Wecker 3 ) als derjenige, welcher zuerst die Idee ausgesprochen 
habe, dass die Incision in die Sclera, nicht die Ausscheidung 
eines Irissectors, der Haupt factor bei der Glaukomoperation sei 
und begründete dies durch einige von ihm nach Quaglino' s Vor- 
schrift mit Erfolg ausgeführte Operationen. Auch Hasner 4 ) er- 
klärte in seiner Kritik des »intraoeularen Druckes«, dass er gleich 
anfangs der Sei er al wunde die Hauptwirkung bei der Iridektomie 
zugeschrieben habe. 

Dagegen trat aber Schweigger 5 ) mit der Behauptung her- 
vor, dass er sich durch anatomische Untersuchungen überzeugt habe, 
dass selbst bei möglichst peripherer Schnittführttng nur ein sehr 



!) Stell wag, Der intraoeulare Druck. Wien, 1868. S. 47 u. f. 

2 ) Quaglino, Annali d'ottalni., 1871, p. 200. 

3 ) Wecker, Klin. Monatsblatter, 1871, S. 305; Martin, Ann. d'ocuL, 
1872, p. 183. 

4 ) Hasner, Prager Vierteljahrsschrift, 1869, I., Lit. Anz. S. 22. 

5 ) Schweigger, Handbuch, 1871, S. 511. 



206 Biimendracksteigernng und Glaukom. 

kleiner Theil des Wandkanals der Sclera angehöre , bei Weitem 
der grösste Theil desselben in der Cornea liege, und dass bei nor- 
malem Verlaufe diese Wunden keineswegs durch Z wische n- 
lagerung eines neugebildeten Gewebes, sondern durch un- 
mittelbare Vereinigung heilen. 

Angesichts der zahlreichen Abbildungen und Beschreibungen 
solcher Narben, welche Wedl und in neuerer Zeit Lubinsky, 
Schnabel und 0. Becker veröffentlicht haben, ') muss Schweigger 
diese seine Behauptung wohl selbst als irrthümlich anerkennen und 
dürfte auch seinen weiteren Einwand aufgeben, insoferne nach dem 
vorher Gesagten weniger Gewicht auf die elastische Nach- 
giebigkeit, als vielmehr auf die Bildung eines raumerwei- 
ternden Intercalargefüges überhaupt zu legen ist. 

Mittlerweile hatte die Sclerotomie immer mehr Freunde 
gewonnen, *) zum Theile wegen der unbestreitbaren günstigen 
Erfolge, zum Theile, weil ihre Heilwirkung sich den verschiedenen 
über das Wesen des Glaukoms herrschenden Ansichten folgerich- 
tiger anpassen Hess, als dies mit der Iridektomie der Fall ist. 

So glorificirt Wecker, 3 ) von der Knies 'sehen Lehre befangen, die 
Narbe als einen nengebahnten Abzugsweg für die intraoctüaren Flüssigkeiten 
und will sie geradezu als »Filtrationsnarbe« angesprochen wissen. Knies 4 ) 



r ) Wedl, Atlas der pathologischen Histologie des Anges. Leipzig, 
1861. Cornea Sclera V., Fig. -50; Lubinsky, Arch. f. Ophthalmologie XIII., 
2, S. 377; 0. Becker, Atlas der topographischen Anatomie des Auges. Wien. 
1. Lieferung; Schnabel, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde VII., 1, Taf. 4; 
Alt, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde IV, S. 243: Compendium der nor- 
malen und pathologischen Histologie. "Wiesbaden, 1880. S. 54. 

2; Bader, Ophth. Hosp. Eep. VIII., S. 430; Schnabel, Arch. f. Augen- 
und Ohrenheilkunde VI.. S. 145; Mauthner, ibid. VII., S. 165 bringt eine 
ausführliche beschichte der Sclerotomie; Wecker, Klin. Monatsblätter, 1878, 
S. 205; Jany, ibid. 1879, Beilage S. 82; Knies, Arch. f. Ophthalmologie 
XXIIL, S. 170; Landesberg, ibid. XXVL, 2, S. 77, 97; Knapp, Transact. 
of the amer. ophth. soc, 1880, p. 95. 

Wecker, Klin. Monatsblätter, 1878, S. 207; Arch. f. Ophthalmologie 
XXII., 4, S. 211. 

- Knies, Arch. f. Ophthalmologie XXII, 3, S. 200. 



Heilwirkung der [ridektomie und Sclerotomie. 20 < 

stimmt dieser Ansicht bei. Solomon 1 ) dagegen, welcher das Glaukom für 
ein Trigeminusleiden hält, analogisirt die Sclerotomie mit der Xeuro- 
tomie bei Nervenkrankheiten. Schnabel 2 ) huldigt betreffs der [ridektomie 
anfangs derselben Meinung. Später aber erklärt er »die Trennung, beziehungs- 
weise die Lockerung des Zusammenhanges zwischen Cornea und Iris«, und 
weiter ein bisher Unbekanntes« als das wirksame Moment bei der Sclero- 
tomie und Iridektomie. Königstein 3 ) hält es gelegentlich einer kritischen 
Besprechung der Schnittführung verschiedener Augenärzte für belangreich, 
dass das Instrument immer durch die Peripherie der Descemet! in die Kammer 
dringe. Es hisse sich leicht denken, dass diese Glashaut nicht stets wieder 
zusammenheile und so eine Entspannung der inneren Schichten derBulbus- 
kapsel bewerkstelligt werde. Auch die Durchschneidung einzelner Corneal- 
nerven scheint ihm wichtig. 

Dass man unter so bewandten Umständen auf Vervollkomm- 
nungen der Sclerotomie' 1 sann, um die diesem Verfahren an- 
haftenden Gefahren möglichst abzuschwächen, ist selbstverständlich. 
Auch Ersatzmethoden wurden für gewisse zur Sclerotomie weniger 
geeignete Fälle in die Praxis einzuführen gesucht , so die Trepa- 
nation der Sclera 5 ) und die Augendrainage. 6 ) 

Einige Zeit schien es sogar, als ob manche Augenärzte gute 
Lust hätten, sich ganz der Sclerotomie zuzuwenden , also zu 
einem Verfahren zurückzukehren; welches in anderer Form nach 
Hasner 7 ' schon im vorigen Jahrhunderte im Gebrauche war, später 
von Mackenzie 8 ) gegen Glaukom empfohlen wurde, als intraoeu- 
lare Myotomie noch jüngsthin in Amerika und England in Uebung 
stand und als einfache Paracenthese den nächsten Anstoss 



J ) Solomon, Klin. Monatsblätter, 18(36, S. 118. 

2 ) Schnabel, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde V., S. 83 u. f.; VI., 
S. 155; VII., S. 110. 

3 ) Königstein, Wiener medieinische Presse, 1880, Nr. 45, 46. 

1 Wecker, Klin. Monatsblätter, 1878, S. 210; Mauthner, Arch. f. 
Augen- und Ohrenheilkunde VII., S. ISO; Wiener medieinische Wochenschrift, 
1877, Nr. 27—30. 

5 ) Argyl Robertson, Ophth. Hosp. Rep. VIII., S. 404. 

6 ) Wecker, Arch. f. Ophthalmologie XXII., 4. S. 209. 

') Hasner, Prager Vierteljahrsschrift, 1869, [, Lit. Anz. 8. 22. 

8 Mackenzie, Praktische Abhandlungen etc. Weimar, 1832. S. 689. 



208 ßinnendrucksteigerung und Glaukom. 

zur Anwendung derlridektomie gegen Glaukom gegebenhat, 
wie folgender Ausspruch Weck er 's ') darthut: »Als A. v. Graefe die 
»Klinik von Desmarres Vater besuchte ; waren ihm sogleich die 
»merkwürdigen Resultate aufgefallen , welche die Paracenthese in 
»verschiedenen Augenkrankheiten, unter anderen auch beim Glau- 
»kom ; zu erzielen im Stande war. Seinem Scharfblicke war es 
»nicht entgangen, dass die bei Weitem ausgiebigere Paracenthese, 
»die zur Ausschneidung der Iris nöthig ist, eine viel bedeutendere 
»Entspannung des Auges zu erzielen im Stande sein muss.« Die 
bezüglichen Versuche haben bekanntlich diese Vermuthung in der 
glänzendsten Weise gerechtfertigt und die Iridektomie beim Glaukom 
zu einer der grössten Errungenschaften der Neuzeit auf medici- 
nischem Gebiete gestaltet. 

Dermalen hegen indessen wohl nur Wenige mehr Zweifel 
über den Vorrang der Iridektomie. Viele Augenärzte halten 
die letztere geradezu für verlässlicher in ihren Heilwirkungen 
und bringen dieses Plus des therapeutischen Effectes auf Rechnung 
der operativen Beseitigung eines grösseren Irissectors. Ausser- 
dem aber kömmt der Iridektomie noch der wichtige Umstand zu 
Gute, dass sie bei richtiger Ausführung die Bildung von Iris vor- 
fallen verhindert und so eine Gefahr beseitigt, welche bei der 
Sclerotomie niemals mit voller Sicherheit umgangen werden kann. 2 ) 

Es werden in Anbetracht dessen die Indicationen für die Sclero- 
tomie neuerer Zeit immer mehr eingeschränkt. Wecker 3 ) will die letztere 
Operation nur mehr ausgeführt wissen bei absolutem Glaukome, wo die 
hochgradig degenerirte Iris die Ausschneidung schwierig oder undurch- 
führbar erscheinen lässt, bei Glaucoma haemorrhagicum und wo beim 
Glaukom bereits ein breites Colobom ohne genügenden Erfolg angelegt worden 
ist. Mooren 4 ) hält das Glaucoma simplex und das chronische Glaukom 
mit Anwesenheit encephalitischer Erweichungsherde für die Domaine der 
Sclerotomie. 



^Wecker, Klin. Monatsblätter, 1878, S. 204. 

2 ) Stellwag, Lehrbuch, 1870, S. 357. 

3 ) Wecker, Arch. f. Ophthalmologie XXII., 4, S. 214. 

4 ) Mooren, Beiträge zur klinischen und operativen Glaukombehandlung. 
Düsseldorf, 1881. S. 80. 



Heilwirkung der Iridektomic und Sclerotomie. 209 

Beim Glaucoma haemorrhagicuin ist indessen auch die Sclerotomie 
bedenklich, da nicht sowohl dir Anschneidung der Iris, als vielmehr die 
plötzliche Aufhebung des intraoeularen Druckes die so befürchteten Blut- 
ergüsse in den Binnenraum veranlasst. 

Ed. Jäger) erklärt sich die von Vielen behauptete grössere Wirk- 
samkeit der Iridektomie durch die Verminderung des Binnenstrom- 
gebietes. »Seit mehr als zehn Jahren habe ich bei meinen öffentlichen 
»Vorlesungen im Gegensatze zur Graefe'schen Ansicht darauf hingewiesen, 
»dass die Iridektomie nicht direct eine druckvermindernde Wirkung ausübe, 
»sondern vor Allem den Werth des Gefässsystems für das.betref- 
»fende Ernährungsgebiet herabsetze. Die Iridektomie wirkt durch 
»Herabsetzung des Stoffbezuges nur unter dem Bestehen von Reizung 
»und Entzündung druckvermindemd oder druckerhöhend, sie kann die Beizung 
»und Entzündung beschränken oder beseitigen, nicht aber die Atrophie. — 
»Man sieht daher beim glaukomatösen Processe, wie allgemein bekannt, einen 
»auffallenden Erfolg der Iridektomie nur in dem Falle und in dem Masse, als 
»in dem Auge die Erscheinungen einer Chorioidalreizung oder Chorioidal- 
»entzündung vorhanden sind. Bei dem Mangel an Reiz- und Entzündungs- 
»erscheinungen im Chorioidalgebiete ist der Erfolg der Iridektomie ein 
.-sehr untergeordneter. Bei dem strenge auf das Sclenoticalgebiet beschränkten, 
»unter oder ohne Reizung und Entzündung auftretenden glaukomatösen Leiden 
»(dem sogenannten chronischen Glaukome, dem Glaucoma simples oder der 
»Amaurose durch Sehuervem xeavation etc.) ist ein directer Erfolg nicht nach- 
zuweisen.« 

Eine eingehende Kritik der .läger'schen Ansichten würde mich von 
dem Gegenstande der Erörterung zu weit abführen. Dieser ist die druck- 
vermindernde Wirkung der Iridektomie. Bezüglich der letzteren glaube 
ich aber in (Jebereinstimmung mit den Erfahrungen der meisten anderen 
Augenärzte an der Behauptung festhalten zu müssen, dass dieselbe ganz 
unabhängig von dem Vorhandensein oder Fehlen manifester uvealer 
Reiz- und Entzündungscr scheinungen in der Regel deutlich hervor- 
trete, wo vor der Operation pathologische Drucksteigerung wirklich 
gegeben war. Dass damit aber ein Zurückgehen oder ein Ausgleich sä in m t- 
licher krankhafter Zustände nicht noth wendig verknüpft sei, braucht 
keiner weiteren Erörterung. 

Dass die Ausschneidung' eines Irisstückes und die damit ge- 
setzte Verkleinerung des Binnenstromgebietes bei sonst gleich 
bleibenden Verhältnissen eine proportionale Verminderung des 



') Ed. Jäger, Ergebnisse und Untersuchungen etc. Wien, 1876. S. 26 u. f. 

Stellwag, Abhandlungen. 14 



210 Bitraendrucksteigerung und Glaukom. 

gesammten intravascularen Seitendruckes im Augeninnern , also 
eine Herabsetzung des intraocularen Druckes, setzen müsse, 
ist eine theoretisch ganz unanfechtbare Thatsache und insoferne 
wohl auch geeignet, die ausgiebigere Wirkung der Iridektomie 
zu erklären. Es fragt sich dann aber, ob denn der mit der Beseiti- 
gung eines Irissegmentes bewerkstelligte Ausfall des Seitendruckes 
auch gross genug sei, um den Unterschied zwischen der Druck- 
hohe vor und nach der Operation zu decken. Darüber fehlt jede 
Erfahrung. Zudem stellen sich, vom praktischen Standpunkte 
aus besehen, der unbedingten Annahme einer solchen Erklärung 
noch andere gewichtige Bedenken entgegen. 

Es ist männiglich bekannt, dass weit grössere Abschnitte 
der Iris, ja die Regenbogenhaut ihrer ganzen Ausdehnung nach, 
in durchgreifende Hornhautnarben einheilen und für das Binnen- 
stromgebiet verloren gehen können, ohne dass zukünftige Druck- 
steigerungen ausgeschlossen wären, und umgekehrt, dass bei 
veralteten Glaukomen die Iris oft im hohen Grade entartet, auf 
einen schmalen blutarmen Saum reducirt gefunden wird, ohne dass 
sich nebenbei auch nur die geringste Abnahme des Binnendruckes 
bemerklich machen würde. 

Wie weit die Degeneration der Iris bei absolutem Glaukome gedeihen 
kann, ohne dass der zu enormer Höhe gesteigerte intraoculare Druck sich im 
Geringsten vermindert, lehrte mich ein vor etwa zwölf Jahren vorgekommener 
Fall, in welchem die Iridektomie wegen unerträglicher Spannung und Schmerz- 
haftigkeit des Bulbus durchgeführt werden sollte. Als nach dem Hornhaut- 
schnitte die sehr verfärbte und auf einen schmalen Saum geschrumpfte Regen- 
bogenhaut mit der Pincette gefasst wurde, sprang dieselbe ihrem ganzen Um- 
fange nach von ihren ciliaren Verbindungen los und splitterte, als wäre 
sie aus halbgebranntem Thon gebildet, in eine grosse Anzahl leicht zer- 
bröckelnder Stücke. 

Sollten übrigens, wie zu erwarten steht, in der Zukunft ganz 
unwiderlegliche Beiv eise dafür erbracht werden, dass die Iridek- 
tomie wirklich ein kräftigeres und verlässlicheres Heilmittel 
gegen Glaukom abgebe als die Sclerotomie, dass die Ausschneidung 
eines Irissectors demnach die druckvermindernde Wirkung erheblich 






Heilwirkung der Iridektomie und Sclerotomie. 2ll 

steigere und sichere: so müsste dennoch der Sclerotomie eine 
ähnliche, wenn auch mindergradige, Leistungsfähigkeit zuerkannt 
bleiben. Damit aber erscheinen alle jene Theorien, welche das thera- 
peutische Moment einzig und allein in der Lostrennung oder Aus- 
schneidung eines Irissectors suchen, hinfällig. 

Was insbesondere die Weber 'sehe Ansicht 1 ) betrifft, nach welcher die 
an die Descemeti gelöthete Irisperipherie durch den Zug der Pincette bei der 
künstlichen Pupillenbildung losgelöst, befreit und so der verstopfte Abzugs- 
weg für die Binnenmedien wieder eröffnet werden soll: so hat schon Knies 2 ) 
darauf hingewiesen, dass die Verwachsung der Irisperipherie unbeschadet der 
operativen Heilwirkung fortbestehen könne. Schnabel's 3 ) Untersuchungen 
iridektorairter Augen bestätigen dies. 

Noch weniger Halt hat Exner's 4 ) Behauptung, zu welcher sich auch 
Arlt 5 ) hinneigt. Nach Exner soll bei der Iridektomie ein Theil der aus 
dem Circulus arteriosus iridis major entspringenden radiären Arterien durch- 
schnitten und so von der Narbe geschlossen werden, dass das Blut aus den 
Stumpfen durch zahlreiche Collateralen unmittelbar in die Venen gelangt, 
ohne Capillaren zu passiren. Dadurch soll der von den Arterienwänden auf 
die umgebenden Medien ausgeübte Druck fallen und, da sämmtliche arterielle 
Irisgefässe aus jenem Circulus hervorgehen und dieser auch mit den Ader- 
hautarterien zusammenhängt, müsse auch der gesammte auf die dioptrischen 
Medien übertragene Druck geringer werden. Alfs 6 ) anatomische Unter- 
suchungen iridektomirter Thier- und Menschenaugen haben den von Exner 
vorausgesetzten Verheilungsmodus der Schnittränder als ganz irrth timlich 
herausgestellt. Sollte übrigens auch ein oder das andere Mal eine directe 
Communication zwischen einem Arterienstumpfe und einer Vene in der Iris- 
narbe gefunden werden, so wäre damit nur eine unvollkommene Wiederholung 
normaler Kreislaufsverhältnisse gegeben, denn es ist bekannt, dass auch in 
der gesunden Iris eine Anzahl von Endarterien unmittelbar in Venen 
umbiegt. 7 ) 



*) Ad. Weber, Arch. f. Ophthalmologie XXIII., 1, S. 88. 

2 ) Knies, ibid. XXIII., 2, S. 75. 

3 ) Schnabel, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde VII., S. 104. 

4 ) Exner, Wiener medicinische Jahrbücher, 1873, S. 52. 

5 ) Arlt, Graefe und Sämisch, Handbuch III., S. 361. 

6) Alt, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde IV., S. 239, 243, 252. 

7 ) Brücke, Anatomische Beschreibung des menschlichen Augapfels. 
Berlin, 1847. S. 16; Leber, Denkschriften der math.-naturw. Classe der 
kais. Akademie der Wissensch. XXIV., S. 308; Faber, Der Bau der Iris. 
Leipzig, 1876. S. 31. 

14* 



212 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

Es ist mit Rücksicht auf das Vorhergehende unstatthaft, auf 
den Umstand hinzuweisen; dass auch ganz mangelhaft ausge- 
führte Operationen; bei welchen die Schnittwunde ganz in der 
Hornhaut liegt; mitunter eine dauernde Heilwirkung beim Glaukom 
entfalten ; und daraus einen Einwand gegen die entspannende; druck- 
vermindernde Leistung der Sclerotomie zu schmieden. 1 ) Dass die 
einfache Comealparacenthese den Bulbus vorübergehend zu 
entspannen und gleich dem Es er in den Kranken über einen An- 
fall von Glaukom hinwegzuhelfen im Stande sei ; haben schon die 
Erfolge von Desmarres ausser allen Zweifel gestellt und nicht 
immer muss binnen Kurzem ein zweiter Insult angeregt werden. 
Dass aber die einfache Comealparacenthese mit und ohne 
Iridektomie ein sehr unvollkommenes Heilmittel sei/ 2 ) welches 
vor Wiederholungen der Drucksteigerung nur wenig schützt; während 
eine gut ausgeführte Sclerotomie in der Regel den gewünschten 
Erfolg hat; das bedarf nach den Erfahrungen der letzten zwei 
Decennien wohl keines Beweises mehr. 



Es fragt sich nun ; ob und wie die im Vorhergehenden 
entwickelte Stauungstheorie sich mit dem bekannten 
Krankheitsbilde des Glaukoms in einen logischen Zu- 
sammenhang bringen lasse. 

Um diese Frage zu lösen, thut es vor Allem Noth, sich über 
den Begriff des Glaukoms zu verständigen und solchermassen 
das Gebiet dieses Leidens scharf und deutlich zu umgrenzen. Es 
ist nämlich die pathologische Drucksteigerung allerdings als 
der eigentliche Kernpunkt des Leidens anerkannt. Allein in der 
Praxis gelten gewisse, durch überwiegend häutiges und stark mar- 



! ) Laqueur, Nagel's Jahresbericht, 1871, S. 284. 

2 ) Schnabel, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde VI., S. 154. 



Begriffsbestimmung des Wortes »Glaukom«. 213 

kirtes Auftreten ausgezeichnete, sogenannte pathog nomonische 
Kennzeichen als das Wichtigere, ja als das allein Massgebende. 
Die Folge davon ist, dass mancherlei Krankheitsformen, welche mit 
ganz unzweifelhafter Drucksteigerung einhergehen, vielseitig als 
nicht glaukomatöse Zustände behandelt, andere aber, bei welchen 
zu keiner Zeit auch nur die geringste Spur einer pathologischen 
Druckerhöhung nachgewiesen werden kann, als glaukomatös 
betrachtet werden, blos weil Ein charakteristisches Kennzeichen, 
die Excavation, vorhanden ist. 

Um der daraus hervorgehenden Verwirrung wirksam zu steuern, 
giebt es nur ein einziges Mittel: man muss sich gewöhnen, die 
pathologische Drucksteigerung und das Glaukom als voll- 
kommen identische, sich gegenseitig deckende Begriffe 
festzuhalten, überall also, aber auch nur dort, wo eine 
solche Drucksteigerung wenn auch nur zeitweise offen- 
kundig wird, ein glaukomatöses Leiden zu diagnosticiren. 

Streng genommen sollte man das Glaukom definiren als 
eine durch pathologische Drucksteigerung hervorgerufene 
und unterhaltene qualitative und quantitative Veränderung 
des Ernährungsprocesses im Auge. 

In der That lassen sich bei solcher Begriffsbestimmung alle 
dem Glaukom als charakteristisch zugeschriebene Theil- 
erscheinungen folgerecht theils unmittelbar, theils mittelbar aus 
der Drucksteigerung als Quelle ableiten; anderseits aber auch die 
ausserordentlichen Verschiedenheiten im Krankheitsbilde des 
Glaukoms von einem einheitlichen Standpunkte aus übersichtlich 
betrachten und verständlich machen. 

Insoferne nämlich jeder einzelne Zug in dem gesummten 
Krankheitsbilde nur als Ausdruck für gewisse, durch die pathologische 
Drucksteigerung unmittelbar oder mittelbar bedingte Abweichungen 
von der Norm zu gelten hat; insoferne weiter diese Veränderungen 
sich nur in der Zeit entwickeln können und in Bezug auf die 
Höhe ihrer Ausbildung auch abhängig sind von der Grösse der 
ursprünglichen Störung und von der jeweiligen Beschaffenheit 



214 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

des Bodens, auf welchem sie wurzeln und welcher ihrem Auf- 
und Hervortreten bald mehr, bald minder günstige Bedingungen 
bietet: liegt es auf der Hand, dass jedwedes Symptom ausser 
der vermehrten Spannung des Bulbus zeitweilig fehlen, 
oder wenigstens in den Hintergrund treten, oder anderseits 
in der markantesten Weise hervorspringen könne. 

Einige Ophthalmologen haben diese in der Natur der Sache 
begründete Veränderlichkeit des Krankheitsbildes zum Anlasse ge- 
nommen, dem Glaukome jedes charakteristische Kennzeichen abzu- 
sprechen. Da sie überdies gewisse Fälle, welche ohne alle Druck- 
steigerung verlaufen, in den Rahmen des Glaukoms einfügten und 
damit auch das letzte Wahrzeichen des fraglichen Leidens als neben- 
sächlich erklärten, war die ganze Lehre vom Glaukome nahe daran, 
in ein theoretisches Nichts zu zerfliessen. 

Es ist dies wieder ein Beweis, wie nothwendig es ist, die 
Krankheiten nicht als Symptomencomplexe, sondern als 
Processe, als ein Werdendes zu betrachten und das Wesen 
dieser Processe scharf und deutlich zu umschreiben, um 
das Chaos zu vermeiden und der praktischen Thätigkeit eine sichere 
Richtungslinie vorzuzeichnen. Hätte man die pathologische Druck- 
steigerung von allem Anfange an als die eigentliche Grund- 
lage des Glaukoms festgehalten, auf welche sich das proteus- 
ähnliche Krankheitsbild mit Folgerichtigkeit und nach einheitlichem 
Plane bis zum Dachfirste aufbauen lässt, nie und nimmer wäre die 
Lehre vom Glaukom auf die zahlreichen Irrwege gerathen, auf 
welchen sie sich th eilweise noch jetzt bewegt. Die folgenden Er- 
läuterungen des Krankheitsbildes werden hoffentlich für die 
Zweckmässigkeit eines solchen Verfahrens Zeugniss ablegen. 

Die pathologische Drucksteigerung entwickelt sich am häufig- 
sten in Augen, welche bisher, wenigstens scheinbar, normal 
functionirten, oder doch nicht in der Art erkrankt waren, 
dass dadurch eine Stauung im Gebiete der Wirbelvenen und da- 
mit eine Erhöhung des intraocularen Druckes angebahnt werden 
konnte. Man spricht dann von primärem Glaukome. Erscheint 



Verlaufsarten des Glaukoms. 215 

das Glaukom im Gefolge krankhafter Processe, durch diese 
vorbereitet und bedingt, so wird es als secundäres bezeichnet. 
Dem Wesen nach ist der glaukomatöse Process in beiden Fällen 
derselbe, nur der Boden, auf welchem er wurzelt, ist ein anderer 
und im Krankheitsbilde mischen sich die Symptome der Druck- 
steigerung sammt Folgen mit den Erscheinungen des primären, 
die Venenstauung einleitenden, krankhaften Vorganges. 

Die Drucksteigerung, einmal offenbar, gelangt hier wie dort 
mitunter wieder zum Ausgleiche, ohne dass es während längerer 
Zeit zu einem neuerlichen Anfalle käme. Das Auge war dann »von 
einem glaukomatösen Zustande vorübergehend befallen«. 
Oder es wiederholen sich diese Insulte mehr minder regelmässig 
in längeren oder kürzeren Zwischenräumen, rücken häufig der Zeit 
nach immer näher an einander und nehmen gewöhnlich an Heftig- 
keit und Dauer zu. Man sagt dann, das Auge befinde sich im 
Prodromalstadium des Glaukoms. 

Endlich wird die pathologische Druck Steigerung ständig, 
es handelt sich höchstens noch um Nachlässe, nicht mehr um 
einen wirklichen, wenn auch vorübergehenden Ausgleich. Es heisst 
dann: das Glaukom sei zum Ausbruche gekommen. 

Die Drucksteigerung tritt oft plötzlich, nach oder ohne 
prodromale Erscheinungen, primär oder secundär hervor und gelangt 
binnen kurzer Zeit zu hohen Entwickelungsgraden, während 
die damit zusammenhängenden übrigen Erscheinungen mit ent- 
sprechender Schnelligkeit sich ausbilden und das Bild der Krank- 
heit vervollständigen (acutes Glaukom). 

Oder es wird die pathologische Drucksteigerung nur allmälig 
manifest und steigert sich nach und nach unter mehr weniger 
offenkundigen Schwankungen zu wechselnden Graden, das 
Krankheitsbild wird nur sehr langsam ausgebildet, indem Zug um 
Zug sich deutlicher markirt (chronisches Glaukom). 

In allen Lehrbüchern figurirt auch ein entzündliches und 
ein nicht entzündliches Glaukom. Es ist dies eine nicht gerecht- 
fertigte Unterscheidung, wenn obige Definition festgehalten und 



216 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

jeder Process als von Glaukom verschieden ausgeschlossen wird, 
welcher nicht von n a c h w e i s h ar e r Drucksteigerung eingeleitet oder 
wenigstens beeinflusst erscheint. Ueberall nämlich, wo eine 
pathologische Drucksteigerung besteht, machen sich auch 
entzündliche Vorgänge geltend. Sie treten entweder gleich 
von vorneherein mit der Druckerhöhung klar und deutlich hervor 
und können sogar im Krankheitsbilde eine dominirende Rolle 
spielen; oder sie gehen mehr schleichend einher und werden 
eigentlich erst in ihren Folgezuständen oder unter dem 
anatomischen Messer auffällig. 

Das Terrain ; auf welchem diese Entzündungen vorzugs- 
weise ihr Wesen treiben und unter dem Einflüsse des erhöhten 
Druckes meistens auch rasch zur Verödung der Theile führen, 
fällt mit dem Verzweigungsgebiete der vorderen Ciliargefässe 
und des hinteren Scleralkranzes zusammen. Die Stauung in 
den Wirbelvenen ist nämlich stets von einer collateralen Ueber- 
füllung aller jener Organe gefolgt, welche in näherer vascularer 
Verbindung mit dem Aderhautgefässsysteme stehen. Diese Hyper- 
ämie und die damit einhergehende Verlangsamung des Blutstromes 
führt aber alsbald zu vermehrter Filtration und zur Diapedesis, 
der Begriff der Entzündung ist erschöpft. 

Ueber die entzündlichen Erscheinungen beim acuten 
und, wenn man will, beim s üb acuten Glaukom an diesem Orte 
zu sprechen, ist wohl überflüssig. Sie sind männiglich bekannt. 
Nur das möge erwähnt werden, dass der venöse Charakter der 
Gefässinjection stets ein sehr klar in die Augen springender ist, 
indem auch alle stark erweiterten Arterien dunkles, bereits 
desoxydirtes Blut führen. 

Etwas Anderes ist es mit den Entzündungssymptomen 
beim chronischen Glaukome. Dieselben treten hier häufig in den 
Hintergrund und entschwinden ganz der Wahrnehmung, umso- 
mehr, als ein grosser Theil des gefässreichen vorderen Uveal- 
gebietes von der Sclerotica gedeckt und selbst dem Augenspiegel 
nur schwer oder gar nicht zugänglich ist. Nichtsdestoweniger 



Folgezustände der Blutstauung und Drucksteigerung. 217 

sind auch hier entzündliche Processe in Wirksamkeit. Bürge 
dafür sind die Ergebnisse der neuzeitigen, von den verschiedensten 
Autoren gepflogenen ; anatomischen Untersuchungen sowie die 
mannigfaltigen Veränderungen; welche die betreffenden Theile im 
Verlaufe des chronischen Glaukoms eingehen und sich nicht selten 
auch auf praktischem Gebiete sehr missliebig zur Geltung bringen. 

Ich nenne in dieser Beziehung die oftmals sehr auffällige 
Entartung der vorderen Zone der Augapfelbindehaut, des 
unterliegenden episcleralen Gewebes und der darin verzweigten 
Gefässe. Wedl (S. 144, 146) betont dieselben sehr nachdrücklich. 
Am Krankenbette offenbaren sie sich häufig in sehr auffälliger 
Weise durch zun der ähnliehe Zerr eis slichkeit beim Anfassen 
mit der Fixirpincette und durch grosse Neigung zu reichlichen 
Blutungen. 

Ferner gehören hierher gewisse Veränderungen des Leder- 
hautgefüges. Es sind theils solche, welche mit dem Elasticitäts- 
verluste in näherem ursächlichen Zusammenhange gedacht werden 
müssen, theils andere, in welchen sich unzweifelhaft entzünd- 
liche Vorgänge zum Ausdrucke bringen. Zu den er st er en zählen 
die Verfettigung, welche besonders in den hinteren Abschnitten 
deutlich hervorzutreten pflegt, und die Zunahme des Licht- 
brechungsvermögens, welche das Scleralgewebe in den inneren 
Schichten neben vermehrter Homogeneität des Gefüges und mehr 
paralleler Zugsrichtung der Faserung deutlich erkennen lässt 
(Wedl S. 139). Die entzündlichen Veränderungen charakterisiren 
sich durch reichliche Zelleninfiltrationen der eigentlichen Sclera 
und Episclera (S. 144). Die letzteren hat auch Brailey 1 ) beim 
Glaukome nachgewiesen. Derselbe fand eine Vermehrung der Kerne 
nicht nur in der Lederhaut und besonders in dem episcleralen Ge- 
füge, sondern auch in den Wandungen der durchtretenden 
Gefässe. 

Diese Zustände führen in den späteren Stadien des Glaukoms bekannt- 
lich mitunter zu Scleralektasien, an deren Innenwand Wedl (S. 143) 



!) Brailey, Ophth. Bosp. Rep. IX., p. 385-, X., p. 206. 



218 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

grubige Vertiefungen sah, die aus dem Drucke anliegender ausgedehnter 
Venen oder eigentümlicher bindegewebiger Wucherungen der Chorioidea er- 
klärt, also auf eine Art Usur zurückgeführt werden müssen. In der Regel 
jedoch resultirt aus den entzündlichen Vorgängen blos die Sclerose der 
Leder haut, diese Membran bekömmt eine porzellanähnliche Färbung und 
blechähnliche Steifigkeit. Nach Coccius 1 ) soll damit eine merkliche Schrum- 
pfung der Lederhaut einhergehen. 

Auch sind zweifelsohne zum guten Theile die diffusen 

Hornhauttrübungen hierher zu zählen, welche so lange für 

Trübungen des Kammerwassers und des Glaskörpers galten, bis 

Liebreich' 2 ) ihren wahren Sitz erkannte. Sie concentriren sich 

öfters in der Mitte der Hornhaut, verschwinden nicht ganz nach 

der Iridektomie, werden bei längerem Bestände des Glaukoms wohl 

auch stabil und gehen dann mit einer Auflockerung und Wucherung 

des Epithels einher, daher der Glanz der Hornhaut sehr leidet, die 

Spiegelbilder matt und rauh erscheinen. In einzelnen Fällen kommt 

es auch wohl zu oberflächlichen Gefässbildungen in der 

Cornea mit Pannus als Ausgang und zu Ver seh wärungen 

(Wedl S. 146). In späteren Stadien des Glaukoms ballen sich 

bisweilen die Infiltrate der tieferen Hornhautschichten zusammen 

und präsentiren sich als wolkige oder streifige, mehr oder weniger 

dichte, leukomähnliche Herde, an welchen bisweilen auch eine 

tiefe Gefässbildung zu erkennen ist. Im Ganzen tragen diese 

Hornhautentzündungen den Charakter der uvealen Formen 

(S. 57 u. f.) und sind ihnen beizuzählen. 

Auch Brailey 3 ) erwähnt einen Fall, in welchen er einen »leichten 
Excess von Kernen« in der Cornea vorfand. 

Trübungen des Kammerwassers und des Glaskörpers 
sind schon deswegen zu nennen, weil sie in neuerer Zeit von Vielen 
geradezu geläugnet werden 4 ). Man geht jedoch entschieden zu 



*) Coccius, Die Heilanstalt etc. Leipzig, 1870. S. 56. 

2 ) Liebreich, Klin. Monatsblätter, 1863, S. 488. 

3 ) Brailey, Ophth. Hosp. Rep. X., p. 206. 

4 ) Schweigger, Volkmann's Sammlung klinischer Vorträge, Nr. 124, 
S. 1030-, Lehrbuch, 3. Auflage, S. 519; Schnabel, Arch. f. Augen- und 
Ohrenheilkunde V., S. 63.j 



Folgezustände der Blutstauung und Drucksteigerung. 219 

weit, wenn man behauptet, dass sie stets von Cornealtrübungen 
vorgetäuscht werden. Sie kommen vielmehr unbestreitbar mit 
und ohne den letzteren, wenn auch seltener, vor. Bei der Er- 
öffnung der Kammer behufs der Iridektomie habe ich in ver- 
alteten Fällen wiederholt den Humor aqueus als gelblich dickliche 
flockige Flüssigkeit hervorquellen gesehen. Beim acuten Glaukome 
ist dies bekanntlich eine gar nicht ungewöhnliche Erscheinung, wie 
auch Mauthner 1 ) hervorhebt. Aehnliches gilt von den Glas- 
körpertrübungen, welche ich in einzelnen Fällen bei völliger 
Durchsichtigkeit der vorderen Binnenmedien mit Bestimmtheit nach- 
weisen konnte und welche auch Ed. Jäger 2 ) als »nicht constant« 
vorkommend bezeichnet. Wedl (S. 147) führt sie theils auf die 
Präcipitation eiweisshaltiger Stoffe, theils auf die Prolification 
von Zellen zurück. Er erwähnt der Verwachsung des Glaskörpers 
mit der Ketina durch massenhafte bindegewebige Neubildungen 
mit Gefässentwickelung im entarteten Corpus vitreum. 

Die Volumszunahme des Glaskörpers, welche in nicht 
frischen Fällen fast immer ganz deutlich nachweisbar ist, lässt 
sich nicht sowohl auf den entzündlichen Process allein zurückführen, 
sondern ist in vielen Fällen, wenn nicht immer, das Ergebniss einer 
compensatorischen Filtration, welche in der vermehrten 
Abfuhr von Humor aqueus durch die vorderen Ciliarvenen, also 
in der Verengerung des Kammerraumes, ihren nächsten Grund 
findet. Es ist eine solche compensatorische Füllung des hinteren 
Bulbusraumes gar nicht selten auch nach Staarextractionen zu 
beobachten, wo die tellerförmige Grube sich völlig ausgleicht oder 
gar ihre Convexität nach vorne kehrt. 3 ) Etwas Aehnliches geschieht 
öfters bei schwerer Iridokyklitis, wo die Iris sammt der Linse 
an die Höhlung der Hornhaut heranrückt. 

Die anatomischen Untersuchungen haben über diese Verhältnisse noch 
wenig Aufschluss gegeben, da frische Fälle nicht leicht der Zergliederung 



*) Mauthner, Arch. f. Augenheilkunde VIL, S. 455. 

2 ) Ed. Jäger, Ergebnisse und Untersuchungen etc. Wien, 1876. S. 22. 

3 ) Stell wag, Ophthalmologie L, S. 645. 



220 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

anheimfallen. Es ist deshalb auch Brailey's 1 ) Arbeiten nichts Erhebliches 
zu entnehmen. Ich möchte darum nur noch in Erinnerung bringen, dass nach 
den Beobachtungen an lebenden Kranken der Kammerraum in frischen 
Fällen primären Glaukoms eine wesentliche Verengerung nicht erkennen 
lässt und dass Glaukome mit erweiterter Vorderkammer, wenn auch selten, 
vorkommen. Es scheint daher Grund zur Annahme gegeben zu sein, dass 
die ausgleichende Vergrössenmg des Glaskörpers erst bei dem weiteren 
Vorschreiten des Processes zu Stande komme und folgerecht als eine 
Becundäre Erscheinung aufzufassen sei, welche mit der En t wie ke hing 
dvv Drucksteigerung wenig oder nichts zu thun hat. 

Von grösster Wichtigkeit sind selbstverständlich die Entzün- 
dungen des vorderen Uvealtractes. Am Lebenden verräth 
sich die Iridokyklitis beim chronischen Glaukome gemeiniglich 
nur durch das allmälige Auftreten hinterer Synechien und durch 
die Zeichen fortschreitender Entartung und Schrumpfung der Regen- 
bogenhaut. Im enucleirten Auge jedoch stösst man schon früh- 
zeitig auf reichliche Anhäufungen von Zellenmassen im hyperämirten 
Gefüge der Iris und ihres Aufhängebandes, des Strahlenkranzes 
und des Ciliarmuskels. Bald aber machen sich daselbst die Merk- 
male rasch überhand nehmenden Schwundes geltend (Wedl 
S. 143). 

Besonders stark spricht sich nach Brailey 2 ) die Atrophie im 
Bereiche des Ciliarmuskels aus. Sie betrifft vorzugsweise die 
Kreisfase rn, also den inneren vorderen Theil des Organs, ohne 
die Längsfasern zu verschonen. Die ersteren gehen oft schon sehr 
frühzeitig sämmtlich zu Grunde und es bleibt nur ein von einzelnen 
Kernen und Gefässen durchsetztes Bindegewebe mit streckenweiser 
Einlagerung derber sehniger und hyaliner Xarbenmasse zurück. 
Mitunter ist der Muskelschwund ein partieller. Ganz ähnlich ver- 
halten sich die Iris und Strahlenfortsätze sammt dem Balken- 
werke des Ligamentum pectinatum, indem auch deren Masse 
sich immer mehr vermindert und in einer fibrösen oder durch- 
scheinenden festen Neubildung theilweise untergeht. Die Schrum- 



') Brailey, Ophth. Bosp. Rep. IX., p. 392. 

2) Brailey, ibid. IX.. p. 210 u. f., 386 u. f.; X., p. 90, 28: 



Folgezustände der Blutstauung und Drucksteigerung. 221 

pfung des Ciliarmuskels und des Aufhängebandes der Iris bedingt 
dann eine Verschiebung der Theile, die Peripherie der Regen- 
bogenhaut wird dein Rande der Descemet] genähert und fuhrt so 
zu den von Knies (S. 152) beschriebenen Veränderungen. *) Dabei 
geschieht es nicht selten, dass auch die Iris in Folge der Zu- 
sammenziehung ihres Gewebes sich etwas nach hinten oder vorne 
umbiegt und im ersteren Falle ihr Tapet als einen dunklen Saum 
am Pupillarrande hervortreten lässt. 2 ) 

Von der Chorioiditis als Begleiterin glaukomatöser Zustände 
war schon die Rede (S. 175). Ich wende mich daher sogleich zu 
den krankhaften Befunden im Bereiche der Netzhaut. Wedl 
(S. 150) hebt ausdrücklich hervor, dass die Netzhautelemente beim 
Glaukome sich vollkommen normal verhalten können. In anderen 
Fällen jedoch stösst man auf streckenweisen oder über die ganze 
Retina ausgebreiteten Schwund, auf Verwachsungen der Retina 
und Chorioidea mit consecutiver Pigmenteinwanderung in das Ge- 
füge der Nervenhaut und endlieh auf eigenthtlmliehe Veränderungen 
der retinalen Pigmentschichte (S. 148). 

Ausserdem ist der »reticulären Atrophie«, irrthümKch auchOedema 
retinae genannt, Erwähnung zu thun. Wedl 3 ) hat dieselbe zuerst beschrieben 
und abgebildet, während deren Entdeckung fast allgemein Iwanoff 4 ) zum 
Verdienste angerechnet wird. Sie kömmt mich Brailey 5 ) sehr oft beim 
Glaukome vor, steht mit diesem Processe jedoch in keiner näheren Bezie- 
hung, sondern ist auf die Seneseenz der Kranken oder auf einen weit vor- 
geschrittenen Heb wund der Netzhaut zurückzuführen. Wedl (S. 149) bringt 
sie dagegen mit Wucherungen des bindegewebigen Gerüstes in patho- 
genetischen Zusammenhang. 

Von grosser Wichtigkeit sind gewisse Veränderungen der 
retinalen Gefässe. °) Hierher gehört die starke Erweiterung 



') Brailey, Ophth. llosp. Rep. X., p. 93. 

2 ) Brailey, ibid. IX., p. 389. 

3 ) Wedl, Atlas. Leipzig, 1861. Retina-Opticus Fig. 10—13, 18—20. 

4 ) Iwanoff, Klin. Monatsblätter, 1868, S. 298. 

5 ) Brailey, Ophth. Hosp. Rep. IX., p. 391. 

6 ) Wedl, Atlas. Leipzig, 1861. Retina-Opticus Fig. 56, 57; Edmunds 
und Brailey, Ophth. Hosp. Rep. X., p. 132 u. f. 



££>£ Binnendrucksteigeruiig und Glaukom. 

der Venen und die sehr auffällige Hypertrophie der Arterien- 
wandungen. Es geht die letztere nach Brailey ohne Wucherung 
des Endothels einher und bedingt im weiteren Verlaufe des Pro- 
cesses gerne athero mähnliche Entartungen der Adventitia. In 
manchen Fällen setzt sich das Leiden auch auf die Capillaren 
fort, welche dann mächtig erweitert und in ihren Wandungen ver- 
dickt erscheinen. Entzündliche Wucherungen und endlicher 
Schwund des Netzhautgefüges sind die gewöhnlichen Folgen. 

Es stehen diese Zustände ohne Zweifel im innigsten patho- 
genetischen Zusammenhange mit Störungen des Kreislaufes, 
welche durch Entzündungen im Nervenkopfe und seiner Nach- 
barschaft begründet werden, in weiterer Instanz aber wieder mit 
den Stauungen im Wirbelvenengebiete in Beziehung gedacht 
werden müssen. Darauf weisen auch die Blutextravasate hin, 
welche so häufig an der Eintrittsstelle des Opticus gefunden werden 
und bis in den Opticus hinein verfolgt werden können ( Wedl S. 147). 

Es fehlen diese entzündlichen Wucherungen im Bereiche 
des hinteren Scleralkranzes bei frischen Fällen von primärem 
oder secundärem Glaukome nur selten. Sie sind immer mit den 
Zeichen einer sehr auffälligen Stauungshyperämie verknüpft 
und gehen der Entwickelung der charakteristischen Excavation 
voran, ja man hat allen Grund zu sagen, dass die entzündliche 
Aufquellung und Lockerung der Theile erst das Zustandekommen 
der Excavation und des sogenannten Bindegewebsringes (S. 203) 
ermögliche. Die spätere Höhergestaltung des neugebildeten 
Granulationsgewebes, dessen Verdichtung und endliche Verödung 
machen dann die Aushöhlung des Nervenkopfes ständig und 
befördern den durch die Zerrung und Dehnung der Theile bereits 
eingeleiteten Schwund. 

Ed. Jäger 1 ) hat bereits 1858 die Gründe angegeben, welche 
die Annahme eines derartigen Aufweichungsprocesses der 



») Ed. Jäger, Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien, 
1858, Nr. 31. 



Folgezustände der Blutstauung und Drucksteigernng, Excavation. 223 

Siebhaiit und ihrer Umgebungen als Vorbedingung der 
»Ectasia laminae cribrosae« zu einer, so seheint es, unab- 
weislichen gestalten. Er und seine Schule 1 ) halten auch jetzt noch 
fest an dieser Meinung-, ja fortgesetzte Beobachtungen haben die 
Bedeutung dieses pathologischen Vorganges in seinen Augen wesent- 
lich gesteigert, so dass er denselben geradezu als die Grundlage 
eines eigenen, von dem gewöhnlichen (chorioidalen) Glaukome 
streng zu unterscheidenden »Scleralglaukoms« hinstellt. Ich 2 ) 
habe diese Gründe Jäger 's schon frühzeitig gewürdigt und auch 
Schweigger 3 ) schliesst sich denselben an. Die Untersuchungen 
WedTs 4 ) und Pagenstecher's, 5 ) vornehmlich aber Brailey's/) 
liefern die erforderlichen pathologisch-anatomischen Stützen. 

Der Letztere erklärt die Entzündung des Nervenkopfes ausdrücklich 
für eine constante Erscheinung in frischen Fällen von Glaukom, ja er ist 
nicht abgeneigt, dieselbe beim Primärglaukome als eine den übrigen Sym- 
ptomen vorausgehende Affection zu betrachten. Sie charakterisirt sich 
durch eine massige Anhäufung von Rundzellen im bindegewebigen Stroma 
des Nervenkopfes und seiner Hüllen. Gegen die Scheide der durchtretenden 
(befasse hin nimmt die Infiltration zu und erreicht innerhalb der letzteren ein 
Maximum, bisweilen bis zur völligen Zusammendrückung der Lichtung. 
Brailey bringt dies mit der Wucherung des Endothels und. mit der ver- 
mehrten Diapedesis in den erweiterten Nährungsgefässen der Adventitia 
in Verbindung. Im späteren Verlaufe des Processes erscheint das Neurilem 
des Opticus stark verdichtet durch derbe bindegewebige Faserzüge und 
hyaline kernarme Massen, sclerosirt. 

Die Abhängigkeit der Excavation von der entzünd- 
lichen Lockerung und Aufquellung der Theile, in weiterer 
Instanz aber von der collateralen Blutströmung im Bereiche 



*) Ed. Jäger, Ergebnisse und Untersuchungen etc. Wien, 1876. S. 23 
u. f.; Schnabel, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde V., S. 77; Mauthner, 
ibid. VII., S. 426, 439, 465; Klein, Arch. f. Ophthalmologie XXII., 4, S. 157. 

2 ) Stell wag, Lehrbuch, 1861. S. 275. 

3 ) Schweigger, Klin. Monatsblätter, 1877, Beilage S. 26. 

4 ) Wedl, Atlas, Leipzig, 1861. Ret.-Opt. Fig.30— 32, 47, 49,55, 56,57,60,62. 

5 ) Pagenstecher, Arch. f. Ophthalmologie XVII., 2, S. 120. 

6 ) Brailey, Ophth. Hosp. Rep. IX., p. 208, 226, 228; X., p. 86 u. f., 
135, 205, 282. 



224: Biunendrucksteigcrung und Glaukom. 

des hinteren Scleralkranzes liefert den Schlüssel zur Erklärung 
der erfakrungsmässigen Thatsache, dass in nicht ganz seltenen 
Fällen trotz ausgesprochener, ja sehr beträchtlicher Drucksteigerung 
die Entwickelung der Excavation längere Zeit braucht; dass die 
Ektasie der Siebmembran anfangs gewöhnlich blos eine partielle 
ist und nur sehr allmälig über die ganze Fläche des Sehnerven- 
eintrittes sich ausbreitet; dass aber auch Fälle vorkommen , wo 
die Excavation in ganz gleicher Form ausgebildet wird und zu 
den höchsten Graden gedeiht, ohne dass jemals die geringste 
Spur einer krankhaften Drucksteigerung nachzuweisen 
gewesen wäre. 

Es gilt eben von diesem Wucherungsprocesse im Bereiche des 
hinteren Scleralkranzes dasselbe wie von den Entzündungen der 
übrigen Organe des Bulbus. Eine wie die andere kann ebenso- 
wohl ausserhalb des liahmens glaukomatös er Zustände, 
als unter der Herrschaft und in Abhängigkeit von patho- 
logischer Drucksteigerung eingeleitet werden. Nur sind 
in letzterem Falle die Folgen meistens verderblicher und bringen 
sich rascher zur Geltung. 

Lasse ich zum Schlüsse die noch übrigen dem Glaukome 
als charakteristisch zugeschriebenen Erscheinungen die Reihe 
passiren, so findet sich keines, welches nicht folgerichtig unmittel- 
bar oder mittelbar aus der Drucksteigerung abgeleitet werden könnte. 
Die Accommodationslähmung, die Anästhesie der Hornhaut, 
die Pupillenerweiterung und die Amblyopie bieten in dieser 
Beziehung nicht die geringste Schwierigkeit. 

Bei dieser Gelegenheit möge mir eine kurze Bemerkung, das Wort 
»Glaukom« betreffend, gestattet sein. Ohne Zweifel war bei der Bildung des- 
selben der eigentümliche Reflex aus dem Augengrunde massgebend. Man 
ist nun gewöhnt, das Stammwort yXau/.o; mit »bläulich, blaugraugrünlich oder 
meergrün« *) gleichbedeutend zu halten. Dasselbe ist jedoch von yAaucjaw, 



*) Himly, Die Krankheiten und Missbildungen des menschlichen Auges. 
Berlin, 1843. II, S. 358. 



Folgezustände der .Blutstauung und Drucksteigerung. 225 

leuchten, herzuleiten und mit »glänzend, leuchtend, funkelnd« zu übersetzen. J ) 
Nach 0. Keller 2 ) ist die Bezeichnung- »bläulich« dem Worte y).auxo<; erst 
später untergeschoben worden; in der Bomer'schen Sprache heisst yAauxörcts 
»eulenäugig, mit funkelnden Augen« und wiederholt sich in der Iliade 
und Odysse ausserordentlich häufig als Athene yXaujuonis. In der That wurde 
die Schutzgöttin Trojas, Athene, mit einem Eulengesichte gedacht und 
Schliemann 3 ) fand sie oftmals in dieser Weise abgebildet. Es will mich 
nach allem dem bedünken, dass das Wort »Glaukom« zunächst mit yXau?, 
Eule, in Zusammenhang zu bringen sei, und dass bei der Wortbildung eben- 
sowohl der starke Reflex des Augengrundes, als auch die Pupillen er Weite- 
rung von Einfluss gewesen sei. 

Was die Einschränkungen des Gesichtsfeldes anbe- 
langt, so hatte man sich seit Langem daran gewöhnt, als Ursache 
die mit der Ektasie der Siebmembran verknüpfte Dehnung und 
Zerrung* einzelner Nervenfaserbündel anzuklagen; also die Druck- 
steigerung als nächsten und unmittelbaren Grund zu betrachten. 
Kritische Untersuchungen der neuesten Zeit haben diese Anschauungs- 
weise jedoch als eine sehr bedenkliche und für viele Fälle nicht 
zutreffende herausgestellt. Bei genauerem Eingehen in die 
Verhältnisse ergibt sich nämlich sehr bald, dass die Entwickelung 
und Ausbildung der Gesichtsfeldeinschränkungen der Zeit nach 
keineswegs immer zusammenfallen mit dem Auftreten und der all- 
mäligen Ausbreitung der Excavation, dass das Flächen- und 
Tiefenmass der Excavation häufig ausser Proportion zu dem 
Umfange des noch vorhandenen Gesichtsfeldes stehe und endlich, 
dass bei partiellen Ektasien der Lamina cribrosa der Ort ihrer 
ophthalmoskopischen Erscheinung öfters mit der Lage der Gesichts- 
feldeinschränkung nicht stimme. 

Offenbar muss hier noch ein anderer Vorgang einen be- 
stimmenden Einfluss ausüben und es liegt wohl am nächsteh, 
den die Excavation vorbereitenden Wucherungsprocess im 
Bereiche des hinteren Scleralkranzes und den davon abhängigen 



*) C. Schenkl, Griechisch-deutsches Schulwörterbuch. Wien, 1S79. 

2 ) 0. Keller, Ilios von Schliemann. Leipzig, 1881. S. 327. 

3 ) Schliemann, ibid. Siehe die Vase 157 auf S. 328. 

Stellw a g, Abhandlungen 15 



226 Biuneudrucksteigei'ung um! Glaukom. 

Schwund der Nervenfasern als den wesentlichsten Factor zu 
bezeichnen. ' i Wirklieh ist derselbe ganz geeignet, die mannig- 
faltigen Widersprüche aufzuklären, welche sich zwischen dem 

subjectiven und dem ophthalnioscopisclien Befunde in der 
Praxis nicht selten ergeben. Berücksichtigt man nämlich, dass die 
einzelnen Bündel eines ; irgend welchen Krankheitsherd durch- 
setzenden Xervenstammes oftmals zu angleicher Zeit und in 
ungleich massige m Grade in Mitleidenschaft gezogen werden, 
obgleich die Ernährungsbedinguugen für alle dieselben zu sein 
seh einen, so wird man sieh nicht wundern dürfen, wenn der 
Schwund der Nervenfasern auch beim Glaukome sich an keine 
allzu feste Kegel bindet und die davon abhangigen Gesichtsfeld- 
einschränkungen von der erfahrungsmässigen Norm gelegentlich in 
der wechselvollsten Art abweichen. 

Nach »Schön 2 ) tritt in weitaus den meisten Fällen die Einschränkung 
zuerst nach innen oben auf, in der Weise, dass eine Diagonale, von innen 
und oben nach nuten aussen jenseits des Fixirpunktes gezogen, die erblin- 
dete Partie abgrenzt. Nächst häufig i>t die Einschränkung nach innen unten 
zuerst sichtbar, seltener nach anderen Richtungen. Ausserdem aber lässt sich 
immer eine' concentrische Einengung des Gesichtsfeldes nachweisen. 

Dazu kömmt, dass das Flächenbild der Excavation, 
welches der Augenspiegel liefert und welches gewöhnlich als Mass- 
stab zur Beurtheilung der Tiefe und Ausbreitung der Ektasie, also 
auch der Nervendehnung dient, keineswegs immer der anato- 
mischen Wirklichkeit entspricht. Es gilt dies insbesondere von 
Totalexcavationeii; welche das Ophthalmoskop so oft vortäuscht, 
wahrend dieselben am Secirtische zumeist nur in sehr veralteten 
Fällen von Glaukom mit weit vorgeschrittenem Sehwunde des 
Xervenkopfes beobachtet werden. Mauthner ;J i hat das Verdienst, 
auf dieses Verhältniss hingewiesen zu haben. Er stützt sich hierbei 



') Mauthner, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde VII., 8. 43 ( J. 

-; Schön, Die Lehre vom Gesichtsfelde. Berlin, 1»74. S. 83. 

y j Mauthner, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde VII., S. 436 n. f. 



Folgezustände der Blutstauung und Drucksteigerung. 221 

auf die anatomischen Untersuchungen von Brailey, l ) Schnabel 2 ) 
und H. Müller, 3 ) denen jene Ed. Jäger's 4 ) anzureihen sind. 

Brailey hat aus der Untersuchung von 53 glaukomatösen Augen ent- 
nommen, dass der Beginn der Excavation sich immer zuerst durch ein Zurück- 
weichen des Centrums der Siebmembran verrathe. »Erst später entwickelt 
»sich in der Opticusscheibe eine centrale trichterförmige, schlecht begrenzte, 
»schwache Vertiefung, die dann gegen die Lamina fortschreitet und in seit- 
»licher Richtung sich erweitert, bis endlich der Scleralring des Sehnerven 
»nahezu blossliegt. Zur Excavation mit überhangendem Rande kömmt es 
»immer erst spät. Kein derartiger Fall zeigte eine kürzere Dauer als zwei 
»Jahre. In vielen Fällen mit einer Geschichte von sieben und mehr Jahren 
»war trotz bedeutend erhöhtem Drucke die Grube weder tief, noch seitlich 
»unterminirt.« 

Mauthner 5 ) erklärt sich übrigens, wie es scheint mit gutem 
Grunde, diese Nichtübereinstimmung des Augenspiegelbildes und 
der anatomischen Schnitte noch in anderer Weise aus den ent- 
zündlichen Veränderungen im Nervenkopfe. »Dadurch erlangen 
»einerseits die Nervenfasern eine ausserordentliche Diaphanität, 
»während andererseits die Gefässe in dem durchsichtigen Sehnerven- 
» köpfe einsinken. So können diese letzteren an den Scleralring 
»angedrückt erscheinen, während die sie deckende Nervenmasse 
»mit dem Spiegel nicht direct gesehen wird.« 

Es ist also immer wieder jener eigenthüniliche Wucherungs- 
und Aufwe.ichungsprocess im Bereiche des hinteren Scle- 
ralkranzes, welcher trotz mannigfach auseinander gehender 
Ansichten zur Erklärung der beim Glaukome vorkommenden Ge- 
sichtsfeldein schränkungen angerufen wird und nach Obigem 
als eine mittelbare F o 1 g e d e r D r u c k s t e i g e r u n g aufzufassen ist. 

Ae unliebes ist von der dem wahren Glaukome eigenthüm- 
lichen Abnahme der Sehschärfe zu sagen. Auch diese hat man 



') Brailey, Ophth. Hosp. Rep. IX., S. 208. 

2 ) Schnabel, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde VII., S. 122. 

3) H. Müller, Arch. f. Ophthalmologie IV., 2, S. 28. 

4 ) Ed. Jäger, Ueber die Einstellungen etc. Wien, 1861. Fig. 12, 13, 
11, 15. 

5 ) Mauthner, Arch. für Augen- und Ohrenheilkunde V1L, S. 439. 

15* 



22r> Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

anfänglich als eine unmittelbare Folge des, auf der Netzhaut und 
auf der Papille lastenden, erhöhten Druckes hinstellen zu müssen 
geglaubt. Später hat man eine durch den gesteigerten Binnen- 
druck bewerkstelligte ischämische Netzhautparalyse, d. i. 
eine durch verminderten arteriellen Blutzufluss bedingte Ernäh- 
rungsstörung der Retina, zur Hilfe genommen. >) In neuerer Zeit 
kann man indessen diese beiden Momente nicht mehr als aus- 
reichende anerkennen. Indem nämlich die Abnahme der Seh- 
schärfe in den einzelnen Fällen durchaus nicht im Verhältnisse 
zur Höhe und Dauer der Drucksteigerung gefunden wird; indem 
weiter der Li cht sinn oft schon in den Prodromalstadien sehr herab- 
gesetzt ist, während der Farbensinn in den erhaltenen Theilen 
des Gesichtsfeldes sich lange zu erhalten pflegt,' 2 ) was mit einem 
auf der Netzhaut und dem Nervenkopfe lastenden leitungshemmenden 
Drucke nicht gut vereinbar ist: muss man in den betreifenden 
Fällen bald auf den viel erwähnten Auflockerungs- und Atro- 
phisirungsprocess im Bereiche des hinteren Scleralkranzes 
zurückgreifen, bald aber die gegebene Sehstörung zum grossen 
Theile oder ganz auf die vorhandenen Trübungen des diop- 
trischen Apparates schieben. In der That lässt sich diese Seh- 
störung, selbst beim acuten Glaukom mit maximaler Drucksteige- 
rung, öfters zum grossen Theile wenn nicht ganz (Mauthner 3 ), ans 
jenen Trübungen erklären. 

Die Trübungen der Hornhaut, des Kammerwassets und des Glas- 
körpers sind oben (S. 218) zum Theile als mittelbare Folgen der Druck- 
steigerung oder vielmehr der dieselbe begründenden Circulationsstörungen 
hingestellt worden. Bezüglich der Cornealtrübungen, wie sie beim wahren 
Glaukome vorkommen, spricht aber Manches dafür, dass sie t heil weise in 
directem Zusammenhange mit der Erhöhung des Binnen drucke s und 
der damit gesetzten Spannung der Hornhaut zu bringen, also auf einen 



!) Graefe, Arch. f. Ophthalmologie XV., 3, S. 112; Rydl, ibid. 
XVIII., l, 8. 2. 

2 ) Mauthner, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde VII., S. 445; 
Tr eitel, Arch. f. Ophthalmologie XXV., 3, S. 2. 

3 ) Mauthner, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde VII., S. 447. 



Veriiältniss der fühlbaren Härte zur Drucksteigerung. 229 

ähnlichen Grund zurückzufahren seien, wie die starken Trübungen, welche 
man an todten Augen durch einen kräftigen Druck auf den Bulbus oder 
auf die Hinterwand der blossgelegten Cornea erzeugen kann. In der That 
glaube ich bei ähnlichen Versuchen an einzelnen glankomkranken Augen die 
vorhandene Hornhauttrübung in Folge eines auf den Augapfel ausgeübten 
starken Druckes merklich wachsen und beim Nachlassen des Druckes ent- 
sprechend zurückgehen gesehen zu haben und die beistehenden Aerzte waren 
gleicher Meinung. Ist dies richtig, so gewänne man einen guten Erklärungs- 
grund für die kaum zweifelhafte beträchtliche Abnahme solcher Trübungen 
im Momente des Iva mm er Wasserabflusses bei der Iridektomie und für 
das typische Auftreten und Verschwinden solcher Trübungen während der 
einzelnen Anfälle im sogenannten Prodromalstadium, ein A r orkommniss, welches 
sich nur schwer mit dem Charakter und Verlauf von Entzündungen gewöhn- 
licher Art vereinbaren lässt. 

Fleischl 1 ) erklärt dieses Trübwerden auf Grundlage eingehender Ver- 
suche aus der Eigenschaft der Hornhautfasern, durch Spannung doppelt- 
brechend zu werden. Wegen der vielfachen Aufeinanderfolge verschieden 
brechender Medien muss im Hornhautgefüge eine vielfache Reflexion statt- 
finden, und es kann mir ein kleiner Theil des auffallenden Lichtes durch- 
dringen. 

Es erübrigt nur noch, das Grund Symptom des wahren 
Glaukoms, die Härtezunahme des Augapfels, in Betracht zu 
ziehen. Es ist die fühlbare Resistenz des Bulbus, wie ich an 
einem anderen Orte nachgewiesen habe, 2 ) ein zusammengesetztes 
Phänomen, welches ebensowohl die elastische Dehnbarkeit der 
Bulbuskapsel , als die im Binnenraume herrschende Druckhöhe 
zum Ausdrucke bringt. Mit anderen Worten gesagt, spricht sich 
in der fühlbaren Härte des Bulbus keineswegs der jeweilig 
gegebene intraoeulare Druck als solcher, sondern nur das 
Mass der zur Zeit disponiblen elastischen Dehnbarkeit 
der Bulbuskapsel direct aus. Dieses Mass der disponiblen 
elastischen Dehnbarkeit kann nun von vorneherein ein sehr geringes 
sein, indem die Lederhaut durch senile oder durch krankhafte 
Processe rigid geworden ist, ihre elastische Nachgiebigkeit verloren 



] ) Fleischl, Sitzungsberichte der kais. Akademie der Wissensch. zu 
Wien, LXXXIL, 3. Abth., S. 48, ÖG. 

'-) St eil wag, Der intraoeulare Druck. Wien, 1SG8. S. 1 u. f. 



230 Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

hat; oder sie kann durch einen gesteigerten Binnendruck und 
durch damit gesetzte Spannungsvermehrung der Häute theilweise 
oder ganz aufgebraucht, indisponibel geworden sein. 

Härtezunahme des Bulbus und Drucksteigerung sind 
demnach nichts weniger als synonyme' Begriffe. Der Augapfel 
kann sich beinhart anfühlen und, wie die volle Integrität seiner 
Functionen mit Bestimmtheit erkennen lässt, unter ganz nor- 
malen Druckverhältnissen stehen. Umgekehrt kann die Bulbus- 
kapsel dem drückenden Finger noch ohne Schwierigkeit nach- 
geben und dennoch bereits ein Theil der vorhandenen elastischen 
Dehnbarkeit durch Druckerhöhung und davon abhängige Spannungs- 
zunahme der Häute gebunden , nicht disponibel sein. Daher 
rühren die enormen Verschiedenheiten, welche das fragliche 
Symptom in den einzelnen Fällen von wahrem Glaukom erkennen 
lässt, und die öftere Nichtübereinstimmung der Resistenzzunahme 
des Augapfels und der Intensität der übrigen glaukomatösen Er- 
scheinungen. 

Die Höhe der krankhaften Drucksteigerung lässt sich 
eben nicht aus dem gegebenen absoluten Masse der fühlbaren 
Härte ermessen, sondern kann nur aus dem Vergleiche der vor- 
handenen Resistenz mit einer bekannten früheren desselben 
Auges oder mit der Härte des anderen Auges annähernd er- 
schlossen werden. Wo beide Augen glaukomatös sind oder 
der eine Bulbus durch andere Krankheiten in der Elasticität 
seiner Lederhaut oder in seinen Druckverhältnissen geschädigt 
wurde und die Härte der Bulbi während des vorhergehenden Nor- 
malzustandes unbekannt ist, dort fehlt jeder Massstab für die 
Beurtheilung der Grösse der Resistenzzunahme, es kann der 
Bestand einer krankhaften Drucksteigerung nur aus den übrigen 
Erscheinungen und aus der Anamnese mit mehr oder weniger 
Sicherheit diagnosticirt werden. 

In einem wie in dem anderen Falle sind es die direct wahr- 
genommenen oder durch Urtheil gewonnenen Unterschiede zwi- 
schen der vorhandenen und der bekannten oder vermutheteu 



Excavationsalrophie des Opticus ohne Drucksteigerung. 2ol 

individuel normalen Bulbnshärte, welche den Schätzungswert!] 
für die gegebene krankhafte Höhe des intraocularen Druckes 
liefern. 



Fasst man alles das zusammen, was im Vorhergehenden über 
die Symptome des wahren Glaukoms und ihre Begründung gesagt 
wurde, so ergiebt sich, dass jeder einzelne Zug in dem wechsel- 
vollen Krankheitsbilde die pathologische Drucksteigerung und 
die sie bedingende Störung im Binnenstromgebiete un- 
mittelbar oder mittelbar durch deren Folgezustände zum Aus- 
drucke bringe. Die Blutstauung in den Wirbelvenen und 
die davon abhängige Erhöhung des intraocularen Druckes 
erweisen sich solchermassen wirklich als das eigentliche 
Wesen, als der Kern des Leidens, aus welchem sämmtliche 
Theilprocesse wie aus einer gemeinsamen Wurzel hervorsprossen 
und je nach der Grösse der vorhandenen Störung sowie nach der 
Gunst der Bodenverhältnisse in der Zeit bald mehr bald minder 
üppig gedeihen oder wohl auch verkümmern. Das Glaukom, von 
diesem Standpunkte aus betrachtet, reiht sieh trotz der Wandel- 
barkeit seiner äusseren Erscheinungsweise als ein einheitlicher 
geschlossener Krankheitsbegriff folgerichtig ein in das noso- 
logische System der Ophthalmologie. 

Freilich muss dann aber auch Alles , was in diesen Begriff 
nicht streng hineinpasst, ausgeschieden und mit Consequenz 
ferne gehalten werden. Es darf nicht mehr das Sehnerven- 
leiden, welches gelegentlich ohne alle Drucksteigerung auftritt 
und schliesslich mit Ektasie und Schwund des Opticu skopf es 
endet, als massgebend bei der Diagnose des Glaukoms betrachtet 
werden, blos deshalb, weil ein gauz ähnlicher Localprocess im 
Auge auch unter der Herrschaft krankhaft erhöhten Binnendruckes 
und in Abhängigkeit davon zum Vorscheine kömmt. 

Die ganz ausserordentliche Verwirrung, welche seit Langem in 
der Lehre vom Glaukome Platz gegriffen hat und dermalen eher 



ool Binnendrucksteigerung und Glaukom. 

gestiegen ist als abgenommen hat, ist zum grossen Theile aus der 
Identificirung dieser beiden Krankheitsformen zu erklären. Und 
doch giebt es der Merkmale genug, welche auf die Notwendigkeit 
des Auseinanderhaltens beider Zustände hinweisen , ja sie sind so 
in die Augen springende, dass man zur Zeit des Neubaues der 
Glaukomlehre in der That das eigentliche, mit Drucksteigerung 
einhergehende Glaukom von dem ohne diese verlaufenden Seh- 
nervenleiden, welches man »Amaurosis mit Sehne rvenexca- 
vation« nannte, geschieden hat. *) Die Verschmelzung beider 
Begriffe und die Einstellung des fraglichen Opticusleidens in die 
Reihe der nicht entzündlichen »einfachen Glaukome« ist 
erst später erfolgt 2 ) und bis auf den heutigen Tag festgehalten 
worden. 

Der Process spielt sich, wo er, auf den Umfang des hinteren 
Scleralkranzes beschränkt, ohne Drucksteigerung auftritt, 
in ganz ähnlicher Weise ab wie eine einfache Opticusatrophie. 
Seine Entwicklung ist in der Regel eine ganz allmälige, lang- 
sam fortschreitende und oftmals wird der Kranke sein Leiden erst 
gewahr, wenn dasselbe in der Ausbildung bereits weit gediehen 
ist. Gewöhnlich sind es die Umnebelung des Gesichtsfeldes und 
die zunehmende Schwierigkeit, kleinere Gegenstände deutlich und 
klar wahrzunehmen, welche den Kranken auf seinen Zustand auf- 
merksam machen und ärztliche Hilfe anzurufen bewegen. Bei der 
genauen Untersuchung zeigt sich dann die centrale Sehschärfe 
meistens vermindert. Besonders gilt dies in Bezug auf fernere 
Gegenstände, während nicht ganz selten noch die ersten Nummern 
der Jäger'schen oder Snellen'schen Schriftscalen, wenn auch müh- 
sam und allenfalls unter Anwendung von entsprechenden Correctiv- 
gläsern, gelesen werden. 3 ) Ausnahmsweise stösst man wohl auch 

i) Graefe, Arch. f. Ophthalmologie III., 2, 8. 484. 

2 ) Graefe, ibid. VIII., 2, S. 271. 

3 ) Die vorhandenen Schriftscalen geben eben nur eine conventioneile 
Norm. In der Wirklichkeit finden sich genug Augen mit einer Sehschärfe, 
welche die Einheit übersteigt. Ein selbst geläufiges Lesen von Jäger Nr. 1 



Excavationsatrophic des Opticus ohne Drucksteigeruug. Zoo 

auf eine centrale Unterbrechung des Gesichtsfeldes. Die Prü- 
fung der Grenzen des letzteren ergiebt häufig, aber durchaus nicht 
immer, eine Einschränkung, die nach Sitz und Ausdehnung 
wechseln kann, meistens aber den inneren und oberen Quadranten 
vorzugsweise betrifft. Der Li cht sinn und der Farbensinn sind 
dabei gewöhnlich nicht merklich alterirt. Die einzelnen Organe 
des Bulbus erscheinen, so weit sie mit freiem Auge wahrnehmbar 
sind, im Zustande vollkommener Gesundheit und die Resistenz 
des Augapfels lässt, so oft sie auch untersucht wird, keine auf 
pathologische Drucksteigerung bezügliche Abweichung ermitteln. 
Der Augenspiegel erweist sämmtliche Innentheile des Bulbus 
mit Ausnahme der Sehne rvenpapille normal. Diese letztere 
erscheint, wenn man frühzeitig dazu gelangt, fein getrübt; die 
Gefässe und die Peripherie sind mit einem feinen Schleier über- 
gössen. Gewöhnlich leuchtet an einem Quadranten oder an einem 
noch grösseren Sector der Scheibe schon der helle Glanz der 
sehnigweissen Siebmembran durch, oder es tritt das Bild der reinen 
Verfärbung an einem grösseren oder kleineren Abschnitte des 
Sehnervenquerschnittes hervor. Meistens ist auch bereits ein oder 
das andere C entralgef äs s an der Papillengrenze geknickt, oder 
es zeigt sich wohl gar schon die Excavation in der ganz charak- 
teristischen Form. 

Der Process tritt häufig einseitig auf und kann dann eine 
lange Reihe von Jahren auf Ein Auge beschränkt bleiben. Ebenso 
oft jedoch verfallen ihm beide Augen in einem kurzen Zeiträume 
oder fast zu gleicher Zeit. 

Mitunter schlagen im Krankheitsbilde die Symptome der 
Opticusatrophie vor, die Sehnervenpapille verfärbt sich immer 
mehr und wird schliesslich ihrem ganzen Umfange nach sehnig- 
weiss mit bläulichem Stiche und auffallendem Glänze, während das 
Sehvermögen immer mehr verfällt und am Ende wohl gar in völlige 



in der entsprechenden Entfernung schliesst also nicht nothwendig eine Herab- 
setzung der früheren Sehschärfe aus. 



234 Binnendruckstcigcrung und Glaukom. 

Amaurose übergeht, ohne dass auch nur die Spur einer Exeavation 
zu sehen wäre. Auf einmal findet man, ohne dass sieh im Krank- 
heitsbilde sonst etwas geändert hätte, namentlich ohne dass irgend 
eine Erscheinung auf Drucksteigerung hinweisen würde, ein oder 
mehrere Centralgefässe an der Papillengrenze geknickt, die Exea- 
vation macht sich immer mehr geltend. Die bisher reine Atrophie 
des Nervenkopfes hat ihr Bild in jenes des fraglichen Sehnerven- 
leide ns umgewandelt. 

In der überwiegend grössten Anzahl von Fällen jedoch ist 
die Exeavation von Anfang an ausgesprochen, richtiger 
gesagt, sie zeigt sich neben der Verfärbung, wenn der Kranke, 
durch die Sehstörung beunruhigt, sich das erste Mal dem Arzte stellt. 

Die Krankheit kann ausnahmsweise in ziemlich raschem 
Laufe binnen einigen Monaten zur vollen Atrophie des Nerven- 
kopfes mit oder ohne Exeavation und zur absoluten Amau- 
rosis führen. Meistens jedoch ist ihr Gang ein sehr langsamer 
und stetig fortschreitender oder von Stillständen unterbrochener. 
Oftmals verstreicht eine lange Reihe von Jahren, ehe eine 
merkliche Veränderung im Krankheitsbilde sicher nachgewiesen 
werden kann. Ich verfolge mehrere derartige Fälle bereits seit 
6, 8 und 10 Jahren, ohne dass ein merklicher Wechsel in den 
objeetiven und subjeetiven Symptomen zu beobachten wäre. In 
einem Falle, bei einer hochgestellten Dame, ist sogar die Ver- 
färbung der Papille und die ganz deutliche Knickung einer Central- 
vene, welche bei der ersten Untersuchung wahrnehmbar war, im 
Laufe mehrerer Monate bei strenger Augendiät zurückgegangen 
und der Zustand nunmehr seit 6 Jahren derselbe befriedigende 
geblieben. 

In einer gewissen Anzahl solcher Fälle stellt sich über kurz 
oder lang Drucksteigerung ein und der Process verläuft fürder 
unter dem Bilde eines ausgesprochenen chronischen oder 
acuten Glaukoms. Das procentarische Verhältniss dieser Wand- 
lung ist ein so bedeutendes, dass an einen Zufall nicht zu 
denken ist, sondern die Annahme eines nosologischen Zusammen- 



Excavationsatrophie des Opticus ohne Drucksteigerung. 235 

hanges beider Krankheitsformen unabweislich erscheint. Wahr- 
scheinlich manifestirt sich in diesem späteren Ausbruche des wahren 
Glaukoms das allmälige Fortschreiten des ursprünglich auf den 
Bereich des hinteren Scleralkranzes beschränkten Leidens auf die 
ferneren Zonen der Lederhaut, wodurch die Blutstauung in den 
Wirbelvenen und schliesslich die Drucksteigerung angebahnt wird. 

Die relative Häufigkeit dieses Vorganges und das öftere Auf- 
treten des reinen Sehnervenleidens neben, vor oder nach der 
Entwickelung eines wahren Glaukoms am anderen Auge war es 
denn auch, was die Augenärzte bestimmt hat, die ursprüngliche 
Trennung beider Processe aufzugeben und das in Rede stehende 
Sehnervenleiden entweder bedingungslos mit den sogenannten 
einfachen, d. i. scheinbar nicht entzündlichen, aber mit Druck- 
steigerung einhergehenden Formen des Glaukoms zu verschmelzen, 
oder unter der Bezeichnung »glaukomatöses Sehnervenleiden 
mit Excavation« und »Scleralglaukom« •) als besondere Form 
den wahren Glaukomen anzureihen. 

Es lässt sich nach dem Mitgetheilten dieser Classirung eine 
gewisse Berechtigung nicht absprechen. Anderseits muss aber auch 
in Rechnung gezogen werden, dass der Uebergang des bewussten 
Sehnervenleidens in wahres Glaukom keineswegs ein notwendiger 
ist und immer erfolgt; ferner dass, wo er stattfindet, der ganze 
Charakter der Krankheit ein wesentlich anderer wird, dass 
durch das Hinzutreten der Blutstauung und Drucksteigerung alle 
übrigen bisher unbehelligt gebliebenen Augapfelorgane in den 
Process einbezogen und der Entartung zugeführt werden. 

Ich sehe in dem isolirten Auftreten und in dem öfteren Isolirt- 
b leiben des fraglichen Sehnervenleidens sowie in dem durch die 
Drucksteigerung eingeleiteten Charakterwechsel des Processes 
einen genügenden Grund zur völligen Scheidung beider Krank- 



] ) Ed. Jäger, Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien, 
1858, Separat- Abdr. S. 18 tt. f.- Ergebnisse der Untersuchungen etc. Wien, 
1876. S. 19 u. f. 



2dQ Binnendruckstcigerung und Glaukom. 

heitsvorgänge und halte es für zweckmässig, dieser Trennung auch 
in dem Namen einen unzweideutigen Ausdruck zu geben. Die 
Bezeichnungen »Scleralglaukom« und »glaukomatöses Seh- 
nervenleiden mit Excavation« besitzen diese Eigenschaft nicht. 
Der Name »Ectaiia membranae cribrosae« ist ein zu enger. 
Vielleicht findet die Benennung »Excavationsatrophie« oder 
»Aushöhlungsschwund des Nervenkopfes« Anklang, wenn 
man es nicht vorzieht, die ursprüngliche, von Graefe herrührende 
Bezeichnung »Amaurosis mit S ebner ven excavation« wieder 
aufzunehmen. 

Der Hauptgrund, welcher mich zu diesem Vorschlage eines 
eigenen Namens bestimmt, ist ein ausgezeichnet praktischer. Er 
fliesst aus der zwingenden Notwendigkeit einer von der des Glau- 
koms ganz verschiedenen Bchandlungsweise. Die Iridek- 
tomie, beziehungsweise die Sclerotomie mit ihren Abarten, sind 
streng genommen ja doch nur insoferne heilbringend beim 
Glaukome, als sie eine dauernde Herabsetzung pathologischer 
Drucksteigerungen zu vermitteln und so auch den Ausgleich 
jener krankhaften Theilprocesse anzubahnen vermögen, welche durch 
die Blutstauung in den Wirbelvenen und durch die Erhöhung des 
Binnendruckes in den verschiedenen Bulbusorganen unmittelbar 
oder mittelbar hervorgerufen werden. Ihr Indicationsgebiet 
fällt dem entsprechend genau zusammen mit jenem der 
pathologischen Drucksteigerung überhaupt. Sie feiern daher 
Triumphe beim acuten Glaukome, wenn sie zeitig genug ausgeführt 
werden können. Beim chronischen Glaukom, bei welchem der 
Kranke sich gewöhnlich erst zur Operation entschliesst, wenn die 
Binnenorgane bereits hart mitgenommen worden sind, vermag die 
Operation wohl die Drucksteigerung zu bannen, allein die 
Gelegenheit zum Ausgleiche der Secundärprocesse ist keines- 
wegs der Ausgleich selber; letztere werden wohl oft zum Still- 
stande gebracht, oft jedoch schreitet der einmal eingeleitete Ent- 
artungsprocess trotz der Herbeiführung günstigerer Ernährungs- 
bedingungen unaufhaltsam weiter. Beim Excavationssch wunde 



EzcavatioDsatrophie des Opticus ohne DrackBteigerung. 2ol 

des Sehnerven, wo jede Druckßteigerung fehlte hat die 
Operation keine Berechtigung, ihre Heilwirkung ist Null. 

Es hat dies Ed. Jäger 1 ) bereits im Jahre 1858 ganz klar und deut- 
lich ausgesprochen und ich erinnere mich noch lebhaft des Sturmes, welchen 
er damit anregte. Zehen der 2 ) rindet die Heilwirkung der Iridektomie bei 
Glaucoma simplex »am zweifelhaftesten« gegenüber den Erfolgen bei den 
übrigen Formen des Leidens. Arlt 3 ) urtheilt sehr vorsichtig und kühl be- 
züglich der Resultate bei Glaucoma simplex und würde wahrscheinlich sich 
noch kühler ausdrücken, wenn er nicht das mit Drucksteigerung einher- 
gehende wahre chronische Glaukom mit der Excavationsatrophie zu- 
sammenwürfe und die Operationsergebnisse bei beiden Krankheiten summirte. 
Nach Schweigger 4 ) »findet die Iridektomie bei Glaucoma simplex im Ganzen 
»eine weniger günstige Sachlage vor und durchschnittlich ist nur auf Erhal- 
»tung des Status quo zu rechnen.« Dagegen ist Mauthner's 3 ) Urtheil ein 
überaus abfälliges und Mooren 6 ) sagt rund heraus: »Als gewiss gilt, dass 
»die Operation ohne alle Wirkung bleibt, wenn mit der reinen Sehnerven- 
»excavation nicht gleichzeitig eine gesteigerte Härte des Bulbus, eine ver- 
»minderte Tiefe der vorderen Kammer und eine vermehrte Pupillarweite 
»einhergeht.« 

Ich gehe noch weiter und scheue mich nicht, zu behaupten, 
die Iridektomie, beziehungsweise die Sclerotomie mit 
ihren Abarten, sei beim Excavationsschwunde im Grossen 
und Ganzen ein verderbliches Verfahren, welches unbe- 
dingt zu meiden ist, so lauge nicht Drucksteigerung mit 
ihren Folgen sich unzweifelhaft offenbart und der Process 
solchermassen zum wahren Glaukome geworden ist. Wer 
immer an diesem Grundsätze consequent festhält, wird bald die 
Erfahrung machen, dass die auffälligen Verschlechterungen des 
Zustandes, der rapide Verfall der Sehschärfe u. s. w., welche nach 
der Operation des einfachen Glaukoms so häufig zu beklagen 



*) Ed. Jäger, Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien, 
1858, Separat- AI xlr. S. 5, 19. 

2 ) Zehcnder, Handbuch IL, 1869, S. 728. 

3 ) Arlt, Graefe und Sämisch, Handbuch III., S. 358. 

4 ) Schweigger, Handbuch, 1871, S. 508. 

'") Mauthner, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde VII., S. 160. 
°) Mooren, Ophth. Mittheilungen. Berlin, 1874. S. 51. 



238 Binneudrucksteigerung und Glaukom. 

sind, vorzugsweise die Fälle von Excavationsatrophie betreffen. 
Er wird bald zur Ueberzeugung kommen, dass die Unterlassung 
der Operation bier das eigentlicbe conservative Verfahren sei. 

Ich bin hierbei natürlich weit davon entfernt, glauben machen 
zu wollen, dass die Operation in jedem Falle von reinem 
Exeavationsschwunde den functionellen Untergang des Auges herbei- 
führen oder auch nur beschleunigen müsse und umgekehrt, dass 
die Unterlassung der Operation die Opticusatrophie mit gänz- 
lichem Verfalle des Sehvermögens sicher aufhalten oder den 
Uebergang in wahres Glaukom hindern werde. Meine Ueber- 
zeugung geht blos dahin, dass in einer längeren Keihe von 
Fällen reinen Excavationsschwundes die Summe der in 
Function erhaltenen Augen und die Summe der Jahre, 
in welchen die Augen dienstfähig bleiben, bedeutend 
grösser ausfällt, wenn nicht operirt wird, als wenn die 
Iridektomie oder Sclerotomie zur Ausführung gelangt. 

In Uebereinstimmung damit operire ich seit 8 Jahren keinen 
mit einfachem Exeavationsschwunde des Sehnerven behafteten 
Kranken, ausser es tritt Drucksteigerung hinzu, und beschränke 
mich auf die Empfehlung von strenger Augendiät. Ich darf wohl 
sagen, dass die Kranken, welche diesem Käthe nachgekommen 
sind, es nicht zu bereuen haben, während Mehrere, welche trotz 
meiner Einsprache sich operiren Hessen, es dermalen bitter beklagen, 
indem dem Eingriffe rasch Erblindung folgte. 

Den nächsten Anstoss zum Aufgeben der Operation beim 
reinen Aushöhlungsschwunde des Sehnerven gab, abgesehen 
von der allgemeinen Unzufriedenheit mit den Leistungen der 
Iridektomie beim einfachen Glaukome, ein specieller Fall. 

Derselbe betraf die Schwiegermutter eines meiner Jugendfreunde, welche 
zu Ende der sechziger Jahre nach Wien gekommen war, um sich wegen des 
leidenden Zustandes ihres rechten Auges mit den hiesigen Aerzten zu berathen. 
Das Auge zeigte das ausgesprochene Bild des reinen Excavationsschwundes. 
Bei völliger Integrität der übrigen Bulbusorgane erschien die Papille theil- 
weise verblasst und an deren Bande die Mehrzahl der Centralgefasse geknickt. 
Nebenher ging eine beträchtliche Abnahme der Sehschärfe (die Kranke las 



Excavationsatrophie des Opticus ohne Drucksteigerung. 239 

nur mit Schwierigkeit Nr. 5 der Jäger'schen Schriftscala), und eine Einschrän- 
kung des Gesichtsfeldes nach innen unten. Die Diagnose wurde allseitig auf 
einfaches Glaukom gestellt und demgemäss eine Iridektomie dringend anem- 
pfohlen. Die Kranke konnte sich hierzu nicht entschliessen und reiste in 
ihre Heimat, Im Jahre 1873 kam ich auf Besuch dorthin und staunte nicht 
wenig, den Zustand vollkommen unverändert wieder zu finden. Die Kranke 
ist mittlerweile gestorben, ohne dass im Auge ein merklicher Wechsel der 
Erscheinungen stattgefunden hätte. 

Es sind mir seither ziemlich viele solcher Fälle vorgekommen 
— leider kann ich deren Zahl nicht angeben, da sie zum Theile 
der Privatpraxis angehören, welche eine genaue Protokollirung 
nicht gut möglich macht. Von denen, welche ich längere Zeit 
verfolgen konnte, erwähne ich zwei. 

Ein 74jähriger Herr aus den höheren Schichten der Gesellschaft merkte 
im Jahre 1874 eine beträchtliche Abnahme des Sehvermögens am linken 
Auge. Der zu Käthe gezogene Augenarzt diagnosticirte Glaukom und rieth 
zur ungesäumten Vornahme der Operation. Doch konnte sich der Kranke 
dazu nicht entschliessen. Im Frühjahre 1876 hatte ich Gelegenheit, ihn zu 
untersuchen. Ich fand beiderseits Myopie '/ 10 . Die Bulbushärtc vollkommen 
normal, die Kammern weit, die blaue Iris lebhaft reagirend. Auf dem linken 
Auge las der Kranke noch Jäger Nr. 8 auf 10" Entfernung, doch bestand 
eine sehr markirte Einschränkung des Gesichtsfeldes nach innen und unten. 
Rechts war die centrale Sehschärfe nur wenig gesunken, es ward noch Jäger 
Nr. 1, wenn auch etwas mühsam, gelesen. Es scheint, als ob auch hier die 
mediale Peripherie des Gesichtsfeldes nicht ganz intact geblieben sei, doch 
konnte ich mich nicht davon überzeugen, da der sehr ängstliche Patient ein- 
greifendere Untersuchungen sehr ungern gestattete. Mit dem Augenspiegel 
gewahrte man rechterseits die Sehnervenscheibe schläfenwärts sehr verblasst, 
rings umgeben von einem etwa ein Viertel papillenbreiten sehnig weissen, 
stellenweise von Pigmentgruppen bestreuten Ringe, dessen nicht ganz regel- 
mässige periphere Begrenzung teinporahvärts scharf, medial wärts aber leicht 
verschwommen erschien und als eine hintere Lederhautausdehnung diagno- 
sticirt wurde, welche nasenwärts in einen verbreiterten Bindegewebsring über- 
ging. Die Gefässpforte zeigte sich nach innen gerückt, und die mediale obere 
Hauptvene am Rande der Papille schnabelförmig umgebogen, geknickt. Am 
linken Auge war die Verblassung der Papille viel mehr ausgesprochen und 
nur ein schmaler medialer Saum rosig geröthet; die Seimervenscheibe rings 
umgeben von einer hellweissen, 1 j i bis ! / 3 papillenbreiten Zone mit zackigem 
pigmentirten äusseren Rande. Die Gefässpforte bis an die mediale Peripherie 
der Papille verschoben, alle Gefässe schnabelig umgebogen und der obere 
Hauptvenenast, aus welchem die beiden oberen Netzhautblutadern hervorgehen, 



240 Binnendruckstcigerung und Glaukom. 

durch den vorspringenden medialen Rund der excavirten Papille gedeckt. Die 
Venen von normalem Kaliber, die Arterien sehr sehmal. Kein Pnls. Ich 
widerrieth die Operation bis zum etwaigen Auftreten von Drucksteigerungen 
und empfahl Augendiät. Der Kranke befindet sich dabei wohl. Anfangs 1881 
war der objeetive Zustand wenig verändert. Doch zeigte sich linkerseits eine 
beträchtliche Abnahme des Sehvermögens, indem der Kranke nur mehr die 
grössten Nummern Jäger las und das Gesichtsfeld blos nach aussen be- 
stand. Rechts liest der Kranke prompt Jäger Nr. 2 und auch die Einschrän- 
kung des Gesichtsfeldes ist nicht deutlich. 

Ein 62jähriger Stabsofficier wurde am 22. Jänner 1874 auf die Klinik 
aufgenommen. Im Protokolle findet sich folgender Eintrag: Glauconia 
chronicum oc. dext. Excavation sehr deutlich, Bindegewebsring kreisrund, 
Gefässpforte verschoben, Sehnerv tief eisengrau, Einschränkung nach innen, 
Pupille mehr als mittelweit, sehr träge reagirend, Kammer etwas enger, 
intraoeularer Druck unmerklich erhöht. Es wurde Tags darauf die Iridektomie 
ausgeführt. In der folgenden Nacht wurde der Kranke, welcher kein Säufer 
ist, von einem Anfalle förmlicher Tobsucht befallen, welcher mehrere Stunden 
anhielt und die Hilfe von einigen männlichen Wärtern nothwendig machte. 
Der Kranke hatte dabei den Verband abgerissen und die Wunde gesprengt. 
Iridokyklitis mit Verwachsung des Coloboms und Staarbildung waren die 
Folgen, daher später die Extractio cataraetae mit Irisausschneidung noth- 
w T endig wurde. Im November desselben Jahres stellte sich der Kranke wieder 
vor, indem er am linken Auge eine ihn sehr beängstigende Abnahme des 
Sehvermögens bemerkte. Seither, also seit mehr als sechs Jahren wiederholt 
er seine Besuche und der Zustand ist stets der gleiche geblieben, nämlich: 
ganz schmales Staphyloma posticum nach aussen angedeutet; am unteren 
Kunde der Papille ein mächtiger Pigmentsaum; die äussere Hälfte der Papille 
bläulichgrau verfärbt; sehr breite aber physiologische Excavation; die Gefass- 
pforte wenig gegen die Nasenseitc verschoben; hart am unteren Rande der 
Papille die zwei grossen Centralvenen deutlich geknickt und gleich den beiden 
oberen Stämmen stark verbreitert, aber nicht auffallend geschlängelt; die 
Arterien von normalem Kaliber. Sehschärfe 20 : 70; der Kranke liest Jäger 
Nr. 5 mit Convexgläsern von 8" Brennweite leicht und anhaltend. Das Ge- 
sichtsfeld scheinbar intact (ohne Perimeter gemessen). Resistenz und alle 
übrigen Theile des Augapfels normal. 






IV. 

Zur Lehre von der Embolie der centralen Mzhautschlagader. 

J_Jie Lehre von der Embolie der centralen Netzhautschlag- 
ader erfreut sich seit Jahren des besonderen Interesses der Augen- 
ärzte. Eine lange Reihe von verlautbarten Fällen, in welchen man 
die Embolie auf Grundlage einzelner Symptome, insbesondere der 
urplötzlichen Erblindung eines Auges, der Trübung der Netzhaut 
in der Maculagegend, der dunkelrothen Färbung des gelben Fleckes 
und der ganz ungewöhnlichen Verengerung der retinalen Gefässe, 
vornehmlich der Centralstttcke derselben, diagnosticiren zu können 
vermeinte, legt hiervon Zeugniss ab. 

Bei genauerer Durchsicht dieser Fälle ergeben sich jedoch im 
Ganzen und im Einzelnen die autfälligsten Verschiedenheiten und 
überdies ein völliger Mangel an Uebereinstinmumg mit den Er- 
scheinungen, welche Cohnheim 1 ) auf Grundlage künstlich er- 
zeugter Verstopfungen von arteriellen Endästen in der Zunge 
des Frosches als pathognomonisch für den Embolismus im 
engeren Wortsinne nachgewiesen hat. Alle Versuche, die bei ange- 
nommener Embolie der Centralarterie der Netzhaut beobachteten 
Symptome mit den von Cohnheim aufgestellten Merkmalen in 
Einklang zu bringen, oder ihre Nichtcongruenz aus der Autonomie 
des Binnenstromgebietes und aus den Eigentümlichkeiten der 
intraocularen Druck Verhältnisse zu erklären, sind in hohem 



'i Untersuchungen über die embolischen Processe. Berlin, 1872. 

Stell wag, Abhandlungen. 16 



242 Embolie der Arteria r-entralis retinae. 

Grade mangelhaft und angreifbar geblieben. Mehrere Augenärzte 
fanden sich in Anbetracht dessen und mannigfaltiger anderer Er- 
fahrungen denn auch bewogen, einen grossen Thei] der bezüglichen 

Fälle als mit Embolie unvereinbar hinzustellen. Ich selbst 1 ) 
habe im Hinblicke auf Iwanoffs- Fall, in welchem alle der 
Embolie zugeschriebenen Symptome während des Lebens gegeben 
waren, an .der Leiche aber kein Embolus gefunden wurde, das 
Vorkommen von Embolien der Arteria centralis bezweifelt und die 
Notwendigkeit betont, nach anderen Krankheitsvorgängen aus- 
zuschauen, welche den fraglichen Symptomcomplex folgerichtiger 
abzuleiten gestatten. 

Mittlerweile sind sechs Fälle mit E eichenbefunden ver- 
öffentlicht worden, welche jeden weiteren Einwand beseitigen und 
mit Bestimmtheit erweisen, da^> die auf Embolie bezogenen 
Erscheinungen in gewissen Fällen wirklich durch Ver- 
stopfung der Centralarterie begründet werden. Ich lasse 
dieselben im Auszug«' folgen. 

Der erste Fall, in welchem ein Embolus der Centralarterie an 
«Irr Leiche ganz anzweifelhaft nachgewiesen wurde, röhrt von A. Sichel 
dem Jüngeren 3 ) her. Eine 54jährige Dame war am 1. Juli 1868 in Folge 
eines heftigen Schreckens am linken Auge plötzlich und vollständig erblindet. 
Tags darauf untersucht, zeigt sich die Peripherie des Gesichtsfeldes wieder 
frei, das Oentrum aber auf 1 L Cm. Seiten- und 8 Cm. Höhenabstand ringsum 
den Fixirpunkt völlig dunkel. Der Augenspiegel ergiebt die Papille nor- 
mal, die Venen von Blut leicht angefüllt, die Arterien von nor- 
malem Kaliber, der Augengrund wegen geringen Pigmentgehalts des Ta- 

etwas blässer. In der Maculagegend findet sich ein dunkel- 
rothes scharf umschriebenes Blutertravasat von 7 Mm. Breite und 
L Mm. Höhe. Tu der Gleicherregion Bind sein- viele kleine Netzhauthämor- 



. Lehrbuch. 1870, >. 250. 
- [wanoff, Klin. Monatsblätter, 1868, s. 349. Hin von Loriug ibid.. 
1874, >. •'>!•'» mitgetheilter Fall, in welchem auch kein Embolus gefunden 
wurde gehört nach den ophthalmoskopischen Erscheinungen kaum hierher. 
Auch der von Popp NageFs Jahresbericht, 1875, 8. 307 berichtete Fall 
gestattet manchen Zweifel. 

\. Si<h« !. Arch. de physiologie. 1871. IV.. p. 88. 



Fälle mit anatomisch Dachgewiesenem Embolus. 24o 

rhagien und daneben zahlreiche weisse Flecken zn sehen, über welche hier 
und da Netzhautgefässe hinwegstreichen. Im Herzen ist eine Insuffizienz der 
Bicuspitalklappen nachzuweisen. 

Im Laufe zweier Monate bessert sich das Sehvermögen derart, 
dass die Kranke Nr. 17 der Jäger" sehen Schriftscala zu lesen vermag 1 . Doch 
sinkt dasselbe bald wieder in rapider Weise. Der Augenspiegel ergiebt nun 
die Symptome des trüben Opticusschwundes. Die Central venen 
sind, besonders im Bereiche der Papille, merklich von Blut über- 
füllt, gegen die Peripherie hin jedoch von normalem Kaliber. Die 
Arterien sind auf und nahe der Papille verschwunden. Sie werden 
daselbst von weissl ichgrauen scharf begrenzten Strängen ersetzt, 
welche gegen den Aequator hin sich in ausserordentlich dünne blut- 
führende Zweige spalten, die gegen die Peripherie hin an Durch- 
messer wachsen. Um die Macula herum ist die Netzhaut diffus 
infiltrirt, einen trüben matten wie aufgelockerten Kreis bildend, in dessen 
Mitte ein tief braunroth er anregelmässig runder Fleck lagert, um- 
säumt von dicht gedrängten Gruppen weisslicher glänzender Stippchen. 

Sieben Monate später ist der rothe Fleck in der Macula und ihr trüber 
Saum völlig verschwunden. Die Arterien erscheinen fadenförmig und 
sind nicht mehr bis an die Peripherie zu verfolgen. Die Venen 
sind blutgefüllt geblieben, die Papille bietet das Bild reinen Schwundes. 

Dreizehn Monate nach der ersten Untersuchung stirbt die Kranke. 
Der Leichenbefund bestätigt die Diagnose des Herzleidens. Die Arteria 
centralis retinae wird von ihrem Ursprünge aus der Arteria ophthalmica 
an mit der Scheere geschlitzt und in ihrer Lichtung bis 9 Mm. hinter der 
Sclera frei befunden. Hier verengert sie sich sehr, ihre innere Mem- 
bran erseheint sehr gefaltet, eingeschrumpft. Ein Querschnitt, 
etwas näher dem Bulbus, zeigt an der inneren Wand des Qefässes anlagernd 
einen Haufen gelblicher rundlicher fein granulirter Körperchen, 
welcher etwa ein Drittel des Gefässlumens ausfüllt In diesen beiden 
Durchschnitten ist die Arterie mit ihren drei Häuten und die in der Lichtung 
ganz normale Vene noch ganz leicht zu erkennen. Noch etwas höher 
füll t der oben beschriebene Körnerha ufen bereits da s ganze Lumen 
der Arterie aus und die mit der letzteren in einer gemeinsamen Scheide 
gelegene Vene ist auf ein Viertheil ihres Kalibers verengt. In einem 
5 Min. hinter der Seleraloberfläche geführten Querschnitte ist die Arterie 
auf das Doppelte erweitert und ganz mit jener Körnermasse er- 
füllt, welche der inneren Gefässhaut fest anhängt. Von der Vene 
ist hier keine Spur zu rinden; doch zeigt sich selbe unmittelbar über dieser 
Stelle wieder und erscheint sehr abgeplattet und verengt. Von hier nach 
der Siebmembran hin wird die Arterie wieder frei in ihrer Lich- 
tung, ist jedoch sehr verengt, ihre innere Haut stark gefaltet und 
runzelig. Die Vene hingegen zeigt sich hier etwas erweitert. 

16* 



244 Embolie der Arteria centralis retinae. 

Der zweite Fall gehört Pristley Smith 1 ) an. Er liegt mir im 
Originale nicht vor. Bei einem 58jährigen Manne wurde eine Wochenach 
der plötzlich eingetretenen vollständigen Erblindung des rechten Auges 
ophthalmoskopisch nachgewiesen : Netzhautgetrübt-, umdenSeh nerven- 
eintritt herum verdichtet sich diese Trübung zu einem dichteren 
Hofe. In der Maculagegend ein dunkelrother Fleck, umgeben von 
einem weissen trüben, nach aussen hin verwaschenen Saume. Die Netzhaut- 
arterien zu sehr feinen blassen Linien verengt; die Centralvenen 
von der Papille gegen den Aequator hin an Kaliber wachsend. In 
der Aorta leichte Geräusche. 

Vier Monate nach der ersten Untersuchung starb der Kranke. An 
der Leiche fand man die Aortenklappen verdickt, in eine höckerige Masse 
verwandelt. Der rechte Sehnerv war seiner ganzen Länge nach 
etwas geschrumpft. Auf einein Querschnitte desselben, knapp hinter dem 
Bulbus, war die Vene klaffend, aber verengt; die Arterie existirte 
als Gefässrohr nicht mehr, ihre ursprüngliche Lage war jedoch 
durch eine scharf begrenzte kreisförmige Stelle von concentrisch 
angeordnetem Bindegewebe gut gekennzeichnet. 

Den dritten Fall bringt Nettleship.' J ) Vier Tage nach der plötz- 
lichen Erblindung des linken Auges eines 54jährigen Clerk wurde mittelst 
des Augenspiegels Oedem der Retina und Embolie der Arteria cen- 
tralis retinae diagnosticirt. Die Erblindung erwies sich als blosse 
Verschleierung des Gesichtsfeldes. An den Herzklappen wurden deutliche 
systolische Geräusche nachgewiesen. Drei Monate später stellten sich Sym- 
ptome acuten Glaukoms ein, daher die Iridektomie und später die Enu- 
cleation des Bulbus ausgeführt wurde. 

Ein durch den Opticus des gehärteten Augapfels geführter Längsschnitt 
zeigte, dass die Centralarterie ein klein wenig hinter der Siebmembran 
sich in drei Aeste spaltete, wovon zwei ganz ausgefüllt waren von 
einem blassen Pfropfe, der nach hinten hin in den gemeinsamen 
Gefässpfropf hineinreichte und hier in zwei Spitzen auslief. Dieser 
Pfropf bestand in seinem hinteren jüngeren Theile aus weissen Rundzellen; 
in dem älteren Vordertheile aber, welcher auch die beiden Aeste verstopfte 
und allenthalben der inneren Gefässhaut fest anhing, mischte sich zwischen 
die Zellenmasse ein undeutlich faseriges Netzgewebe. Vor dem Pfropfe 
waren die drei Aeste sehr verengt, von dunklem Blute angefüllt. 
Die Intima und die stark verdickten übrigenGefässhäute erschienen 



J ) Pristley Smith, British med. Journ., 1874, p. 452, nach Nagel's 
-Jahresbericht, 1874, S. 401. 

2 ) Nettleship, Ophth. Hosp. Rep. VIII., p. 9. 



Fälle mit anatomisch nachgewiesenem Embolus. 245 

im Bereiche des Pfropfes und vor ihm ringförmig gefaltet. Die 
Vena centralis war in ilein Schnitte nicht zu sehen. 

Der vierte Fall ward von H. Schmidt 1 ) veröffentlicht. Er betraf 
einen 58jährigen Mann, der an einem Herzfehler und in Folge embolischer 
Herde des Gehirns auch an linksseitiger Parese der Extremitäten litt. Zwanzig 
Stu nden nach der plötzlichen Erblindung' des linken Auges fand H. Schmidt 
auf der normal aussehenden Papille die Arterien blutleer, kaum 
als dünne Stränge erkennbar, aber doch eine Strecke weit in die Netz- 
haut verfolgbar. Die Centralvenen präsentirten sich auf der Netz- 
haut a 1 s d u n k e 1 b 1 a u r o t h e ziemlich dick e Strich e. Besonders auffällig 
war der Mangel der sonst vorhandenen feineren Biegungen. An einzelnen 
Stellen zeigte sieh eine Unterbrechung der Continuität der in 
ihnen enthaltenen Blutsäule. Die Gegend der Macula lutea und 
weiter nach der Papille zu war leicht grau getrübt; der gelbe 
Fleck trat nicht wie sonst im umgekehrten Bilde als Queroval 
mit braunrot her, etwas »stumpfer« Färbung hervor. An einer Stelle, 
welche der Lage nach etwa dem unteren Rande der Macula entsprechen 
würde, fand sich eine dunkelrothe dicke quergestellte Linie von halbem 
Papillendurehmesser. — Morgens darauf zeigten sich die Erscheinungen von 
Iridochorioiditis. 

Nach vier Monaten wurde vollständige Atrophie des Opticus 
und der Netzhaut sowie der hinteren Aderhautpartien nach- 
gewiesen. Von der Papille giengen zwei sehr dünne Gefässäste nach 
innen und ein anderer leicht geschlängelter Zweig nach oben. Der letz- 
tere ward gegen die Peripherie hin etwas stärker und deutlicher. 
Ein Jahr nach der ersten Untersuchung stirbt der Kranke. Das 
Lumen der Arteria centralis ist bis zur Sehnervenscheide offen. Von da an 
erscheint das dem Gefässe nachbarliche Gefüge des Opticus in 
einem gegen den Bulbus hin wachsenden Querschnitte atrophirt, 
während der Durchmesser des Nerven immer mehr sinkt. Die CentraLarterie 
spaltet sich kurz nach dem Eintritte in den Opticus in zwei parallel neben- 
einander ziehende Zweige, welche schon nahe der Gabel von einer merk- 
lich verdickten Bindegewebsseheide umhüllt sind, die mit dem 
atrophirten Nervengewebe in Eines zusaminenfliesst. Von der 
Stelle an, wo die Central vene den beiden arteriellen Aesten anliegend er- 
scheint, bis nach vorne sind die beiden letzteren vollständig aus- 
gefüllt von einer grösstenteils hyalinen gelblichen Masse, die 
durch Querlinien in verschiedene unregelmässige Abtheilungen zerfällt. Es 
besteht dieselbe der Hauptmasse nach aus einer homogenen z eilen freien 
Substanz, zum kleineren Theile, besonders an einer der Wand nahen Stelle, 



') H. Schmidt, Aren. f. Ophthalmologie XX., 2, S. 287. 



246 Embolie der Arteria centralis retinae. 

aus zelligen Gebilden und lässt einen cylindrischen Schlauch 
erkennen, der rothe Blutkörperchen zu enthalten scheint und möglicher- 
weise als ein neugebildetes Gefäss zu betrachten ist. Die Arteria 
centralis ist dabei verengert und ihre Intima in glänzenden 
Wellenlinien gefaltet. Die Centralvene ist zusammengefallen, etwas 
Blut führend. 

Ein fünfter Fall wird von Gowers 1 ) erzählt. Es bestand in dem- 
selben gleichzeitig eine Embolie der linken Arteria centralis reti- 
nae und der linken Arteria fossae Sylvii. Ein 30jähriger Mann war 
plötzlich bewusstlos geworden. Vollständige Lähmung der rechten Extremitäten, 
leichte Lähmung des Gesichtes. Theil weise Rückkehr des Bewusstseins und 
Besserung der Hemiplegie. Zwei Monate nach dem Anfalle stirbt der Kranke 
an seinem Herzfehler. Die Augenspiegeluntersuchung war fünf Tage nach 
dem Anfalle vorgenommen worden und ergab im Allgemeinen das der Em- 
bolie zukommende Krankheitsbild, doch fehlte der rothe Fleck auf der Macula. 

Die anatomische Untersuchung des linken Auges nach Härtung des- 
selben stellt heraus, »dass die Centralarterie im Opticus an einzelnen 
»Stellen zwar erweitert, aber grösstentheils so contrahirt war, dass 
»ihr Kaliber eine blosse Linie darstellte. Die Gefässwandungen verdickt, 
»doch nur proportional der Gefässcontraction. Keine Faltenbildung in 
»der Intima. Die erweiterten Partien des Gefässes entsprechen einige Male 
»dem Abgange eines Astes der Arterie in die Substanz des Sehnerven. I-n 
»der Papille selbst ist das Kaliber der Hauptäste der Arterie ungemein ver- 
ringert. Hier und da, im Opticus und in der Papille, sind feine granuläre 
»Massen in den Gefässen zu sehen. Der grösste Pfropf sitzt im Haupt- 
»stamme der Centralarterie, ungefähr tyg" hinter der Lamina cribrosa. Der 
»Pfropf hat eine längliche Gestalt, ist '/ 300 " lang, ungefähr Vsoo" breit, er- 
» scheint granulirt, viele dunkle Punkte enthaltend. Dass er das Gefäss nicht 
»ganz ausfüllt, rührt unzweifelhaft von der durch das härtende Medium her- 
»beigeführten Schrumpfung her. Eine kurze Strecke vor dem länglichen 
»Pfropfe (gegen die Lamina hin) liegt eine kleine rundliche Masse, ebenso 
»findet sich in einer der verengerten Papillenarterien ein Quantum kör- 
»niger Substanz. Die Centralarterie ist hinter der embolischen Stelle, die 
»das Präparat zeigt, verengt.« 

»Die Kerne sind im Opticus nicht vermehrt, die Nervenfasern zeigen 
»daselbst beginnende Degeneration, einzelne Myelinkugeln. Papille nicht ge- 
»schwollen, die runden Kerne längs den Nervenfasern vermehrt, stellenweise 
»in ovalen Haufen zwischen den Nervenfasern angesammelt. Die Nervenfaser- 
»schichte der Retina in der nächsten Umgebung der Papille ein wenig an- 
»geschwollen; unter der geschwellten Partie, wahrscheinlich entsprechend der 



Gowers, Nagers Jahresbericht, 1875, S. 308. 



Nettleship's zweiter und Graefe — Schwe igger's Fall. '24-7 

»mit dem Spiegel wahrgenommenen Trübung, zeigt sich die ganze Dicke der 
»Netzhaut mit kleinen Körperchen, die den Elementen der Kürnerschichten 
»gleichen, infiltrirt. . . . Der Hauptembolne sass wahrscheinlich beim Ein- 
tritte der Centralarterie in den Nervenstamm, da das Gefass in centripetaler 
»Richtung hinter dem früher beschriebenen Embolus verengt war.« 

Ein .sechster etwas zweifelhafter Fall, gehört wieder Nettlc- 
ship 1 ) an. Ein 62jähriges Weib erblindet plötzlich, nachdem durch einige 
Tage leichte Schmerzen in der rechten Kopfhälfte vorangegangen, unter 
plötzlich auftretendem überaus heftigem Kopfschmerze am rechten Auge. 
Keine Lichtempfindung. Der Hand der Sehnervenpapille durch eine trübe 
Verfärbung verwaschen; Venen breit und gewunden: Arterien eng und 
fadenförmig. Nach einigen Wochen glaukomatöse Erscheinungen, Iridek- 
tomie und später Enukleation des Auges. 

»Die anatomische Untersuchung des enueleirten Bulbus ergiebt: 
»Arteria centralis retinae in ihrem Durchmesser verringert; Intima stark 
»und unregelmässig gefaltet, am meisten an einer ein wenig über der Lamina 
»cribrosa gelegenen Stelle; Adventitia, sowohl des Hauptstammes als eines 
»im Präparate sichtbaren Hauptastes, verdickt, mit feinkörniger Substanz in- 
»filtrirt. Das Lumen der Arteria centralis (nicht an allen Stellen in gleicher 
-Weisei erfüllt mit einer fibrösen Masse, welche mit molekularer, weisse und 
»einzelne rothe Blutkörperchen enthaltender Substanz gemischt erscheint. An 
»der Stelle der stärksten Faltung der Intima ist das Lumen des Gelasses 
»vollständig mit diesen Massen ausgefüllt. Unzweifelhaft hat also die Central- 
»arterie durch eine beträchtliche Zeit vor der Enukleation dv* Bulbus auf- 
gehört, Blut zu führen. Der Inhalt de* Gefässes ist wahrscheinlich fibrinärer 
»Natur, die Räume und Kanäle in demselben sind möglicherweise neugebildete 
»Gefässe im organisirtcu Fibrin. 

Ein siebenter und der Zeit seiner Veröffentlichung nach der erste 
Fall, in welchem an der Leiche ein Embolus als Veranlassung des eigen- 
thiimlichen Symptomencomplexes diagnosticirt worden ist, wurde 1858 von 
Graefe 2 ) eine Woche nach der plötzlichen Erblindung untersucht. Derselbe 
fand absolute Blindheit des betreffenden rechten Auges. Die Papilla optici 
erschien ganz bleich, sämmtliche Gefässe innerhalb derselben 
auf ein Minimum reducirt. Die H a upta rterienstämme zeigten 
sich auch jenseits der Papille auf der Netzhaut al s ganz schmale 
Linien, deren Aeste in entsprechender Weise immer leiner und feiner wurden. 
Auch die Venen waren an allen Punkten dünner als in der Norm, 
aber ihre Füllung stieg gegen den Aequator hin. Zwei Tage darnach 



') Nettleship, Nagel's .Jahresbericht, 1875, S. 310. 
2 ) Graefe, Arch. f. Ophthalmologie V., 1, S. 13G. 



24ö Embolie der Arteria centralis retinae. 

wurde in einer Vene eine grosse Unregelmässigkeit der Füllung 
beobachtet, in der Art, dass verhältnissmässig gefüllte und völlig blutleere 
Strecken wechselten. Dabei gewahrte man eine vollkommen a rhythmische 
Bewegung der im Gefassrohre enthaltenen Blutcylinder. welche bald stoss- 
weise nach dein Opticus vorrückten, bald wiederum vollkommen stillstanden. 
In der Regel ergoss sich das Blut aus den gefüllten Räumen in die dazwischen 
gelegenen blutleeren, so dass der Unterschied in der Füllung ein geringerer, 
die Unterbrechungen der Blutsäule weniger auffallend wurden. Allmälig zog 
sich das Blut wieder in bestimmte Gefässstrecken zusammen, so dass sich 
ungefähr der ursprüngliche Anblick wieder herstellte. Auch die ganze Form 
und Schlängelung der Vene variirte während dieser Erscheinung. Am stärksten 
entwickelt war das erwähnte Phänomen in einem etwa 3'" jenseits der Papillen- 
grenze gelegenen Abschnitte (\l-s (Masses. Dessen innerhalb der Papille gele- 
gener Abschnitt schien in der Regel blutleer, nur bei den stärksten Circula- 
tionsstössen drang das Blut in denselben ein und nur höchst ausnahmsweise 
durchlief es denselben bis zur Ausmündungsstelle. Noch einige Tage später 
war die eigenthiimliehe Kr ei sl aufs Störung in allen Venen wahrzu- 
nehmen. Dabei zeigte sieh wieder eine Andeutung quantitativer Licht- 
empfindung nach innen und oben. 

Eine Woche nach der ersten Untersuchung wurde die centrale Netz- 
liautregion sc hl ei er artig getrübt und diese Trübung verdichtete sich 
bald bis zur vollkommen opaken grauweissen Infiltration mit weisslichen 
Stippchen und Pünktchen, während die nächste Umgebung des Foramen 
centrale als ein intensiv kirschrother Fleck von etwa ein Viertel 
Papillendarebmesser hervortrat. 

Vierzehn Tage nach der Eridektomie sali man von dem ganzen Netz- 
liautleiden nur noch eine .schwache Andeutung, es markirte sich die Zone, in 
welcher früher jene Trübung ihre Höhe erreicht hatte, durch einen licht- 
grauen Ring, innerhalb dessen das Netzhantgewebe höchstens mit einem 
feinen Schleier durchzogen war. Dabei war ein weit präciserer Licht- 
schein in der Schläfengegend des Gesichtsfeldes nachzuweisen, ja der Kranke 
vermochte daselbst sogar die Bewegung einer Hand zu erkennen. Später 
entwickelte sich vollständiger Schwund der Papille und ein diasto- 
lisches Aftergeräusch Hess auf stenosirte Aortenklappen schliessen. 

Anderthalb Jahre darnach gelang es Schweigger, 1 ! in den Besitz 
des Auges zu kommen und dieses anatomisch zu untersuchen. Er sagt dar- 
über wörtlich: Fig. 10, Taf. III giebt die Abbildung des Längsschnittes 
-des Sehnerven. Die Arteria centralis retinae zeigt sich durch einen Em- 
bolus vollständig obliterirt. Derselbe hatte sich bis in die Gegend der La- 
mina cribrosa durch die Arterie durchgedrängt, hier aber, wo kein Raum 

tiweigger, Vorlesungen über den Gebrauch des Augenspiegels 
Berlin. 1864. S. 140. 



Öraefe — Schweigger - FUL 



249 



»zu schaffen ist, war er aufgehalten worden. . . . Hinter dem Embolus ist 
»die Arterie durch einen Thrombus obturirt. Leider war die Retina bereits 
»zu sehr cadaverisch verändert etc.« 

Die Abbildung, auf welche Schweigger sich bezieht, ist in bei- 
stehendem Holzschnitte (Fig. 6 wiedergegeben. So weit es sich um die 
Arteria et vena centralis mit nächster Umgebung handelt, wurde die 
Schweigger'sche Lithographie mit allen Einzelnheiten in die Zeichnung auf- 
genommen. Der Rest wurde blos skizzirt. Man sieht einen sehr dunkel ge- 
haltenen rundlichen Pfropf nahe der Siebmembran in der Lichtung der 
Arteria centralis steckend. Die Wandungen dieser Schlagader erscheinen 
von dem Pfropfe ein klein wenig ausgebaucht, im Uebrigen aber in der ganzen 




Länge des Präparates ohne Spur von Verdickung oder sonstiger 
pathologischer Veränderung. Ebenso erscheinen die anliegenden 
Theile des Opticusgefüges vollkommen normal. Die Lichtung der 
Centralarterie selbst ist in der ganzen Ausdehnung des Präpa- 
rates vor und hinter dem Pfropfe eine vollkommen gleichmässige 
und freie, der runde Embolus steckt wie eine Kugel im Rohre. Die Ab- 
bildung erinnert lebhaft an Fig. -4— 7 der dem Oohnheim'schen Werke 1 ) 
beigegebenen lithographirten Tafel. 

Auf so unvollständige Daten hin — und andere lagen im Jahre 1870 
nicht vor — war es gewiss überaus schwer, das Gegebensein eines seit 
anderthalb Jahren bestehenden embolischen Processes in der 



t) Cohnheim, Untersuchungen über die embol. Processe. Berlin. 1872. 



^Oö Embolie der Arteria centralis retinae. 

Centralarterie anzuerkennen, umsomehr, als das von Schweigger Mit- 
getheilte sich in keiner Weise mit dem in Uebereinstimmung bringen Hess, 
was in jedem Lehrbuche der pathologischen Anatomie über Embolismus 
zu lesen ist. Und doch nahm es Schweigger 1 ) sehr übel, als ich 2 ) die Un- 
zulänglichkeit der gelieferten Thatsachen betonte, was übrigens auch Roth 3 ) 
verbrach. Statt indessen durch eine authentische Abbildung und durch 
eine genaue Darstellung des mikroskopischen Befundes jeden Zweifel zu bannen 
und damit der Wissenschaft in einer so wichtigen Sache einen Dienst zu leisten. 
verschanzt sich Schweigger hinter die Autorität Anderer, indem er schreibt: 
»Zur Beruhigung für Herrn v. Stellwag erlaube ich mir zu bemerken, dasfi 
»die betreffenden Präparate sich noch in meinem Besitze befinden, und dass 
»alle Sachverständigen, welche sie bisher gesehen haben — unter Anderen 
»hatten noch kurz vor dem Drucke dieser Zeilen, die Herren Prof. Virchow 
»und Cohnheim die Freundlichkeit, dieselben genau zu untersuchen — sie 
»für völlig beweisend gehalten.« 

Nach dem Zeugnisse Virchow's und Cohnheim's kann es selbst- 
verständlich nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, dass Schweigger 
wirklich mehrere Präparate von einer Embolie der centralen Netzhautschlag- 
ader besitze. Es ist damit aber nicht entschieden, ob den beiden Koryphäen 
das abgebildete und beschriebene Präparat mit der schwarzen Kugel 
in der Lichtung der sonst ganz unveränderten Centralarterie vorgelegen 
und von ihnen als »völlig beweisend« anerkannt worden ist. Und um das 
handelt es sich hier. 

Fasst man das ophthalmoskopische Bild in's Auge, unter 
welchem die Embolie der Centralarterie sich bisher gezeigt hat, 
oder auf Grundlage dessen man die Diagnose eines solchen Zu- 
standes für gerechtfertigt hält, so ergeben sich zwei Haupt typen, 
die in der Wirklichkeit jedoch, wenigstens was einzelne Erschei- 
nungen betrifft, in einander fliessen und später, wenn zahlreiche 
genaue Untersuchungen ganz frischer Fälle vorliegen, möglicher- 
weise in einen Einzigen verschmelzen werden. 

Bei der einen dieser beiden Erscheinungsformen, deren ersten 
Repräsentanten Ed. Jäger 4 ) geliefert hat, treten im Augenspiegel- 
bilde jene Merkmale deutlich und klar hervor, welche 



*) Schweigger, Handbuch, 1871, S. 477. 

2 ) St eil wag, Lehrbuch, 1870, S. 249. 

3 ) Roth, Klin. Monatsblätter, 1872, S. 344. 

4 ) Ed. Jäger, Staar und Staaroperation. Wien, 1854. S. 104. 



Fälle mit deutlichen Fluxionserscheinungen. 251 

Cohnheim 1 ) in seinem Fundamentalwerke als charakteristisch für 
die ersten Phasen des der Verstopfung einer »Endarterie« fol- 
genden Processes erwiesen hat. 

Bei der anderen Erscheinungsform, für welche Graefe 2 ) 
(S. 247) das erste Beispiel veröffentlicht hat, sind die Symptome 
der Fluxion mit der darauf folgenden Anschoppung der Ge fasse 
nur angedeutet oder scheinen ganz zu fehlen, wobei allerdings 
eine zu späte Untersuchung eine Bolle spielen kann. 

Ich habe von beiden Haupttypen Fälle in ganz frischem Zu- 
stande beobachtet und längere Zeit behandelt. Ich hoffe, dass 
deren Beschreibung nicht ganz ohne Nutzen sein werde. 

Ed. Jag er 's Fall betraf einen 72jährigen Mann, welcher über Nacht 
am rechten Auge vollkommen erblindet war. Wenige Stunden darnach unter- 
sucht, zeigte die Netzhaut keine erkennbaren krankhaften Veränderungen. 
Der Sehnerv, mehr gelb gefärbt, liess nur schwache Andeutungen bläulicher 
Flecken wahrnehmen. Das im Allgemeinen schwach entwickelte Ge- 
fässsystem der Retina zeigte, besonders in den grösseren Stämmen, einen 
verhältnissmässig geringen Durchmesser. Die entsprechend grossen Arterien 
undVenen hatten einen gl eichen Durchmesser und eine gleich dunkelrothe 
Farbe; doppelte Contouren waren nicht sichtbar, so dass man die Arterien 
und Venen nur durch die mit grosser Deutlichkeit sichtbare 
centrifugale und centripetale Blutcirculation von einander unter- 
scheiden konnte. Dieselbe erschien je nach dem Durchmesser der Gefässc 
als ein langsameres oder schnelleres, gleichförmiges oder unterbrochenes (nicht 
rhythmisches) Fortrücken eines ungleich roth gefärbten Blut ström es. 
In den Haupt stammen zeigte der Blutstrom in der Ausdehnung eines 
Viertels oder des ganzen Durchmessers des Gefässes lichtere und dunkel- 
rothe Färbungen, die jedoch bei dem Fortrücken des Blutes sich stets ver- 
änderten, so dass die lichteren Stellen, kleiner wurden und ganz verschwanden 
und dagegen an anderen Orten sich neuerdings bildeten. Das Fortrücken 
des Blutes erschien daselbst gleichförmig, aber äusserst lang- 
sam. In den mittleren Gefässen war die Blutbewegung rascher und 
häufig auf kurze Zeit stockend, die lichteren Stellen im Blute blässer roth; 
dieselben sowie die dunkleren Stellen hatten eine grössere Ausdehnung, die 
eines 2— 4fachen Gefässdurchmessers. In den feinsten auf dem Sehnerven 
sichtbaren Gefässchen zeigte sich der Blutlauf am raschesten, aber auch 



J ) Cohnheim, Untersuchungen über die embol. Processe. Berlin, 

1872. S. 18. 

2 ) Graefe, Arch. f. Ophthalmologie V., 1, S. 136. 



252 Embolie der Arteria centralis retinae. 

am meisten gestört. Der äusserst zarte Blutstrom erschien plötzlich unter- 
brochen, der dunkelrothe Theil des Blutes verlief sich und das Getässchen, 
kaum erkennbar, schien die Farbe des Sehnerven angenommen zu haben; 
nun drängte sich im unterbrochenen Laufe eine kürzere oder längere Blutsäule 
durch das Gefäss hindurch; dieser folgte in kleineren oder grösseren Zwischen- 
räumen eine ausgedehntere oder noch geringere Menge von Blutkügelchen, 
so dass man beinahe einzelne Blutkügelchen zu erkennen glaubte und plötz- 
lich war das ganze Getässchen mit Blut gefüllt, dessen einzelne Theile im 
raschen Laufe mehr dahin zu rollen als ruhig zu tiiessen schienen. 

Diese Blutcirculation — in den entsprechenden Venen und Arterien 
von gleicher Schnelligkeit — verminderte sich nach und nach zusehends, es 
traten hier und da auf längere Zeit Stockungen ein, so dass sie endlich 
nach 24 Stunden vollkommen gehemmt war. Die Retina hatte nun 
im Allgemeinen eine etwas dunklere rothe Farbe angenommen, der 
Durchmesser aller Gefässe sich etwas vergrössert. Die kleinsten Gefässe 
strotzten von Blut, ohne dass man lichtere Stellen oder eine Unterbrechung 
des gleichförmig dunkelrothen Blutstromes wahrnehmen konnte, und waren 
verhältnissmässig am stärksten ausgedehnt. Die mittleren Gefässe 
zeigten hier und da eine kurze Unterbrechung in ihrer Färbung in der 
Ausdehnung des halben bis zweifachen Durchmessers derselben. DieHaupt- 
stämme waren in grösserer Ausdehnung gleichförmig mit rothem 
Blute ausgefüllt. Dagegen hatten die Avenigen lichteren der Unterlage 
gleichgefärbten Stellen eine Ausdehnung des zwei- bis vierfachen Gefässdurch- 
messers. Die deutlich sichtbaren Wandungen derselben Hessen daselbst keine 
Verminderung des Volumens erkennen. Es hatte den Anschein, als ob die 
Blutkörperehen sich stellenweise mehr auseinander gedrängt und das Blut sich 
in einen rothen und in einen durchsichtigen Theil getrennt hätte, welche die 
Gefässe gleichförmig ausfüllten. In den kleinsten und mittleren Ge- 
fässen fand nicht die geringste Bewegung statt, in den grösseren 
Stämmen konnte man noch bei grosser Aufmerksamkeit im Verlaufe einer 
bis zwei Minuten eine Abnahme der lichteren Stellen und endlich ein 
Verschwinden derselben mit einem gleichzeitigen Auftreten an einem andern 
Orte bemerken. 

Nach der Anwendung von Blutegeln konnte man nach und nach eine 
grössere Bewegung des Blutes bemerken, so dass innerhalb 48 Stunden der- 
selbe Zustand wieder hergestellt war, wie er am ersten Tage beobachtet 
worden war und auch im äusseren Theile des Gesichtsfeldes mühsam Finger 
gezählt wurden. 

Am achten Tage konnte man wieder die Venen von den Ar- 
terien unterscheiden. Die ersten behielten ihr früheres Kaliber, die 
letzteren dagegen zeigten einen geringeren Durchmesser, schwach dop- 
pelte Contouren, lichtere Färbung und strotzten nicht mehr so stark von Blut. 
Die Blutströmung war bedeutend beschleunigt, mehr gleichförmig, 






Fälle mit deutlichen Fluxionserscheinungen. 253 

weniger stockend, was besonders leicht in den grösseren Stämmen zu erkennen 
war, indem die lichteren und dunkleren Stellen im Blute fortbestanden, ja 
sich vermehrt hatten, dagegen aber an Ausdehnung vermindert erschienen. 

Am zwölften Tage war die Färbung der Retina lichter roth, die 
Venen Hessen doppelte Contouren erkennen und hatten an Kaliber ab- 
genommen, besonders die kleinsten Zweige. Die verschiedene Färbung im 
Blute erschien nicht mehr so gleichförmig und scharf abgegrenzt, die Circu- 
lation gleichförmiger und rascher, deutlich sichtbar in den Venen, schwieriger 
in den grösseren und kaum mehr in den kleineren Arterien erkennbar. 

Am fünfzehnten Tage zeigte sich die Blutcirculation nur 
mehr in den grösseren Venen deutlich, am zwanzigsten Tage hörte die 
Beobachtung wegen zunehmender Linsentrübung auf. 

Mein Fall betrifft einen schwächlich gebauten, mittelgrossen, 
40jährigen Advocaten mit geringgradiger Myopie und normaler 
Sehschärfe an beiden Augen. Derselbe litt einige Jahre vor der 
Erblindung des rechten Auges wiederholt an lang andauernden 
Anfällen von Rheumatismus der Intercostalmuskeln und wurde über- 
dies viel von chronischem Bronchial katarrh geplagt. Der letztere 
bedingte mit freiem Ohre auf Distanz hörbare Rasselgeräusche und 
eine lästige Schwerathmigkeit, die besonders beim Stiegensteigen 
u. s. w. sich vermehrte. Oefters war auch starkes Herzklopfen 
zu beobachten, doch ein organisches Herzleiden von dem behan- 
delnden Arzte, Prof. Skoda, dem Kranken gegenüber stets abge- 
läugnet worden. Ich hatte den Kranken seit mehreren Jahren 
wiederholt an leichten Tritiden behandelt, die bald rechts, bald 
links zum Ausbruche gekommen waren, jedoch stets in der kürzesten 
Zeit unter dem Gebrauche von Atropin Und unter Handhabung 
strenger Augendiät, ohne eine Spur zu hinterlassen, rückgängig wurden. 

Im Sommer 1873 zeigte sich eine plötzliche Vermehrung der 
Myopie, besonders linkerseits, wo auch eine Abnahme der centralen 
Sehschärfe nachgewiesen wurde. Der Augenspiegel ergab an der 
unteren äusseren Grenze der Papille ein sehr schmales sichelförmiges, 
etwa ein Sechstel des Papillen durchmessers betragendes Staphyloma 
posticum mit ganz unregelmässiger, stark pigmentirter, zackiger 
Aussengrenze und blassröthlichem , schmutzig gewölktem Grunde. 
Vor dieser ektatischen Scleralpartie, im Glaskörper schwebend, wurde 



254 Embolie der Ariern centralis retinae. 

ein feiner Nebel sichtbar, welcher durch längere Zeit fortbestand, 
daher der Kranke, der früher besonders das linke Auge bei seinen 
Arbeiten verwendete, jetzt vorzugsweise das rechte in Gebrauch 
zu ziehen bemüssigt war. 

Am 6. October 1873, Morgens halb 11 Uhr, beim Ersteigen 
der Treppe zu seinem Bureau bemerkte der Kranke plötzlich eine 
Verdunkelung seines rechten guten Auges. Beim Verschlusse des 
linken Auges erschien das Gesichtsfeld des rechten ganz dunkel, 
mit Ausnahme einer ganz kleinen Stelle, die es ihm ermöglichte, 
das Auge und einen kleinen Theil des Gesichtes eines andern 
Menschen zu erkennen. Es ist ungewiss, ob diese Stelle in oder 
ausser der Mitte des Sehfeldes gelegen war, da binnen 25 Minuten 
sich Alles wieder aufgehellt hatte und der Kranke so gut wie früher 
sah, was ich, sogleich herbeigerufen und etwa eine Stunde darnach 
eintreffend, mit Bestimmtheit nachweisen konnte. Der Augenspiegel- 
befimd war jetzt vollkommen normal. Ich verordnete grösste 
Enhe und wies den Kranken an, mich sogleich wieder zu benach- 
richtigen, falls irgend etwas Beunruhigendes eintreten sollte. 

_en 2 Ihr desselben Tages stellte sich abermals Er- 
blindung des rechten Auges ein und diese war mm eine bleibende, 
fast vollständige: nur etwas nach aussen von der rechten Schläfe 
spielende Finger konnte der Kranke zeitweilig ganz unbestimmt 
wahrnehmen, nicht aber zählen. 

Um 4 ' 2 Uhr, also dritthalb Stunden nach dem letzten 
Anfalle, wurde der Kranke ophthalmoskopisch untersucht. 
Ich fand den Augengrund normal geröthet, aber stark getäfelt, 
die Papille jener des andern Auges vollkommen gleich gefärbt, 
zart röthlich und nur an der Grenze von einem höchst feinen 
Schleier Übergossen. Ich konnte deutlich alle acht Hauptgefäss- 
stämme der Netzhaut und ausserdem eine grosse Anzahl feiner 
stark mit Blut gefüllter Gefässe unterscheiden. Die Haupt- 
gefassstämme erschienen etwas dünner als am andern Auge, 
waren durchwegs stielrund und Hessen doppelte Cnntouren nicht 
erkennen. Alle Gefässe, dir grossen und kleinen, führten 



Fälle mit deutlichen Fluxionseixheih 2ÖO 

gleichmässig dunkelrothes Blut, so dass es unmöglich war. 

die Arterien und die Venen aus der Farbe ihre« Inhaltes zu be- 
stimmen. An der nasalen unteren Hauptvene zeigte sich die 
Blutsäule vielfach unterbrochen, indem dunkelröthe und helle 
Cylinder von wechselnder Axenlänge aufeinander folgten und in einer 
unregelmässigen wenig exeursiven Bewegung hin und her rückten. 
Die an Verzweiflung grenzende Aufregung des Kranken und seine 
Empfindlichkeit hiessen mich eingehende Studien über die Beweg- 
lichkeit dieser Cylinder sowie über die Folgen eines auf den Bulbus 
ausgeübten Druckes unterlassen. Die untere temporale und 
die beiden oberen Hauptvenen waren ihrer ganzen Länge 
nach bis in die Endzweige gleichmässig gefüllt von dunkel- 
rothem Blute: ihre Centralstticke erschienen gegen dir Ge- 
fässpforte hin deutlieh zugespitzt. Die übrigen vier Haupt- 
gefässstämme, offenbar d i e vier grossen X e t z b a u t s c h 1 a ga d e r n. 
waren in ihrem centralen, über der Papille gelegenen 
und in dem peripheren Theile ganz blutleer und fast un- 
sichtbar Es bestand eben nur eine theilweise Füllung der- 
selben jenseits des Sehnerveneintrittes und die Länge der ge- 
füllten Streeken wechselte in den einzelnen Stämmen. Der gefüllte 
Theil zeigte ^i<- 1 1 von dunklem venösen Blute fast strotzend, war 
schlängelt und spitzte sieh nach beiden Enden spindelig 
zu. Line Bewegung konnte ich in diesen Blutsäulen nicht wahr- 
nehmen. Die Maculagegend war durch einen tief blntrothen 
Fleck von rundlicher Form gekennzeichnet, um welchen herum 
eine zarte schleierähnliche Trübung der Netzhaut bemerkbar wurde. 
Am folgenden Tage, dem 7. October, wurde ein Consilium 
mit Herrn Prof. Skoda und Arlt abgehalten. Der Erstere eon- 
statirte den Bestand von Vegetationen auf den Herzklappen, 
indem die Rauhigkeit des zweiten Herztones sehr ausgesprochen 
war: ein«' wirkliche Insufticienz der Bi- und Tricuspitalklappen 
konnte jedoch nicht nachgewiesen werden. Dem Letzteren fiel 
bei dem ersten Blicke in das kranke Auge auf. dass in der Netz- 
haut lauter Venen zu sehen seien und keine Arterien. Im Uebrigen 



256 Embolie der Arteria centralis retinae. 

war der Befund jetzt ein wesentlich anderer wie Tags zuvor. Die 
Netzhaut erschien jetzt nämlich fast ihrer ganzen Ausdehnung 
nach wie aufgequollen, dicht und ziemlich gleichmässig 
getrübt, rahmähnlich gelbweiss und völlig undurchsichtig. 
In der nächsten Umgebung der Papille lichtete sich diese Trübung 
etwas, so dass der fast normal geröthete Sehnerveneintritt, 
an seiner Grenze nur von einem dichten Schleier gedeckt, sich 
zeigte. Dem oberen inneren Umfange der Scheibe anstehend 
stach ein braunrother, etwa dreiviertel papillengrosser Fleck sehr 
stark von der Umgebung ab. Derselbe war scharf begrenzt und 
Hess hinter einer feinen schleierartigen Trübung eine ganz unregel- 
mässige, wolkig streifige, dunkle Zeichnung erkennen. Auf den 
ersten Blick konnte man ihn für einen Bluterguss halten. Doch 
war er dies nicht, sondern eine durchscheinend gebliebene 
Stelle der Netzhaut, durch welche die von Blut überfüllte 
dunkel rothe Aderhaut mit den zerworfenen Resten des Tapetes 
hindurchleuchtete. Tu der Maculagegend war der grosse 
dunkelrothe Fleck nur mehr als ein kleines, einem Flohstiche ähn- 
liches, rothes Pünktchen zu sehen. Alle vier Hauptvenen waren 
ihrer ganzen Ausdehnung nach gleichmässig mit Blut 
gefüllt, die Unterbrechungen der Blutsäule verschwunden. Die 
Arterien zeigten sich jedoch noch in ihrem centralen und 
peripheren Theile leer, indem sie blos streckenweise jenseits 
der Papille dunkelroth es Blut führten. Auch die kleineren sicht- 
baren Gefässe enthielten blos dunkles Blut und hatten von 
ihrem Kaliber nichts eingebüsst. 

Am 9. October war die Trübung der Netzhaut schon etwas 
geringer, die Papille bei normaler Färbung umschleiert, der braune 
Fleck an ihrer Grenze unverändert. Die Venen erschienen nun 
bereits gut gefüllt, die Arterien nur streckenweise, sie 
enthielten noch immer dunkles Blut. 

Am 15. October hatte die Netzhauttrübung um ein Weiteres 
abgenommen. Die Arterien waren allenthalben von Blut 
gefüllt, doppelt contourirt. An der unteren Grenze der Papille 






Fälle mit deutlichen Fluxionserscheinungen. 257 

machte sich jetzt ein von der Netzhaut gebildeter trüber Wulst 
bemerklich, welcher die Breite von etwa einem Viertel des Papillen- 
durchmessers hatte, gegen den Sehnerveneintritt hin steil abfiel, 
in der entgegengesetzten Richtung aber sich sanft abdachte und 
nach rechts und links spitz in die Netzhaut Verlief; Die darüber 
hinwegziehenden Gefässe machten am centralen Rande einen steilen 
Bogen. Ich dachte anfänglich an eine beginnende Abhebung, es 
war aber wahrscheinlich blos eine durch Oedem gebildete 
Querfalte. 

Am 20. October war diese Falte völlig verschwunden. Es 
erschien nun die Netzhaut ihrer ganzen Ausdehnung nach blos florig 
getrübt. Der Fleck in der Macula bestand fort, ebenso jener an 
der Papillengrenze, doch war die Färbung beider nicht mehr so 
dunkel, wahrscheinlich weil der Blutgehalt der Uvea wesentlich 
vermindert war. Es präsentirten sich jetzt nämlich alle Venen 
und Arterien ihrer ganzen Länge nach als blutführend. 
Die Arterien waren allerdings schwächer als in der Norm, 
doch bereits deutlich doppelt contourirt. Der Kranke behauptete, 
wiederholt schläfenwärts gelegene Objecte, z. B. die Finger einer 
Hand, einen halben Kopf u. s. w. gesehen zu haben. Bei der 
Untersuchung jedoch erwies sich das ganze Gesichtsfeld blind. 
Nach oben aussen wurden allerdings Finger einer Hand undeutlich 
erkannt, aber nicht gezählt, und bei Fortsetzung des Versuches 
erlosch alsbald jede Spur qualitativer Lichtempfindung. 

Von nun an sah ich den Kranken nur mehr selten, da ich 
ihm die Nutzlosigkeit jeder directen Behandlung vorgestellt hatte. 

Am 25. Februar 1875 konnte ich ihn neuerdings einer ge- 
naueren Untersuchung unterziehen. Der Sehnerv war jetzt etwas 
blässer als in der Norm, an der Schläfenseite sehr auffällig eisen- 
grau verfärbt, doch noch immer von dem zarten Roth der Ernährungs- 
gefässe überhaucht, besonders deutlich in der peripheren Zone. Ein 
schmales sichelförmiges Staphyloma posticum mit stark pigmen- 
tirtem Rande umsäumte die äussere Grenze. Von Gefässen waren 
blos fünf Venen zu sehen, sämmtlich überaus schmal. Das 

Stell wag, Abhandlungen. 17 



258 Embolie der Arteria centralis retinae. 

stärkste Kaliber hatte eine Vene, welche ohne Aeste abzugeben 
schräg nach innen lief und über den Gleicher hinaus verfolgt werden 
konnte, ja gegen die Peripherie hin eher breiter ward. Eine 
andere Vene ging nach unten und gabelte sich noch innerhalb der 
Papille in zwei Aeste. Eine dritte Vene strich nach unten aussen 
und verlor sich gleich der vorigen mit ihren beiden Zweigen schon 
vor der Gleicherzone. Keine Spur von Lichtempfindung. 

Bald darauf erkrankte das linke Auge an Iridochorioiditis 
mit starker Glaskörpertrübung und das rechte folgte nach. Der 
Zustand schwankte Monate lang zwischen Verschlimmerungen und 
Nach lassen und links schläfenwärts, einige Linien hinter der Horn- 
hautgrenze, bildete sich eine etwa hanfkorngrosse unregelmässig 
begrenzte Scleralektasie. 

Anfangs August 1877 starb der Kranke nach langem und 
schwerem Herzleiden, während ich auf einer Ferialreise begriffen war. 

Des bequemeren Vergleiches halber erlaube ich mir, aus Co hü- 
ll eim's Fundamental werke ') jene Stellen anzufügen, welche sich 
auf die künstliche Embolisirung von Endarterien beziehen. 

»Ist eine Endarterie durch einen Embolus verstopft, so wird 
»jenseits des Embolus immer absolute Bewegungslosigkeit 
»herrschen, in den Arterienzweigen sowohl, als auch in den Capil- 
»laren und abführenden Venen, bis zu der Stelle, wo die betreffende 
»Vene zusammenfliesst mit einer anderen, die von einer zweiten 
»nicht verstopften Arterie gespeist wird . . . Hierfür kann es auch 
»von keinem Belang sein, ob die Verstopfung plötzlich oder all- 
»mälig zu Stande gekommen; im ersteren Falle ist es eine Säule 
»rothen Blutes, welche bewegungslos die Gefässe anfüllt, während 
»im zweiten alle Gefasse blass sind und vielleicht selbst nur eine 
»so geringe Menge von Plasma enthalten, dass man sie füglich als 
»zusammengefallene betrachten kann. 



l ) Cohnheim, Untersuchungen etc. Berlin, 1872. S. 18. 



Erscheinungen bei künstlicher Knibolisiiung einer Endarterie nach Cohnheim. 259 

»Nicht lange indessen hält dieser Ruhezustand an. Bald 
»nämlich beginnt unter den Augen des Beobachters in den bisher 
»stromlosen Venen eine rückläufige Bewegung. Es beginnt die- 
» selbe an der Vereinigungsstelle der ruhenden mit der strömenden 
»Vene, indem letztere zwar den grössten Theil ihres Inhaltes in 
»normaler Richtung zum Herzen hin entleert, eine gewisse Quan- 
»tität davon aber auch in den bewegungslosen Venenast vorschiebt, 
»in direct von jener divergirender Richtung. Langsam und ganz 
»allmälig dringt nun in der unbewegten Vene die Blutsäule vor, 
»rückläufig bis in die Capillaren hinein, und selbst über diese hin- 
»aus in die Arterienäste: um so leichter und bequemer, je leerer 
»das Gefässgebiet zuvor gewesen. Anfangs geschieht das Vor- 
» dringen der rückläufigen Blutsäule ganz gleichmässig, wie der 
»Venenstrom überhaupt; sobald aber die Füllung des Gefässgebietes 
»einen gewissen Grad erreicht hat, so stellt sich eine Art rhythmischer 
»Bewegung ein, ein Va-et-vient, ganz ähnlich, wenn nicht schon 
»so energisch, wie bei der Stauung nach Unterbrechung des venösen 
»Abflusses.« 

Die successive Erfüllung des Gefässgebietes der embolisirten 
Arterie mit Blut, die Anschoppung, wird nach einiger Zeit auch 
für das unbewaffnete Auge kenntlich. »Bis es dazu gekommen, 
»darüber vergehen allerdings meist einige Stunden; von da ab 
»aber wird der betreffende Abschnitt der Zunge immer lebhafter 
»roth, und nach Ablauf von 1 — 2 Tagen erscheint derselbe in dem 
»ruhig liegenden, nicht ausgespannten Organ als ein dunkelrother, 
»scharf abgegrenzter Keil, gegen den die übrige Zunge durch ihre 
»Blässe aufs Lebhafteste absticht. 

»Die Erklärung für diesen Vorgang der Anschoppung ist die 

»einfachste von der Welt. In dem ganzen Gefässbezirke hinter 

»dem Pfropfe ist der Druck Null, in der communicirenden strömen- 

»den Vene zwar gering, doch immer positiv, und so muss die 

»unmittelbare Folge sein, dass von dieser Vene aus so lange Blut 

»in jenen Bezirk einströmt, bis der Widerstand in diesem dem 

»Venendrucke das Gleichgewicht hält. Das Auftreten der rhyth- 

17* 



260 Embolie der Arteria centralis retinae. 

»mischen Bewegung des Va-et-vient ist eben das erste Zeichen 
» dieses Widerstandes. « 

Die Uebereinstimmung des ophthalmoskopischen Bildes in 
Ed. Jäger's und meinem Falle mit den von Cohnheim für die 
ersten Phasen des embolischen Processes als charakteristisch bezeich- 
neten Erscheinungen ist eine höchst auffällige und durchgreifende. 

Die der Verstopfung unmittelbar folgende Blutleere 
oder absolute Bewegungslosigkeit der Blutsäule in dem 
vor dem Pfropfe gelegenen Abschnitte der Arterie und den zuge- 
hörigen Capillaren und Venen konnte allerdings nicht mehr beob- 
achtet werden; es hatte in beiden Fällen die bis zur Untersuchung 
verstrichene Zeit hingereicht, um venöses Blut aus den Nachbar- 
venen in die retinale Centralvene und von hier aus durch die 
Capillaren in die Netzhautschlagadern hineinzutreiben. 

In meinem Falle stand die Blutsäule in den gefüllten 
Arterienabschnitten scheinbar still; dasselbe war auch der 
Fall bezüglich der kleineren Gefässe und dreier Hauptvenen- 
stämme, welch' letztere stark zugespitzte Centralstücke zeigten, 
so dass es das Aussehen hatte, als sei die in ihnen enthaltene 
Blutsäule gegen die Gefässpforte hin abgeschnitten und ausser 
Verbindung mit der Blutsäule in den nichtretinalen Nachbarvenen. 
Nur in Einer der Netzhautvenen war die freie Communication 
offenkundig, indem das Hin- und Herschwanken der scheinbar 
unterbrochenen Blutsäule die mit der Herzthätigkeit wechselnden 
Druckverhältnisse in jenen Venen widerspiegelte, welche den 
rückläufigen Blutstrom für die Centralvene und weiter auch für 
die arteriellen Netzhautgefässe lieferten. 

In Jäger's Falle ist die Füllung des gesanimten retinalen 
Gefässsystems mit dunklem, also venösem Blute ebenfalls ganz 
deutlich ausgesprochen. Dagegen ist die vielfach unterbrochene 
Blutsäule in allen Gefässen bewegt und wird als ein stetiges 
Fortrücken beschrieben, welches in den Hauptstämmen sehr 
langsam, in den mittleren Aesten schneller, in den kleinen Zweigen 
am raschesten erfolgte und erst nach 24 Stunden zum Stillstande 



Die Blutströmung in Jäger 's und Meyhöfer's Falle. 261 

kam, bald aber in einzelnen Gefässen neuerdings anhub, um aber- 
mals zu stocken, bis endlich nach acht Tagen der Blutstrom sogar 
beschleunigt erschien und die Arterien wieder hellrothes Blut 
führten. 

Merkwürdigerweise wird der Blut ström ausdrücklich als 
rechtläufig bezeichnet, als centrifugal in den Arterien und centripetal 
in den Venen. Es schliesst sich insoferne der Mey höfer 'sehe Fall 1 ) 
an, in welchem eine ganz gleiche Beobachtung gemacht wurde, leider 
aber von einem Hauptsymptome, der gleich dunklen Blutfarbe in 
Arterien und Venen, keine Erwähnung gethan wird. 

Es betraf dieser Fall einen 28jährigen Mann. Sechzehn Stunden nach 
der plötzlichen Erblindung des rechten Auges wurde in demselben eine auf- 
fallende Verengern ng der Ge fasse, besonders der Arterien, nachgewiesen. 
Der untere gemeinschaftliche Arterienstamm war auf der Papille nicht sicht- 
bar. In mehreren arteriellen und venösen Gefässstämmen zeigte sich die 
Continuität der Blutsäule in kurzen Abschnitten durch helle kleine Strecken 
unterbrochen. Bei längerem Fixiren sah man, dass die Blut cy linder in 
den Arterien centrifugal, in den Venen centripetal sich fort- 
bewegen. Die Fortbewegung war durchaus anregelmässig. In den beiden 
oberen grossen Venenstämmen sah man Pulsationen, welche mit dem 
Radialpulse synchronisch waren. In der Gegend der Macula lutea 
lag hinter den Gefässen eine matte Trübung; an der Stelle der Fovea cen- 
tralis zeigte sich ein intensiv rother unregelmässig runder Fleck. 

In den nächstfolgenden Tagen bemerkte man in dem inneren unteren 
Hauptvenenaste einen besonders lebhaften und stürmischen Venenpuls. Auch 
zeigten sich Hämorrhagien in der Netzhaut und auf der Papille. Am 
fünften Tage war von Blutbewegungen in den Arterien nichts mehr zu 
sehen; auch der Venenpnls war schwächer geworden, verschwand jedoch erst 
am dreizehnten Tage nach der Aufnahme. Am neunzehnten Tage war auch 
die Trübung in der Maculagegend verschwunden und der rothe Fleck kaum 
mehr sichtbar. Durch Fingerdruck auf den Augapfel entstand eine 
lebhafte Blutbewegung in sämmtlichen Gefässen; in Arterien und 
Venen strömte das Blut nach dem Centrum der Papille hin. Nach 
Aufhebung des Fingerdruckes füllten sich alle Gefässe wieder, 
die Arterien vom Centrum, die Venen von der Peripherie her. 

Es fragt sich: woher die Kraft nehmen für eine rechtläufige 
Strömung in dem retinalen Gefässsysteme bei Vorhandensein eines 



') Meyhöfer, Klin. Monatsblätter, 1874, S. 314. 



262 Embolie der Arteria centralis retinae. 

verstopfenden Embolus in der Centralarterie V Für eine rein 
pendelnde Bewegung der Blutsäule, wie sie Cohnheim be- 
schreibt und in meinem Falle gegeben war, genügt allerdings der 
mit dem Herzdrucke wechselnde Blutdruck in den Nachbar- 
venen, aus welchen eben das Blut rückläufig in das retinale 
Gelassgebiet strömt; ja es reicht derselbe hin, um den von Mey- 
höfer gesehenen Venenpuls zu erklären, da dieser denn doch 
nichts Anderes als ein rhythmisches Füllen und Leerwerden der 
Centralstiicke einzelner retinaler Hauptvenen bedeuten dürfte. Allein 
für ein allmäliges Fortrücken der Blutsäule in den Arterien 
und deren stete Erneuerung an der Pforte ist kein befriedi- 
gender Erklärungsgrund zu finden. 

Die Centralarterie ist nämlich als eine Bndarterie aufzu- 
fassen. Sie giebt in der Höhe des Nervenkopfes allerdings einige 
höchst feine Reiserchen ab, welche, im Stützgewebe sieh vertheilend, 
unmittelbar und mittelbar durch die Capillaren und Venen zusammen- 
hängen mit den Gelassen, welche aus der Aderhautgrenze und 
dem hinteren Scleralkranze zum Nervenkopfe gelangen (Leber 1 ). 
Auch geht sehr gewöhnlich kurz nach dem Eintritte der Netzhaut- 
schlagader in den Opticus ein Ast ab, welcher parallel dem Stamme 
in der Opticusaxe nach vorne zieht und sich ausschliesslich in dem 
Nervenkopfe verästelt (Schwalbe 2 ). Diese Anastomosen sind aber 
so geringfügig und beschränkt, dass sie bei Verstopfung der Central- 
arterie ganz unmöglich ein merkbares Ueberströmen des Blutes 
und eine Bewegung vermitteln können, welche nach Jäger's 
ausdrücklicher Angabe in den Hauptstämmen wohl langsam, in 
den mittleren Gefässen aber rascher und in den kleineren am 
raschesten ist. Und wenn dies wäre, wie kann man damit die von 
Jäger und mir unzweifelhaft beobachtete dunkle, also venöse 
Färbung des in den Arterien enthaltenen Blutes vereinbaren? In 



*) Leber, Denkschriften der math.-naturw. Classe der kais. Akademie 
der Wissensch. zu Wien XXIV., Sep.-Abdruck S. 27. 

2 ) Schwalbe, Graefe und Sämisch, Handbuch L, S. 346. 



Der hämorrhagische Infarct ; Blutextravasate ; Netzhaattrubaag. 263 

den späteren Stadien des Processes mag allenfalls eine Erweiterung 
dieser Anastomosen and somit ein Deberströmen arteriellen Blutes 
in die Verästelungen der Centralarterie annehmbar sein, insoferne 

r wirklich ein späteres Hellwerden der Blutsäule und eine 
Rückkehr der Arterien zu ihrem nonnalen Typus nach- 
konnte. Für die ersten Stadien des Processes ist ein solcher 
jedoch durch die dunkle Blutiärbe ausgeschlossen. 

]]\ gleicher Weise spricht dieses letztere .Moment gegen die 
Annahme, es könnte der Embolus nur eine unvollständig« 
»topfung der Centralarterien bedingt und ein weitere- Einströmen 
arteriellen Blutes in die Netzhautschlagadern gestattet haben. 

Wohl aber erklärt di Iheilung die auffällig ge- 

ringen Veränderungen, welche die Papille im Au^enspiegel- 
bilde während der ersten Zeiten des T Ich 

fand keinen Unterschied gegenüber der Norm und Jäger bemerkte 
nur schwache Andeutungen bläulicher Flecke in der mehr gelb 
gefärbten Scheibe. 

Wanden wir uns nun den weiteren Phasen des Kmbdismus 
zu. so ergeben -ich ganz erhebliche Abweichungen von den Co nu- 
ll ei m 'sehen Befunden. Wirklich kann von einem hämorrhagischen 
Infarcte. wie ihn Cohnheim der Anschoppung folgen lasst, in 
der Netzhaut kaum die Rede -ein. Jag s _r wohl, die Retina 
habe nach 24 Stunden im Allgemeinen eine etwas dunkler rothe 
»Farbe angenommen^. Am 12. Tage jedoch erschien die Farbe 
schon wieder lichter roth. Meyhöfer erwähnt davon nichts und 
mir ist auch etwas Aehnhches nicht aut'getällen. Wie weit sieh 
diese Beobachtung Jägers mit der Cohnheim' sehen deckt, 
steht dahin. 

Es bleiben als mögliche Repräsentanten der von Cohnheim 
beschriebenen Secundärzustände also nur die von Meyhöfer ange- 
führten Hämorrhagien und die ansehnliche Trübung der Netz- 
haut, welche in meinem Falle ms zur völligen Undurchsichti^-keit 
gesteigert erschien. Die ersteren sind aber höchst wahrscheinlich 
nicht sowohl durch Diapedesis rother Blutkörperehen, als vielmehr 



264 Embolie der Arteria centralis retinae. 

durch Einreissen der bereits sehr geschädigten Gefäss Wandungen 
begründet. Und was die Trübung anbelangt, so ist man über das 
Wesen derselben völlig im Unklaren und wird es auch wohl bleiben, 
bis genaue anatomische Untersuchungen, kurz nach dem Auftreten 
der Embolie. angestellt, Einsicht in den Trübungsprocess gewähren. 
Vorderhand wird sie von Leber 1 ! auf molekulare Trübung der 
Elemente bezogen und der nach Durchschneidung des Sehnerven 
rasch auftretenden, gleichfalls sehr intensiven Netzhauttrübung 
(Berlin 2 ) an die Seite gestellt, also in der Bedeutung eines reinen 
Atrophisirungsprocesses aufgefasst, bei welchem laut meinem 
Falle auch Oedein des Stützgewebes eine Rolle spielen kann. 

Sei der nosologische Vorgang indessen, welcher er wolle, 
sicherlich betrifft er ursprünglich immer nur die vorderen 
Strata und namentlich die Faserschichte der Netzhaut, während 
die bezüglich ihrer Ernährung von der Choriocapillaris abhängigen 
hinteren Lagen erst später in den Schwund einbezogen werden. 
Man darf dies schliessen aus dem fast un verschleierten Durch- 
scheinen der mit Blut überfüllten Aderhaut im Bereiche der 
Fovea centralis, in welchem eben die Faserschichte ganz fehlt und 
die übrigen Vorderstrata auf ein höchst dünnes Häutchen ver- 
schmächtigt sind. 

Der rothe Fleck in der Maculagegend, welcher fast von 
allen über Embolie der Centralarterie berichtenden Autoren als 
charakteristisch hervorgehoben wird, erscheint anfänglich, wo 
die noch wenig dichte Trübung der Netzhaut den gelben Fleck 
nebelartig in weiterem Umkreise einsäumt, von entsprechenden 
grossen Durchmessern, sein Flächeninhalt steht dein der Papille 
wenig nach oder übertrifft ihn wohl gar. In dem Maasse aber, 
als die retinale Trübung gegen das Centrum hin vorrückt und an 
Durchscheinbarkeit abnimmt, zieht sich auch der Fleck zusammen 
und wird dunkler und dunkler, indem der Contrast zwischen der 



') Leber, Graefe und Satirisch, Handbuch V., S. 542. 
2 ) Berlin, Klin. Monats hl ätter. 1871, S. 278, 281. 



Fleck in der Maculagegend ; Uveale Hyperämie. 265 

blutrothen Farbe der Foveagegend und der hart daran stossenden 
hellweissen Färbung der Netzhautvorderschichten die Schattirung 
der ersteren wesentlich beeinflusst. l ) Mit der folgenden Aufhellung 
der Netzhaut vcrgrössert sich auch wieder der floh stichähnliche 
Fleck und nimmt an Helligkeit zu, um schliesslich in der rothen 
Farbe des Augengrundes völlig aufzugehen. Wirkliche Blutextra- 
vasate sind dabei durchaus nicht ausgeschlossen, 2 ) vielmehr ist 
ihr Auftreten durch den Zerfall des Gewebes, welcher sich in der 
Faserschichte der Netzhaut ausspricht, und durch die öfters beob- 
achtete namhafte Erweiterung der dort streichenden feinen Ge- 
fässe (Blessig, Mauthner 3 ) geradezu begünstigt. Aber eine 
constante Erscheinung sind sie nicht, fehlen vielmehr in der 
überwiegenden Anzahl der veröffentlichten Fälle. Es muss daher 
der rothe Fleck in der Regel blos auf die Blutüberfüllung in 
der Ad er haut zurückgeführt werden. 

Diese Blutüberfüllung der Aderhaut ist hinwiederum 
eine noth wendige Folge der im Innern des Bulbus herrschen- 
den Strömungsgesetze. 4 ) Insoferne nämlich das im Binnen- 
raume jeweilig kreisende Blutquantum ein nahezu unveränder- 
liches ist, muss bei Entleerung der retinalen Gefässe eine 
ausgleichende Vermehrung des uvealen Blutgehaltes eintreten 
oder richtiger gesagt: wenn die Stromkraft und damit auch der 
Seitendruck in dem Netzhaut gebiete auf ein Kleinstes sinkt, 
nehmen auch die Widerstände ab, welche dem Zuströmen des 
arteriellen Blutes in die uvealen Gefässe entgegenstehen; es wird 
daher kraft des regulatorischen Einflusses der elastischen Bulbus- 
kapsel so lange arterielles Blut im Ueberschusse einfliessen 
und venöses Blut weniger abströmen, bis der Seitendruck in 



') Liebreich, Arch. f. Ophthalmologie V., 2, S. 255; Graefe, ibid. 
V., l, S. 152. 

2 ) Blessig, ibid. VIII., 1, S. 223 u. f. 

3 ) Blessig, ibid. S. 221; Mauthner, Lehrbuch der Ophthalmoskopie. 
Wien, 1868. S. 339. 

4 ) Stell wag, Der intraoeulare Druck etc. Wien, 1868. S- 20, 30. 



266 Embolic der Arteria centralis retinae. 

dem uvealen Gebiete sieh dem früheren Seitendrucke des ge- 
sammten Binnenstromgebietes nähert oder denselben erreicht. 

Wirklich konnte ich in beiden von mir beobachteten ein* 
schlägigen Fällen eine wesentliche auffällige Verminderung der 
Bulbushärte nicht wahrnehmen. Manthner 1 ) jedoch giebt eine 
Spannungsherabsetzung an. spricht sich aber über den Grad 
derselben nicht aus. In Nettleship's 2 ) und Loring's 3 ) Fälle da- 
gegen war, allerdings erst nach woehenlangem Bestände der 
Embolic. entschiedene Spannungszunahme mit allen Erschei- 
nungen des Glaukoms zu Stande gekommen, und in meinem oben 
mitgetheilten Falle hatte sich unter dem Bilde von Iridochorioiditis 
eine partielle Seleralektasie entwickelt, avus wieder mit einer 
Herabsetzung des intraocnlaren Druckes nicht zusammenstimmt. 

Die Aufrechterhaltung des intraocnlaren Druckes in einer der 
Norm nicht allzuferne stehenden Höhe ist nun aber zweifelsohne der 
H a u p t g r u n d d e s N i c h t z u s t a n d e k o m m e n s d e s in der embolisirten 
Froschzunge so wuchtig auftretenden hämorrhagischen Infarctes 
(Leber 4 ). Die Weitmaschigkeit der Xetzhautcapillaren, deren 
eigenthümlieher Bau und ihre Umscheidung von Lymphräumen 
(Schwalbe 5 ) können dabei mitwirken, sind aber jedenfalls neben- 
sächlich. Es leuchtet nämlich ein, dass die Stromkraft des von 
den Nachbarvenen des retinalen Blutadersystemes in dieses rück- 
läufig eindringenden Blutes nur sehr gering und zur Xoth hin- 
reichend sein könne, um unter den herrschenden Binnendruck- 
verhältnissen die grösseren Gelasse zu füllen, nicht aber um das 
gesammte retinale Stromgebiet förmlich vollzupfropfen und bis in 
die feinsten capillaren Netze hin mit Blut auszuweiten. 



») Mauthner, Lehrbuch der Ophthalmoskopie. Wien, 1868. S. 342. 

2 ) Nettleship, Ophth. Hosp. Rep. VIII., p. 12; Nagel's Jahresbericht, 
1875. S. 120. 

3 ) Loring, Klin. Monatsblätter, 1868, 8.349. Dieser Fall kann indessen 
nicht mit Sicherheit auf Embolie bezogen werden. 

4 ) Leber, Areh. f. Ophthalmologie XVIIL, 2, 8. 35; Graefe und 8ämisch, 
Handbuch V., S. 547. 

5 ; Schwalbe, ibid. L, S. 441. 



Ed. Jägers »Blutstockung«. 267 

Damit fallen denn auch alle Einwände, welche aus dem 
Nichterscheinen des hämorrhagischen Infarcl s _ gen die 
embolische Natur der in Rede stehenden Gruppe von Fällen 
erhöhen werden können. Die Abweichungen, welche di 
im retinalen Stromg rkennen lässt. fliessen mit Nothwendig- 

keit aus der Verschiedenheit des Bodens, auf welchem der patho- 
_ sich abspielt 

erwachs* ein anderer triftiger Einwand aus einer 
_ «reiche Ed. Ji _ «riederholt gemacht zu haben 

erklärt und welche mit Bestimmtheit darthut. dasfl _ iaupt- 

des von di- - auf Einbaue gedeuteten oben be- 

schriebenen Krankheitsbildes auch unter Umständen vorkommen 
können, welche die Unterschiebung einer embolischen 
1 ntralarterie ak - _><hen Grund nur 
schwer oder gar nicht gestatten. Ed. Jäger beschreibt sie 
al< Hyperämie mit stärkerer Ausdehnung der Arterien 
Blutstockung in f-l^enden abgekürzten Sätzen: 

»In diesen Fällen nahmen die arteriellen wie venösen Blut- 
>sänlen. und zwar die ersteren überwiegend, an Dnrehmesserund 
^Färbung allniälig aber eonstant zu. bis endlich jeder Unterschied 
»hierin verschwunden war und die Arterien sich ebenso breit und 
»dunkel gefärbt zeigten, wie die Vene Erweiterung erschien 

-in den einzelnen Fällen stets gleichmi . _ hwerthigen 

^Arterien und Venen. 

der Entwiekelung «: - heinungen verminderte sich die 

allgemeine Erleuchtungsintensität des Augengrundes und vermehrte sich die 
röthliche Färbung der Netzhaut und des .Sehnervenscheitels. 

_ engrund zeigte noch immer eine gelbröthliche . wenn auch 
-dunklere Färbung, und der Sehnerv blieb in seiner lichteren Farbe und in 
-seiner Begrenzung deutlich erkennbar. 

interessanteste Erscheinung in diesen Fällen war das Sichtbar- 

»werden der Blutcirculation und die Verlangsamung derselben 

Staa 

»Hatte die Verbreiterung und dunkle Färbung der Blutsäulen in den 

^ Arterien wie in den Venen einen nahezu gleichen Grad erreicht, so traten 



1 Ed Jäger. Ergebnisse und Untersuchungen etc. Wien. 1S76. S. 100. 
T > Ed. Jäger, ibid. S. 75. 



268 Embolie der Arteria centralis retinae. 

»in beiden allmälig und immer deutlicher Bewegungserscheinungen hervor. 
»Es gab sich in denselben anfangs eine Bewegung in ähnlicher Weise kund, 
»als würde feiner Sand mit sehr grosser Geschwindigkeit durch eine Glas- 
röhre hindurch getrieben. Die Bewegung schien weiterhin an Raschheit ab- 
»zunehmen und im Blutstrome die Körnung immer deutlicher und mächtiger 
»sich hervorzubilden. 

»Allmälig konnte man mit Sicherheit erkennen, dass sich dunkelrothe 
»Körner, suspendirt in einem farblosen durchsichtigen Medium, mit grosser 
»Raschheit und zwar in den Arterien in centrifugaler, in den Venen 
»aber in centrip etaler Richtung weiter bewegten. 

»Diese rothen Körner nahmen weiterhin an Grösse und gegenseitigem 
»Abstände zu, verminderten sich an Zahl und bewegten sich immer langsamer. 
»Hatten sie endlich einen Durchmesser entsprechend dem Lumen des jeweili- 
»gen Gefässes erlangt, so nahmen sie allmälig an Länge zu und füllten das 
»Gefässrohr in grösserer oder kleinerer Ausdehnung vollständig aus. 

»Bei weiterer Abnahme der Bewegung konnte man nun deutlich er- 
nennen, dass das Blut sich in dunkelrothe und in durchsichtige nahezu iarb- 
»lose (sehr schwach röthlichgelbe) Theile getrennt hatte. Der rothe Blutantheil 
»bildete Cylinder, deren Breite dem Lumen des jeweiligen Gefässes entsprach, 
»deren Länge dagegen sehr beträchtlich mit dem geringeren Durchmesser der 
»Gefässe zunahm. Die kleinsten Gefässe wurden ihrer Länge nach von diesen 
»Cylindern zum grössten Theile, ja bei fortdauernder Bewegung durch längere 
»Zeit, vollkommen ausgefüllt. 

»In den Venen traten die rothen und farblosen Blutcylinder im All- 
»gemeinen in derselben Art und Weise auf wie in den Arterien, zeigten 
»jedoch häufig eine grössere Ungleichheit, insbesondere einen geringeren Längs- 
»durchmesser. 

»Die Bewegung dieser Cylinder war im Anfange eine äusserst rasche 
»und wurde allmälig immer langsamer, sie erschien jedoch in den einzelnen 
»Gelassen nicht gl eich massig; sie war in den grösseren Gelassen stets 
»verhältnissmässig langsamer, in den kleinen rascher, in den kleinsten am 
»schnellsten. 

»War die Verlangsamung der Blutbewegung bis zu einem gewissen 
»Grade vorgeschritten, so beobachtete man in dem einen oder andern Gefäss- 
»bezirke, oder auch gleichzeitig im ganzen Centralgefässgebiete, einen plötz- 
»lichen Stillstand der Cylinder, welch' letztere sich jedoch alsbald wieder 
»gleichmässig fortbewegten. Kürzere oder längere Zeit hierauf trat abermals 
»ein Stillstand mit darauf folgender gleichmässiger Bewegung ein, worauf 
»dann Stillstand und Bewegung in immer kürzeren Zwischenräumen sich 
»folgten, bis endlich im ganzen Gefässgebiete die Blutmasse nur ruckweise 
»(stossweise) vorgeschoben wurde. 

»Hatte diese Bewegungsart einige Zeit gedauert und dabei wesentlich 
»au Raschheit abgenommen, so erfolgte plötzlich ein Hin- und Herschwanken, 



Ed. J ä g e r 's »Blutstockung«. 269 

»ein Vor- und Rückwärtsschieben der ganzen Blutmasse in immer geringeren 
»Exemtionen. Diese Bewegung ging in ein Vibriren, Erzittern der Cylinder 
»über und schliesslich trat ein allseitiger und andauernder Stillstand ein — 
»die Stase war vollendet. 

»Diese Stase dauerte in den beobachteten Fällen einen bis mehrere 
»Tage, worauf sich allmälig die Blutbewegung wieder einstellte und die Rück- 
bildung der übrigen Erscheinungen (in genau umgekehrter Ordnung) erfolgte. 

»Die Funetionsstörung war in den gegebenen Fällen stets sehr beträcht- 
»lich. Das Sehvermögen sank rasch auf blos quantitative Lichtempfindung und 
»war während des Bestehens der Stase vollständig aufgehoben. Mit Wieder- 
»eintritt der Blutbewegung erwachte die Lichtempfindung und steigerte sich in 
»Fällen, in welchen kein neues Sehhinderniss sich entwickelte, zu einem nahezu 
»gleichen Sehvermögen, wie es ursprünglich bestanden.« 

Die Aehnlichkeiten, welche die Erscheinungen in diesen und 
in den oben mitgetheilten, auf Emboli e gedeuteten Fällen bieten, 
sind in die Augen springend. Auch hier ist das Herkommen 
des in den Arterien rechtläufig strömenden dunklen, also 
venösen Blutes für mich ein unlösbares Räthsel. 

Noch schwieriger aber gestaltet sich die Entwirrung der 
gegebenen Thatsachen, wenn man die Unterschiede in den 
beiden Krankheitsbildern und namentlich die von Jäger ausdrück- 
lich betonte allmälige und sehr beträchtliche Kaliberzunahme 
der arteriellen und venösen Gtefässe behufs einer Analyse 
heranzieht. 

Von einer embolischen Verstopfung der Arterienlich- 
tung kann selbstverständlich nicht die Rede sein, selbst eine 
Verengerung des Lumens der Centralarterie müsste innerhalb der 
Netzhaut eine Verminderung des arteriellen Kalibers im Gefolge 
haben und Hesse überdies die dunkle Färbung der darin ent- 
haltenen rechtläufig vorrückenden Blutsäule unerklärt. Viel eher 
Hesse sich an eine th eilweise oder gänzliche Verstopfung 
der Central veno denken, da mit der Stauung nothwendig eine 
Verlangsamung des Stromes auch in den Arterien platzgreifen 
müsste und so eine Desoxydation des Blutes in den Schlagadern 
nichts sehr Besonderes an sieh hätte. 



270 Embolio der Arteria centralis retinae. 

Allein Jäger bemerkt ausdrücklieh, dass die Verbreiterung 
und dunkle Färbung der Arterien vorausgeht und dann erst 
eine sehr rasche Bewegung sichtbar wird, welche allmälig bis 
zur Stase sich verlangsamt, dann wieder anhebt und zur Norm 
zurückkehrt. Ueberdies liegen Fälle vor, in welchen eine Throm- 
bosirung der Centralvene durch anatomische Untersuchungen 
vollkommen sichergestellt ist (Michel, Angelucci 1 ). Das Bild, 
welches diese Fälle während des Lebens darboten, ist aber ein 
von dem Jag er 'sehen Befunde ganz verschiedenes. 

Michel hat diese Krankheit sieben Mal beobachtet, vorwaltend bei 
Individuen zwischen 60 und 70 Jahren, einmal beiderseitig, ausnahmslos 
mit hochgradiger Sclerosc der peripheren Arterien verknüpft. Die Erkrankung 
ist stets eine plötzliche, doch gedeiht sie niemals primär zu absoluter Blind- 
heit. Er unterscheidet drei Grade : die vollkommene, die unvollkommene 
Verstopfung und eine blosse Verengerung der Venenlichtung. 

Bei dem höchsten Grade erscheint Opticus und umgebende Retina 
blutig diffus suffundirt. Jenseits dieser Zone tindet sich eine ungemein grosse 
Anzahl von umschriebenen Extravasaten. Von Arterien und Venen ist inner- 
halb der blutig suffundirten Zone nicht das Geringste wahrzunehmen. Jenseits 
derselben erscheinen die venösen Hauptverzweigungen bedeutend erweitert, 
wurstförmig, stark geschlangelt, von einer tief dunkel schwarzroth gefärbten 
nicht selten unterbrochenen Blutsäule gefüllt. In der Macula eine gelblich- 
graue Verfärbung, in der Mitte derselben ein Blutextravasat. 

Bei dem zweiten Grade sind die Grenzen der Papille durch breite 
streifenförmige Extravasate vollständig verdeckt, besonders dicht gegen die 
Macula hin. Die Arterien erscheinen nur schwach angedeutet, wäh- 
rend die Venen wieder sehr angepfropft und geschlängelt sich zeigen. Jenseits 
der oben erwähnten Extravasatzone zahlreiche Netzhauthämorrhagien. 

Bei dem dritten Grade endlich erscheinen die Arterien sehr dünn, 
während die Venen stark geschlängelt und verbreitert, von dunkel rother Farbe 
sind. An der Papille und ihrer Umgebung sind büschelförmige Extravasat- 
streifen, in den mehr peripheren Netzhautpartien jedoch rundliche Hämor- 
rhagien zu sehen. 

Angelucci spricht sich gegen Michel's Ansichten insoferne aus, als 
er die Verstopfung der Centralvene in zwei Fällen bei jugendlichen 



! ) Michel, Arch. f. Ophthalmologie XXIV., 2, S. 37; Angelucci, 
Klin. Monatsblätter, 1878, S. 443; 1879, S. 151; Zehender, ibid. 1878, Bei- 
lage S. 182. 



Thrombosirung der Cenfcrälvene ; Blutcxtravasatc im Nervenkopf c. "211 

Individuen mit Herzfehlern, aber ohne Spur von Arteriosklerose, anatomisch 
nachweisen und auf Phlebitis und Periphlebitis zurückführen konnte. 
Auch er hebt die starke Verengerung der retinalen Arterien hervor. 
Dagegen bestand in diesen zwei Füllen absolute Blindheit und in der 
Netzhaut waren in einem dritten Falle, begründet durch Altersbrand, keine 
Netzhauthämorrhagien. Der aus Fibrin und weissen Blutkörperchen beste- 
hende Pfropf schloss die Vena centralis unmittelbar hinter der Siebmembran 
nicht vollständig. 

Es winkt aber auch kein Gewinn für die Deutung der 
Jäger'schen Beobachtungen, wenn man mit Magnus 1 ) Blutungen 
im Bereiche des Nervenkopfes und eine dadurch gesetzte 
Zusammendr tickung der Centralgefässe als nächsten Grund an- 
nehmen wollte. Die Ausdehnung der retinalen Arterien, deren 
Erfüllung mit dunklem venösen Blute und dessen rechtläufige 
Bewegung machen jeden derartigen Versuch scheitern. 

Die raschere Entwicklung der Netzhauttrübung und die völlige Leer- 
heit oder bedeutende Verengerung der Arterien bei normalem Kaliber oder 
bei Erweiterung der Venen mögen einmal im Sinne Magnus' beihelfen, die 
Diagnose auf Sehnervenblutung festzustellen und die betreffenden Fälle 
von jenen zu unterscheiden, in welchen eine Emboli e vorliegt und bei ab- 
soluter Anämie der Arterien und Venen die Netzhauttrübung erst im 
Verlaufe mehrerer Tage hervortreten soll-, für die Aufhellung der Jäger- 
schen Fälle sind diese durch anatomische Belege nicht ausreichend unter- 
stützten Angaben ohne alle Bedeutung. 

Die Zurückfuhrung der räthselhaften Erscheinungen auf ihre 
nosologische Grundlage muss nach allem dem bis auf Weiteres der 
Zukunft anheimgestellt werden. Nur so viel lässt sich sagen, 
dass diese Grundlage der »Stase« ein Veränderliches und öfters 
ein Vorübergehendes sein müsse, welches die Rückkehr zur 
Norm nicht ausschliesst. 

Ein solcher Wechsel zum Besseren, ja zur Heilung 
(Knapp 2 ), Haase 3 ) ist übrigens auch in mehreren anderen Füllen 



v ) Magnus, Die Sehnervenblutungen. Leipzig, 1874- Klin. Monatsblätter, 

1878, S. 78. 

2 ) Knapp, Arch. f. Ophthalmologie XIV., 1, S. 217, 4. Fall. 

3 ) llaa.se, Arch. f. Augenheilkunde X., S. 474. 



272 Embolie der Arteria centralis retinae. 

(Schneller, Stefan 1 ) beobachtet worden, und vorübergehende 
— mehrere Minuten bis Tage (Knapp 2 ) anhaltende — Erblindungen 
sind als Vorläufer der auf wahre Embolie bezogenen end- 
gültigen Anfälle sogar etwas nicht ganz Ungewöhnliches. Zwei 
meiner Fälle verhielten sich so und andere Autoren 3 ) wissen 
Aehnliches zu berichten. Mauthner 1 ) hat übrigens einen Fall 
gesehen, in welchem es bei solchen Anläufen blieb, ohne dass 
es zu einer dauernden Amaurose gekommen wäre. 

Ein 60jähriger Herr, welcher seit anderthalb Stunden an seinem linken 
Auge eine bald steigende, bald wieder zurückgehende Verdunkelung des Ge- 
sichtsfeldes wahrnahm, suchte ihn auf. Während Maut Im er die Prüfung des 
Sehvermögens vornahm, verminderte sich dieses immer mehr, so dass nach 
ungefähr einer Minute nur mehr quantitative Lichtempfindung vorhanden war. 
Bei der sogleich angestellten Augenspiegeluntersuchung ersah Mauthner, 
»dass während seiner Prüfung totale Embolie der Arteria cen- 
tralis retinae eingetreten war.« Der Spiegel zeigte nichts als hoch- 
gradige Verdünnung der Arterien. Auf der Papille und etwas darüber 
hinaus waren die Netzhautschlagadern nur noch als dünne rothe Streifen zu 
sehen, während sie an der Peripherie völlig unsichtbar erschienen. Die Venen 
unverändert. Nach kurzer Zeit war Alles zur Norm zurückgekehrt und das 
Auge blieb seitdem auch verschont. Doch war einige Monate darnach eine 
rechtsseitige Hemiplegie aufgetreten. 

Eine auf befriedigenden Gründen fussende Erklärung dieser 
Vorgänge liegt nicht vor. 

Die letzterwähnten Fälle sind fast durchwegs ihrer 
ophthalmoskopischen Erscheinung nach von den früher erörterten 
wesentlich abweichend, daher ich selbe mit den übrigen ihnen 
ähnlichen in eine besondere Gruppe zusammenfassen zu sollen 
glaube. Die Fälle, in welchen bisher eine wirkliche Embolie 



i) Schneller, Arch. f. Ophthalmologie VIII., 1, S. 271; Steffan, 
ibid. XII., 1, S. 34. 

2) Knapp, ibid. XIV., 1, S. 212. 

3 ) Liebreich, Ophthalmoscop. Atlas, S. 23; Schneller, I.e.; Loring, 
Klin. Monatsblätter, 1874, S. 317, 2. und 3. Fall; Mauthner, Lehrbuch der 
Ophthalmoskopie. Wien, 1868. S. 342. 

4 ) Mauthner, Wiener medicinische Jahrbücher, 1873, S. 199. 



Fälle mit undeutlichen Fluxionserscheinungen. 273 

der Arteria centralis anatomisch nachgewiesen werden 
konnte, fallen sämmtlich in diese Gruppe hinein, daher 
über den embolischen Charakter vieler derselben kaum ein 
Zweifel aufkommen kann. Graefe (S. 247) hat für selbe das 
Musterbild gezeichnet. 

Als charakteristisch gilt neben der plötzlichen Erblindung 
die ausserordentliche Verdünnung der Arterien bei Verdünnung 
oder normalem Kaliber der Venen, das Auftreten der starken 
Trübung um die Papille und Macula und die Entwicklung eines 
dunkel blutrothen Fleckes im Bereiche der Centralgrube. Die 
Verdünnung der Arterien geht oft bis zum Verschwinden der 
Blutsäule, deren Färbung, wo sie angegeben wird, als eine he 11- 
rothe bezeichnet ist. Die Verdünnung betrifft bald dasgesammte 
arterielle Gebiet, bald ist sie besonders stark im Bereiche der 
Papille und an der Peripherie ausgesprochen, während umgekehrt 
in anderen Fällen die Centralstücke verhältnissmässig am 
weitesten getroffen wurden und auch wohl eine Verbreiterung 
der Arterien gegen die Peripherie hin angemerkt erscheint. Was 
die Venen betrifft, so werden sie bald von normalem Kaliber, 
bald verengt bezeichnet. Meistens finden sich die Centralstücke 
als sehr verengert angegeben, während die peripheren Theile oft- 
mals verhältnissmässig dicker befunden wurden. Die Blutsäule in 
den Venen wird gewöhnlich dunkel gefärbt, bisweilen unterbrochen 
und hin- und herbewegt, oftmals auch pulsirend geschildert. 

Es sind diese Fälle schon vielfach Gegenstand weitläufiger Er 
örterungen gewesen, daher ich mich einer neuerlichen Bearbeitung um 
so lieber enthalte, als ich nichts Wesentliches hinzuzufügen vermöchte. 
Ich beschränke mich auf die Mittheilung zweier einschlägiger Fälle. 

Ein hochgestellter 7 Oj ähriger rüstiger Herr kam um 2 Uhr Nach- 
mittags in meine Ordinationsstunde, nachdem er im Laufe des Vormittags 
plötzlich unter Flimmererscheinungen auf dem rechten Auge erblindet war. 
Ich fand die Lichtempfindung bis auf ganz geringe Spuren vollständig auf- 
gehoben. Mittelst des Augenspiegels vorgehend, stiess ich auf das aus- 
gesprochene Bild einer Embolie der Centralarterie. S ä mm t liehe Ge fasse 
der Netzhaut waren sehr stark verengert •, die Arterien haupt stamme ihrer 

St eil wag, Abhandlungen. 18 



274 Embolic dcv Artcria centralis retinae. 

ganzen Liinge nach fadendünn, im Bereiche der Papille kaum mehr zu erkennen ; 
die Venenhaupt stamme stielrund, auf dem Sehnervenquerschnitte spitz 
zulaufend und gegen die Pforte hin sowie jenseits des Acquators verschwin- 
dend-, die darin enthaltene Blutsäule massig dunkel, nirgends unterbrochen, 
ohne sichtbare Bewegung, nicht pulsirend; die kleinen Gelasse scheinbar 
fehlend ; die Papille und der Augengrund ohne auffällige Veränderung der 
Farbe; die Papillengrenze und die Umgebung der Macula leicht nebelig ge- 
trübt, die Gegend des gelben Fleckes selbst etwas dunkler roth. 

Nächsten Tages war die Trübung um die Papille und Macula herum 
schon sehr auffällig, spielte in's Grauweisse, während die übrige Netzhaut wie 
mit einem diffusen Nebel Übergossen schien. In der Gegend des gelben 
Fleckes war die Röthe durch die umgebende Trübung beträchtlich eingeengt, 
stach dagegen durch ihre sehr tief dunkelrothe Farbe viel mehr hervor und 
hatte ganz das Aussehen eines Flohstiches. Die Vencnhauptstämme hatten 
an Durchmesser etwas abgenommen, gegen die Peripherie hin jedoch sich 
verlängert und einzelne zeigten sich hier sogar etwas weiter als in der 
Gleichergegend. 

Im Verlaufe der nächsten acht Tage nahm die Netzhauttrübung mehr 
und mehr ab, der dunkelrothe Punkt in der Maculagegend lichtete sich etwas; 
dagegen machte sich rings um die Papille ein, an Breite derselben nahe- 
kommender, heller Saum mit etwas unregelmässigem schmutzig bräunlich ge- 
wölktem Aussenrandc bemerklich, die Venen wurden immer dünner, die Ar- 
terien fast unsichtbar, die Papille selbst blässer. 

Der Kranke blieb, da ich ihm die Erfolglosigkeit einer Behandlung von 
vorneherein dargestellt hatte, aus. Nach einem Jahre sah ich ihn wieder, 
da er glaubte, auch auf dem linken Auge stellen sich Vorboten der Erblin- 
dung ein, wie dies vor der Erkrankung des rechten Auges der Fall gewesen 
war. Nach Allem musste ich jedoch schliessen, dass es sich dermalen blos 
um ein Flimmerscotom handle, und in der That ist der Kranke seither, d. i. 
seit zwei Jahren frei geblieben. 

Bei der ophthalmoskopischen Untersuchung ergab sich vollständige 
Atrophie der Papille, die von einem ihr an Breite fast gleichkommenden hell- 
weissen, sehnig glänzenden, etwas unregelmässig begrenzten, am Rande von 
zerworfenem Pigmente bestandenen Ringe umgeben war. Derselbe ist ohne 
Zweifel auf Schwund der hinteren Aderhautzone zu beziehen und deutet auf 
krankhafte Vorgänge im Bereiche des hinteren Scleralkranzes. Von den Ge- 
lassen sind nur mehr vier dünne zarte Stämmchen zu sehen, die ohne Ver- 
zweigung noch vor dem Gleicher enden. Von Trübungen der Netzhaut und 
dein rothen Flecke in der Centralgrube keine Spur mehr zu entdecken. Voll- 
ständige Amaurose des betreffenden Auges. 

Der zweite Fall ist erst in allerjiingster Zeit auf meiner Klinik 
zur Beobachtung gekommen und steht daselbst noch in Behandlung. 



Fülle mit undeutlichen Fluxionserselieinungen. 275 

Er bietet in seinen einzelnen Zügen so viel des Uebereinstiinmen- 
den, dass man kaum umhin kann, ihn der Kategorie jener Fälle 
einzureiben, welche dermalen auf Embolie der Centralarterie zurück- 
geführt werden. Anderseits hat er aber auch seine Besonderheiten 
und schlägt in gewissen Beziehungen ganz aus der Art. Er lässt 
es so recht schwer empfinden, wie wenig abgegrenzt die Krank- 
heitsbilder der mannigfaltigen krankhaften Vorgänge sind, welche 
im Nervenkopfe sich möglicherweise abspielen können, und wie 
vieler genauer Untersuchungen es noch bedarf, um die Diagnose 
zu sichern. 

Ein 26jähriger kräftig gebauter Färbergeselle, E. H. , war im Jahre 
1875 mit acutem Gelenksrhcumatismus durch sechs Wochen in Spitalbehand- 
lung gelegen. Ob er damals ein Herzleiden erworben, ist nicht zu ermitteln-, 
darauf hindeutende Beschwerden waren seither nicht vorhanden, nur will er 
wahrend seiner Militärdienstzeit bei grösseren Körperanstrengungen öfter von 
Herzklopfen befallen worden sein. Am Tage vor der Aufnahme auf die 
Klinik hatte der Kranke nach überreichlichem Genüsse geistiger Getränke 
eine ziemlich grosse Strecke in raschem Laufe zurückgelegt. Am Ziele 
angelangt, bemerkte er, dass er nach der linken Seite hin schlechter sehe 
und, nachdem er das rechte Auge mit der Hand verdeckt hatte, dass das 
linke Auge vollständig erblindet sei, Tag und Nacht zu unterscheiden nicht 
vermöge. Obwohl erschreckt, schöpfte er doch aus dem Umstände Hoffnung, 
dass bereits vor einem Jahre ein ähnlicher Anfall ohne Folgen rasch vor- 
übergegangen war. Es hatten sich nämlich bei Verrichtung einer schweren 
Arbeit plötzlich Blendungserscheinungen, Flimmern und Funkensehen mit 
völliger Verdunkelung des Gesichtsfeldes, wie der Kranke glaubt, auf beiden 
Augen eingestellt, waren aber rasch wieder verschwunden und hatten keine 
Spur zurückgelassen, so dass der Kranke sich eines vollkommen guten Sehens 
erfreute. Diesmal jedoch kam es anders. Die vollständige Amaurose hielt 
an, daher der Kranke gleich Morgens auf der Klinik Hilfe suchte. Der erste 
Eindruck, welchen das Augenspiegelbild machte, war ganz der einer Embolie 
der Centralarterie, daher der Kranke auch der Klinik des Herrn Hof- 
rathes Bamberg er behufs Sicherstellung eines etwaigen Herzleidens zu- 
geführt wurde. Das Ergebniss der dort gepflogenen Untersuchungen war ein 
rein negatives. Ich lasse nun die Erscheinungen, wie sie sich am kranken 
linken Auge Tag für Tag ergaben, nach den Aufzeichnungen meines Assi- 
stenten, Herrn Dr. Hainpel, folgen, da ich durch Erkrankung zehn Tage 
lang gehindert wurde, den Fall selber zu beobachten. 

Bei der Aufnahme: Aeussere Theile normal, Pupille weit starr, auf 
Licht und Schatten nicht reagirend. Die Sehnervenscheibe blase-, ihre 

18* 



276 Erabolie der Arteria centralis retinae. 

innere Grenze scharf, die äussere von einer dichten grauweissen Trübung 
gedeckt, deren temporaler Rand strahlig -wolkig in die nachbarliche Netz- 
hautpartie sich verliert. Die Macula noch unverändert. Die Centralstücke 
sämmtlicher Gefässe, soweit sie auf der Papille streichen, sehr verengt, nahezu 
blutleer. Die retinalen Gefässe im Allgemeinen etwas enger als in der Norm, 
besonders die schläfenwärts ziehenden, in welchen die Blutsäule theilweise 
auch unterbrochen erscheint, so dass kleine Blutcylinder mit leeren Stellen 
abwechseln. Gegen die Peripherie hin nimmt die Füllung merklich zu. 
Arterien und Venen führen allenthalben gleich dunkles venöses Blut. An 
den nach oben streichenden Schlagaderstämmen ist der centrale Reflex noch 
deutlich zu erkennen, an den übrigen nicht. Eine Bewegung des Blutes 
ist nirgends wahrzunehmen, auch nicht dort, wo die Blutsäule unterbrochen 
erscheint. Ein äusserer Druck, auf den Augapfel ausgeübt, auch wenn der- 
selbe ziemlich gesteigert wird, hat weder eine Veränderung in der Blut- 
füllung der Gefässe zur Folge , noch bedingt er wahrnehmbare Verrückungen 
der Blutsäulen. Die Spannung des Auges ist unverändert. Vollständige 
Amaurose. 

Nachmittags: Die Trübung an der äusseren Papillengrenze hat be- 
deutend zugenommen und ist von einem bandartigen glänzenden Saume um- 
geben. In der Maculagegend sieht man eine unregelmässig geigenförmige, 
einen Papillendurchmesser lange und V3 so breite, mit der Längsaxe nicht 
ganz meridional gelagerte, dichte grauweisse wie gestichelte Trübung mit 
breitem hellglänzendem, unregelmässig streifig schattirtem Randsaume. Der 
centrale Theil dieser Trübung ist von einem graurothen stecknadelkopf- 
grossen Flecke eingenommen. Ein temporalwärts ziehendes und ein anderes 
nach innen oben ziehendes Netzhautgefäss zeigt besonders scharf markirte 
Unterbrechungen der Blutsäule. Auf äusseren Druck erfolgt weder Pulsation 
noch eine Aenderung in der Füllung der Gefässe. Die Spannung des Bulbus 
normal. 

Am zweiten Tage: Die Maculatrübung hat an Länge und Breite 
zugenommen, ebenso der oben erwähnte centrale graurothe Fleck, der bereits 
halblinsengross geworden ist. Die Netzhaut in ihrer ganzen Ausdehnung er- 
scheint nun stark getrübt, daher die Gefässe mit der unterbrochenen Blut- 
säule minder deutlich sichtbar sind. Dabei zeigt sich, dass die früher absolut 
blutleeren Gefässstücke wieder etwas Blut enthalten, so dass stärker und 
schwächer gefüllte Theile mit einander abwechseln. 

Am dritten und vierten Tage: Die Trübung der Netzhaut steigert 
sich noch immer, besonders in der Maculagegend, wo der centrale braunrothe 
Fleck schon ganz verwaschen, kaum sichtbar ist. Mehrere retinale Gefässe 
werden von der Trübung fast völlig verdeckt. Wo sie noch deutlich durch- 
scheinen, zeigt sich ihre Füllung mehr gleichmässig. An den schläfenwärts 
ziehenden Gefässen sind die Unterbrechungen der Blutsäule nicht mehr wahr- 
zunehmen. Spannung des Augapfels normal. 



Fälle mit undeutlichen Fluxionserscheinungen. 277 

Am fünften und sechsten Tage. Die Trübung und Schwellung 
der Netzhaut nimmt um ein Weiteres zu. Auch der obere und der untere 
Rand der Papille ist verwaschen und geht in eine strahlige Trübung der an- 
grenzenden Netzhaut über. Die im oberen äusseren Quadranten streichende 
Vene ist in ihrem peripheren Theile sehr stark gefüllt ; gegen die Papille hin 
hat sie sich neuerdings sehr beträchtlich verengert und bleibt so bis zur Ge- 
fässpforte. An den Gefässwänden zeigen sich ganz unregelmässige gespren- 
kelte Trübungen. Die Schwellung und Trübung um die Papille herum steigt 
noch immer und ist bereits zusammengeflossen mit dem in der Maculagegend 
befindlichen Flecke. Durch Druck auf den Augapfel können nunmehr Pulsa- 
tionen in den gleichmässig dunkles Blut führenden, kaum auffällig verdünnten 
Gelassen hervorgerufen werden. Spannung normal. Keine Spur von Licht- 
empfindung. 

Am siebenten und achten Tage: Die Schwellung und dichte Trü- 
bung der Netzhaut erstreckt sich nun von der Papille bis gegen die äusserste 
Peripherie. Der Fleck in der Macula erscheint mehr in die Breite gezogen 
und löst sich in mehrere kleinere rothbraune Flecke auf. Die grösseren Venen 
pulsiren spontan. Beim Drucke auf den Bulbus sind die pulsatorischen 
Kaliberschwankungen sämmtlicher retinaler Gefässe ausserordentlich 
deutlich. Bei noch weiter wachsendem Drucke werden die centralen Gefäss- 
stücke blutleer. Spannung des Bulbus etwas erhöht. Amaurosis. 

Am neunten Tage werden in der Umgebung der Macula und der 
Papille sowie an den Wandungen einzelner Gefässe zahlreiche kleine Blut- 
extravasate sichtbar. Es wurde nun jeden dritten Tag eine hypodermatische 
Einspritzung von Pilocarpinlösung gemacht. 

Am zehnten Tage hat die Schwellung und Trübung der Netzhaut 
merklich abgenommen, die Blutextravasate aber haben sich zwischen Papille 
und Macula und besonders an der Peripherie der Netzhaut vermehrt. 

In Folge der weiteren Pilocarpineinspritzungen schwindet die Trübung 
und Schwellung der Netzhaut immer mehr, es werden die Grenzen der Papille 
nach oben und unten wieder sichtbar. Auch die Blutextravasate werden spär- 
licher und nehmen an Umfang ab. Dabei vermindert sich in auffallendem 
Grade das Kaliber der Gefässe und dieselben ziehen sich gleichsam von der 
Peripherie gegen den Sehnerveneintritt zurück, werden immer kürzer. Im 
oberen äusseren Quadranten des Gesichtsfeldes zeigt sich eine Spur zweifel- 
hafter Lichtempfindung. Spannung des Bulbus normal. 

Am sechzehnten Tage erscheint die Trübung der Netzhaut fleckig, 
es zeigen sich zwischen Papille und Macula in dem sich allmälig aufhellenden 
Nebel vereinzelte hellweisse, punkt- bis hirsekomgrosse Inseln, ganz unregel- 
mässig zerstreut. Der Fleck in der Maculagegend, welcher sich bisher nicht 
verändert hatte, wird verwaschen und fast unkenntlich. 

Am vierundzwanzigsten Tage sind die Blutextravasate allent- 
halben völlig verschwunden, ebenso die dichteren Trübungen der Netzhaut, 



2 i 8 Embolie der Arteria centralis retinae. 

es lagert ein kaum merklicher graulicher gleichmässiger Nebel über dem viel- 
leicht etwas dunkleren Aiigeiigrund. Die Papille ist von normaler Grösse^ 
von einem wenig dichteren gelblichweissen Schleier überkleidet, welcher die 
Umgrenzung noch nicht ganz scharf heraustreten lässt. Hinter diesem Schleier 
leuchtet, besonders an der äusseren Papillenhälfte, der bläulichweisse sehnige 
Glanz der Siebmembran deutlich hervor. Sämmtliche Eetinalgefässe sind sehr 
verdünnt und verkürzt. Die meisten reichen nur wenig über die Papillen- 
grenzen hinaus, keines erreicht den Aequator. Die Seitenäste fehlen gänzlich. 
Die Füllung aller lässt sich bis in die Pforte verfolgen. Der Unterschied in 
der Farbe ist gering, aber doch merklich, so dass sich Arterien und Venen 
unterscheiden lassen. An ersterer ist auch der doppelte Contour zu bemerken. 
Spuren zweifelhafter Lichteinpfindung nach oben und aussen. Spannung des 
Bulbus normal. 



V. 

lieber centrale Sehschärfe. 

xtis gilt als Grundsatz; dass jedes einzelne lichtempfindende 
Element der Netzhaut von mehreren gleichzeitigen Lichteindrücken 
nur Einen einheitlichen gemischten Gesammteindruck dem Ge- 
hirne zu übermitteln vermöge. Insoferne nun die Zapfen und 
Stäbe körperliche Gebilde sind, welche räumlieh ausgedehnte 
Flächen dem Brechapparate des Auges zukehren, können von 
jedem Netzhantbilde jeweilig nur so viele Einzelnheiten zur 
Wahrnehmung gebracht werden, als dasselbe lichtempfindende 
Elemente deckt. 

In der Netzhautniitte führt die üchtejnpfindende Schichte 
blos dicht aneinander gedrängte Zapfen, welche überdies be- 
deutend kleinere Querschnitte ergeben als die gleichen Elemente 
der anderen Stellen. Das Mass der Fähigkeit, E in z ein ein- 
drücke gesondert zur Wahrnehmung zu bringen, d. h. die 
Sehschärfe, ist darum in der Netzhautniitte am grössten. Es 
nimmt gegen die Peripherie hin in dem Verhältnisse ab, als die 
Zapfen seltener und durch die überhandnehmenden Stabgruppen 
mehr und mehr auseinander gerückt werden. 

Immerhin ist auch die centrale Sehschärfe eine überaus 
beschränkte. In dem Netzhautbilde ist nämlich allerdings jeder 
einzelne Punkt des Gesichtsobjectes wiedergegeben, es wird aber 
nicht die Gesammtheit derselben zur Wahrnehmung gebracht. Es 
verhält sich vielmehr das durch das Auge wahrgenommene Bild 



280 Centrale Sehschärfe ; Grenzwinkel. 

des Gesichtsobjectes zu dem objectiven Netzhautbilde wie ein 
Mosaikbild zu seinem Originale. 

Um einen Gegenstand durch Mosaik in einem Bilde erkenn- 
bar darzustellen, ist eine bestimmte kleinste Anzahl von Steinchen 
erforderlich. Mit Einem solchen Steinchen kann man einen Punkt, 
nicht aber eine Linie und noch weniger einen zusammengesetzten 
Körper bildlich zur Anschauung bringen. In gleicher Weise setzt 
das leichte und sichere Erkennen eines zusammengesetzten Gesichts- 
objectes ein Netzhautbild voraus, welches eine entsprechend grosse 
Anzahl von lichtempfindenden Elementen deckt und, insoferne die 
Querschnitte der letzteren gegebene unveränderliche sind, ein 
gewisses Flächenmass erreicht. 

Es steht das Flächenmass der Netzhautbilder in einem gewissen 
Verhältnisse zu dem Winkel, unter welchem die einzelnen Durch- 
messer des Gesichtsobjectes von dem optischen Mittelpunkte des 
Auges aus gesehen werden. Man kann daher auch sagen: Um 
einen Gegenstand durch das Auge leicht und sicher zu erkennen, 
müssen die einzelnen Durchmesser desselben sich mindestens unter 
einem bestimmten kleinsten Gesichtswinkel (Grenzwinkel) 
präsentiren. 

Um diesen Grenzwinkel für Druckschriften als dem 
handlichsten und bei ganz gleichmässiger Form in den verschie- 
densten Grössen leicht herstellbaren Probeobjecte zu ermitteln, habe 
ich im Jahre 1855 ') die gross te Entfernung gemessen, in welcher 
ich mit Einem Auge im Stande war, die kleinste auf den damals 
umlaufenden österreichischen Banknoten befindliche Schrift leicht 
und sicher zu lesen. Der Versuch ergab 6 — 8 Wiener Zoll Ent- 
fernuDg für eine Buchstabenhöhe von 0*2 Wiener Linien. 

Ich berechnete auf Grund dieses Versuches eine Anzahl Höhen, 
welche Buchstaben haben müssen, auf dass sie, aus verschiedenen 
grösseren Entfernungen bis 15 Wiener Fuss betrachtet, ein 






*) Sitzungsberichte der math.-naturw. Classe der kais. Akademie der 
Wissensch. zu Wien, XVI., S. 209. 



Schriftscalen. 281 

annähernd gleich grosses Netzhantbild ergeben, und lies* die 
gefundenen Werthe auf einer lithographirten Tafel durch eine 
Reihe von Schriftzeilen zum Ausdrucke bringen, welchen links die 
Buchstabenhöhe A und rechts die entsprechende Entfernung D 
beigefügt ist. Die einzelnen Zeilen enthalten aus lauter grossen 
lateinischen Buchstaben zusammengefügte einzelne Worte ohne 
Verbindung, damit die letzteren nicht wie in geschlossenen Sätzen 
aus dem Contexte errathen werden können. 

Ich glaubte solchermassen ein Probeobject hergestellt zu 
haben, welches allen Anforderungen entspricht und namentlich bei 
der Ermittelung des Fern- und Nahepunktes der einzelnen 
Augen bessere Erfolge gewährleistet, als die von Ed. Jäger ') kurz 
vorher veröffentlichten Schriftscalen. 

Es haften dieser Tafel indessen gar mannigfaltige Gebrechen 
an, wie die folgenden Erörterungen darthun werden. In erster 
Linie muss als ein Grundfehler gerügt werden, dass der Grenz- 
winkel (etwas über 9 Minuten) viel zu gross ausgefallen ist, was 
sich aus der Blässe der als Basis der Berechnung gewählten Bank- 
notenschrift erklärt. Dann sind die Höhen- und Breitendurchmesser 
der einzelnen Buchstaben von ungleicher Länge und überdies die 
Haarstriche vielmal dünner als die Schattenstriche, daher für die 
einzelnen Theile jedes Buchstaben sich ganz verschiedene Grenz- 
winkel ergeben. 

Sn eilen 2 ') hat diese Mängel wohl erkannt und bei der Heraus- 
gabe seiner Probebuchstaben weislich vermieden. Er wählte die 
»Typen des egyptischen Paragones; quadratische Buchstaben, 
»von welchen alle Theile, die auf- und absteigenden sowohl wie 
»die horizontalen und verticalen gleiche Dicke haben«. Auch 
fand er, dass solche »quadratische Buchstaben, deren einzelne 
Striche ein Fünftel der Höhe dick sind, im Allgemeinen unter 



J ) Ed. Jäger, Staar und Staaroperationen. Wien, 1854. 
2 ) S n e 1 1 e n , Probebuchstaben zur Bestimmung der Sehschärfe. 
Utrecht, 1862, 



- v - Centrale Sehschärfe. 

einem Winkel von fünf Minuten für ein normales Auge denk 

lieh wahrnehmbar sind-. Er berechnete demgeinäss die Höhe 
und Breite, welche ein quadratischer Buchstabe haben muss ; auf 
dass er aus einer Entfernung von Einem Pariser Fuss unter einem 
<u'siehtswinkel von fünf Minuten erseheine. Es ergaben sieh 
0*209 Pariser Linien. 

Auf Grund dieser Werthc Hess Sn eilen ebenfalls eine Reihe 
von Schriftproben anfertigen, deren vorgesetzte Nnmmern zugleich 
die Yergrösserungscoefficienten sind, indem sie angeben, um 
wievielmal die einzelnen Maasse der betreffenden Schriftprobe 
jene der ersten Nummer übersteigen und aus der wievielfachen 
Normalentfernung, von einem Pariser Fuss diese Schriftprobe 
zu betrachten ist, auf dass sie unter einem Gesichtswinkel von 
fünf Minuten gesehen werde. 

Snellen geht hierbei von der Voraussetzung aus, dass Buch- 
staben vmi 2-, 3- ; x-fachem Kaliber aus der 2-, o-, x-fachen Distanz 
von normalen Augen mit gleicher Leiehtigkeit und Sicherheit 
wahrgenommen werden müssen, da sie sieh unter gleiehen Gesichts- 
winkeln darbieten. Der Bedarf eines grösseren Gesichtswinkels 
gilt ihm daher als eine Abweichung von der Norm, welche ihren 
Ausdruck findet in dein Verhältnisse des erforderlichen zu dem 
normalen Gesichtswinkel von fünf Minuten. Schärfer bezeichnet 
würde es heissen: Die abweichende centrale Sehschärfe 6' verhält 
sieh zur normalen s= 1 umgekehrt wie der Sinus oder die Tangente 
des erforderlichen Gesichtswinkels zum Sinus oder der Tangente 
des normalen Winkels von fünf Minuten. 

Es wäre Fig. 6 A A { die verlängerte optische Axe eines auf 
die vordere Trennungsfläehe CC redueirt gedachten Auges, c der 
optische Mittelpunkt oder die vereinigten beiden Knotenpunkte, 
RR der centrale Xetzhauttheil, p dessen Abstand von c, h die halbe 
Normalhöhe von 0209 Linien eines in der Entfernung d = 1 Fuss 
von c aufgestellten Buchstaben. In der doppelten Entfernung 2d 
sei ein Buchstabe von doppelter halber Höhe 2 h, in der dreifachen 
Distanz od ein Buchstabe von dreifacher halber Höhe 3 h u. s. w. 



Snellen's Grundforaul. 



283 



in der x-fachen Entfernung xd ein Buchstabe von xfaeher halber 



tang o = sin o; 



Höhe xh befindlich. Offenbar ist 

xh __ 3h _ 2h _ h 
xd 3d 2d d 

os werden alle diese verschieden grossen Buchstaben aus den genann- 
ten Entfernungen unter dein Normalwinkel o — 5 Minuten gesehen. 



Fiff. ü. 




Ergäbe sich dagegen in einem Einzelnfalle , dass auf die 
Normalentfernung von 1 Fuss die doppelte Normalhöhe 2 h erforder- 
lich sei, auf dass der betreffende Buchstabe deutlich und sicher 
erkannt werde, so wäre der nothwendige Gesichtswinkel offen- 
bar o-|-ü>; also doppelt so gross als der normale und die Seh- 
schärfe nur die Hälfte der normalen, gerade so, als wenn Buch- 
staben der sechsfachen Grösse blos auf die dreifache Entfernung 
und Buchstaben der zwanzigfachen Grösse nur auf zehnfache Distanz 
erkannt würden. Es ist nun nach Snellen's Voraussetzung 



S 



sm o : sin c 



also 



S 



2h 

+ " = 2d 


2 h 
d 


d 




2d 





oder allgemeine]- ausge drückt 



S = 



wobei die normale centrale Sehschärfe s— 1 gesetzt ist, d den 
grössten Abstand bedeutet, in welchem ein Auge noch einen Buch- 
staben von bestimmten Dimensionen leicht und sicher zu erkennen 
vermag, und D die Entfernung, in welcher derselbe Buchstabe unter 
einem Winkel von fünf Minuten gesehen wird. 



284 



Centrale Sehschärfe. 



Es ist diese Formel in oculistischen Kreisen allgemein aner- 
kannt und wird fast durchwegs benutzt, um das Maass der im 
Einzelnfalle gegebenen centralen Sehschärfe kurz zu bezeichnen. 
Sie ist in der That sehr durchsichtig, auch überaus bequem in der 
Handhabung und ihre Einführung in die Ophthalmologie sichert 
Sn eilen ein bleibendes Verdienst. 

Es fragt sich nun, ob diese Formel auch strengeren Anforde- 
rungen, als gewöhnlich in der Praxis gestellt zu werden pflegen, 
zu entsprechen vermöge; ob sie das, was sie als Gesetz offen- 
baren soll, auch wirklich scharf und fehlerfrei zum Ausdrucke 
bringe; ob sie demnach den Charakter einer mathematischen 
Formel beanspruchen dürfe. 

Man wird auf diese Zweifel unwillkürlich hingeleitet durch 
die längst schon erkannte und wiederholt mit Nachdruck betonte 
Unverträglichkeit derselben gegen die einfachsten Rechnungsmanöver. 
Es weiss Jedermann, dass Sehschärfen 

100 20 10 2 . . 1 

2ÜÖ 7 40' 20' 4 durchaus mcht S leich 2 

gesetzt werden dürfen, insoferne das Erkennen eines Buchstaben, 
dessen einzelne Maasse das Zweihundertfache der Snellen'schen 
Schrift Nr. 1 betragen, auf 100 Fuss Entfernung durchaus nicht 
das Erkennen der Buchstaben von 40-, 20-, 10-, 2facher Grösse auf 
die 20-, 10-, 5- oder einfache Normaldistanz verbürgt, sondern 
erfahrungsmässig öfters recht auffälligen Abweichungen Spielraum 
lässt, daher man denn auch längst gewöhnt ist, die Sehschärfe 
für verschiedene Entfernungen zu bestimmen und die gefundenen 
Werthe unverkürzt anzuführen, also 

q 20 70 . , . . Q 17 

S = 2ÖÖ' IÖÖ U * S * W *' nlcht aber S = 1Ö> 10 
zu setzen. Was ist wohl der Grund davon? 

Vorerst kömmt hier in Betracht, dass Sn eilen das Ver- 
hältniss des erforderlichen Gesichtswinkels zum Normalwinkel von 
fünf Minuten als das einzig Massgebende bei der Beurtheilung 
der Sehschärfe im Einzelnfalle hingestellt hat. Es ist das leichte 



Mängel der Snellen'schen Grundforuiel ; Einfluss der Bulbuslänge. 285 

und sichere Erkennen eines Objectes durch das Auge aber bedingt 
durch die gleichzeitige Erregung einer genügenden An- 
zahl licht empfinden der Elemente, in letzter Instanz und 
unmittelbar also abhängig von der Grösse des Netzhautbildes, 
und diese ist nicht blos von dem Gesichtswinkel, sondern auch 
noch von anderen Factoren abhängig. Es ist nämlich (Fig. 6) 
m n : h = p- : d, oder 

mn : h = 7 : — , also 
d p 

hp 
mn = -±r. 

d 

Der Abstand p der vereinigt gedachten beiden Knotenpunkte 
von dem Netzhautcentrum ist aber kein unveränderlicher, be- 
stimmter. Er wird einerseits beeinflusst durch den Bau des 
Auges, welcher bei verschiedenen Individuen sehr grosse Ab- 
weichungen zeigt, anderseits von dem jeweiligen Accommo- 
dationszustande des Bulbus, insofern bei jeder Aenderung des 
letzteren die Knotenpunkte auf der optischen Axe sich verschieben. 

Es haben dies bereits Donders 1 ) und Snellen 2 ) in exacter 
Weise dargethan. Sie haben aber auch nachgewiesen, dass der 
Einfluss der accommodativen Veränderungen des dioptrischen 
Apparates und des Baues der Augen auf die Netzhautbildgrösse 
sehr ungleich bewerthet werden müsse. Der Wechsel des Accom- 
modationszustandes ergiebt einen so geringen Ausschlag, dass 
derselbe in der Praxis füglich ganz vernachlässigt werden kann. 
Dagegen vermag der andere Factor p unter Umständen sich sehr 
fühlbar zu machen, was auch nicht Wunder nehmen wird, wenn 
man die extremen Unterschiede in Betracht zieht, welche die Länge 
der optischen Axe in hochgradig hypermetropischen und kurz- 
sichtigen Augen erkennen lässt. 3 ) 



*) Donders, Arch. f. Ophthalmologie XVIII., 2, S. 245. 

2 ) Snellen, Graefe und Sämisch, Handbuch III., S. 10. 

3 ) Donders, Die Anomalien der Refraction und Accommodation. Wien, 
1866. S. 154, 208, 312. 



286 Centrale Sehschärfe. 

Donders findet die Rückwirkung dieser Differenzen auf die 
Netzhautbildgrösse in verschieden gebauten Augen so beträchtlich, 
dass ihm eine Ableitung der Sehschärfe a nietropischer Augen 
aus der mittleren Sehschärfe von Emmetropen geradezu unstatt- 
haft erscheint, und zwar dies unisoinehr, als er an seiner schon 
früher ausgesprochenen Meinung festhält, nach welcher die Zahl 
der in einer bestimmten Flächenmaasseinheit der Netzhaut enthal- 
tenen lichtempfindenden Elemente bei verschiedenen Bauzuständen 
des Auges eine sehr verschiedene sein kann und folgerecht einer 
gleichen oder zur Netzhautoberfläche proportionirten Bildgrösse in 
verschiedenen Augen nicht nothwendig gleiche Werthe für die 
Unterscheidung zuzuerkennen sein dürften. 

Mit anderen Worten würde dies heissen: Um die Sehschärfe 
verschieden gebauter Augen mit einander zu vergleichen und 
durch Verhältnisszahlen richtig auszudrücken, müsste für 
jedes einzelne Auge und für jeden einzelnen Versuch nicht nur 
die Netzhautbildgrösse, sondern überdies auch die von diesem Bilde 
bedeckte Zahl der lichtempfindenden Elemente bestimmt werden 
können. 

Wer die Schwierigkeit kennt, auch nur eine einzelne Con- 
stante im speciellen Falle halbwegs richtig zu stellen, und wer die 
Zahl der Constauten berücksichtigt, welche erforderlich sind, um 
eine Berechnung der Netzhautbildgrösse mit Erfolg durchzuführen, 
wird die Grösse einer solchen Aufgabe ermessen und darauf ver- 
zichten, richtige Verhältnisszahlen für die Sehschärfe verschieden 
gebauter Augen auf Wegen zu finden, welche für den Praktik er 
gangbar sind. 

Der Versuch, die Vergleichbarkeit der Sehschärfen verschieden 
gebauter Augen durch Zurückführnng der Refractionszustände auf 
eine bestimmte Grösse, sagen wir Null, mittelst vorgesteckter 
Hilfslinsen anzubahnen, ist in Anbetracht des Factors p selbst- 
verständlich ganz unzureichend. Im Gegentheile wird hierbei in 
dem unvermeidlichen Abstände der Hilfslinse von dem optischen 






Mängel der Snellen'schen Grundformel ; Einflnse von Conectivgläsern. 



287 



Centrum des redueirten Auges ein neuer Factor eingeführt, welcher 
besonders bei stärkeren Hilfslinsen die Netzhautbildgrösse in sehr 
empfindlicher Weise beeinflusst und die Verhältnisse verwirrt. 



Fig. 7. 
L 



R 



i^^__^ A 


s c 


\ 






r^ 1 


l f 


p \ nt 


di Ai 


V 


c 


""""*-■—-- S^^ n 






V 
L 




R 




h, 



Es sei (Fig. 7) AA 1 die verlängerte optische Axe, CG die Cornea, RR 
die Netzhantstabschichte, c der optische Mittelpunkt des redueirten Auges 
und cm = p. Vor der Hornhaut CO stehe eine Convexlinse L mit dem Cen- 
trum o und es sei co = g. In der Entfernung od = d sei ein Objeet auf- 
gestellt, dessen halbe Höhe hd ist. Dessen virtuelles halbes Bild wird dann 
d x h x in der Vereinigungsweite der Linse od { = v sein. Selbstverständlich ist 
h t c der Richtstrahl in Bezug auf das Auge, und die halbe Netzhautbildtläche 
ist mn. Es ergiebt sich 

h (1 : h x d { = d : v 



h, d. 



hd 



d' 



Es ist nun weiter 

l h d. 

mn = h l d 1 . 



und 



= hd 



Wäre eine Concavlinse dem Auge vorgesetzt, so würde die halbe 
Netzhautbildhöhe mn sein 



Es ist 



mn = hd 



ein unechte 



' n x ' d * v-\-g 

v 



ein echter Bruch. Der Gebrauch 



v — g ' v -\-g 

einer Sammellinse wird daher eine Vergrösserung, der Gebrauch einer 
Zerstreuungslinse eine Verkleinerung des Netzhautbildes mit sich 
bringen, welche mit dem Abstände und der Schärfe des Brillenglases zunimmt. M 



*) Stell wag, Sitzungsberichte der math.-natnrw. Ciasse der kais. Aka- 
demie der Wissensch. zu Wien, 1855. XVI.. S. 22Q, 274. 



288 Centrale Sehschärfe. 

Besonders störend ist dieser Einfluss des Brillenabstandes auf 
die Netzhautbildgrösse bei hohen Graden von Kurzsichtigkeit. 
Will man hier die Sehschärfe für grössere Objectsdistanzen 
ermitteln, so können sehr scharfe Zerstreuungslinsen nicht um- 
gangen werden. Diese ergeben aber stets einen sehr bedeutenden 
Verkleinerungscoefficienten. Es ist derselbe bei voll corrigirenden 
Gläsern öfters so beträchtlich, dass er eine ganz auffallende Vermin- 
derung der Sehschärfe im Gefolge hat und dadurch dem Kranken 
schon bei kurzem Versuche unerträglich wird, umsomehr aber im 
gewöhnlichen Leben den Zwang auferlegt, auf scharfes Sehen in die 
Ferne zu verzichten und, unter Benützung einer unvollkommen 
corrigirenden Brille, sich mit einer wesentlich verkürzten Sehweite 
zu begnügen. 

Von geringer Bedeutung ist der fragliche Coefficient dagegen 
bei mittleren und niederen Graden von Myopie, wenn selbe 
behufs der Ermittelung der Sehschärfe für grössere Entfernungen 
durch entsprechende Gläser ausgeglichen werden. Es handelt sich 
dann nämlich immer um beträchtlichere Vereinigungsweiten, gegen 
welche der Brillenabstand fast verschwindet, daher der Werth des 
Coefficienten sich sehr der Einheit nähert. 

Ebenso verhält sich die Sache bei mittleren und niederen 
Graden von Hy per metropie, wo nicht sowohl für weite, als viel- 
mehr für nahe Objectsdistanzen Correcturen durch Sammellinsen 
noth wendig werden können und dann gleichfalls grosse Ver- 
einigungsweiten in Rechnung kommen. 

Bei hohen Graden absoluter Hypermetropie jedoch und 
besonders bei Aphakie, wo für grosse und für kleine Distanzen 
verschiedene, und zwar starke Linsen in Verwendung gezogen 
werden müssen, um ein deutliches Sehen zu ermöglichen, fällt der 
Brillenabstand schwer in's Gewicht und darf bei der Bestimmung 
der Sehschärfe nicht vernachlässigt werden. 

Fasst man das Gesagte zusammen, so ergiebt sich als Schluss- 
folgerung, dass die Sn eilen 'sehe Formel das, was sie ausdrücken 



Mängel der Snellen'schen Grundformel. 289 

soll, keineswegs immer genau zum Ausdrucke bringt; dass sie 
geradezu fehlerhaft wird, wenn man sie auf Augen von sehr 
verschiedenen Bauzuständen anwendet, und dass diese Fehler- 
haftigkeit noch um ein Beträchtliches steigt, wenn starke Hilfs- 
linsen in Gebrauch gezogen werden, um von den Probeobjecten 
scharfe Netzhautbilder zu gewinnen und so zu verhindern, dass 
nicht auf Kechnung mangelhafter Sehschärfe gesetzt werde, was 
ausgiebige Zerstreuungskreise an der Deutlichkeit der Wahr- 
nehmungen verschuldet haben. 

Strenge genommen lässt sich kein Auge dem andern bezüg- 
lich seines Baues von vorneherein völlig gleichstellen, auch wenn 
der Brechzustand derselbe wäre , indem sehr mannigfaltige 
Factoren in den verschiedensten Werthverhältnissen zusammen- 
wirken können, um einen gleichen Kefractionszustand zu be- 
gründen. l ) 

Man wird folgerecht der Gefahr, Ungleichartiges zu ver- 
gleichen und so zu ganz unrichtigen Yerhältnisszahlen zu gelangen, 
sich nur dann mit voller Sicherheit entziehen, wenn man auf eine 
allgemeine Formel für die Sehschärfen verschiedener Augen 
verzichtet und sich darauf beschränkt, in jedem einzelnen Falle 
ganz einfach eine Mehrzahl verschiedener grösster Ent- 
fernungen zu bestimmen, in welchen ein für jede be- 
treffende Entfernung durch Accommodation oder durch 
Hilfslinsen scharf eingestelltes Auge Buchstaben, Ziffern 
u. s. w. von bestimmten Durchmessern leicht und sicher 
zu erkennen vermag. 

Man kann sich damit in der Praxis auch wirklich bescheiden, 
denn hier kommt es doch wahrlich weniger darauf an, das Ver- 
hältniss der Sehschärfe des kranken Auges zur Sehschärfe eines 
andern gesunden und vielleicht ganz verschieden gebauten Auges 
zu ermitteln, als vielmehr die Zu- oder Abnahme der Functions- 
tüchtigkeit und das Maass derselben zu ergründen, um darauf 



*) Stell wag, Lehrbuch, 1870, S. 785. 

Stell wag, Abhandlungen. 19 



290 Centrale Sehschärfe ; relative Sehschärfen. 

Schlüsse über den Gang- und die muthmasslichen Folgen eines 
laufenden Krankheitsprocesses zu stützen. 

Ohne Zweifel waren es ähnliche Erwägungen, welche Donders') ver- 
anlassten, das Hauptgewicht auf die relativen Sehschärfen zu legen. Es 
sind dieselben nichts Anderes, als die Verhältnisszahlen der Sehschärfen eines 
und desselben Auges beim Sehen in verschiedene Entfernungen, 
für welche der dioptrische Apparat durch die Accommodation oder durch Hilfs- 
linsen genau eingestellt ist. Es müssen diese relativen Sehschärfen unter 
Zugrundelegung der gefundenen Werthe durch Berechnung aus der abso- 
luten Sehschärfe ermittelt werden, welch' letztere nach Sn eilen 's Methode 
beim Sehen in die Ferne unter Erschlaffung der Accommodation, bei 
ametropischen Augen also unter Beihilfe corrigir ender Linsen, bestimmt wird. 

Es haben diese relativen Sehschärfen unbestreitbar ihre wissenschaft- 
liche Bedeutung. Doch ist es kaum ein dringendes praktisches Bedürf- 
niss, die Sehschärfen, welche ein und dasselbe Auge bei entsprechender 
genauer Einstellung für verschiedene Entfernungen nachweisen lässt, durch 
Verhältnisszahlen mathematisch richtig auszudrücken. Darin liegt gewiss 
einer der Gründe, warum die relativen Sehschärfen in den oculistischen 
Schriften bisher noch wenig Eingang zu finden vermochten. 

Der mächtige Einfluss, welchen die verschiedenen Bauzustände 
der Augen und der unvermeidliche Abstand neutralisirender Hilfs- 
linsen auf die Netzhautbildgrösse ausüben, ist übrigens nicht die 
einzige Fehlerquelle, welche sich bei der Bezeichnung der Seh- 
schärfen durch Verhältniss zahlen und bei der rechnungs- 
mässigen Umsetzung der letzteren zur Geltung bringt. Eine 
weitere Fehlerquelle liegt in der Schwierigkeit, bei der Unter- 
suchung verschiedener Augen zu verschiedenen Zeiten und an ver- 
schiedenen Orten stets annähernd gleiche Beleuchtungs- 
verhältnisse zu schaffen. 

Es ist männiglich bekannt und lässt sich jeden Augenblick 
erproben, dass für die Sehschärfe eines und desselben Auges 
sehr erheblich abweichende Werthe gefunden werden, je 
nachdem der Versuch bei günstiger oder ungünstiger, zu schwacher 
oder zu starker Beleuchtung, bei directem Sonnenlichte oder bei 



') Donders, Aren. f. Ophthalmologie XVIII., 2, S. 246. 



Mängel der Snellen' sehen Grundformel; Einfluss der Beleuchtung. 291 

mehr weniger hellem zerstreuten Tageslichte, bei einer Kerzen-, 
Lampen- oder Gasflamme vorgenommen wird; je nachdem das 
Lieht senkrecht oder unter grossem Winkel seitlich auf den 
Gegenstand fällt; je nachdem blos das Probeobject beleuchtet und 
das Auge beschattet ist oder umgekehrt u. s. w. Es kömmt hier- 
bei nicht blos die verschiedene Art und Grösse der Erregung 
in Betracht, welche die Netzhautelemente durch verschiedene 
Beleuchtungen erleiden, sondern in sehr erheblichem Maasse auch 
der Einfluss, welchen differente Pupillenweiten auf die Hellig- 
keit der Netzhautbilder und auf die Grösse der Zerstreuungs- 
kreise 1 ) ausüben. 

Die sich solchermassen ergebenden Werthunterschiede der Sehschärfen 
sind theUweise auch ziffermässig festgestellt worden. Aubert-) mass die 
Sehschärfe bei abnehmender Lichtintensität, indem er die Jäger'schen Schrift- 
proben in der Dunkelkammer mittelst einer im Fensterladen angebrachten, 
von 400 auf 2*5 Quadratcentimeter verkleinerbaren und mit einer matten Glas- 
tafel geschlossenen Oeflhung durch helles Tageslicht beleuchtete. Die Ver- 
suchsergebnisse, welche Mauthner 3 ) auf Snellen'sche Maasse zurückführte, 
lassen sich kurz dahin zusammenfassen, dass, wenn die Sehschärfe bei der 
Beleuchtung der Schriftproben durch eine 400 Quadratcentimeter grosse Fenster- 
öffnung gleich 1 gesetzt wird, dieselbe bei Verengerung der Oeffnung auf 
2*5 Quadratcentimeter allmälig auf w) , falle, im freien hell en Tageslichte 
sich dagegen auf 1*6 erhebe. 

Die eingehenden und mühevollen Untersuchungen von A. Posch 4 ) 
haben in ziemlich übereinstimmender Weise ergeben, dass die Sehschärfe 
in arithmetischer Progression wachse, wenn die Beleuchtung in geo- 
metrischer Progression zunimmt, mit anderen Worten, dass der (erfor- 
derliche kleinste) Gesichtswinkel sowie die Grösse des kleinsten Netzhaut- 
bildes in arithmetischer Progression abnehme, wenn die Lichtintensität in 
geometrischer Progression steigt-, dass dieses Verhältniss jedoch nur gelte, 
so lange die Beleuchtungsintensität nicht jene des hellen Tageslichtes über- 
schreite t, 



J ) Hasner, lieber die Grenzen der Akkommodation. Prag, 1875. S. 5. 

2 ) Aubert, Physiologie der Netzhaut. Breslau, 1866. S. 84. 

3 ) Mauthner, Vorlesungen über die optischen Fehler des Auges. Wien, 
187G. 8. 145. 

4 ) Posch, Arch. f. Augen- und Ohrenheilkunde V., S. 14, t0. 

19* 



292 Centrale Sehschärfe ; Einfluss der Beleuchtung. 

17 47 
Ausserdem hat J effries 1 ) gefunden, dass seine Sehschärfe auf— bis — 

8 20 

zu steigen vermöge, wenn die benützten Schriftproben von der Sonne be- 
leuchtet, die Augen aber beschattet sind. 

Mau hat Mancherlei versucht, um den Uebelständen wirksam 
zu steuern, welche sich aus der wechselnden Art und Grösse 
der Beleuchtung ergeben,' 2 ) leider ohne zureichenden Erfolg. 
Wird Tageslicht verwendet, so bleiben die Erleuchtungsintensitäten 
nothwendig vom Wetter, von der Lage des Fensters, von dem 
jeweiligen Stande der Sonne u. s. w. abhängig; die sinnreichsten 
Vorkehrungen können daran nur wenig ändern. Wird aber künst- 
liches Licht benützt, so kömmt in Betracht, dass vielerlei Um- 
stände das hellere oder schwächere Brennen einer Flamme beein- 
flussen; dass selbst Gasflammen je nach der Gestalt und Grösse 
des Brenners, je nach der Beschaffenheit des Gases und nach dem 
Drucke, unter welchem es sich befindet u. s. w. in ihrer Leucht- 
kraft sehr veränderlich sind, also keineswegs die stete Gl eieh- 
mässigkeit der Beleuchtungsintensität für denselben Ort, noch 
weniger selbstverständlich für verschiedene Orte gewährleisten; 
dass demnach die mit ihrer Hilfe für die Sehschärfe gewonnenen 
Verhältnisszahlen auf Gleichwerthigkeit keinen Anspruch 
machen können. 

Schweigger 3 ) und Mauthner ■') haben daher vorgeschlagen, 
im Falle helles Tageslicht für eine Untersuchung nicht zu Gebote 
steht, vorerst den Ausfall an der Sehschärfe des eigenen 
oder eines andern normalen Auges zu messen und dann um diesen 
Werth die unter gleichen Umständen gefundene Sehschärfe des 
kranken Auges zu erhöhen. Doch tritt einem solchen Vorgange 



r ) Joy Jeffries, Transact. of the amer. ophth. society IL, 1874, S. 158. 
'-') Mauthner, Vorträge aus dem Gesaimntgebiete der Augenheilkunde. 

Wiesbaden, 1879. S. 140 u. f. 

3 ) Schweigger, Sehproben. Berlin, 1876. 

4 ) Mauthner. Vorlesungen über die optischen Fehler des Auges. Wien, 
1*7*;. S. 147. 



Mangel der Snellen'schen Grundformel. 293 

die tägliche Erfahrung entgegen, nach welcher die Sehschärfe nicht 
noth wendig proportional der abnehmenden Beleuchtung fällt, 
nicht einmal bei gesunden und viel weniger bei kranken Augen. 
Ein solches Manöver würde also nicht immer eine Richtigstellung, 
sondern mitunter eine sehr bedeutende Verschlechterung der 
gesuchten Verhältnisszahl veranlassen, wie auch Mauthner 1 ) hervor- 
hebt und durch ein Beispiel erläutert, indem er auf das gegen- 
teilige Verhalten hinweist, welches mit typischer Pigmentent- 
artung der Netzhaut behaftete und an Alkoholamblyopie erkrankte 
Augen bei abnehmender Beleuchtung offenbaren. 

Die Zuverlässlichkeit der für die Sehschärfe verschiedener 
Augen zu erhaltenden Werthe wird demnach auch durch die unver- 
meidlichen Schwankungen in der Beleuchtung geschädigt. Bringt 
man dann noch die schon früher beanständeten Fehlerquellen in 
Anschlag, so stellt sich die Möglichkeit heraus, dass unter Um- 
ständen für gleiche Sehschärfen verschiedene Werthe und um- 
gekehrt sich ergeben können. Damit entkleiden sich aber die für 
die Sehschärfe üblichen Bezeichnungen völlig des Charakters 
mathematischer Grössen, mit welchen zu rechnen gestattet 
ist. Dieselben dürfen nicht in der Bedeutung von Verhältniss- 
zahlen, sondern lediglich nur als bequeme Ausdrucksweisen 
für das bei der Untersuchung direct Gefundene aufgefasst werden. 
Mit anderen Worten, Ausdrücke wie: 

20 20 20 

S = 200 ' ' = 40' ' = 20 ll * S - W - 
besagen nicht, die Sehschärfen der betreffenden Augen verhalten 
sich wie l / l0 oder \/ 2 zu 1; sondern blos, dass eben diese Augen 
bei der Untersuchung auf 20 fache Normalentfernung nur noch 
Sn eilen 'sehe Schriftproben von 200-, 40-, 20facher Normalgrösse 
leicht und sicher erkannt haben. Das eigentliche Maass ihrer 
Sehschärfen ist damit nicht bestimmt, sondern kann nur nach 



a ) Mauthner, Vorträge aus dem Gesammtgebiete der Augenheilkunde. 
Wiesbaden, 1879. S. 141. 



2^4 Centrale Sehschärfe; Mangel eines bestimmten Grundmasses. 

Erörterung aller darauf Kinituss nehmenden Factoren durch Rech- 
nnng festgestellt werden. 

80 wenig nun die Sn eil eir sehe Formel zureicht, um das 
Yerliältniss der Sehschärfen verschiedener Augen zu einander 
befriedigend klarzustellen; so wenig ist sie geeignet , das Ver- 
hältniss zur Xorm ; das Maass der Abweichung von derselben 
richtig und verlässlich zu bezeichnen. Es kömmt hier eben aussei 
den bereits angedeuteten Mängeln noch ein weiterer Umstand in 
Betraclit ; nämlich das Schwankende in den Werth Verhält- 
nissen der Norm selber. Was bei dem Einen noch als nor- 
maler Zustand zu gelten hat, das kann bei dem Andern bereits 
eine sehr beträchtliche Abnahme der natürlichen Sehschärfe; 
selbst einen krankhaften Zustand bedeuten. 

So kann man sieb jeden Augenblick davon überzeugen, dass 
die Sehschärfe bei Kindern und jugendlichen Leuten ; welche 
ihre Augen leicht für grosse Fernen einzustellen vermögen; fast 
durchwegs das von Sn eilen angenommene Normalmaass beträcht- 
lich überschreitet 1 Krüger 1 ). H. Colin 2 ) fand unter 244 Dorf- 
kiudcrn sogar nur 7, deren Sehschärfe gleich 1 war, in der grössten 
Mehrzahl der Fälle erreichte die Sehschärfe das Zwei- und das 
Zweieinhalbfaehe; in einzelnen Fällen sogar das Dreifache des 
Normalwerthes. 

Bei maras tischen Greisen hingegen ist sehr oft ; ganz 
unabhängig von krankhaften Zuständen der Augen, ein Sinken 
der Sehschärfe unter das Normalmaass nachzuweisen. Es macht 
sich dasselbe besonders bei geringen Beleuchtungsintensitäten fühl- 
bar (Dörnickel 3 ) und kann die Sehschärfe im hohen Alter bis 
unter die Hälfte ihres ursprünglichen Werthes zurückgehen (Vrösom 
de Haan 4 ). 






!) Krüger, Klin. Monatsblätter, 1873, S. 272. 

2) H. Cohn, Arch. f. Ophthalmologie XVII., 2, S. 324. 

3 ) Dörnickel, Dissert. Marburg, 1876. 

4 ) Vrösom de Haan, Klinische Monatsblätter, 18G3, S. 327 



Verschiedenheit der normalen Sehscharfe in verschiedenen Altersperioden. 295 

H. Colin') läugnet auf Grund seiner diesbezüglichen Forschungen diesen 
Einfluss des Greisenalters und stellt sich damit in Widerspruch mit allen 
bisherigen Erfahrungen. Die Vermittelung zwischen beiden gegentheiligen 
Anschauungsweisen dürfte indessen darin zu suchen sein, dass H. Colin bei 
sehr günstiger Tagesbeleuchtung untersuchte und alle Leute, welche sechzig 
Lebensjahre und wenig darüber zählten, unter die Greise rechnete. Sechzig 
und selbst fünfundsechzig Jahre alte Leute erfreuen sich aber häufig noch 
der vollen Körperkraft und zeigen keine Spur von beginnendem Marasmus. 
Hätte II. Colin blos Individuen höheren Alters in seine Zählungen ein- 
bezogen, das Ergebnisa wäre ein anderes gewesen. 

Gegen Vrösom de Haan's Angaben muss übrigens sehr 
wohl in Anschlag gebracht werden, dass der Bedarf grösserer 
Gesichtswinkel nicht allerwärts schon mit einer Abnahme der Seh- 
schärfe gleichbedeutend erachtet werden könne. In gar vielen Fällen 
ist eine solche Verminderung der Sehschärfe nur eine scheinbare. 
Sie wird einmal bedingt durch zunehmende Hypermetropie und 
durch vermehrte Accommodätions widerstände, indem solcher- 
massen die Einstellung für die Ferne ohne Hilfslinsen schwieriger 
gestaltet oder unmöglich gemacht wird. Das andere Mal ist die 
wachsende Rigidität der Irisgefässwandungen Schuld, inso- 
ferne sie Trägheit und eine ganz beträchtliche Verengerung der 
Pupille, folgerecht also auch eine entsprechende Herabsetzung der 
Helligkeit der Netzhautbilder veranlasst. Bei einigermassen un- 
genügender Beleuchtung können durch eine solche senile Pupillen- 
enge so bedeutende Ausfälle in der Sehschärfe vorgetäuscht werden, 
dass minder Bewanderte an Hemeralopie oder gar an Amblyopie 
denken könnten. 2 ) 

Mau wird also kaum fehlgehen, wenn man in den Vrösom 
de Haan'schen Fällen nur ein gewisses Percent als wirkliche 
Verminderung der Sehschärfe anerkennt und in einem anderen 
Percente nur einen Theil des Ausfalles darauf bezieht. Immer- 
hin besteht der Einfluss des Greisenthums auf die Sehschärfe und 
muss bei merklichem oder gar vorgeschrittenen Marasmus erfahrungs- 



>) H. Cohn, Klin. Monatsblätter. 1875, S. 79. 
2 ) St eil wag, Lehrbuch, 1870. S. 804, 840. 



296 Centrale Sehschärfe; deren Schwanken innerhalb der Norm. 

massig ziemlich hoch angeschlagen werden. Die bekannten senilen 
Veränderungen im Bereiche der Ader- und Netzhaut erklären die 
Fimctionsabnahme, wenn nicht ganz, so doch zum guten Theile. 

Aber auch im kräftigsten Mannesalter schwankt die 
Sehschärfe innerhall) ziemlich weiter Grenzen. ' I In der That stösst 
man in der Praxis nicht ganz selten auf Leute, welche bei vollkommen 
entsprechender Einstellung" des dioptrischen Apparates und bei Alt- 
gang jedweden krankhaften Zustandes das von Snellen aufge- 
stellte Normalmaass der Sehschärfe entweder gar nicht, oder doch 
nur knapp und bei sehr günstigen Beleuchtungsverhältnisseu 
erreichen. Häufiger allerdings rindet man unter jenen Voraus- 
setzungen das Normalmaass überboten. 

Würde man wilde Völkerschaften, welche hauptsächlich durch Jagd 
und Fischerei ihren Lebensunterhalt gewinnen, in die Forschung einbeziehen 
können, so müsste man nach den stannenswerthen Leistungen, von welchen 
verlässliche Reisende erzählen, noch viel erheblichere Ueberschreitungen des 
Normalmaasses als etwas ganz Gewöhnliches zu verzeichnen haben. Insoferne 
die Einstellung des Auges auch bei Europäern gewöhnlich eine richtige ist, 
müssen diese Mehrleistungen unbedingt auf eine namhaft erhöhte Func- 
tionsenergie der Netzhaut bezogen werden. 

Es liegt nach allem dem klar auf der Hand, dass der Gesichts- 
winkel von fünf Minuten in der Bedeutung eines Xo rmal wert h es 
den natürlichen Verhältnissen nicht ganz entspricht. Es hat darum 
auch nicht an Vorschlägen gefehlt, denselben um ein Gewisses 
herabzusetzen. 2 ' Allein damit ist wenig gewonnen, insofern dann 
statt der Fälle, in welchen die Sehschärfe grösser als 1 erscheint, 
einfach jene in das Uebergewicht kommen, in welchen das Normal- 
maass nicht erreicht wird. 

Der Natur der Sache nach kann eigentlich gar kein Winkel 
dem Zwecke voll genügen. Die Grenze zwischen Normalem und Ab- 
normem stellt sich nämlich in der Wirklichkeit nicht als eine scharfe 
Linie, sondern als breite Zone mit verschwommenen Rändern dar. 



») Vrösom de Haan. Klin. Monatsblätter, 1863, S. 327 u. f. 

Burch&rdt Internationale Sehproben. Cassel, 1870. S. 8) spricht 
sich für einen Winkel von 2*15 Minuten aus. 



Notwendigkeit verschiedener Grenzwinkel für verschied. Arten von Zeichen. 297 

Will man durchaus einen bestimmten Grenzwinkel als 
Wertlimesser für die Sehschärfe benutzen, was nach dem 
oben Mitgetheilten grobe Fehler in sich schliesst, so bleibt nichts 
übrig, als denselben durch gegensei tigesUebereinkommen fest- 
zustellen. Es muss dann aber stets vor Augen gehalten werden, 
dase dieser Winke! nur so lange als Massstab gelten darf, als die 
Probeobjecte benützt werden, für welche er berechnet wurde. Der 
von Sn eilen eingeführte Winkel erlaubt nur die Hantierung mit 
den Snellen'schen Schriftproben, Ziffern und Haken, der Burch- 
hardt'sehe Winkel die Handhabung der betreffenden inter- 
nationalen Sehproben u. s. w. In der That lehrt ein einfacher 
Versuch, dass gothische und lateinische Cnrrcntschrift, cyrillische, 
griechische, hebräische, arabische, chinesische Lettern, dass Ziffern, 
Haken, Linien, Punkte, Musiknoten u. s. w. einen andern Grenz- 
winkel ergeben, besser gesagt, dass jedwede Art von Zeichen 
je nach der Zahl und Form der sie zusammensetzenden Theile ein 
centrales Netzhautbild von bestimmter, aber verschiedener Mi- 
nimalg rosse voraussetzt, auf dass sie sicher und leicht erkannt 
werden könne. 

Fasst man das Ganze noch einmal kurz zusammen und zieht 
daraus die praktischen Nutzanwendungen, so würde es lauten: 

1. Die Snellen'sche Formel ist nicht geeignet, das Ver- 
hältniss der Sehschärfe verschiedener Augen zu einander und zu 
einem beliebigen, durch Uebereinkommen festzustellenden Normal- 
maasse annähernd richtig zum Ausdrucke zu bringen. 

2. Um dieses Verhältniss zu ermitteln, müssten in jedem ein- 
zelnen Falle alle Factoren, welche auf die Grösse und Hellig- 
keit der Netzhäutbilder Einfluss nehmen, genau bekannt sein 
und in Gestalt von bestimmten Zahlenwerthen in die Eechnung 
eingeführt werden können. 

3. Bei der praktischen Unmöglichkeit dessen muss man sich 
darauf beschränken, die Leistungsfähigkeit eines jeden Auges 
dadurch klarzustellen, dass man die grössten Entfernungen 



2oö Centrale Sehschärfe ; Ueberblick des Ganzen. 

bezeichnet, in welcher es bei günstiger Beleuchtung bestimmte 
Objecte leicht und sicher zu erkennen im Stande ist. 

4. Als Probeobjecte wird man am besten die eigens zu diesem 
Zwecke angefertigten und durch Druck vervielfältigten Schrift- 
oder Seh proben benutzen. Jene darunter, deren einzelne Nummern 
nach einem bestimmten Verhältnisse wachsen, wie z. B. die 
Snellen'schen, haben selbstverständlich den Vorzug, dass sie Ver- 
gleiche erleichtern. Im Grunde genommen kann man jedoch mit j eder 
beliebigen reinen Druckschrift das Auslangen finden; nur muss 
dann die Höhe und Breite der Lettern genau bestimmt werden oder 
allgemein bekannt sein. Insoferne empfehlen sich auch die Jäger' - 
schen Schriftscalen, welche durch ihre Reichhaltigkeit und durch 
die Vortreiflichkeit ihrer technischen Ausführung den anderen voran- 
stehen und ihre allgemeine Beliebtheit rechtfertigen. 

Im Uebrigen hat Schnabel 1 ) die Grössenverhältnisse der einzelnen 
Nummern gemessen und die Entfernungen berechnet, in welchen sie unter 
einem Winkel von 5 Minuten vom vorderen Knotenpunkte aus gesehen 
werden. Wem es auf das genaue Verhältniss derselben zu den einzelnen 
Nummern von Sn eilen ankömmt, der rindet dort die nöthigen Angaben. 

5. Zuerst ist die Leistungsfähigkeit des Auges für verschie- 
dene Entfernungen zu bestimmen, welche nach den gegebenen 
Refractions- und Accommodationsverhältnissen in dem Bereiche 
der deutlichen Sehweite liegen und daher Hilfslinsen ent- 
behrlich machen. Man beginnt mit den niedersten Nummern 
der Schriftscalen und sucht die kleinste Schrift u. s. w., welche 
das betreffende Auge überhaupt leicht und sicher zu erkennen 
vermag, um dann die relativ gross te Entfernung zu messen, in 
welcher eine genaue Wahrnehmung jener Schrift noch möglich 
ist. Erlaubt es der Fernpunktabstand, so wird der Versuch in der- 
selben Weise mit mittleren und grossen Schriftproben auf 
Distanzen von zwei oder drei Füssen und beziehungsweise von 
zwanzig und mehr Füssen wiederholt. 



l ) Schnabel, Areh. f. Augen- und Ohrenheilkunde V., S. 210. 



Ueberblick; Vorschlag zu einer riehtigeren Bezeichatragsweise. 



299 



(j. Reicht wegen Brechungsfehlern oder Accommodations- 
mängeln des Auges die deutliche Sehweite nicht in grössere 
Entfern un gen {Myopie), oder nicht in die nächste Nähe 
(Hypermetropie), ist sie vielleicht gar eine ganz negative (abso- 
lute Hypermetropie), oder in verschiedenen Meridianen eine 
verschiedene (Astigmatismus), so müssen für die ausserhalb 
der deutlichen Sehweite gelegenen Distanzen, aber nur 
für diese, die entsprechenden Correctionsgläser zu Hilfe ge- 
nommen werden. Im Uebrigen bleibt der Vorgang der gleiche. 

7. Bei allen diesen Versuchen ist womöglich immer seitlich 
einfallendes helles Tageslicht zu verwenden. Steht dieses 
nicht zu Gebote, so müssen die Mängel der Beleuchtung nach 
Art und Grösse bezeichnet werden. 

8. Es empfiehlt sich, die Ergebnisse der Einzeln ver- 
suche einfach wie sie gefunden werden und ohne weitere 
Umsetzungen in der angedeuteten Reihenfolge anzumerken, den- 
selben aber i\vn genau ermittelten Refractionszustand und, wo 
thunlich, auch die Accommodat ionsbreite voranzusetzen. 



Zum Behufe einer mehr gleichmässigen uml übersichtlichen Darstellung 
kann man vielleicht folgendes Schema benützen und die eingeklammerten 
erläuternden Worte als selbstverständlich beim praktischen Gebrauche hin- 

weglassen. 

R(echtes) A(uge) L(inkes) A(uge) ' 

1 



R(efractionsznstand) 



/ 



A(ccommodationsbreite) 



(Liest) 



Jäger 
Snellen 

Schweigger 

oder Andere 



(kleine) Nr. x 
(mittlere) Nr. y 

(grosse) Nr. z 



ohne, 
beziehungs- 
weise mit 
± Linse 
1 
9 



in p 
in Pl 

in vu 



grössten 
| Abstand. 



9. Bei einer solchen Bezeichnungsweise werden auch alle die 
Fehler umgangen, welche sich bei der Aufstellung von Verhält- 
nisszahlen für die Sehschärfe nothwendig aus dem Vorhanden- 



300 Centrale Sehschärfe. 

sein von Trübungen in den dioptrischen Medien , von Ver- 
krümmungen der einzelnen Trennungsflächen und anderen 
pathologischen Abweichungen ergeben müssen. Will Jemand 
nicht nur die Leistungsfähigkeit des Auges, sondern auch 
das Verhältniss der Functionsenergie der Netzhaut zu einem 
conventionellen Normalmaasse zifferniässig zum Ausdrucke bringen, 
so bedarf es blos der Einsetzung der gefundenen Werthe in die 
betreffende Grundformel. 



VI. 



lieber Accommodationspoten und deren Beziehungen zur 

Brillenwahl. 

JLch habe bereits in meinem Lehrbuche, 1870, S. 765, der 
Accommodationsquoten erwähnt und auf deren Bedeutung im 
praktischen Leben hingewiesen. In den folgenden Zeilen sollen 
die Verhältnisse des Näheren gewürdigt werden, unter welchen 
dieselben eine wichtige Rolle zu spielen und die Thätigkeit des 
Arztes herauszufordern vermögen; zuvörderst jedoch sei es gestattet, 
den Begriff klarzustellen. 

Ist / der positive oder negative Fernpunktabstand eines 

Auges, n der Nahepunktabstand, so lässt sich durch -. der 

1 J 

kleinste, durch - der gross te Brechzustand ausdrücken, 

n 

dessen der dioptrische Apparat des betreifenden Auges überhaupt 
fähig ist. Der Unterschied zwischen beiden äussersten Brech- 

werthen wird als Accommodationsb reite durch — bezeichnet. 

a 

Man gelangt solchermassen zu den drei folgenden wichtigen 
Gleichungen : 

I 1 — A. A L — 1. i , i_i 

n f a 1 n a f ' ' / ^ a n' 

Um den kleinsten Refractionszustand aufzubringen und zu 
erhalten, bedarf es keinerlei Anstrengung von Seite der Accom- 
modationsinuskeln; dagegen müssen diese ihre ganze verfügbare 
Kraft daran setzen, um den maximalen Brechzustand herzustellen. 



302 Aceoniniodationsquoten und Brillenwahl. 

Durch Verwendung bestimmter Quoten der dem Accoinmodations- 
apparate zu Gebote stellenden Muskelkraft kann der jeweilige 
Brechznstand des Auges innerhalb der beiden genannten Grenzen 
beliebig gewechselt werden: doch ist die Erhaltung der ver- 
schiedenen Brechwerthe für längere Zeit eine um so schwierigere, 
je mehr sich dieselben dem maximalen Refractionszustande nähern, 
je grösser also die zu ihrer Aufbringung erforderliche Quote der 
verfügbaren Muskelkraft ist. 

Die Binnenmuskeln des Anges sind eben denselben Gesetzen 
unterworfen wie die übrigen Fleischmassen des Körpers. Ein halb- 
wegs kräftiger Mann wird z. B. ein Centnergewicht spielend zwei 
oder mehr Fuss hoch von der Erde emporheben, die ac tu eile 
Energie der dabei betheiligten Muskeln ist hierzu mehr als aus- 
reichend. Allein derselbe Mann wird das Gewicht nicht längere 
Zeit in jener Höhe erhalten können, indem die belasteten Muskeln 
vermöge ihrer elastischen Dehnbarkeit nachgeben und, um diese rein 
mechanische Verlängerung wieder auszugleichen, ihre Zusammen- 
ziehung allmälig steigern, also mit wachsender Kraft arbeiten 
müssen, bis sie ermüden, d. h. bis ihre potentielle Energie 
erschöpft ist. Es geschieht das letztere selbstverständlich um so 
früher, je grösser die aufgewendete Quote der disponiblen 
Kraft ist. Daher denn auch Niemand mit der ganzen oder dem 
grössten Theile der ihm zu Gebote stehenden Muskelkraft, wohl 
aber mit mittleren oder kleineren Quoten der letzteren dauernd 
zu arbeiten vermag. Insoferne aber die Muskulatur bei ver- 
schiedenen Menschen in ungleichem Grade entwickelt ist, bean- 
sprucht dieselbe absolute Leistung bei verschiedenen Mensches 
erfahrungsmässig auch ungleiche Kraftquoten und wird darum 
von dem Einen leicht, von dem Andern schwer oder gar nicht 
aufgebracht Besonders auffallend tritt dieser Unterschied bei be- 
stimmten Hantierungen hervor, indem die einzelnen Muskel- 
gruppen durch fortgesetzte zweckmässige Hebung bedeutend er- 
starken und vielleicht auch mit verhältnissmässig grösseren Quoten 
der verfügbaren Kraft zu arbeiten befähigt werden können. 



Begriffsbestimmung ; mittlere Arbeitsdistanz ; Einstelluugswertb. 303 

In ganz ähnlicher Weise verlangt jeder einzelne bestimmte 
Brechwerth in verschiedenen Augen auch verschiedene 
Quoten der vorhandenen muskulären Accommodationskraft und 
ist daher bald schwieriger, bald leichter herzustellen und zu erhalten, 
immer vorausgesetzt, dass er zwischen den kleinsten und grössten 
Kefractionszustand des betreffenden Auges hineinfallt. 

Brechwerthe, welche ausserhalb dieser Grenzen liegen, sind 
nur unter Zuhilfenahme entsprechender Correctionslinsen auf- 
zubringen. Wo aber letztere benützt werden, muss der minimale 
Refractionszustand -j des Auges in obigen drei Gleichungen ersetzt 

werden durch 

1 1 1 

?r " i - g' 

wo dt die Brechkraft der Hilfslinse bedeutet. 
9 

Jedem beliebigen Brechwerth -- entspricht die Einstellung 
des dioptrischen Apparates für eine gewisse Entfernung e. Der- 
selbe repräsenrirt nur insoweit eine Kraftleistung von 
Seite der Accommodationsmuskeln, als er den Werth des kleinsten 
durch die Bauverhältnisse des Bulbus begründeten Refractions- 
zustandes überragt; daher er denn auch durch den Unterschied 
beider ausgedrückt werden muss. Es ist 

1 1 1t-, .1 1 1 

- = — — -r, beziehungsweise — = — -jr. 

v e f> v e f x 

Falls w oder positive Grössen darstellen (bei Kurz sie h- 
/ ./ 1 

tigkeit), so ist -- < . Falls hingegen ,. oder > negativ sind 

v e f f\ 

(Uebersichtigkeit), so ist > . Ist „ oder . gleich Null 

v e f /i 

(Emmetropie), so ergiebt sich — = 

v e 

Die wirkliche Kraftleistung — getheilt durch den Werth der 

ganzen verfügbaren Kraft ist dann das, was man die für 

a 



304 Accommodationsquoten und Brillenwahl. 

einen bestimmten Brechwerth erforderliche Accommodations- 
quote q nennt: 

v a 

* => T = 7' 

a 
Es ist nun der für eine bestimmte Beschäftigung erforder- 
liche Objectabstand, also auch derEinstellungswerth des Auges 
und die zugehörige Convergenz der Gesichtslinien nicht willkür- 
lich, sondern von der Grösse und der Eigenart des Objectes 
innerhalb ziemlich enger Grenzen vorgezeichnet. Vor Jahrhunderten, 
als die Correctur von Refractions- und Accommodationsfehlern noch 
sehr schwierig und für die Meisten unmöglich war, mussten die 
Bücher mit mächtigen Buchstaben und dem entsprechend in grossem 
Formate gedruckt oder geschrieben werden, so dass sie ebensogut 
auf Klafterweite, als aus grösster Nähe leicht und sicher gelesen 
werden konnten. Heutzutage, wo die optischen Hilfsmittel Jeder- 
mann zu Gebote stehen, sind die gewöhnlichen Drucksorten auf 
eine Leseweite von 12 Zoll berechnet, oder sollten es sein. Ein 
gleicher Abstand ist beim Schreiben und einer Menge von Hand- 
arbeiten die Regel. Gewisse feinere Arbeiten, das Weisssticken, 
die Uhrmacherei u. s. w. fordern eine grössere Annäherung, 
das Musiciren und manche gröbere Handwerke eine weitere 
Entfernung des Gegenstandes; kurz gesagt, für jede das Scharf- 
sehen beanspruchende Beschäftigung ist eine gewisse 
mittlere Arbeitsdistanz nicht nur zweckmässig, sondern 
geradezu geboten und wird auch annäherungsweise von Jeder- 
mann eingehalten, so lange es die Verhältnisse gestatten, indem 
jede grössere Abweichung eine Summe von Schwierigkeiten mit 
sich bringt. 

Ich bleibe vorderhand bei dem Zollmaas se, weil es derzeit in Bezug 
auf Brillennummerirung noch immer am meisten im Gehrauche ist. Ich ver- 
kenne durchaus nicht die damit verknüpften Unzukömmlichkeiten, meine aber, 
dass dieselben weitaus überwogen werden von den Vorth eilen, welche das 
Uuodecimal system, namentlich beim Kopfrechnen, gegenüber dem deci- 
malen Metersysteme gewährt. Auf mathematisch genaue AVerthe muss man 



Mittlere Arbeitsdistanz; Zollmaass; Dioptrien. 305 

bei Brillenbestimmungen in der Praxis ja ohnedies verzichten, da der 
Brechungsindex des verwendeten Rohmateriales innerhalb weiter Grenzen 
schwankt und kaum geringere Fehler in die Rechnung bringt, als die Ver- 
schiedenheit des Zollmaasses in den einzelnen Ländern. 

Ich kann darum auch keinen wesentlichen Nutzen in der Einführung 
der Dioptrien (Donders) erblicken. Will man nicht eine lange Reihe von 
in der Praxis ganz unentbehrlichen Brillennummern opfern, so muss man 
fortwährend mit Zahlen hantieren, welchen mehrere Decimalstellen anhaften. 
Zudem fordert die Anwendung der Dioptrien ein stetiges Umrechnen direct 
gemessener Werthe in systemmässige und zurück, gerade so, wie wenn Je- 
mand darauf bestände, alle seine Einnahmen und Ausgaben in Kronen zu 
verzeichnen, wovon eine 27-40 Mark oder 13*70 Gulden enthält. Endlich 
dünken mir Ausdrücke wie »4*5 Dioptrien« oder »Fünfthalb -Meterlinse« viel 
weniger durchsichtig, als der Ausdruck »Linse von 9 Zoll Brennweite«. 

In der folgenden Tabelle sind nun die für einen solchen 
Brech - oder Einstellungswerth y~ notwendigen Kraftleistungen — 
des Accommodationsmuskels bei minimalen Refractionszuständen 

oder _ — bi s _j_ un( j W eiters die Kraftquoten q, 

J /i b YZ 111111 

welche sich bei Accommodationsbreiten von -«, . -, — , -„ , tö> 91 er- 
geben, schematisch dargestellt, Für Werthe, welche der Natur der 
Sache nach un auf b ringlich sind, ist an der betreffenden Stelle ein 
Querstrich ( — ) gesetzt. 



St eil wag, Abhandlungen. "20 



306 



Accommodidions«! unten und Brillenwahl. 













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Kraftq'jotm hei verschied. Refi öden und Aceotnmodationsbreiten. 307 

Man ersieht aus dieser Tabelle deutlich, dass der flftr Be- 
schäftignngei] mit kleinen Gegenständen aothwendige mittlere Brech- 
wertli jede Kraftleistung von Seite der Accommodationsmu* 
kulatur ausschliesst, wenn er dem im Bau des Auge« begrün- 
deten minimalen Refractionszustande gleich ist; dass die zu seiner 
Herstellung und Erhaltung erforderliche Kraftleistung aher in dem 
Ifaasse steigt, als dm* oatttrliche kleinste Brechzustand des be- 
treffenden Auges sinkt, und dass diese Kraftteistung bei höheren 
Graden von [Jebersichtigkeit Werthe erreicht, welche nur unter 
Voraussetzung b e li r g r o ss er Accommodationsbreiten , \\ i»- sie 
dem kindlichen und jugendlichen Alter zukommen, aufbringbar 
erscheint. 

Es geht weiters daraus hervor, dass solche bedeutende Kraft- 
leistungen selbsl bei sehr grossen Accommodationsbreiten überaus 
beträchtliche Quoten, wenn nicht die- ganze verfügbare Kraft 
der bezüglichen Muskeln in Ansprach nehmen, also nothwendig 
bald zur Ermüdung führen müssen und nur tür eine kurze Dauer 
zu Gebote >tehen. 

Es ergiebt sich ferner, das* jede einzelne beliebige KrafV 
leistung um - re Quoten der disponiblen Accommodations- 

kraft erheischt, je geringer diese selbst i-r: dass daher Alles, was 
die Accommodationsbreite herabzusetzen geeignet isi 
es unmittelbar durch Schwächung der Mu-kulatur, sei es mittelbar 
durch Vermehrung dcv Widerstände, die Serstelling und Erhaltung 

forderlichen Brechwerthes schwieriger zu gestalten und schliess- 
lich ganz unmöglich zu machen ven 

Endlich i-t aus der Tabelle zu entnehmen, dass jede Ver- 
änderung de- minimalen Befractionszustandes durch Bewaffnung 
d<- Auges mit Hilfslinsen auch eine Aenderung <\t-v entsprechen- 
den Kraftverhält nisse mit sich bringe: dass Herabsetzung des 
natürlieLen Brechzustandes durch Zerstreuungslinsen die dem 
Accommodationsmnskel auferlegte Kraftleistung und damit auch 
die aufzuwendenden Kraftquoten erhöhe; da— hingegen St 
rung de- minimalen Befractionszustandes durch Benützung 



308 Accommodationsquoten und Brillenwahl. 

Sa in nie Hin sen die erforderliehen Kraftleistungen und Kraftquoten 
vermindere. 

Strenge genommen sagt die Tabelle nichts Neues, sondern 
bringt nur ziff er massig zum Ausdrucke, was in allgemeinen 
Umrissen längst bekannt und theihveise sogar schon in meiner 
ersten Arbeit über Kefractions- und Accommodationsfehler des 
Auges 1855 M klargestellt worden ist. Doch wird ein näheres 
Eingehen auf die Einzelnheiten hoffentlich jeden Zweifel darüber 
beheben, dass eine solche ziffennässige Darstellung der Krafterforder- 
nisse wesentlich dazu beitragen könne, das Verständniss mancher 
recht verworren scheinender Verhältnisse zu erleichtern und den 
therapeutischen Massregeln einen gesetzlichen Boden zu geben. 



Bei hochgradiger Myopie kann von einer Einstellung des 
Auges für die Normalentfernung von 12 und mehr Zollen selbst- 
verständlich nur die Rede sein, wenn entsprechende Hilfs linsen 
in Gebrauch gezogen werden. 

Dies verschmähen aber nicht wenige Kranke und helfen 
sich durch Annäherung der Objecte an ihren Fernpunktabstand. 
Es ist dann natürlich jede Kraft 1 ei stung von Seite der Accom- 
modationsmuskulatur ausgeschlossen, die ganze Arbeit fällt auf 
den liehtemphndenden Apparat und auf die Convergenzmuskeln, 
welche beide denn auch bei fortgesetzter angestrengter Bethätigung, 
und zwar jedes nach seiner Art, in mannigfacher Weise gefährdet 
werden können. 

Insbesondere häufig geschieht es, dass die beiden inneren Geraden rasch 
ermüden und ihren Dienst als Convergenzmuskeln versagen. Verwirrtes 
Sehen, Durcheinanderlaufen der Gegenstände, Diplopie u. s. w. sind die un- 
mittelbare Folere. 



') Sitzungsberichte der math.-naturw. ('lasse der kais. Akademie der 
Wissensch. zu Wien, XVI., 1855, S. 187. 



Kraftquoten und Arbeitsbrille bei hochgradiger Myopie. 309 

In einem kleinen Theile solcher Fülle entwickelt sich dann die mns cil- 
iare Asthenopie, indem die übermässigen Anstrengungen, welche gemacht 
werden, um die richtige Convergenz immer wieder zu erzwingen, die poten- 
zielle Energie der beiden inneren Geraden erschöpfen und am Ende auch 
einen Grad von Hyperästhesie erzeugen, welcher jede weitere Arbeit 
untersagt. 

Gewöhnlich aber wird der gemeinschaftliche Sehact rasch auf- 
gegeben, das eine Auge übernimmt allein die Fixation, während das an- 
dere zur Seite weicht, die Convergenzinnervation wird ungenügend, oder 
hört ganz auf, oder es wird das eine Auge gar um ein Gewisses nach aussen 
gedreht, also ein Zustand eingeleitet , welcher in seinen minderen Entwicke- 
lungsstufen fälschlich als Insufficienz der inneren Geraden, in den 
höheren als Strabismus externus beschrieben wird und seinem Wesen 
nach unter die relativen Paralysen zurechnen, als Convergenzlähmung 
aufzufassen ist. 1 ) Da das fixirende Auge unter solchen Umständen bei der 
Arbeit allein steht und sein lichtempfindender Apparat eine wesentlich er- 
höhte Aufgabe hat, kömmt es leicht zu Ueberbürdungen des letzteren und 
in weiterer Folge zu hyperämi sehen Zuständen, welche durch die vor- 
gebeugte Körperstellung des arbeitenden Myops noch wesentlich gefördert 
werden. Das Ergebniss sind dann nicht selten die Entwickelung oder Ycr- 
grösserung hinterer Lederhautektasien, Entzündungen, Blutungen, Abhebungen 
der Netzhaut u. s. w. 

In Anbetracht dessen erscheint bei hochgradig Kurzsich- 
tigen, welchen die Verhältnisse es nicht gestatten, die Be- 
schäftigung mit kleinen Gegenständen auf ein geringes Maass zu 
beschränken oder völlig aufzugeben, der Gebrauch von Hilfs- 
linsen geboten, welche die Objecte der Arbeit über den natür- 
lichen Fernpunkt des Kranken hinaus, wenn thunlich, in die 
mittlere Arbeitsdistanz zu rücken erlauben. Besonders dringend 
tritt diese Anzeige hervor, wenn der gemeinschaftliche Sehact 
beider Augen noch besteht und zeitweilige Ermüdung oder gar 
das Nachlassen der Convergenzmuskeln dessen gänzliches Auf- 
geben und die dauernde Ablenkung eines Auges befürchten lassen. 

Würden zu diesem Behufe voll corrigirende Gläser gewählt, 
so käme der Kranke annähernd in die Lage eines Emmetropen 
(S. 306, Querreihe 5). Er könnte der Beschäftigung mit kleinen 



*) Stell wag, Lehrbuch, 1870, S. 884, 921. 



olO Aocommodationsquoten und Brillenwahl. 

Gegenständen in der mittleren Arbeitsdistanz, oder in einer kür- 
zeren, nur unter Voraussetzung einer beträchtlichen Accom- 
modationsbreite dauernd und ohne Ermüdung obliegen. Grosse 
Aecommodationsbreiten sind aber bei hohen Kurzsichtigkcits- 
graden etwas Seltenes und namentlich im reifen Alter nur aus- 
nahmsweise, wenn je, zu linden. In der Regel fuhren daher voll 
corrigirende Gläser unter so bewandten Umständen bald zu 
Ermüdungen der überbürdeten Accomniodationsmuskulatur. 
Dazu kömmt, dass scharfe Brillen vermöge des unvermeidlichen 
Abstandes von dem vorderen Knotenpunkte des Auges eine sehr 
in s Gewicht fallende Verkleinerung der Netzhautbilder noth- 
wendig mit sich bringen l ) und insoferne die Anforderungen an 
die Netzhautenergie bei der Arbeit gewaltig steigern. Die Folgen 
sind darum meistens Keizzustände, welche zur Wahl eines schwä- 
cheren Glases zwingen. 

Wird nur theilweise corrigirt, so gestalten sich die Ver- 
hältnisse ähnlich wie bei mittleren und niederen Graden der 
Myopie i S. 306, Querreihe 6, 1, S). Der Kranke vermag je nach 
der Brechkraft seiner neu angeschafften oder umgetauschten Brille 
mit kleinerem oder gar ohne allem Kraftaufwande von Seite 
des Aeconmiodationsmuskels in die mittlere Arbeitsdistanz scharf 
zu seilen. Auch wird die Netzhautfunction wegen Abschwächung 
des Verkleinerungscoefticienten weniger belastet. Im Allgemeinen 
niuss daher der Kranke bei seiner Beschäftigung länger ausdauern, 
weniger leicht ermüden. 

Am besten pflegt er sich erfahrungsmässig zu behagen mit 
Zerstreuungsgläsern, welche die gegebene Kurzsichtigkeit nahezu 
oder ganz auf den reeiproken Werth der mittleren Arbeits- 
distanz herabsetzen, welche es dem Kranken daher möglich 
machen, seiner Beschäftigung mit einer minimalen oder ohne 
alle Kraftleistung von Seite des Accommodationsmuskels obzuliegen. 



J ) Stellwag, Sitzungsberichte der math.-naturw. Classe der kais. Aka- 
demie der Wissensch. zu Wien. XVI.. 1855, S. 220. 



Kraftquoten und Arbeitsbrille bei Myopien mittleren Grades. 311 

Bei sehr hohen Graden von Myopie und namentlich, wo 
der gemeinschaftliche Sehact bereits dauernd aufgegeben 
und daher auf die Convergenzmuskeln keine Rücksicht mehr 
zu nehmen ist, pflegt der Kranke sogar Brillen vorzuziehen, welche 
von der Kurzsichtigkeit beträchtlich mehr als den von der 
Beschäftigung geforderten mittleren Einstellungswerth übrig 
lassen, und gleicht das Fehlende durch Annäherung des Objectes 
an den Fernpunkt des brillcnbcwaffneten Auges aus. Er arbeitet 
dann auch ohne jede Accommodationsquote und geniesst den 
Vortheil einer größtmöglichen Verminderung des Verkleinerungs- 
coefficienten seiner Hilfslinse. 



Bei mittleren Graden der Kurzsichtigkeit (etwa - 

1 1o 

bis Q ) liegt die gewöhnliche Arbeitsdistanz entweder noch inner- 
es 

halb oder doch nicht weit jenseits der Fernpunktsgrenze der 
deutlichen Sehweite. Der Kranke vermag daher bei unbe- 
waffnetem Auge je nach den gegebenen Umständen mit äusserst 
geringer oder ohne alle Accommodationsquoten (S. 306, Quer- 
reihe 8) dem Bedarfe zu genügen und hat in den betreffenden 
Fällen die Gegenstände nur um ein Kleines hereinzurücken, ohne 
aber jemals die Convergenzmuskeln im Uebermaasse anstrengen 
zu müssen. Er benutzt daher in der Regel nur zum Fernesehen 
Brillen, denen er gerne den vollen Correctionswerth giebt, legt 
dieselben aber bei der Arbeit ab, indem sie hier dem Accom- 
modationsmuskel ganz ungewohnte Kraftleistungen aufbürden, also 
leicht zur Ermüdung und weiterhin möglicherweise zu Reiz- 
zuständen führen. Nur in der Jugend, wo grössere Accom- 
modationsbreiten zur Verfügung stehen, werden solche voll corri- 
girende Gläser öfters eine Zeit lang, wenn auch nicht immer 
ohne Beschwerden, bei der Arbeit vertragen. 

Doch können th eil weise neutralisirende Hilfslinsen zweck- 
dienlich oder geradezu noth wendig sein, wenn die zu einer 



312 Accommodationsquoten und Brillenwahl. 

bestimmten Beschäftigung bei unbewaffnetem Auge erforderlichen 
massigen Convergenzen schwer aufzubringen und zu er- 
halten sind, dagegen ein geringes und seitens, der Arbeit zu- 
lässiges Hinausschieben der Objecte genügt, um die potentielle 
Energie der Convergenzmuskulatur ausreichend erscheinen zu 
lassen; oder wenn eine bestimmte Art der Beschäftigung, z. B. 
das Musiciren, verhältnissmässig kurze Objectsdistanzen verlangt, 
welche jedoch grösser sind, als der Fernpunktsabstand des mittel- 
gradig Kurzsichtigen. 

Erfahrungsmässig fühlt sich der Kranke unter solchen Um- 
ständen am behaglichsten und dauert bei der Arbeit am längsten 
aus mit einer Brille, welche den natürlichen Fernpunkt der Augen 
ein klein wenig über oder in jene Distanz hinausrückt, 
welche die mangelhafte Convergenzenergie oder die specielle Art 
der Beschäftigung als Objectsab stand erheischt. Bei dem Gebrauche 
eines solchen Glases kann nämlich der Kranke in seiner gewohnten 
Weise mit einem Minimum oder ohne alle Kraftleistung von 
Seite des Accommodationsmuskels der Aufgabe genügen. 

Wäre hei Myopie — - die Convergenz für 8 Zoll Objectsabstand mangel- 
et 

haft, aber für 12 Zoll zureichend, so ergäbe sich als Brechwerth der erfor- 
derlichen Brille 

Soll ein Kurzsichtiger mit natürlichem Refractionszustande — auf 
24 Zoll Noten lesen, so entspräche ihm gleichfalls eine Brille 

— - — == — _ oder besser vielleicht - -. 

Der Brechwerth der unter solchen Verhältnissen zu 
wählenden Brille ist also gleich oder etwas weniger grösser, 
als die Differenz zwischen den reciproken Werthen der 
nothwendigen Objectsdistanz und des natürlichen Fern- 
punktabstandes. 



Kraftquoten und Arbeitsbrille bei Myopien niederen Grades. 313 

Bei Myopien niederen Grades (von y^ abwärts) fällt die 
von der besonderen Art des Objectes vorgeschriebene mittlere 
Arbeitsdistanz wohl nur sehr ausnahmsweise jenseits des natür- 
lichen Fernpunktabstandes. Wo dies der Fall ist, wird der Kranke 
bei nur einigermassen genügender Accommodationsbreite mit seiner 
zum Fernsehen benützten voll corrigirenden Brille auch bei der 
betreffenden Arbeit das Auslangen finden. Ist jedoch die Accom- 
modationsbreite sehr herabgesetzt^ so kann es nothwendig werden, 
für die Arbeit eine schwächere Brille zu verwenden, d. i. eine 
nur theilweise Correctur der Myopie vorzunehmen, um die deut- 
liche Sehweite entsprechend zu verlängern, ohne die bei der 
Arbeit erforderlichen Accommodationsquoten über die Grenze des 
Erträglichen zu steigern. 

So konnte z. B. ein Bassgeiger oder Paukenschläger mit Myopie — 

16 

in die Lage kommen, seinen Fernpunktsabstand durch eine Concavlinse von 
32 Zoll Brennweite auf die Notendistanz von 32 Zoll zu vergrösscrn, um ohne 
alle Kraftleistung von Seite des sehr geschwächten Accommodationsapparates 
seinem Berufe obzuliegen. Wollte er die zum Fernsehen benützte voll corri- 

girende Brille von 16 Zoll Brennweite zum Notenlesen gebrauchen, so 

1 24 3 

wäre bei einer Accommodationsbreite von — die erforderliche Quote — = —, 

ein Werth, welcher für Myopen, die an starke Kraftleistungen von Seite des 
Ciliarmuskels nicht gewöhnt sind, schwer auf die Dauer zu erhalten ist. 

Dagegen würde ein anderer Kranker, dessen Accommodationsbreite — oder 

-1 lb 

mehr beträgt, mit der voll corrigirenden Brille — — - nur die halbe und 

16 

beziehungsweise einen noch geringeren Theil der verfügbaren Accommo- 
dationskraft aufzuwenden haben. 

Im Allgemeinen kann man als Regel hinstellen, dass gering- 
gradig Kurzsichtige Concavgläser nur zum Fernsehen be- 
nützen dürfen, dass ihnen hingegen bei Beschäftigungen mit 
kleinen Gegenständen Zerstreuungslinsen fast durchwegs übel 
bekommen, insoferne diese die zur Arbeit erforderlichen Accom- 
modationsquoten entsprechend dem Brechwerthe des gebrauchten 
Glases erhöhen. 

Es sind nämlich diese Quoten bei der mittleren Arbeits- 
distanz, umsomehr also bei kürzeren Objectsab ständen, schon für 



314 Accommodationsquoten und Brillcnwahl. 

das freie Auge nicht ganz unerhebliche, und sie können bei 
stark verminderter Accommodationsbreite für die Dauer schwer 
aufbringbar oder ganz unerschwinglich werden (S. 306, Quer- 
reihe 6, 7, Längsreihe 6, 1, 8). 

Dem entsprechend sind geringgradig Kurzsichtige bei wie 
immer begründeter beträchtlicher Abnahme der Accommodations- 
breite gar nicht selten gezwungen, zuConvexgläsern zu greifen, 
um durch Erhöhung des Eefractionszu Standes die zur Arbeit er- 
forderlichen Accommodationsquoten mit der verfügbaren Kraft in 
das richtige Verhältniss zu setzen. 

Ein 60jähriger Industrieller, überaus kräftig gebaut, doch stark ergraut, 
hat vor mehreren Jahren an linksseitiger Oculomotoriuslähmung gelitten, 
welche an dem betreffenden Auge eine Mydriasis mit Accommodationsparese, 
eine merkliche Ablenkung nach aussen und eine geringe Beschränkung der 
Excursionsfähigkeit nach innen zurückgelassen hat. Das rechte Auge soll 
früher sehr scharf in die Ferne gesehen haben, ist jetzt aber im geringen 
Grade kurzsichtig, lässt bei der Augenspiegeluntersuchung ein sehr schmales 
sichelförmiges Staphyloma posticum und eine physiologische Excavation des 
Sehnerveneintrittes erkennen. Dieses Auge wird jetzt allein zum Sehen ver- 
wendet. Sein Fernpunktabstand beträgt 36 Zoll, der Nahepunktsabstand 
11 Zoll. In letzterer Distanz liest der Kranke noch Jäger Nr. 1. Es ist 

1 _. _L jL 1 1 _i_ 

f ~ 36 ; ~n =_ 11 ; a '" 15-8' 

Beim Lesen und Schreiben hält der Kranke das Buch und beziehungs- 
weise das Papier 13-5 Zoll vom Auge entfernt, Diese Beschäftigung wird, 
besonders bei künstlicher Beleuchtung und längerer Dauer, sehr beschwerlich, 
strengt den Kranken an, bedingt gerne geröthete Augen und selbst ein- 
genommenen Kopf. Es ist annähernd 

1 JL^ 1 _1_ 15-8 _ 4 

v = ~ IFö ~~ 36 ~~~ 21-6 ' q ~~ 21-6 ~" 54' 
Mit einer Co nvexb rille von 60 Zoll Brennweite sieht der Kranke viel 
schärfer in die Nähe, die Buchstaben erscheinen viel schwärzer, das Lesen 
und Schreiben ist wesentlich erleichtert und auch für die Dauer ermöglicht. 
Als Arbeitsdistanz ergiebt sich mit dem Glase 13 Zoll, doch kann der Kranke 
Jäger Nr. 1 bis auf 8 Zoll annähern und Jäger Nr. 8 bis auf 24 Zoll ent- 
fernen. Es ergiebt sich annähernd für das bewaffnete Auge 

1 1 / 1 _^ 1 \ 1 _ 15-8 _ _4_ 

v = " 13 _ \36 ' 60/ ~~ 30-8 ; 9 ~ 30-8 ™ 7-7' 
Der bebrillte Kranke arbeitet ungefähr mit der halben Kraft, wäh- 
rend er bei freiem Auge annähernd vier Fiinftheile seiner Acconnnodations- 



Presbyopie; Begriff, Ursachen, Wirkungen. 315 

kraft benöthigte. Zugleich vermag er seinen Einstellungswerth um — zu 

erhöhen und um — zu erniedrigen (siehe das Folgende). Die Brille entspricht 

28 

allen Anforderungen. 



Es kann dieses Sinken der Accommodationsbreite durch 
mancherlei Erkrankungen der einzelnen Theile des Anpassungs- 
apparates begründet werden und ist dann gewöhnlich ein plötz- 
liches oder sehr rasches. Im Uebrigen, d. h. abgesehen von 
diesen Ausnahmsfällen, ist es ein rein physiologischer Vor- 
gang, beginnt schon zur Zeit der Geschlechtsreife und schreitet 
mit den Lebensjahren ganz allmälig fort bis in das höchste 
Greisenalter. Es besteht jedoch nicht, wie Manche meinen, ein 
ganz bestimmtes Verhältniss zwischen der jeweiligen Accom- 
modationsbreite und der Zahl der zurückgelegten Lebensjahre; 
sondern das Sinken ist bald ein sehr langsames, unmerkliches, bald 
ist es perioden weise ein sehr auffälliges, schleuniges. Es wird 
nämlich wesentlich beeinflusst von der grösseren oder geringeren 
Gunst oder Ungunst der allgemeinen und örtlichen Ernährungs- 
zustände. Erschöpfende Krankheiten, Kummer, Sorge, mangelhafte 
Nahrung u. s. w., insbesondere aber vorzeitiger Marasmus des 
Gesammtkörpers oder des Auges, bedingen nicht selten ein über- 
aus rasches Sinken der Accommodationsbreite auf Werthe, welche 
ganz ausser Verhältniss zur Lebensperiode des Kranken stehen. 

Das frühzeitige Beginnen und das Vorwärtsschreiten während 
des kräftigsten Mannesalters deuten mit Bestimmtheit darauf 
hin, dass das Sinken der Accommodationsbreite seine nächste Ur- 
sache nicht wohl allein in einer Abnahme der Energie der 
Binnenmuskeln finden könne; dass dieses Moment allerdings in 
dem höchsten Alter oder bei krankhaften Zuständen und vor- 
zeitigem Marasmus eine wichtige Rolle spielen könne; dass aber 
der hauptsächlichste Erklärungsgrund offenbar in der Ver- 
mehrung der Widerstände zu suchen sei, welche die zuneh- 
mende Verdichtung der Linse der Accommodationsarbeit bereitet. 



316 Accommodationsquoten und Brillenwahl. 

Es ist diese zunehmende Verdichtung des Kry Stalles bekannt- 
lich mit einer Verminderung der Brechkraft der Linse ge- 
paart. Es wirken also das Sinken der Accommodations- 
breite und des natürlichen Kefractionszustandes zusammen, 
um bei fortschreitendem Lebensalter die zur Arbeit erforderlichen 
Accommodationsquoten zu steigern und am Ende unerschwinglich 
zu gestalten. Und das ist, was man gemäss der Etymologie des 
Wortes »Presbyopie« nennt oder eigentlich nennen sollte. 

Es liegt auf der Hand, dass die Greisenveränderungen der 
Linse und überhaupt des ganzen Aecoinmodation sapparates früher 
oder später bei allen Augen ohne Ausnahme, ihr Bau sei welcher 
er wolle, zum Vorscheine kommen und sich durch Verminderung 
der Accommodationsbreite sowohl als des natürlichen 
Kefractionszustandes geltend machen müssen. Es war daher 
ein grosser Irrthum zu glauben, die Presbyopie sei an Emmetropie 
gebunden und lediglich als Accommodationsbeschränkung 
bei unverändertem Fortbestande des Brechzustandes gleich Null 
aufzufassen. Sie macht sich ebensowohl bei Kurz- als bei Ueb er- 
sieh tigkeit geltend und führt die Emmetropie unfehlbar in Hyper- 
metropie über. l ) 

Bei höheren und mittleren Graden von Myopie kann 
die Presbyopie allerdings nicht so auffällig hervortreten. Einer- 
seits sind jene Fehler nämlich sehr oft progressiv und das durch 
die Senescenz der Theile begründete Sinken des Brechzustandes 
wird ausgeglichen oder sogar weitaus überboten durch die optische 
Wirkung einer fortschreitenden Axenverlängerung des Auges. Ander- 
seits kömmt in Betracht, dass ein starkes Sinken der Aecom- 
modationsbreite sieh nur dort bemerklich machen könne, wo diese 
eine beträchtliche Gritsse besitzt, was alter hei hoch- und 
mittelgradiger Kurzsiehtigkeit nicht leicht der Fall ist. Ausser- 
dem ist in Rechnung zu bringen, dass derlei Myopen nur selten 
oder nie in die Lage kommen, ihre Accommodationsbreite aus- 



J) St eil wag, Lehrbuch, 2. Auflage, 1864, 8. 657. 



Kraftquoten und Arbeitsbrille bei Emmetropie. 317 

zunützen, dass sie vielmehr in der Reg-el ohne alle Kraftquote 
arbeiten, indem sie die Gegenstände einfach in den Fernpunktabstand 
stellen, daher eine selbst beträchtliche Verminderung der Accom- 
modationsbreite nicht nothwendig wahrgenommen werden nmss. 

Wohl aber spielt die Presbyopie bei niederg radigen 
Myopien eine gar nicht unbedeutende Rolle, indem hier die senilen 
Veränderungen des Auges schon an sich eine sehr empfindliche 
Steigerung der Accommodationsquoten mit sich bringen (S. 306, 
Querreihe 7, 6) und überdies den Refractionszustand gar häufig 
auf Emmetropie und weiter auf Hypermetropie herabdrücken 
(S. 306, Querreihe 5, 4, 3). 



Emmetropie ist mehr ein theoretischer Begriff. Untersucht 
man ophthalmoskopisch lange Reihen von Augen, welche für 
emmetropisch gelten, so überzeugt man sich sehr bald, dass 
deren minimaler Refractionszustand nur höchst ausnahmsweise 
zusammenfalle mit dem durch Uebereinkommen festgestellten 
Normal wertke, welcker mit Null bezeichnet wird. Man findet, 
dass der natürliche Brechwerth solcker Augen das Normale fast 
durckwcgs um ein Kleines übersteige oder um ein Kleines 
kinter dem Normale zurückbleibe; dass die betreffenden Augen 
demnach streng genommen als niedergradig kurzsichtig, be- 
ziehungsweise hypermetropisck zu betrachten sind. 

In solchen Augen wird dem Accommodationsmuskel schon 
eine ganz erkeblicke Kraftleistung zugemutket, wenn es gilt, 
den dioptriscken Apparat für eine Arbeitsdistanz von 12 Zoll ein- 
gestellt zu erhalten (S. 306, Querreihe 5). Es wird dann bei einer 

Accommodationsb reite von ^ schon die halbe und bei = ^ 

6 a 12 

die ganze verfügbare Kraft in Anspruch genommen. Feinere 
Arbeiten, welche eine grössere Annäherung der Objecte an das 
Auge erheischen, z. B. das Weissnähen, das Sticken, die Uhr- 



318 Acoommodationsquoten und Brillenwahl. 

macherei u. dgL, ebenso aber auch das Lesen und Schreiben bei 
ungenügender Beleuchtung, welche eine Verkürzung des Ab- 
standes fordert, erhöhen selbstverständlich den nothwendigen 
Kraftaufwand und damit die aufzubringenden Accommodations- 
quoten. 

Bei einer grossen Accommodationsbreite, wie sie dem jugend- 
lichen und dem früheren Mann es alt er zukömmt, kann die 
Binnenmuskulatur des Auges solchen Zumuthungen in der Kegel 
leicht und für die Dauer genügen. Aber schon im späteren 
Mannesalter kömmt es bei derlei Arbeiten gerne zu Ermüdungen, 
welche bei fortgesetzter gewaltsamer Anstrengung des Acconi- 
modationsmuskels sich mit hyper ästhetischen Zuständen ver- 
gesellschaften, am Ende möglicherweise zur accommodativen 
Form der Asthenopie führen und jedwede Beschäftigung mit 
kleinen Gegenständen für lange Zeit unmöglich machen können. 

In den allermeisten Fällen sucht der Kranke ärztliche Hilfe, 
sobald sich beim Arbeiten Beschwerden einstellen, oder er ver- 
schafft sich auf eigene Faust Sammellinsen, welche den Brech- 
zustand seines Auges erhöhen, in Myopie überführen und solcher- 
massen die erforderlichen Accommodationsquoten auf ein ohne 
allen Anstand leicht aufzubringendes Maass herabmindern (S. 306, 
Querreihe 5, 6, 7). 

Eine Zeit hindurch findet der Kranke mit diesen Gläsern 
das Auslangen, über kurz oder lang jedoch melden sich bei der 
Arbeit die Beschwerden wieder. Mit der fortschreitenden 
Senescenz des Auges geht nämlich die Accommodationsbreite 
immer mehr zurück und gleichzeitig sinkt der natürliche Re- 
fractionszustand fort und fort; die zur Arbeit erforderlichen 
Kraftleistungen des Accommodationsmuskels und die aufzuwenden- 
den Quoten werden immer grösser; der Kranke muss zu schär- 
feren Co nvexb rillen greifen, um den Ausfall zu decken. 

Die Emmetropie ist eben gerade so wenig wie jeder andere 
natürliche Brechwerth des Auges ein bleibender Zustand. Die 
mit dem Alter zunehmende Verdichtung des Krystalles und die in 



Kraftquo'ten und Arbeitsbrille b« Bypermetropie. 319 

späteren Lebensepoclien auftretenden Greisenveränderungen des 
Auges bedingen einen fortwährenden Wechsel, ein stetes 
Zurückgehen des minimalen Refractionszustandes, welches jedoch 
im Einzelnfalle, bei jedwedem Baue des Auges, periodenweise 
unterbrochen oder gar in's Gegentheil verkehrt werden kann 
durch die Entwickelung und Vergrößerung eines Staphyloma 
posticum. Gemeiniglich handelt es sich, wenn die Arbeit anfängt 
beschwerlich zu werden und Hilfslinsen erheischt, gar nicht mehr 
um Emmetropie, vielmehr ist der Brechzustand des Auges bereits 
negativ geworden und fällt weiterhin immer mehr, so dass Kranke, 
welche in der Jugend mit Leichtigkeit feinere Arbeiten ausführen 
konnten, im späteren Alter sich ausser Stand gesetzt sehen, den 
dioptrischen Apparat für kurze Objectsab stände richtig einzustellen. 



Bei ursprünglich hypermetropischem Baue des Auges 
bedarf es selbstverständlich noch grösserer Kraftleistungen von 
Seite des Accommodationsmuskels, um für feinere Arbeiten den 
erforderlichen Brechwerth herzustellen, und zwar ist der Bedarf an 
effektiver Muskelkraft ein um so höherer, je weiter sich der 
natürliche Refractionszustand des Auges von der Null entfernt. 
Demgemäss sollte bei allen Hypermetropen die Beschäftigung mit 
kleinen Gegenständen durchwegs eine viel grössere Schwierigkeit 
finden und auch wohl in viel früherem Lebensalter zur Ermüdung 
führen, als bei emmetropischen oder gar bei kurzsichtigen Augen. 

Doch kömmt den Hypermetropen hier ein sehr wesentlicher 
Umstand zu Hilfe. Eben die Tiefe des natürlichen Refractions- 
zustandes bringt es mit sich, dass Ueb ersichtige von der ersten 
Jugend an gezwungen sind, ihren Accommodationsmuskel zu üben, 
diesem nicht nur behufs des Nahesehens, sondern auch zum Ferne- 
sehen gewisse Kraftleistungen aufzuerlegen und ihn so während 
der ganzen Dauer des Wachseins in einer entsprechenden Thätig- 



320 Accommodationsquoten und Brillenwahl. 

keit zu erhalten. Die Folge dieser fortgesetzten Uebung ist dann 
in der Eegel eine ganz ausserordentliche Massenzunahme des 
Muskels 1 ) und damit eine sehr bedeutende Erhöhung seiner 
actuellen und potentiellen Energie. In der That sind bei 
jugendlichen Uebersichtigen, welche von erster Kindheit an sich 
viel mit kleinen Objecten zu beschäftigen hatten, Accommodations- 
breiten von etwas Gewöhnliches und von ^ nichts ganz Seltenes ; 
mitunter steigt der Werth sogar noch höher. 

Es stehen nun die für eine gewisse Beschäftigung aufzu- 
bringenden Kraft quo ten in umgekehrtem Verhältnisse zur Grösse 
der vorhandenen Accommo dationsb reite. Es liegt daher auf der 
Hand, dass jugendliche Hypermetropen mit wohl geübtem und 
massig entwickeltem Muskelapparate selbst hohen Ansprüchen 
genügen und unter Umständen mit denselben Quoten arbeiten 
können wie Myopen mit geringer Accommodationsbreite. 

So ergiebt ein Blick auf die Tafel (S. 306), dass Augen mit 

Hypermetropie - und Accommodationsbreite — , 
12 o 

1 

4' 

1 

5' 

1 

6' 

1 

» — . 

8' 

12 

in gleicher Weise mit der halben verfügbaren Accommodationskraft sich für 
eine Arbeitsdistanz von 12 Zoll einzustellen haben. 

Wenn aber nach Abstreifung der Jugendblüthe die Wider- 
stände wachsen, welche der sich verdichtende Linsenkern den 
accommo dativen Vorgängen im Innern des Augapfels entgegen- 
stellt, dann macht sich auch die Hypermetropie bald geltend, es 
steigern sich rasch die für feinere Arbeiten erforderlichen Accom- 



» 


1 
24 


» 


1 
48 


imetropie 


1 


opie 


1 

48 


>/ 


1 
24 



i) Iwanoff, Arch. f. Ophthalmologie XV., 3, S. 284. 



Kraftquoten und Arbeitsbrille bei Hypermetropie. 321 

modationsquoten, die potentielle Energie des Muskels wird unzu- 
reichend und verlangt dringend nach Hilfslinsen, welche den Verlust 
an Accommodationsbreite und die nebenher gehende Verminderung 
des natürlichen Refractionszustandes auszugleichen im Stande sind. 

Es tritt diese Notwendigkeit in um so früheren Lebens- 
epochen hervor, je grösser die absoluten Anforderungen 
sind, welche die Beschäftigung an das Leistungsvermögen des 
Auges stellt, je höher der im Baue des Auges begründete Grad 
der Hypermetropie ist und je weniger günstig die Umstände 
für eine Zunahme des Accommodationsmuskels an Masse und 
Energie waren. 

Niedergradig Hypermetropische greifen gewöhnlich erst 
im reiferen Mannesalter oder an der Grenze des Greisenthumes 
zu Sammellinsen, ausgenommen die Fälle, in welchen vorzeitiger 
Marasmus, erschöpfende Krankheiten oder mangelhafte Ernährung 
die Energie des Accommodationsmuskels wesentlich beeinträchtigt 
haben. Bei mittleren Graden von Uebersichtigkeit, etwa 
— -~, macht sich das Bedürfniss einer Nachhilfe durch Correc- 
tionsgläscr jedoch nicht selten schon im frühen Mannesalter, bei 
hohen und höchsten Graden von Uebersichtigkeit bald nach der 
Geschlechtsreife oder gar schon in der Kindesperiode geltend. 

Im Einzeln falle ist es nach dem Vorhergehenden nicht so- 
wohl der durch den Bau des Auges begründete Grad der vorhan- 
denen Hypermetropie, als vielmehr die für die Dauer uner- 
schwinglich gewordene Höhe der Accommodationsquote, 
welche den Ueb er sichtigen früher oder später zwingt, sich bei der 
Beschäftigung mit kleinen Gegenständen der Convexgläser zu 
bedienen. Der eigentliche therapeutische Zweck der letz- 
teren kann darum keineswegs eine Ausgleichung der 
gegebenen Uebersichtigkeit, sondern lediglich nur eine 
Herabminderung der zur Arbeit erforderlichen Accommo- 
dationsquoten auf ein für den Kranken leicht aufbring- 
bares Maass sein. 

St eil wag, Abhandlungen. 21 



322 Accommodationsquoten und Brilleuwnhl. 

Es unterliegt nun gar keiner Schwierigkeit, die Brechkraft 
jener Sammellinse zu ermitteln, welche, dem dioptrischen Apparate 
beigefügt, die Accommodationsquote für eine bestimmte 
Objectsdistanz bei einem beliebigen Grade von Hypermetropie 
und bei jeder beliebigen Accommodationsbreite auf irgend einen 
willkürlich wählbaren Werth bis Null herabzusetzen vermag. 

Wollte man, von rein theoretischem Standpunkte ausgehend, einen 

Kranken mit Hypermetropie — — bei einem Objectsabstande von 12 Zoll mit 

6 1 

halber Aceommodationskraft, also mit einer Quote arbeiten lassen, so 

i 

miisste man (siehe Schema S. 306) seinen natürlichen Refractionszustand 
bringen : 



bei 



— = — durch eine Linse -|- ' } 



a 


4 


1 


1 


a 


5 


1 


1 


a 


6" 


1 


1 


a 


8" 


1 


1 


a 


"" 12 



+ ä 


;iui 


1 

12 1 


+ i 


» 


1 
~ 24' 


+ L 


» 


1 
" 48' 


+ 1 


» 


1 

xT' 


+ 5 J c 


» 


+ 1 

^ 48' 


+; 8 


» 


1 
+ 24- 



Mit einer nach solchen Grundsätzen gewählten Hilfslinse würde 
indessen der Uebersichtige keinen Augenblick deutlich in die Ent- 
fernung von 12 Zoll zu sehen im Stande sein. Es steht nämlich 
durchaus nicht in seinem Belieben, die Accommodationsquote für 
einen bestimmten, durch die Art der Beschäftigung ge- 
botenen oder durch Angewöhnung fixirten Objectsab- 
stand je nach Bedarf oder Laune zu wechseln. Vielmehr ist er 
bei den Innervationen seiner Accommodations- und Convergenz- 
muskulatur an ein gewisses, jeweilig nur innerhalb enger 
Grenzen wandelbares Verhältniss gebunden, welches sich 
den gegebenen Umständen gemäss allmälig ausgebildet und durch 
längere Uebung gefestigt hat iDonders' relative Accommoda- 
tions- und Convergenzbreito. 



Kraftquoten und Arbeitsbrille bei Hypermetropie. 32o 

Es kann dieses Associationsverhältniss, wo es einmal durch 
dauernde Hantierung mit gewissen kleinen Gegenständen ein- 
gewurzelt ist ; wohl nach und nach, in längeren Zeiträumen, 
den veränderten Bedürfnissen entsprechend ein wesentlich ver- 
schiedenes werden; es duldet aber keine plötzlichen und aus- 
giebigen Störungen, sondern straft dieselben mit höchst unbe- 
haglichen Gefühlen und weiterhin mit unerträglichen nervösen 
Beschwerden. 

Insoferne nun die Arbeitsdistanz bei jedweder Beschäfti- 
gung im Allgemeinen eine wenig veränderliche ist (S. 304), 
so liegt es auf der Hand, dass Uebersichtige nur mit solchen 
Hilfslinsen den angestrebten Zweck, Erleichterung des 
scharfen Nahesehens, erreichen können, welche die bis- 
her bei der Arbeit aufgewendeten Accommodationsquoten 
um ein relativ Kleines herabmindern, also eine geringe 
Störung jenes Associationsverhältnisses mit sich bringen. 

Die praktische Erfahrung liefert hiefür tagtäglich die Belege. 
In der That findet man bei den Brillenbestimmungen, dass Hyper- 
metropen, welche bisher mit unbewaffneten Augen ihre 
g e w o h n t e n A r b e i t e n v e r r i c h t e t h a b e n , aber durch Beschwerden 
gezwungen sind, zu Hilfslinsen zu greifen, in der Regel nur 
schwache Convexgläser als diejenigen bezeichnen, welche ihnen 
ein genügendes und behagliches Sehen in die Nähe vermitteln, 
also auch eine ausreichende Nachhilfe für Dauerarbeit ver- 
sprechen. Gemeiniglich liegt der Brechwerth der ersten Brille, 
gleichviel welches der durch den Augenspiegel festgestellte kleinste 

Refractionszustand der Augen sei, unter , selten erreicht er oder 

1 -> u 

übersteigt er gar 

Die Fälle, in welchen stärkere Sammellinsen als erste 
Brille benöthigt werden, sind immer solche, in welchen es sich 
nicht sowohl um die Erleichterung einer bisher fortge- 
setzten gewohnten Arbeit handelt, sondern Leistungen ge- 
fordert werden, welchen die Äugen von Anbeginn oder 

21* 



324 Accommodationsquoten und Bvillenwalil. 

wenigstens seit längerer Zeit nicht mehr gewachsen 
waren. Sie betreffen hochgradig hypermetropische Kinder oder 
jugendliche Leute, welche ihren Aufgaben nur mit äusserster 
Mühe und Anstrengung oder gar nicht gerecht werden konnten, 
oder Uebersichtige reiferen Alters, welche die Arbeiten, zu 
denen sie eine Brille suchen, seit längerer Zeit wegen Unvermögens 
ganz aufgegeben hatten. 

In einem guten Theile auch dieser Fälle erweist sich 
übrigens die Wahl einer solchen regelwidrig scharfen ersten Brille 
hinterher als eine verfehlte. Dieselben Hilfslinsen, welche bei 
dem Versuche als ganz vortrefflich befunden wurden, müssen nach 
kurzem Gebrauche als ganz unleidlich bei Seite geworfen und mit 
schwächeren vertauscht werden. 

Nimmt man sich die Mühe, in einer längeren Reihe von 
Fällen die Accommodationsquoten zu berechnen, welche der 
Uebersichtige bisher mit unbewaffnet ein Auge während der 
Arbeit aufwenden musste, und diese Quoten zu vergleichen 
mit jenen, welche unter Benützung der neugewählten, als 
zweckmässig und behaglich erkannten Brille bei derselben oder 
einer ähnlichen Arbeit aufgebracht werden müssen, so stellt sich 
obiges Gesetz ziffermässig in voller Klarheit und Bestimmtheit 
vor Augen. 

Es ergiebt sich, dass jene Hypermetropen, welche auftreten- 
der Beschwerden halber der Hilfslinsen wirklich benöthigen, durch- 
wegs mit sehr hohen Accommodationsquoten arbeiten, und 
dass in verschiedenen Fällen wohl eine verschiedene, stets 
aber verhältnissmässig geringe Herabsetzung dieser hohen 
Quoten hinreicht, um die Arbeitsfähigkeit wieder voll 
herzustellen, ja dass überhaupt nur eine solche gering- 
fügige Verminderung der Accommodationsquote zweck- 
dienlich und zulässig sei. 

Man findet weiter, dass brillenbedürftige Hypermetropen 
bei der Beschäftigung mit kleinen Gegenständen stets mehr als 



Kraftquoten und Arbeitsbrille bei Hypermetropie. 325 

die Hälfte, in der Regel sogar mehr als drei Viertheile, ja 
mitunter nahezu die ganze verfügbare Accommodationskraft in Ver- 
wendung bringen oder vielmehr zu bringen scheinen, ein Verhält- 
nisse welches nur wenige Analogien in den Kraftleistungen anderer 
Muskelgruppen haben dürfte. 

Bei eingehender und wiederholter Prüfung der einzelnen 
Factoren stellt sich die Sache indessen etwas milder dar. Es 
zeigt sich nämlich, dass die Kranken bei dem Versuche, welcher 
naturgemäss nur kurze Zeit dauert und bei welchem auf scharfes 
und deutliches Sehen Gewicht gelegt wird, ihren Accommodations- 
muskel weit mehr zu bethätigen pflegen, als bei der gewohnten 
ruhigen Arbeit, ja dass sie bei der letzteren sehr oft gar nicht 
für die wirkliche Objectsdistanz, sondern für einen 
grösseren Abstand den dioptrischen Apparat eingestellt erhalten, 
sich also mit mehr oder weniger undeutlichem Sehen in Zer- 
streuungskreisen behelfen, höchstens nur zeitweilig und vor- 
übergehend richtig accommodiren. Sie lesen z. B. auf 12 — 14 Zoll 
Abstand Jäger Nr. 5 — 8, sind aber ausser Stande, Nr. 1 — 3 derselben 
Schriftscala zu entziffern, was doch sein müsste, wenn das Auge 
wirklich auf die genannte Distanz eingestellt wäre. 

Doch sind diese Abweichungen niemals so gross, dass dadurch 
die dem Accommodationsmuskel zugemuthete Kraftleistung eine 
leicht aufzubringende und zu erhaltende würde. Auch wenn man 
die während der ärztlichen Untersuchung oft beliebte Verkürzung 
der Arbeitsdistanz und die ungenaue Einstellung des dioptrischen 
Apparates voll in Anschlag bringt, ergiebt sich immer wieder, dass 
nur solche Hypermetropen einer Correctur durch Sammellinsen be- 
dürftig sind, welche weit mehr als die Hälfte der verfügbaren 
Accommodationskraft aufbieten müssen, um den Anforderungen bei 
der Arbeit zu genügen; ja dass die Meisten erst dann zu Hilfs- 
linsen greifen, wenn sie bereits mehr als drei Viertheile der 
Accommodationskraft aufzuwenden haben, um nothdürftig und allen- 
falls mit unzureichender Einstellung des Auges der gewohnten Be- 
schäftigung obliegen zu können. 



326 Accominodationsquotcn und Brillemvahl. 

Dagegen stellt sich die Gewohnheit vieler Hypermetropen, 
sich bei der Arbeit mit einem nicht ganz scharfen Sehen zu 
bescheiden ; als ein Verhältniss heraus, welches bei der Brillen- 
bestimmung sorglich berücksichtigt werden muss, sollen Irrthümer 
vermieden werden. Es versteht sich nämlich von selbst, dass eine 
solche Gewohnheit nur dort einreissen könne, wo die geringere 
Feinheit der Arbeitsgegenstände ein Sehen in massigen Zer- 
streuungskreisen nicht ausschliesst. Wollte man nun in derlei 
Fällen stets ein vollkommen scharfes Sehen durch die geeigneten 
Brillen erzwingen, so würde gar oft und namentlich bei älteren 
Leuten eine ganz unleidliche Störung des natürlichen Associations- 
verhältnisses zwischen Accommodation und Convergenz herbeigeführt, 
das gewählte Glas nach kurzem Gebrauche unerträglich befunden 
werden. Man muss sich also oft mit einer theilweisen 
Correctur begnügen, d. h. mit einer Correctur, welche die 
gewohnte Arbeit ohne Beschwerden durchzuführen gestattet, 
dagegen aber auf eine ganz genaue Einstellung des 
dioptrischen Apparates verzichten. 

Es wäre z. B. ein ältlicher Mann, welcher viele Stunden des Tages mit 
Lesen und Schreiben zu verbringen hat und einer Hilfslinse bedürftig erscheint. 
Würde man bei der Wahl der letzteren das Hauptaugenmerk darauf richten, 
dass der Kranke die feinste Perlschrift (Jäger Nr. 1 und 2) fliessend zu lesen 
vermöge, so würde man in der Mehrzahl der Fälle zu einem Glase gelangen, 
welches für die gewohnte Arbeit viel zu scharf ist und bald zur Seite ge- 
legt werden muss. 

Es fragt sich nun: Welche ist denn im Einzelnfalle die 
Sammellinse, welche die zu einer bestimmten Arbeit erforder- 
lichen Aecommodationsquoten ausreichend herabzusetzen vermag, 
ohne die eingewurzelten Associationsverhältnisse in einem für den 
Kranken peinlichen oder unerträglichen Grade zu stören? 

Die Theorie der relativen Accommodationsbreite ') lässt die 
Antwort errathen: Es kann nur jene Hilfslinse als richtig 



*) Donders, Die Anomalien der Refraction und Accommodation. Wien, 
18G6. S. 93. 



Kraftquoten und Arbeitsbrille bei Hypermetropie. 327 

gewählt gelten, welche bei der für eine gegebene mittlere 
Arbeitsdistanz erforderlichen Convergenz einen entspre- 
chenden positiven und negativen Theil der relativen 
Accommodationsbreite verfügbar lässt, d. h. unbeschadet 
des scharfen und deutlichen Sehens bei unverändertem 
Objectsabstande die Zulegung ebensowohl einerweiteren 
Sammel- als einer Zerstreuungslinse von gewisser Brech- 
kraft gestattet. 

Bekanntlich ist die relative xAccommodationsbreite bei 
verschiedenen Individuen eine verschiedene und in jedem Einzeln- 
falle für jede Objectsdistanz eine andere, sowohl was ihre 
absolute Grösse, als was den Werth ihres positiven und 
negativen Theiles betrifft. Doch besteht überall eine gewisse 
mittlere Objectsdistanz, für welche der positive und der 
negative Theil der relativen Accommodationsbreite sich nahezu 
gleichen. Wird der fixirte Gegenstand von dieser mittleren Ent- 
fernung aus den Augen genähert, so nimmt der positive Theil 
an Werth ab, um im binocularen Nahepunkte Null zu werden. 
Entfernt sich hingegen das Object, so sinkt der Werth des 
negativen Theiles, ohne jedoch noth wendig zu verschwinden, 
wenn die beiden Gesichtslinien parallel werden, indem Einstellungen 
für negative Distanzen bei Uebersichtigkeit sehr gewöhnlich zu 
Gebote stehen (manifeste Hypermetropie). 

Offenbar ist es die Aufgabe der Hilfslinse, allen diesen Ver- 
hältnissen gebührende Rechnung zu tragen und insbesondere die 
mittlere Objectsdistanz, für welche der Kranke einen 
gleichgrossen positiven und negativen Theil der relativen 
Accommodationsbreite zur Verfügung hat, womöglich zu- 
sammenfallen zu machen mit der bei der bestimmten 
Beschäftigung einzuhaltenden mittleren Arbeitsdistanz. 

Mit anderen Worten heisst dies: Es ist eine Linse zu 
suchen, welche, dem dioptrischen Apparate zugefügt, ein 
genügend scharfes und deutliches Sehen in die von der 
Grösse und Eigenart der Objecte bedingte mittlere Arbeits- 



328 Accommodationsquoten und Brillenwahl. 

distanz (S. 304) ermöglicht und unbeschadet dieses scharfen 
und deutlichen Sehens den Gegenstand in positiver und 
negativer Richtung um ein möglichst Grosses zu ver- 
schieben, den Einstellungswerth also zu erhöhen und zu 
erniedrigen gestattet. 

Sieht das mit der Brille bewaffnete Auge nämlich nicht nur 
in der gegebenen mittleren Arbeitsdistanz scharf und deutlich, 
sondern auch wenn der Gegenstand aus der letzteren hinweg den 
Augen um ein Beträchtliches genähert und solchermassen 
der Convergenzbedarf ansehnlich gesteigert wird, so muss für die 
mittlere Arbeitsdistanz ein entsprechend grosser positiver 
Theil der relativen Accommodationsbreite verfügbar ge- 
wesen sein. Umgekehrt aber kann das scharfe und deutliche 
Sehen beim Hinausrück en des Gegenstandes in merklich grössere 
Entfernungen nur aufrecht erhalten bleiben, wenn für die 
mittlere Arbeitsdistanz ein entsprechender negativer 
Theil der relativen Accommodationsbreite disponibel war. 

Eine Brille, welche zu einer ansehnlichen Verkürzung des 
Objectsab Standes über die bezügliche mittlere Arbeitsdistanz herein 
nöthigt und nur ein geringes Hin aus rücken der Gegenstände 
ohne Gefährdung des scharfen Sehens erlaubt, ist demgemäss zu 
scharf. Gläser dagegen, welche die Objecte der Beschäftigung 
über die mittlere Arbeitsdistanz hinaus zu schieben zwingen und 
nur eine geringe Annäherung an die Augen zulassen, sind zu 
schwach. 

Bei einiger Erfahrung und Uebung gelingt es ohne Schwierig- 
keiten, ein Glas zu finden, welches den theoretischen Anforde- 
rungen entspricht und dem praktischen Bedürfnisse Genüge leistet. 
Gar nicht selten gelangt man rasch, ja auf den ersten Griff, zu 
einer Brille, welche nicht nur ein scharfes und deutliches 
Sehen in die mittlere Arbeitsdistanz ermöglicht, sondern 
ausserdem eine nahezu gleiche Erhöhung und Erniedrigung 
des Einstellungswerthes mit der zugehörigen Convergenz 
gestattet, sich also dem Ideale nähert. In der grössten Mehr- 



Kraftquofcen und Arbeitsbrille bei Hypermetropie. 329 

zahl der Fälle jedoch, namentlich wo höhere Grade von Hyper- 
metropie im Spiele sind, oder wo es sich um sehr kleine Objecte, 
also um sehr kurze Arbeitsdistanzen handelt, vermag die Brille das 
Missverhältniss nur mehr weniger abzuschwächen, welches 
bisher zwischen dem positiven und dem negativen Theile der 
relativen Accommodationsbreite bestanden hat, sollen nicht uner- 
trägliche Störungen der eingewurzelten Associationsverhältnisse das 
Ergebniss der Correctur sein. 

Leider lassen sich die Unterschiede der Einstellungswerthe, 
welche in jedem gegebenen Einzelnfalle die Hilfslinse gewähren 
muss, auf dass ihr das Maximum der erreichbaren Leistungs- 
fähigkeit zugesprochen werden kann, noch nicht ziffermässig 
ausdrücken. Dazu gehören lange Reihen genauer Messungen. 

Es stellen sich aber der genauen Messung des Spielraumes, 
innerhalb welchem ein brillenbewaffnetes Auge noch scharf und 
deutlich zu sehen vermag, auch wenn dieser Spielraum seiner 
ganzen Länge nach positiv ist, häufig ganz unübersteigliche 
Hindernisse in den Weg. Man kann sogar sagen, dass Fälle, 
welche ganz zuverlässliche und theoretisch verwerthbare 
Messungen liefern, zu den Ausnahmen gehören. Wenn nämlich 
die Kranken schon in der mittleren Arbeitsdistanz sich zumeist 
mit einem Sehen in Zerstreuungskreisen bescheiden, um an 
Accommodationsarbeit zu ersparen, so ist dies sicherlich noch in 
viel höherem Grade an den Grenzen der dem brillenbewaffneten 
Auge zukommenden deutlichen Sehweite der Fall. In der That 
ergiebt sich bei der Berechnung, dass selbst in jenen Fällen, in 
welchen die Intelligenz und der gute Wille des Kranken der 
Messung zu Hilfe kommen, die beiden Endpunkte des fraglichen 
Spielraumes in der Regel ausserhalb der deutlichen Sehweite 
des brillenbewaffneten Auges gelegen sind, die dorthin gerückten 
Objecte demnach nur in Zerstreuungskreisen wahrgenommen 
werden können. Es ist eben schon für den Geübten sehr schwer, 
haarscharf den Abstand anzugeben, in welchem die geeignetsten 
Sehproben, nämlich Schriftscalen, aufhören, vollkommen scharf 



öd() Accommodationsquoten und Brillen wähl. 

und deutlich zu erscheinen. Bei Ungeübten ist ein solches Ver- 
langen ganz unerfüllbar ; man muss sich damit begnügen, die 
Distanzen zu ermitteln, in welchen die Undeutlichkeit der Wahr- 
nehmungen schon störend hervortritt, und da wird man bei wieder- 
holten Messungen häufig auf sehr abweichende Werthe stossen. 

Es versteht sich von selbst, dass als Objecte bei diesen 
Versuchen am besten Schriftscalen benützt werden, und dass für 
jeden zu messenden Abstand immer nur solche Nummern der 
Probebuchstaben zu verwenden sind, welche, aus der fraglichen 
Distanz gesehen, unter einem Winkel von ungefähr 5 Minuten er- 
scheinen (S. 282, 298). Handelt es sich um Brillen für anderweitige 
Hantierungen, so ist die mittlere Arbeitsdistanz für diese zu 
ermitteln und zum Versuche jene Schriftprobe zu gebrauchen, 
welche aus dem gleichen Abstände sich unter einein Winkel 
von ungefähr 5 Minuten präsentirt, 

Es kommen Fälle vor, avo die deutliche Sehweite des mit der 
Brille bewaffneten Auges theilweise negativ bleibt. Siebetreffen 
wohl immer nur Individuen mit höheren Graden von Ueber- 
sichtigkeit (über —A Als minimaler Einstellungswerth des 
bebrillten Auges sollte hier offenbar der manifeste Theil der 
Hypermetropie gelten. Man stösst indessen auf Kranke, welche 
mit einer gewissen Convexlinse ganz scharf und deutlich in grosse 
Entfernungen und in die mittlere Arbeitsdistanz sehen, aber 
mit derselben Linse ausser Stande sind zu lesen, wenn die Schrift 
aus der mittleren Leseweite um ein Gewisses hinausgerückt wird. 
Die Kranken haben für kurze Abstände nur einen sehr geringen 
negativen Theil der relativen Aecommodationsbreite verfügbar. Es 
liegt auf der Hand, dass unter solchen Umständen der von der 
Brille gewährte Spielraum, beziehungsweise die Differenz der 
Einstellungs werthe , nach dem letzteren Abstände bemessen 
werden muss. 

Einige Beispiele sollen zeigen, wie ich vorgehe, um die 
nöthigen Anhaltspunkte zur Beurtheilung der Zweckmässigkeit einer 



Kraftquofcen und Arbeitsbrillc l>ci Hypermetropie. Soi 

Oonvexlinse zu gewinnen. Ich habe dabei nur zu bemerken, dass 

der minimale Refractionszustand -^ stets mit dem Augenspiegel 

(aufrechtes Bild) gemessen ist. 

Ein sehr intelligenter gesunder kräftiger 12j ähriger Realschüler, klagt 
über Thränen und Schmerzen der Augen , wenn er angestrengt zu lesen und 
zu schreiben gezwungen ist. Er ist hypermetropisch — , liest Jäger Nr. 1 bis 
auf 5 Zoll Annäherung, Snellen Nr. 20 sowohl mit freiem Auge als mit Con- 
vexbrillen von 48 Zoll und 24 Zoll Brennweite auf 20 Fuss Entfernung voll- 
kommen sicher und leicht. Als Arbeitsdistanz ergiebt sich 12 Zoll. Es ist 

I l 1 x 1 l 

f ~ 12 ' n ~~ "5 ' a ~~ 3-5 

11 11 _ 3-5 

7 ~~ 12 ~*~ 12 ~~ 6 ' q "' T' 

Mit Convexbrillen -f- 48 und + 24 kann er Jäger Nr. 1 bis auf 3*5 Zoll 
annähern, doch verschwimmt ihm Jäger Nr. 8 beim allmäligen Hinaus- 
rücken von der mittleren Arbeitsdistanz 12 Zoll schon in 27 und in 25 Zoll, 
je nachdem er die 48- oder die 24zöllige Brille in Anwendung bringt. Dieser 
Umstand und die verhältnissmässige Geringfügigkeit der Accommodations- 
quote beim Lesen mit freiem Auge ergeben deutlich, dass der Kranke einer 
Convexbrille nicht bedarf, sondern blos auf bessere Beleuchtung u. s. w. 
Rücksicht genommen werden müsse. 

Ein lOjähnger schwächlicher und etwas buckeliger Juweliergehilfe klagt 
über Beschwerden bei der Ausführung feinerer Berufsarbeiten und bedient 
sich hierbei seit einiger Zeit eines Convexglases von 48 Zoll Brennweite in 
Zwickerform. Es ergiebt sich eine totale Hypermetropie von — . Jäger 
Nr. 1 liest der Kranke, von 12 bis auf 4 Zoll Distanz. Mit freiem Auge und 
mit der Brille -f- 48 liest er Snellen Nr. 20 sicher und leicht auf 20 Fuss Ent- 
fernung. Es ist 

i _ l l l l l 

f ~ 20 ' n r " 4 ; a~ — 3'33' 

Beim Lesen ergiebt sich als Arbeitsdistanz 12 Zoll. Es ist also 

1 1,1 1 _ 3-33 

v " 12 ■" 20 "" 7-5 ' q ~ = 7-5 ' 

Bei der Juwelierarbeit beansprucht der Kranke eine Arbeitsdistanz von 
8 Zoll. Mit Rücksicht darauf erscheint 

o ~~ 8 ~^~ 20 _ 5-7 ' q ~" "W' 
Beim Lesen wird demnach etwas weniger, beim Berufsgeschäfte etwas 
mehr als die Hälfte der Accommodationskraft verwendet. Die Brille erscheint 



332 Accommodationsquoten und Brillenwahl. 

jedenfalls nicht als ein wirkliches Bedürfniss. Der Versuch ergiebt nun, dass 

mit dem Zwicker Jäger Nr. 1 bis auf 3*5 Zoll dem Auge genähert werden 

könne, Jäger Nr. 6—8 aber schon in 22 Zoll Distanz undeutlich werden. 

Es ist 

3-33 



I = 1 _ (_ 1_ , ±\ = J_ . 

v ' 12 V 20 ^ 48/ 8-86 ' q 



Der Einstellungswerth kann'mit Rücksicht auf die Lesedistanz von 12 Zoll 
um — erhöht, aber nur um — - erniedrigt werden, mit Rücksicht auf die Ar- 

beitsdistanz von 8 Zoll um — erhöht, um r— erniedrigt werden. Die Brille 
ist offenbar zu scharf. 



Ein herrschaftliches Kammermädchen von 21 Jahren, gross und stark 

gebaut, klagt über Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, namentlich 

aber bei feineren weiblichen Arbeiten unter künstlicher Beleuchtung. Sie 

liest Jäger 18 auf 18 Fuss und kann Jäger Nr. 1 bis auf 5 Zoll an das Auge 

bringen. Es ist 

I- J_.A--I.Jl-J. 

/ 9 ' n = " 5 ' a ~~ 3*2' 

Bei guter Tagesbeleuchtung wurde die Arbeitsdistanz mit freiem Auge 
12 Zoll gefunden, daher 

1 Ji _ 1 1 _ 3.2 

V = " 12 "*" 9" — 5-14 ; q ~ 514' 

Mit Convexbrillen von 40 Zoll Brennweite ist die Arbeitsdistanz die 
gleiche \ doch wird Jäger Nr. 1 bis auf 4 Zoll gelesen und gleichzeitig Jäger 
Nr. 18 auf 18 Fuss deutlich gesehen, ja es kann dann noch eine Brille von 
40 Zoll dazu gefügt werden, wobei jedoch die Deutlichkeit schon leidet und 
die Kranke sich unbehaglich fühlt. Es ist 

v =_ 12 V 9 "*■ 407 ~ 5-9 ; q ~ 5'9' 

Der Einstellungswerth kann um - erhöht und, wenn man die Leistung 

" 1 

der 20zölligen Linse rechnet, um ungefähr — . vermindert werden. 



Ein gesunder kräftig gebauter Rechnungsbeamter klagt, es beginne 
das Lesen und Schreiben, besonders bei künstlicher Beleuchtung und über- 
häufter Arbeit, beschwerlich zu werden und verursache gerne Bindehaut- 
katarrhe. Der Kranke liest Snellen Nr. 20 fertig auf 20 Fuss Entfernung und 
Jäger Nr. 1 bis auf 9 Zoll Distanz. Es ist 

1 11 J. _1_ J. 

/ 6 ' "n '" 9 ' ~a 3'6" 



Kraftquoten und Arbeitsbrille bei Hypermetropie. 333 

Als mittlere Arbeitsdistanz werden 12 Zoll ermittelt, Es erscheint daher 

11 1 1 _ 36 

v = ~ 12 ■" 6" "" 4 ; q '"' 4 ' 

Mit einer Brille von 32 Zoll positiven Brennweite verkürzt sich anfangs 
die Arbeitsdistanz auf 11 Zoll, doch bald wird dieselbe wieder auf 12 Zoll 
gebracht. Jäger Nr. 1 wird, bis auf 75 Zoll genähert, noch deutlich gesehen. 
Jäger Nr. 6 — 8 können bis 23 Zoll entfernt werden, ehe sie verschwimmen. 
Mit der Brille ist nun 

v ~" 12 V 6 + 32/ ~ 4-6 ; q 4-6' 
Der Objectsabstand kann um 4*5 Zoll vermindert, um 11 Zoll vergrössert, 
der Einstellungswerth also um — vermehrt und um — herabgesetzt werden. 
Die Brille entspricht den Anforderungen. 



Es möge eine solche Brille übrigens allen Anforderungen noch 
so gut entsprechen, mit der Zeit wird sie doch ungenügend. 
In dem Maasse nämlich, als mit fortschreitendem Alter die Ver- 
hornung des Krystallkörpers zunimmt, also die Accommodations- 
breite und der Refractionszustand sinken, wachsen die für die Be- 
arbeitung kleiner Gegenstände nöthigen Accommodationsquoten und 
werden schliesslich unerschwinglich, derBrechwerth der Hilfs- 
linse muss verhältnissmässig erhöht werden. 

Für die Bemessung dieser Erhöhung gelten selbstver- 
ständlich dieselben Regeln, welche die Wahl der ersten Brille 
zu leiten haben. Der Hypermetrope befindet sich nämlich jetzt 
mit seinen Gläsern ganz in derselben Lage, in welcher er sich 
mit freien Augen befand, als er das erste Mal zu Hilfslinsen 
greifen musste. Die Aufgabe ist eigentlich nur, den Gesa mm t- 
brechzustand des bebrillten Auges um ein Gewisses zu 
steigern, also gleichsam dem bisher benützten Glase eine weitere 
Hilfslinse von bestimmtem Brechwerthe beizufügen. Es handelt 
sich also wieder nicht um eine volle Correctur der gegebenen 
Hypermetropie, sondern um eine Verminderung der dem Accom- 



334 Aoeommodationsquoten und Brillenwahl. 

modationsmuskel bei der Arbeit zugemutheten Kraftleistung, um 
eine Herabsetzung der Quoten auf ein leicht und für die 
Dauer aufzubringendes Maass bei möglichster Schonung 
der hergebrachten Associationsverhältnisse. 

In der allergrössten Mehrzahl der Fälle wird der Ueb er- 
sichtige mit einer geringen Erhöhung des Brechwerthes seiner 
Brille (etwa um ^ , ^) das volle Auslangen finden, immer voraus- 
gesetzt, dass er bisher der gewohnten Beschäftigung wirklich, 
wenn auch mit Beschwerden, obgelegen hat und dieselbe nicht 
etwa wegen Unzulänglichkeit der früheren Brille seit Längerem 
ganz aufzugeben gezwungen war, oder doch nur zeitweilig und 
vorübergehend mit Mühsal betreiben konnte ; vorausgesetzt also, dass 
der Uebersichtige seine Ansprüche nicht plötzlich in's Ungemessene 
steigert. In einem solchen Falle kann der noth wendige Ergänzungs- 
werth allerdings noch grösser werden, doch wird er wieder nur 
selten ^ erreichen oder gar übersteigen dürfen, wenn nicht ganz 
unleidliche Störungen des bezüglichen Associationsverhältnisses das 
Ergebniss des Brillenwechsels sein sollen. 

Eine 50jährige gesunde und kräftig gebaute Frau liest auf 18 Fuss 
Abstand bei nicht sehr günstiger Beleuchtung leicht und fliessend Jäger 
Nr. 19. Sie klagt, feinere weibliche Arbeiten nicht mehr ausführen zu können. 
Auf 16 Zoll Abstand entziffert sie noch Jäger Nr. 3 mühsam. Es ist beiläufig 

1 111 /T .. xt «x 1 l 

/ = ~ 12 ' n = 16 (Ja * er Nr - 3 > 5 « = 6*6" 

Mit der bisher benützten Convexbrille von 48 Zoll Brennweite erscheint 
die Arbeitsdistanz — 13-5 Zoll und der Spielraum reicht von 11 Zoll (Jäger 
Nr. 3) bis 28 Zoll (Jäger Nr. 8). Es ist bei bewaffnetem Auge 

1 1 / 1 1 \ 1 _ 6-86 

v ~ lfrb ™ V _ 12 "■ ÄhJ ~~ 7-3 ' q ~~~ 73 ' 



Es lässt sich der Einstellungswerth nur um — erhöhen, aber um -- 
vermindern. Die Brille ist zu schwach, umsomehr, als auch die Arbeits- 
distanz zu gross erscheint. 

Mit einer Convexbrille von 24 Zoll Brennweite fällt die Arbeitsdistanz 
auf 12 Zoll und es wird ein Spielraum von 8 Zoll (Jäger Nr. 2) bis 20 Zoll 
gewonnen. Es ist 



Kraftquoten und Arbeitsbrille bei Hypermetropie. 335 



£_1 _f_! , !^i. r 
v ' 12 \ 12 ' 24/ 8 ' q 



6'86 



v 15 V 12 ' 18/ 10-6 ' 9 
Der Einstellungswerth des bewaffneten Auges kann dabei nur um 



Der Einstellungswerth ist um — erhöhbar, um — verminderbar, die 

Brille entspricht den theoretischen Anforderungen und dem Bedarfe der 
Kranken. 

Ein 53jähriger Rechnungsbeamter, sehr muskulös gebaut, aber über- 
aus stark gealtert, kann seit Jahren ohne Brille nicht mehr lesen und schreiben. 
Auf 20 Fuss Entfernung erkennt er leicht Nr. 20 der Snellen'schen Schrift- 
proben. Es ergiebt sich annähernd: 

1 111 ,_.. „ .... 1 1 

f = - 12 5 n = 62 (J ^ Gr ^ 14 >? ä = lö- 

Mit seiner Convexbrille von 18 Zoll Brennweite liest und schreibt er 
auf 15 Zoll Distanz und hat einen Spielraum von 13 Zoll (Jäger Nr. 3) bis 
67 Zoll (Jäger Nr. 14). Es ist also 

10 

1 

97 

erhöht, dagegen um — herabgesetzt werden, die Brille ist nach Allem ent- 
schieden zu schwach. Mit einer Brille von 14 Zoll Brennweite verkürzt sich 
die Arbeitsdistanz auf 13 Zoll mit einein Spielraum von 10 Zoll (Jäger Nr. 1) 
bis 24 Zoll (Jäger Nr. 8). Es ist 

10 
11-25 7 * 11-2/ 

Der Einstellungswerth kann um — erhöht, um — erniedrigt werden. 
Die Brille ist um ein Kleines zu schwach, doch behauptet der Kranke, mit 
13 Zoll Brennweite sich weniger behaglich zu fühlen. 



Ein 46jähriger Arzt, viel älter aussehend und stark ergraut, liest mit 
freiem Auge Snellen Nr. 30 auf 20 Fuss Abstand. Jäger Nr. 5 kann er bis 
auf 26 Zoll an das Auge heranrücken, worauf es undeutlich wird. Er benützt 
seit Jahren zweierlei Brillen: -j- 13 Zoll für das Lesen und Schreiben bei 
guter Beleuchtung, -\- 9*5 zum Betrachten feinerer Gegenstände und zum 
Lesen bei künstlicher und schlechter Beleuchtung. Es ist 
1 11111 

/ 12 ' ~n ~ 26 ; ^ ~ 8-2' 

Mit der Brille + 13 ist die Arbeitsdistanz 12 Zoll (Jäger Nr. 5). Dabei 
kann er Jäger Nr. 1 bis 8 Zoll an das Auge rücken und Jäger Nr. 6 bis 
24 Zoll davon entfernen. Ivs ergiebt sich 

8-2 

n 



1 —L-f-i + l)--! 

v 13 V 12 ' 14/ 11-2 



v 12 V 12 ' 13/ 11 



OOD Accommodationsquoten und Brillenwahl. 

Der Einstellungswerth kann um — erhöht und erniedrigt werden , die 
Brille passt. 

Mit der Convexbrille von 9-5 Zoll Brennweite ist die Arbeitsdistanz 
9-5 Zoll und der Spielraum von 6*5 Zoll (Jäger Nr. 1) bis 13 Zoll (Jäger 
Nr. 4). Es ist 

v 9-5 \ 12. ~r" 9-5/ ~ 12 ; q ~ = 12' 

Der Einstellungswerth kann um — — erhöht, um — erniedrigt werden, 
die Brille ist auch mit Rücksicht auf die kurze Arbeitsdistanz für den ge- 
wöhnlichen Gebrauch zu scharf. 



Mit der Zeit wird auch die zweite, nach weiterem Verlaufe 
von Jahren die dritte Brille unzulänglich und so kann es fort- 
gehen bis in's hohe Alter, wenn der Kranke nicht in der Lage 
ist, seiner bisherigen Beschäftigung zu entsagen und zu Arbeiten 
überzugehen, welche geringere Anforderungen an den Accom- 
modationsapparat des Auges stellen. 

Ueberblickt man eine möglichst grosse Anzahl von Einzeln- 
fällen und vergleicht man die Brechwerthe der jeweilig zu 
feineren Arbeiten erforderlichen Gläser mit den minimalen Re- 
fractionszuständen der betreffenden Augen, so ergiebt sich als 
Regel, dass Uebersichtige unter sonst normalen Verhältnissen bis 
an den Zenith ihres Lebens entweder gar keiner, oder doch nur 
solcher Hilfslinsen zum Nahesehen bedürfen, welche einen relativ 
sehr geringen Theil der gegebenen Hypermetropie decken; dass 
von dieser Lebensepoche ab immer grössere Quoten der Ueber- 
sichtigkeit neutralisirt werden müssen, um die Fähigkeit für feinere 
Arbeiten aufrecht zu erhalten; dass endlich bei entschieden aus- 
gesprochenem Greisenthume meist schon der grösste Theil oder 
die ganze vorhandene Hypermetropie durch Sammellinsen aus- 
zugleichen sei und bei fortschreitendem senilen Verfalle selbst eine 
Uebercorrectur noth wendig werden könne. 



Kraftquoten, Arbeits- und Fernbrille bei Hypermetropie. 337 

Als das Massgebende erscheint hierbei wieder nicht das Alter 
als solches, nicht die Zahl der bereits zurückgelegten Lebensjahre 
an sich, sondern vielmehr das frühere oder spätere Merkbarwerden 
und das raschere oder langsamere Vorwärtsschreiten der allgemeinen 
und besonders der örtlichen senilen Involution (Verhornung 
der Linse und weiterhin der Rückbildung des Accommodations- 
muskels). Parallel derselben sinkt nämlich die Accommodations- 
breite (S. 315) und steigt das Missverhältniss zwischen der 
verfügbaren effectiven Kraft und der von der Arbeit in Ver- 
bindung mit dem natürlichen Refractionszustande des Auges gefor- 
derten Kraftleistung. 



Dieses stetig wachsende Missverhältniss kömmt bei höher- 
gradiger Hypermetropie und stark gesunkener Accommodations- 
breite übrigens nicht blos dort zum Vorscheine, wo feinere Ar- 
beiten geleistet werden sollen, welche naturgemäss nur sehr kurze 
Objectsabstände gestatten, sondern macht sich schliesslich auch bei 
Beschäftigungen geltend, welche ein ziemlich starkes 
Hinausrücken der Gegenstände erlauben oder geradezu 
fordern, z. B. das Schmiede-, das Zimmerhandwerk, überhaupt 
alle Arbeiten, welche langgestielte Werkzeuge erheischen; ja nicht 
selten erweisen sich unter solchen Umständen die für das scharfe 
Fernsehen nöthigen Kraftquoten als schwer aufbringbar oder 
ganz unerschwinglich. 

Das nachfolgende Schema, ähnlich dem auf S. 306 gebildet, 
wird dies klar machen. Die obersten fünf Zeilen (1 — 5) ergeben 
die bei verschiedenen Graden von Hypermetropie und bei ver- 
schiedenen Accommodationsbreiten erforderlichen aecommodativen 
Kraftleistungen und Quoten, wenn der dioptrische Apparat für einen 
Abstand von 24 Zoll eingestellt ist, die folgenden Zeilen 6 — 10, 
wenn das Auge für unendliche Fernen eingerichtet gedacht wird. 

Stell wag, Abhandlungen . 22 



338 



Accommodationsquoten und Brillemvahl. 



Für deu Brecliwerth 
1 1 . . 

e~ = öö ,st 


Für deu Brecliwerth 
« = 2i lst 


8|- 


1 

fei- 




1 
51- 


1 


8|m 


1 

1 
fei- 


1 

^1 — 


■si- 


1 


minimalen 
Refractionszustande 


c 

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2. 


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Kraftleistung 
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60 


fcö H* 





Kraftquoten, Arbeits- und Fernbrille bei Hypermetropie. 339 

Man ersieht daraus leicht, dass, wenn — = cT1 ist und — = — 

; ; e 24 a v 

wird, bereits die ganze a et u eile Energie des Accommodations- 
muskels in Anspruch genommen wird; weiters dass, im Falle 

— = — ist, -„- neben dem Refractionszustande zugleich die erforder- 
e ^ / l 

liehe Kraftleistung und überdies den Grenzwerth ausdrückt, 

v 1 

über welchen hinaus nicht sinken darf, soll ein scharfes 
a 

Sehen in die Ferne ermöglicht sein. 

Demgemäss können bei Hypermetropen auch zum Scharfsehen 
in mittlere und selbst in grosse Entfernungen Convexgläser 
nothwendig werden. Bei hochgradiger Uebersichtigkeit braucht 
die Accommodationsbreite sogar nicht sehr tief unter das in der 
ersten Jugend gewöhnliche Maass zu fallen, auf dass ein solches 
Bedürfniss hervortrete. 

Bei der Wahl der betreffenden Gläser gelten wieder dieselben 
Regeln, welche die Wahl der für kurze Abstände zu verwendenden 
Brillen leiten (S. 327). Stets ist nur eine verhältnissmässig 
geringe Herabsetzung der für die genannten Distanzen 
bisher aufgewendeten Kraftquoten erforderlich und zu- 
lässig. Diese müssen, da sie bisher grosse waren und gerade 
durch die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit ihrer Aufbringung und 
Erhaltung das Bedürfniss nach Hilfslinsen wachgerufen haben, auch 
grosse bleiben, widrigenfalls eine ganz unerträgliche Störung der 
eingewurzelten Associationsverhältnisse das Ergebniss wäre. Selbstver- 
ständlich werden in den meisten Fällen für solche Zwecke ganz 
schwache oder doch viel schwächere Sammellinsen als zum scharfen 
Nahesehen genügen. Bei hochgradiger Hypermetropie und s ein- 
gesunkener Accommodationsbreite kann übrigens der erforderliche 
Brechwerth auch ein hoher werden. Es kommen Fälle vor, wo 
zum Fernesehen Convexlinsen von 8 Zoll Brennweite nothwendig 
sind, ja ich kenne Hypermetropen, welche eine Brille von 5 Zoll 
Brennweite zum Fernsehen benützen. 

Als Prüfstein einer richtigen oder besser einer zweckmässigen 
Wahl gilt auch hier wieder ein gewisser Spielraum für die 

22* 



340 Accommodationsquoten und Brillen wähl. 

Objectsdistanzen in der Art, dass das bebrillte Auge seinen 
Gesammteinstelhmgswerth um ein Gewisses zu erhöhen und zu er- 
niedrigen im Stande sei (S. 327). 

Da es sich hier wohl immer um Fälle mit sehr gesunkener 
Accommodationsbreite handelt, wird man im Ganzen auf keine sehr 
grossen Unterschiede in den Einstellungswerthen rechnen dürfen, 
welche sich mit der Brille in positiver und negativer Eichtung er- 
zielen lassen. In Anbetracht dessen werden derlei Hypermetropen 
denn auch gewöhnlich für verschiedene Objectsdistanzen 
verschiedene Brillen in Gebrauch ziehen müssen. Es kann 
geschehen, dass ein alter Hypermetrope für kurze, mittlere und 
grosse Entfernungen je ein anderes Glas benöthigt und that- 
sächlich gebraucht. 

Ein 4 8j ähriger Bankier, wohlgenährt, aber sehr gealtert, hat früher ein 
ausserordentlich scharfes Gesicht in die Feme gehabt. Seit einigen Jahren be- 
nutzt er zum Ferne- und Nahesehen ein Convexglas von 15 Zoll Brennweite. 
In der That vermag er mit freiem Auge auf 20 Fuss nur Nr. 23 und 24 der 
Jäger'schen Schriftscalen mühsam zu enträthseln. In der Nähe erkennt er 
keine der niederen Nummern derselben Scala. Mit der Brille — J— 15 dagegen 
und noch besser mit einem Convexglas von 20 Zoll Brennweite liest er fertig 
Jäger Nr. 20 auf 20 Fuss Distanz, ja mit -j- 20 Schilder auf mehrere hundert 
Schritte. In der Nähe kann er bei Benützung der Brille -f- 15 Jäger Nr. 6 
bis auf 16 Zoll an das Auge bringen, auf kürzere Distanz wird die Schrift 
unlesbar. Es ist 

1 11 11 1 

~J ~ ~ ¥ ; ^T ~ ~ 240 ' T — 8W' 

Mit einer Brille -|- 10, welche er allen andern vorzieht, hat er eine 
Arbeitsdistanz von 12 Zoll, kann auch Jäger Nr. 2 auf 8 Zoll, Jäger Nr. 8 
bis auf 38 Zoll lesen. Es ergiebt sich 



L _C_i .11 -i _ 8-27 

.2 V 8 ~l~ 10/ — 9-2 ; q " = 9-2 * 



v 12 V 8 ' 10 

Der Einstellungswerth kann um — erhöht, um — — erniedrigt werden, 
die Brille ist ziemlich richtig gewählt. 

Mit einer Convexbrille -f- 8 ist die Arbeitsdistanz ebenfalls — , der 
Spielraum reicht aber nur von 6-5 bis 24 Zoll, daher der Einstellungswerth 
um — erhöht, aber nur um — erniedrigt werden kann. Die Brille zeigt 
schärfer, strengt den Kranken aber an, sie ist etwas zu scharf. 



Kraftquoten, Arbeits- und Fernbrille bei Hypermetropie. 341 

Im Allgemeinen werden in der Praxis von Hypermetropen 
viel seltener Hilfslinsen für mittlere und grosse Entfernungen 
begehrt, als dies nach der Häufigkeit hochgradiger Uebersichtigkeit 
und sehr herabgesetzter Accommodationsbreite der Fall sein sollte. 

Der Grund liegt einestheils darin, dass gröbere Arbeiten 
ein ganz scharfes Sehen nicht unbedingt fordern und viele Leute 
sich darum bei ihren Beschäftigungen mit einem Sehen in Zer- 
streuung skr eisen bescheiden, um so leichter aber auf ein ganz 
scharfes Sehen in die Ferne verzichten. 

Anderentheils liegt der Grund darin, dass der das tiefe Herab- 
sinken der Accommodationsbreite und des Brechzustandes der Linse 
bedingende senile Involutionsprocess auch in dem lichtempfin- 
denden Apparate sein Wesen treibt, dessen Functionsenergie 
mehr und mehr schädigt, ein ganz deutliches Sehen unmöglich, 
also auch eine volle Correctur des erforderlichen Einstellungswerthes 
minder werthvoll macht. 

Es ist dieses Sinken der Sehschärfe bei alten und be- 
sonders bei schon marastischen Leuten oft ein sehr bedeutendes 
und hindert in der misslichsten Weise die Gewinnung der zur Be- 
rechnung der Kraftquoten unumgänglich nöthigen Werthe, insonder- 
heit des Nahepunktabstandes, der Arbeitsdistanz und des Unter- 
schiedes der mit der Brille ermöglichten Einstellungs werthe. 



VII. 



Ueber Accommodationspoten und deren Beziehungen zum 
Einwärtsschielen. 

Xjs schliesst sich dieses Thema unmittelbar an das Vorher- 
gehende an und steht mit demselben im innigsten Zusammenhange. 
Ich habe dasselbe in meinem Lehrbuche ') bereits ausführlich be- 
handelt und in den seit 1870 veröffentlichten Arbeiten anderer 
Autoren nichts gefunden, was eine grundsätzliche Aenderung meiner 
dort ausgesprochenen und begründeten Ansichten erheischen könnte. 
Ich darf daher auf den betreffenden Abschnitt verweisen und 
mich auf die Anführung von Einzelnheiten beschränken, welche 
hoffentlich zur Läuterung und Festigung der Lehre beitragen 
werden. 

Um Missverständnissen vorzubeugen, muss ich gleich von 
vorneherein erklären, dass hier nur von dem echten und wahren 
Einwärtsschielen die Rede ist, welches ich als ein durch 
Uebung erlerntes gewohnheitsmässiges Uebermaass von 
Convergenz definirt habe, das mit voller Orientirung der 
beiden Augen einhergeht und folgerecht nur durch eine 
bewusste und darum willkürliche, wenn auch nicht mehr 
freiwillige, binoculare Innervation bedingt sein kann. 
Es stellt sich dasselbe somit in die Reihe der reinen Function s- 
anomalien, bei welchen wenigstens primär jedwede sieht- und 



') St eil wag, Lehrbuch, 1870, S. 889. 



Begriffsbestimmung des Strabismus convcrgcns. 343 

greifbare Veränderung der bezüglichen Theile ausge- 
schlossen und die Beweglichkeitssumme unvermindert 
ist. Es fallen damit eine Anzahl unter sich verschiedener, im 
Ganzen nur selten vorkommender Zustände weg, welche noch 
ziemlich allgemein in den Begriff des Einwärtsschielens einbezogen 
werden, zumeist aber sehr ungenau oder geradezu fehlerhaft unter- 
sucht sind, also einer scharfen Beurtheilung nicht unterzogen werden 
können. Sie haben mit dem Strabismus convergens nur die Ab- 
lenkung der Gesichtslinie nach innen gemeinsam, sind aber in der 
Kegel durch das nebenhergehende binoculare Doppeltsehen, 
also durch die Desorientirung des abgelenkten Auges, als grund- 
verschiedene Zustände gekennzeichnet. 

Das echte und wahre Einwärtsschielen ist, so lange es rein 
dasteht, an das AVach- oder Halb Wachsein des Kranken ge- 
bunden. Im tiefen Schlafe, in tiefer Narkose sowie im 
Tode verschwindet es, die Augen zeigen sich in der Pri Her- 
stellung, welche dem Buhezustande der betreffenden Muskeln 
entspricht. Ich versäume es nie, die Zuhörer bei Schielopera- 
tionen, w r elche unter Narkose vorgenommen werden, auf diesen 
Umstand aufmerksam zu machen, und sehe in der Primärstellung 
der Augen das Kennzeichen einer wirklich tiefen Narkose. 
Einmal geschah es in einem solchen Falle, dass der ambulatorische 
Kranke wieder erweckt werden musste, da zwischen mir und dem 
Assistenten ein Meinungsstreit darüber entstanden war, ob das 
rechte oder das linke Auge das schielende sei. Aelmlich verhält 
sich die Sache im Tode. Ich habe in den Jahren 1847 — 1854 
die Augen fast sämmtlicher im k. k. allgemeinen Krankenhanse 
zu Wien vorhanden gewesener Leichen angesehen, um die krank- 
haft veränderten für meine Untersuchungen zu gewinnen. Unter 
den vielen Tausenden von Todten war auch nicht Einer, an welchem 
ich ein Einwärtsschielen an der Leiche hätte wahrnehmen können, 
obgleich ich sehr sorgfältig darnach fahndete, indem in den Büchern 
so viel von Verkürzungen und Verbildungen der Schielmuskeln 
und ihrer Gegner zu lesen war. 



344 Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

Es könnten die Augen unmöglich in die Primär- oder Ruhe- 
stellung zurücktreten, sobald jede willkürliche und bewusste Inner- 
vation der den Bulbus bewegenden Muskeln aufhört, wenn mate- 
rielle Veränderungen der letzteren, unrichtige Ansätze ihrer 
Sehnen, vermehrte oder verminderte Widerstände u. dgl. in der 
Pathogenese des echten und wahren Einwärtsschielens eine mass- 
gebende oder auch nur eine wichtige Rolle spielen würden. Es 
ist nämlich jene Primärstellung offenbar der Ausdruck für das 
Gleichgewicht in den lebendigen und elastischen Spannungs- 
verhältnissen sämmtlicher augenbewegender Muskeln, und ein 
solches Gleichgewicht könnte bei Gegebensein jener anomalen 
Zustände nimmer bestehen. Es muss demnach das echte und 
wahre Einwärtsschielen als ein reiner Functionsfehler 
aufgefasst und behandelt werden. 

Es lässt sich aber auch noch ein anderer schlagender Grund 
für die Richtigkeit dieser Anschauung in's Feld führen. Nimmt 
man unreine und sehr veraltete hochgradige Fälle aus, so 
wird man stets finden, dass das Schielauge, wenn es allein 
zur Fixation verwendet wird, vollkommen orientirt ist, 
was voraussetzt, dass die Grösse der aufgewendeten Innervationen 
und ihres mechanischen Effectes sich ganz genau decken, die Be- 
wegungen also vollkommen frei und unbehindert sind. Man 
kann sich davon sowohl beim periodischen als ständigen, alter- 
nirenden und einseitigen Einwärtsschielen überzeugen. 

Es soll damit durchaus nicht gesagt sein, dass derlei materielle 
Veränderungen beim Strabismus convergens völlig ausgeschlossen 
seien. Es würde dies der Erfahrung widerstreiten. In der That 
hat man in einzelnen Fällen von veraltetem Einwärtsschielen 
Hypertrophie und weiterhin sehnige Schrumpfung des Schielmuskels 
neben Verdünnung des gedehnten Gegners beobachtet. In anderen 
Fällen darf man auf krankhafte Zustände der Muskulatur aus der 
Möglichkeit schliessen, gewisse Arten von Doppelbildern zur 
Wahrnehmung zu bringen, welche nur aus einer Desorientirung, 
also aus einem Missverhältnisse zwischen bewusster Innervation 



Charakteristik des Einwärtsschielens. Ö45 

und dem mechanischen Effecte folgerichtig erklärt werden können. x ) 
Es sind dies aber wohl immer secundäre Leiden oder Compli- 
cationen; wo sie bestehen, kann von einem reinen und echten 
Einwärtsschielen nicht mehr die Rede sein, es handelt sich um 
ein Schiefstehen des Auges, um Luscitas. 

Richtige Orient irung der Netzhäute ist ein wesentliches, 
ein Grundmerkmal des wahren und nicht complicirten 
Strabismus convergens. Es ist dieselbe nicht nur gegeben, wenn 
das schielende Auge zur Fixation verwendet wird, sondern auch, 
wenn es in abgelenkter Stellung sich befindet. Wirklich werden 
die Netzhautbilder des Schielauges, so lange der Strabismus rein 
dasteht, unter gewöhnlichen Verhältnissen stets in der wahren 
Richtung nach aussen versetzt. Ueberdies ist es in solchen Fällen 
ganz unmöglich, durch irgend welche Manöver Doppelbilder 
hervorzurufen, welche ihrer Stellung und Lage nach in ursächlichen 
Zusammenhang mit der st r abotischen Ablenkung als solcher 
gebracht werden könnten. 

Diese Orientirung bezieht sich indessen nur auf die Richtung, 
nicht aber auch auf die Stellung der einzelnen Objectpunkte im 
Räume. Der Schieler entbehrt in der That des binocularen 
Einfachsehens und folgerecht der directen Tiefenwahr- 
nehmung. Der gemeinschaftliche Sehact beider Augen müsste 
nämlich vermöge der meistens sehr beträchtlichen strabotischen 
Ablenkung des einen Bulbus mit ganz ausserordentlich disparaten 
Netzhautstellen in's Werk gesetzt werden und demgemäss höchst 
störende stereoskopische Verzerrungen aller von nahegelegenen 
Objecten binocular gewonnenen Wahrnehmungen verursachen. Der 
Schieler entgeht diesem Uebelstande durch consequente Unter- 
drückung aller jener Eindrücke, welche ihm von Seite der im 
gemeinschaftlichen Gesichtsfelde gelegenen Netzhautabschnitte 
des Schielauges geboten werden, und die fortgesetzte NichtÜbung 
dieser Theile führt schliesslich zu einer Abnahme ihrer Functions- 



1 ) St eil wag, Lehrbuch, 1870, S. 893, 895. 



346 Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

energie, zur partiellen Anästhesie (Anopsie); der Strabote be- 
nützt am Ende das abgelenkte Auge nur so weit, als das mono- 
culare Gesichtsfeld desselben reicht. 

Die richtige Orientirung des Schielauges setzt das 
volle Bewusstsein der Lage der abgelenkten Netzhaut 
im Räume voraus. Die Schielstellung ist also nothwendig 
das Ergebniss einer willkürlichen, wenn auch nicht durch- 
wegs freiwilligen Innervation. 

Es stellt sich daher die Frage, was zu einer solchen 
Innervation Veranlassung geben könne, was der Schieler 
damit bezwecke? 

Um diese Frage zu beantworten, ist es nothwendig, sich gegen- 
wärtig zu halten, dass das Einwärtsschielen ein binocularer 
Fehler sei, obwohl die Ablenkung jeweilig nur auf Einem Auge 
zum Ausdrucke kömmt. Die Gründe dafür liegen theils darin, 
dass der Strabismus convergens anfänglich zumeist ein alter- 
nir ender ist, theils in dem Umstände, dass beim ständig ge- 
wordenen Einwärtsschielen das fixirende Auge, sobald es verdeckt 
wird, in die Schielstellung übergeht, während das abgelenkte 
Auge die Fixation übernimmt. Es wird also nicht die ein- 
seitige Schielstellung als solche innervirt, dies könnte auch 
nur im Gegensatze zu den die Augenbewegungen beherrschenden 
Gesetzen geschehen; vielmehr ist die Innervation in voller Ueber- 
einstimmung mit diesen Gesetzen eine bino ciliare, auf ver- 
mehrte Convergenz gerichtete; es handelt sich um ein Ueber- 
maass von Convergenz, bei welchem behufs deutlichen Sehens 
das eine Auge zur Fixation verwendet wird, das andere aber die 
doppelte Ablenkung übernimmt. Dafür spricht auch der Einfluss, 
welchen die Blickrichtung und besonders die zum Sehen in ver- 
schiedene Distanzen erforderlichen Convergenzquoten auf das Hervor- 
treten oder Verschwinden und auf den Grad der jeweiligen Schiel- 
stellung nehmen. ') 



l ) Stellwag, Lehrbuch, 1870, S. 890. 



Einfluss übermässiger Convergenzcn auf die Accommodationsquoten. 347 

Vermöge des innigen Associationsverhältnisses, welches 
zwischen der Convergenz- und Accommodationsmuskulatur besteht, 
können übermässige Convergenzen nicht ohne Rückwirkung auf 
den Brech zu stand der Augen bleiben. In der That haben genaue 
Untersuchungen mit voller Bestimmtheit herausgestellt, dass das 
Convergenzvermögen über den binocularen Nahepunkt 
ein Beträchtliches hereinreiche und dass jedes Ueber- 
schreiten des letzteren von Seite der Convergenz auch 
eine weitere Erhöhung des Refractionszustandes mit sich 
bringe, jedoch so, dass vom binocularen Nahepunkte gegen das 
Auge hin die Einstellung des dioptrischen Apparates um ein 
Gewisses, stetig Wachsendes, hinter dem Convergenzpunkte 
zurückbleibt. 

Es wird demnach durch eine forcirte Innervation der Conver- 
genzmuskeln der Nahepunkt her eingerückt, folgerecht die Accom- 
modationsbreite erhöht und damit die Kraftquote ermässigt, 
welche jede beliebige Einstellung des dioptrischen Apparates von 
Seite der Accommodationsmuskulatur erfordert. 

Es sei z. B. ein Kind, dessen minimaler Refractionszustand — — be- 
trägt. Es hält das Spielzeug vermöge der Kürze seiner Arme 6 Zoll von den 
Augen entfernt. Sein Nahepunktsabstand sei 4 Zoll. Es ist daher (S. 303) 

J_ — i_ J_ JL _i 

/ ~~ 18 ; V = " T ' a ~ 327' 

J_ 1 11 _ 3-27 

T = = IT ■- 18 — ^b' q ~'' ~¥h' 

Durch übermässiges Convergiren soll das Kind seinen Nahepunkt auf 

3 Zoll hereinzurücken vermögen. Es ist dann 

1 1 2-57 . 0-7 

— = r-r^ ; q = -t-ti also lim tt 

a 2*o7 ' J 4-5 ' 4'o 

vermindert, das Kind arbeitet mit ungefähr um — - verminderter Accommoda- 

b 

tionsquote. 

Fasst man nun die Zustände näher in das Auge, mit 
welchen das echte und wahre Einwärtsschielen in der 
überwiegenden Mehrzahl der Fälle verknüpft getroffen 
wird, so findet man in der That, dass diese Zustände solche sind, 



d4ö Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

welche eine Ermässigung der zum Nahesehen erforder- 
lichen Accommodationsquoten sehr annehmbar und wünschens- 
werth erscheinen lassen, ja sehr oft dringend erheischen. 

Auf meiner Klinik sind nach den Zählungen des früheren Assistenten, 
Herrn Dr. Picha's, und des dermaligen Assistenten, Herrn Dr. Hampel's, 
vom Beginne des Jahres 1860 bis Ende des Jahres 1880, nahe an 400 Fälle 
von wahrem und echtem Einwärtsschielen beobachtet und behandelt worden. 
Bei 278 Fällen ist der Zustand der Augen in den Büchern näher bezeichnet, 
beim Reste fehlen darauf bezügliche Angaben. In 237 Fällen wurde der 
Brechzustand des Auges mit dem Ophthalmoskope bestimmt. 

Unter 204 von Herrn Dr. Hampel zusammengestellten Fällen warder 

Strabismus 

rechtsseitig in 84 Fällen 

linksseitig in 76 » 

alternirend in 44 » 



Zusammen in 204 Fällen. 

Die von Herrn Dr. Picha zusammengestellten 74 Fälle wurden schon 
einmal in meinem Lehrbuche, 1870, S. 902 statistisch verwerthet. 

In 278 Fällen von Einwärtsschielen waren 

Nr. Fälle Procent Verknüpft mit 

I 26 9-35 Uebersichtigkeit — bis — , 
II 4 144 » anisometropischer, 

1 Auge mit II jr] 1 Augen mit H-^ bis -g-, 

III 79 2842 » — bis — , 

IV 62 22-30 » — bis — , 
V 29 10-43 » ^ bis i 

VI 10 3-60 » und mit einseitigen Hornhautflecken, 

4 mit H -x- bis -x- ; 5 mit H tt\ bis tt; 1 mit H -^, 
VII 8 2-88 » und mit beiderseitigen Hornhautflecken, 

1 mit H — ; 3 mit H ^ bis -^ ; 3 mit H -^ bis -^ ; 1 mit H-^ 



VIII 2 0-72 Emmetropie, 
IX 5 1-80 Kurzsichtigkeit. 



3 mit M -j- bis jj; 1 mit M -g- und -^r ; 1 mit M 



225 70 ' 64 niederen Grades, 



Zustände der einwärts schielenden Augen. 349 

Nr. Fälle Procent Verknüpft mit 

225 70-64 
X 4 1-44 Kurzsichtigkeit und mit beiderseitigen Hornhaut- 
flecken, 

1 mit M -=-; 1 mit Mrr~\ 2 mit M niederen Grades, 

XI 5 1-80 » nebst grossem Staphyl. post. und abge- 

laufener Retinochorioditis, 

4 mit M crz bis -=- ; 1 mit M -=- und H rrr, 



XII 


2 


XIII 


1 


XIV 


26 


XV 


13 



0-72 



f mit Glaskörpertrübungen, 
\ mit Sehnerven schwund, 



0-36 Gemischter Anisometropie, Nystagmus, 

rechts (Schielauge) M — , links S—, 
9-35 Einseitigen Hornhautflecken | ohne Refractions- 

4-68 Beiderseitigen Hornhautflecken J bestimmung. 

Ein Fall mit Centralcataracta und Nystagmus. 

f Beiderseitiger Cataracta, 
XVI 2 072 { 

l Beiderseits abgelaufenem Glaukome. 

278 100-01 

Bei genauerem Eingehen findet man, dass von den sämmtlichen 
278 Einwärtsschielern 

218 d. i. 78-42 % übersichtig, 

emmetropisch, 
kurzsichtig, 

gemischt anisometropisch, 

mit Hornhautflecken ^ ohne Refractionsbe- 

mit Cataract und Glaukom I Stimmung 

278 d. i. 100-01 % behaftet waren. 
Von den 218 Hypermetropen waren 

35 d. i. 16-055% übersichtig 

87 » 39-908 » » 

66 » 30-275 » » 

30 » 13-761 » » 

218 d. i. 99-999 0/o 

Bei den 16 Myopen bestand die Kurzsichtigkeit in reiner Form nur 5 Mal, 
d. i. in 31-25 Procent, In 11 Fällen, d. i. in 68*75 Procent waren nebenbei 
Zustände gegeben, welche das Sehvermögen in hohem Grade beeinträchtigen. 

Auch in dem Falle von gemischter Anisometropie (XIII) deutet 
der vorhandene Nystagmus auf vorausgegangene schwere Sehstörungen. 



2 » 


0-72 » 


16 » 


5-76 » 


1 » 


0-36 » 


39 » 


14-03 » 


2 » 


0-72 » 






bis 





2 




8 J 


1 




1 


, — 


» 





y 




14' 


1 




1 


15 




20' 


1 




1 








21 




35' 



350 Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

Mit Hornhautflecken behaftet waren von sämmtlichen 278 Ein- 
wärtsschielern 61, d. i. 21-95 Procent. Unter diesen 61 Fällen fanden sich 
18 d. i. 29-50% Hypermetropen, 
4 » 6-56 » Myopen, 

39 » 63-93 » ohne Refractionsbestirnmung. 
61 d. i. 99-99 % 

Fasst man Alles zusammen, so ergiebt sich als Schlussresultat, 
dass das echte und wahre Einwärtsschielen in fast 94 Pro- 
cent der Fälle mit Hypermetropie oder Hornhautflecken ge- 
paart einhergeht, so dass an einem engen pathogenetischen 
Zusammenhange dieser Zustände zu zweifeln kaum ge- 
stattet ist. Es waren unter den 278 Fällen nämlich: 
200 d. i. 71*94% mit reiner Hypermetropie, 

18 » 6-48 » mit Uebersichtigkeit und Hornhautflecken, 

39 » 14-03 » mit Hornhautflecken allein, 

4 » 1*44 » mit beiderseitigen Hornhautflecken und Myopie 
261 d. i. 93-89% vergesellschaftet. 

Der Eest von 17 Fällen oder 6*12 Procent vertheilt sich auf: 
2 d. i. 0-72% Emmetropen, 

5 » 1-80 » reine Myopen, 

7 » 2*52 » Myopen mit Sehstörungen, 

1 » 0*36 » Anisometropen mit Nystagmus, 

2 » 0-72 » Staar- und Glaukomkranke. 



17 d. i. 6-12% 

Was nun den aller gewöhnlichsten Gesellschafter des 
Einwärtsschielens, die Hypermetropie, betrifft, so liegt es sehr 
nahe anzunehmen, dass die hohen Kraftquoten, deren der 
Uebersichtige zum scharfen Nahesehen bedarf, und die Möglich- 
keit, dieselben unter übermässiger Convergenz durch 
Vergrösserung der Accommodationsbreite zu ermässigen, 
die nächste Veranlassung zur Uebung der Schielinner- 
vation abgiebt. 

Es entwickelt sich der Strabismus convergens bei Hyper- 
metropen mit sehr seltenen Ausnahmen in der ersten Kindheit 
von dem Zeitpunkte an, wo der kleine Weltbürger äusseren Gegen- 



Ursächlicher Zusammenhang zwischen Einwärtsschielen und Uebersichtigkeit. Oöl 

stünden Aufmerksamkeit zu schenken , sich mit denselben zu 
beschäftigen anfangt, bis zum Beginne der Lernperiode im 6. oder 
7. Lebensjahre, wo bereits starke Anforderungen an die Accom- 
modation gestellt zu werden pflegen. Man sieht dann oft, wie das 
Kind sich abmüht, die ihm gebotenen und auf wenige Zolle an 
die Augen herangerückten Objecte scharf zu sehen, und da ge- 
schieht es denn auch wohl zuweilen, dass die Gesichtslinien plötz- 
lich in übermässiger Convergenz zusammenneigen. Ist das Kind 
aber einmal auf das Mittel gekommen, das Sehen in kürzeste 
Distanzen zu verschärfen und überdies die Aufgabe des noch wenig- 
geübten Accommodationsmuskels zu erleichtern, so ist es kein 
Wunder, wenn es das Manöver wiederholt, so oft der Bedarf sich 
einstellt, immer vorausgesetzt, dass auch die andern Bedingungen 
günstig sind, dass das Kind mit Leichtigkeit übermässige Conver- 
genzen aufzubringen und die Wahrnehmungen des abgelenkten 
Auges zu unterdrücken im Stande ist, vorausgesetzt also, dass dem 
Sehacte aus einem solchen normwidrigen Gebahren ein wirklicher 
V o r t h e i 1 erwächst. *) 

Anfangs krankhaft zuckend, mit wechselndem Schielwinkel und 
blos unter bestimmten Verhältnissen hervortretend, wird die Schiel- 
bewegung bei fortgesetzter Uebung zur Fertigkeit und schliesslich 
zur Gewohnheit, die Schielinnervation wird allmälig bei kleineren 
und kleineren Anforderungen an den Accommodationsmuskel zu Hilfe 
genommen und begleitet endlich auch den gedankenlosen Blick, 
der Strabismus ist ständig geworden, die übermässige Convergenz 
weicht nur mehr im tiefsten Schlafe und im Tode. 

Gemäss diesen Anschauungen muss die Geneigtheit zum 
Einwärtsschielen in geradem Verhältnisse zur Höhe der 
gegebenen angebornen Uebersichtigkeit und in umge- 
kehrtem Verhältnisse zur Grösse der vorhandenen Accom- 
modationsbreite wachsen und fallen. Es gebührt demnach 
der Statistik das Wort. 



!) Stellwag, Lehrbuch, 1870, S. 903. 



352 



Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 



Mein Assistent, Herr Dr. Hampel, hat sich, um das erstgenannte 
Yerhältniss klarzustellen, die grosse Mühe genommen, sämmtliche seitdem 
Jahre 1870 bis Ende 1880 im Ambulatorium meiner Klinik mit dem Augen- 
spiegel bestimmten Hypemietropien, einschliesslich der mit Einwärtsschielen 
verknüpften, zusammenzustellen. Es sind 1634 Fälle, bei welchen der minimale 
Refractionszustand genau gemessen wurde, und ausserdem 92 Fälle, wo blos 
»hoch-, mittel- oder niedergradig« angemerkt erscheint. Mit Rücksicht auf 
die gemischte Anisometropie war es nothwendig, mit der Zahl der 
Augen, nicht der Fälle, zu rechnen. Die Verhältnisszahlen werden da- 
durch selbstverständlich nicht wesentlich berührt, und um diese handelt es 
sich allein. 

Unter 1634 Fällen waren: 



Nr. 



Zahl 

der 

Fälle 



Anzahl der Augen 



Zustand der Augen 



1 v 1 

2 8 



H 

1 V 1 

<r bls i4 



H 

— bis — 
15 20 



1 k- X 
— bis — 
21 48 



I 


1407 


II 


72 


III 


132 


IV 


5 


V 


18 



48 



Mit Hypermetropie 654 

Mit Anisometropie '! 37 

Mit Hypermetropie und Einwärts- 
schielen 

Mit Anisometropie und Einwärts- 
schielen 

Mit Hypermetropie, Ilornhaut- 
flecken und Schielen . . . 



10 



1090 
24 

124 

1 
16 



794 
33 

70 



276 
14 

22 

1 

2 



36 



1634 



Dazu 92 Fälle, d. 



Summe 



756 



1255 



905 



315 37 



82 Augen mit hochgradiger 
40 » mit mittelgradiger 
62 » mit niedergradiger 



3268 Augen. 

Hypermetropie ohne 
genauere Bezeichnung, 



184 Augen, macht Alles in Allem 3452 Augen. 
Rechnet man von den 3268 Augen, deren Brechzustand genau be- 
zeichnet ist, die 37 myopischen ab, so bleiben 3231 hypermetropische 
Augen, und unter diesen waren 

756 Augen, d.i. 23-40% hypermetropisch 



1 255 



905 



315 



38-84 
28-01 

9-75 



1 


bis 


l 

"8"' 


l 




1 


IT 


» 


14' 


l 




1 


15 


v 


20' 


l 

21 


» 


1 
48' 



3231 Augen, d. i. 10000"/, 



Ursächlicher Zusammenhang zwischen Einwärtsschielen und Uehersichtigkeit. 353 

Von den 3231 hypermetropischen Augen waren 36 mit Homhautrleeken 
behaftet. Um das Yerhältniss der schielenden Hypermetropen zu 

den nicht schielenden möglichst rein zu erhalten, müssen auch diese 
3G Augen abgezogen werden. Es bleiben demnach 3195 hypermetropische 

Augen, wovon 273 Schielern angehören. Die Verhältnisszahl ist demgemäss 
8*54 Procent oder, wenn man die 184 Augen dazu rechnet, bei welchen die 
Hypermetropie nicht genau bestimmt wurde. 8*08 Procent. 

Berücksichtigt man jedoch den Grad der Hypermetropii 
schielen von 

746 Augen mit Hypermetropie — bis 

1239 » 

897 

313 



T b 


is T 


ö,"> d. 


i. 7 


1 


i 

14 


125 


10-0 


i 

15 


1 
20 


70 . 


7 - 


1 

20 


1 
48 


23 i 


7 '35 » 



3195 273 

reberblickt man diese Zalileiireiben. so ergiebt sieh wider 
alles Erwarten, dass die statistischen Auskünfte, welche das 
ambulante klinische Materiale liefert, die Voraussetzung nicht 
rechtfertigen, nach welcher hochgradig U ebersichtige mehr 
zum Einwärtsschielen geneigt sein sollen, als mittel- und 
niedergradig Hypermetropische. Sie gestalten sich in dieser 
Hinsieht auch nicht viel günstiger, wenn man alle Fülle, in 
welchen die Uehersichtigkeit sich zwischen m) und q bewegt, zu 
den hochgradigen rechnet. In der That erhöht sich dann die 
Verhältnisszahl der schielenden zu den nichtschielenden 
hochgradig Hypermetropischen nur auf 9*07 Proeent. während 

sie für rebersichtige mit einem Eefraetionszustande von — -z-. bis 

1 l0 

— 7*8 Proeent und lür Hypermetropen mit einem Brechnngs- 

20 l l 

zustande von — bis 7*35 Proeent betragt. 

Man darf hierbei jedoch nicht übersehen, dass das ambulante 
Materiale, welches eine Klinik bietet, ein sehr unvollständiges 
und gewissermassen einseitiges ist. Von den hochgradig reber- 
sichtigen nehmen nämlich die meisten über kurz oder lang 
wegen Posch werden beim Nahesehen ärztliche Hilfe in Anspruch. 

St eil wag. Abhandlungen. 23 



OÖ4 Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

werden also in den Protokollen verzeichnet. Dagegen werden die 
der Zahl nach weitaus überwiegenden mittelgradig und besonders 
die niedergradig Uebersichtigen vor den späteren Lebensepochen 
seltener und beziehungsweise gar nur im Ausnah ms falle auf 
Refractionsfehler untersucht, erscheinen demnach nur zum kleinen 
Theile in den klinischen Ausweisen. Folgerecht sind die obigen 
Verhältnisszahlen, soweit sie die Häufigkeit des Einwärts- 
schielens bei mittel- und niedergradig Uebersichtigen 
ausdrücken sollen, viel zu gross. Sie würden, wenn man 
die ganze Bevölkerung einer grösseren Stadt zur Verfügung hätte, 
ohne Zweifel ganz anders lauten und mit den Voraussetzungen 
der Theorie besser harmoniren. 

Im Uebrigen darf man nicht ausser Acht lassen, dass das 
wahre und echte Einwärtsschielen sich durchwegs nur in den 
ersten Kinderjahren entwickelt, die Hypermetropen hingegen 
ohne Rücksicht auf das Alter derselben statistisch zusammen- 
gefasst und nach Graden geordnet worden sind. Es bleibt der 
Brechzustand der Augen aber nicht immer der gleiche, besonders 
bei einer Stadtbevölkerung, wo Schulbildung und der Betrieb 
von mancherlei Handwerken und Künsten in sehr vielen Fällen 
eine allmälige Erhöhung des angebornen Refractionszustandes 
mit sich bringen. Es ist also anzunehmen, dass nicht Wenige 
der in den klinischen Protokollen ausgewiesenen schielenden und 
nicht schielenden Hypermetropen in ihrer Kindheit einen viel 
höheren Grad von Uebersichtigkeit dargeboten haben, als zur 
Zeit, wo sie Gegenstand einer genauen Untersuchung waren. Die 
Häufigkeit der Anisometropie und der bei Uebersichtigen an- 
gemerkten hinteren Lederhautektasien ist ein nicht zu ver- 
kennendes Wahrzeichen dessen. Die Verhält niss zahl der hoch- 
gradig hypermetropischen Schieler muss also um ein 
Weiteres erhöht gedacht werden. 

Um den zweiten Punkt, die mut hm assliche Begünstigung 
der ersten Schielversuche durch geringe Accommodations- 
br ei ten, klarzustellen, müsste man in der Lage sein, den Fern- 



Ursächlicher Zusammenhang zwischen Einwärtsschielen und Hornhautflecken. 355 

und Nahepunktsabstand in jener Epoche, in welcher das Einwärts- 
schielen sich zu entwickeln pflegt, also in der ersten Kindes- 
zeit, durch einschlägige Versuche zu ermitteln. Einem solchen 
Beginnen stellen sich aber selbstverständlich unübersteigliche Hinder- 
nisse in den Weg. Es bleibt demnach nichts übrig, als sich auf 
die Ergebnisse der bisherigen anatomischen Untersuchungen zu 
berufen, nach welchen der Accommodationsmuskel bei fort- 
gesetzter Uebung eine allmälige ganz auffallende Massenzunahme 
erkennen und eine demgemässe Kräftigung voraussetzen lässt; 
woraus wieder mit Grund geschlossen werden kann, dass die Accom- 
modationsbreite während der ersten sechs Lebensjahre im 
Allgemeinen geringer sein müsse als in späteren Epochen. 
Das Wichtigste, worauf es hier ankömmt, das Mehr oder Weniger 
der Accommodationsb reite im Einzelnfalle, wird dadurch 
allerdings nicht zur Einsicht gebracht. 

Bei geistig entwickelten Schielern, welche bereits eine genauere 
Bemessung des Fern- und Nahepunktsabstandes ermöglichen, fand 
ich die Accommodationsbreite ganz übereinstimmend mit 
jener von Nicht schielern des gleichen Alters und gleichen 
Brechzustandes der Augen. In einzelnen Fällen war sie ganz 
ausserordentlich gross. 

Ein sehr aufgeweckter 12j ähriger Realschüler schielt mit dem rechten 
Auge, welches anästhetisch ist und auf 20 Fuss Entfernung Snellen Nr. 200, 
in der Nähe blos Jäger Nr. 16 liest. Das linke Auge liest auf 20 Fuss 
mit Leichtigkeit Snellen Nr. 20 und in der Nähe Jäger Nr. 1 bis auf 2 Zoll 

Abstand. Sein Refractionszustand ist — — : und manifest ist H — . Es ist 

16 24 

(S. 303) 



1 


11 1 


1 1 


/ 


16 ; IT _= Y 


1 ~^~V8> 


1 


- 1 4- * - * 


1-8 


V 


12 + 16 6-85 : 


1 q ~ ¥S5' 



Wendet man sich zu jenen Fällen, in welchen der Strabis- 
mus convergens an mit Hornhautflecken behafteten Augen 



23* 



356 Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

erscheint, so mnss vorerst in Erwägung gezogen werden, dass bei 

einem gewissen Procente derselben das Einwärtsschielen zur Zeit, 

als die Cornealtrübungen aus Geschwürsprocessen sich entwickelten, 

schon bestanden haben könne. Von einem pathogenetischen 

Zusammenhange zwischen dem Schielen und den Hornhautflecken 

darf in diesen Fällen selbstverständlich nicht die Rede sein, 

derselbe muss anderswo gesucht werden. Berücksichtigt man, 

dass unter 61 mit Cornealtrübungen leidenden Einwärtsschielern 

(S. 348, VI, VII, X, XIV, XV) blos 22 auf den Brechzustand der 

Augen untersucht, von diesen aber 18 hypermetropisch be- 

1 ,. 1 



funden wurden, und zwar 13 mit Ueb ersieh tigkeit „ bis 3-7, 4 mit 
Uebersichtigkeit -^ bis ~~ und 1 mit Uebersichtigkeit 9 . ; so liegt 
es wohl am nächsten, in Uebereinstimmung mit dem Vorhergehen- 
den die Hypernietropie und den Bedarf grosser Accom- 
modationsquoten als die vornehmlichste Veranlassung der 
Schielinner vation vorauszusetzen. 

In der Mehrzahl der Fälle jedoch geht die Hornhauttrübung 
der Ausbildung des Strabismus convergens bestimmt voran, und 
die Annahme einer ursächlichen Verbindung beider Leiden 
drängt sich förmlich auf, wenn man in Anschlag bringt, dass von 
den in den Ausweisen meiner Klinik verzeichneten Einwärtsschielern 
61, d. i. 21*94 Procent oder mehr als ein Fünftel mit Horn- 
hautflecken behaftet waren. 

Es stören derlei Trübungen, sie mögen einseitig oder binoculär 
sein, das Sehvermögen ebensowohl durch Verschluckung, als 
durch Zerstreuung eines Theiles des directen, von äusseren 
Objecten auf die Hornhaut fallenden Lichtes; mit anderen Worten, 
sie stören, indem sie die scheinbare Helligkeit der Netzhaut- 
bilder vermindern, und weiters, indem sie seeundäre Kugelwellen 
erzeugen, welche nach allen Richtungen fortschreitend auch auf 
die Retina gelangen und in der Gestalt eines lichten Spectrums 
die Objectbilder verschleiern, in Nebel gehüllt erscheinen 
lassen. Die geringere Schärfe und Helligkeit der solchermassen 



Das Einwärtsschielen an kurzsichtigen Augen. 357 

durch den gemeinschaftlichen Sehact beider Augen vermittelten 
Wahrnehmungen kann, wo es Noth thut, nur durch starke An- 
näherung der Augen an die Gegenstände, also durch möglichste 
Vergrösserung ihrer Netzhautbilder theilweise ausgeglichen 
werden. Dies setzt aber in der grössten Mehrzahl der Fälle sehr 
bedeutende Kraftleistungen von Seite des Accommodations- 
muskels voraus und man darf daher bis auf Weiteres mit Grund 
annehmen, dass die ersten Schielübungen unter solchen Um- 
ständen gleichwie bei angeborner Hypermetropie auf das Streben 
zurückzuführen seien, die zum scharfen Nahesehen erforderlichen 
Kraftquoten durch Vergrösserung der Accommodations- 
breite auf ein geringeres Maass herabzusetzen. 

Wo Uebersichtigkeit und Hornhautflecken in der ersten 
Kindeszeit neben einander bestehen, würde natürlich die Ein- 
ladung zu übermässigen Cpnvergenzen noch dringender erscheinen 
und die allmälige Ausbildung des Strabismus zur Fertigkeit und 
Gewohnheit einen noch geeigneteren Boden finden. 



Diesen Fällen stehen nun aber andere schroff gegenüber, in 
welchen die obigen Voraussetzungen nicht zulässig scheinen 
und welche darum mit Fug und Recht benützt werden könnten, 
um die ganze Theorie, nach welcher der convergirende Strabismus 
eine behufs Ermässigung der zum scharfen Nahesehen 
erforderlichen Accommodationsquoten willkürlich geübte 
übermässige Convergenz ist, über den Haufen zu werfen. Es 
sind dies die Fälle, in welchen das echte und wahre Einwärts- 
schielen an Myopie geknüpft erscheint (S. 348, IX bis XIII). 
Es ist allerdings eine kleine Minderheit. Unter 278 Einwärts- 
schielern waren nur 17, d. i. etwas über 6 Procent, kurzsichtig, 
und von diesen 17 Fällen waren nur 5, d. i. 1-8 Procent, in 
welchen die Myopie rein, ohne Complicationen, getroffen wurde. 



358 Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

In den übrigen 12 Fällen bestanden nebenbei Trübungen der diop- 
trischen Medien, schwere Leiden des lichtempfindenden Apparates 
u. s. w., also Zustände, welche das Sehvermögen sehr schädigten. 
Doch unterliegt es wohl keinem Zweifel, dass diese letztgenannten 
Complicationen mit wenigen Ausnahmen erst nach der Ausbil- 
dung des Strabismus zu Stande gekommen sind ; daher die Ver- 
hältnisszahl der Fälle, in welchen das wahre und echte Einwärts- 
schielen neben reiner Kurzsichtigkeit bestand, oder eine Zeit 
lang bestanden hatte, immerhin gross genug erscheint, um eine 
zutreffende Erklärung herauszufordern. 

Für die überwiegende Mehrzahl dieser Fälle zögere ich 
keinen Augenblick, die Erfahrung anzurufen, laut welcher sich 
die Myopie gar nicht selten in Folge fortgesetzter harter Accom- 
modationsarbeit zu hohen Graden in Augen ausbildet, welche 
im ersten Kindesalter stark übersichtig waren. Es darf 
demgemäss dort, wo das Einwärtsschielen an kurzsichtigen Augen 
getroffen wird, keineswegs ohneweiters geschlossen werden, dass 
die Schielinner vation unter dem Einflüsse der Myopie zur Fertig- 
keit und Gewohnheit geworden sei. Ich kenne mehrere Fälle, 
wo die Kurzsichtigkeit sich bei Schielern erst im Knabenalter ent- 
wickelt hat an Augen, welche vordem bestimmt hypermetropisch 
gewesen sind. Einer betrifft einen hohen Staatsbeamten, der sich 
sehr wohl erinnert, während seiner Kinderzeit in die grössten Ent- 
fernungen scharf gesehen, die Thurmuhr auf weite Distanz aus- 
genommen zu haben, aber erst während der Gymnasialstudien 
myopisch geworden zu sein. Seine Myopie beträgt r^ und ist auf 
beiderseitige rundbogenförmige, fast -j- Papillen breite, hintere Leder- 
hautausdehnungen als Quelle zurückzuführen. Sein Strabismus 
datirt hingegen aus den allerersten Lebensepochen. 

Was den Rest dieser Fälle betrifft, welche bezüglich ihrer 
Pathogenese gleichsam in der Luft schweben, möchte ich darauf 
hinweisen, dass die nächste Veranlassung der ersten Schiel- 
übungen durchaus keine fortwirkende zu sein brauche, 



Das Einwärtsschielen an kurzsichtigen Augen. oöo 

indem die Schielinnervation, durch einige Zeit betrieben und zur 
Fertigkeit geworden, immer leichter ausgelöst wird und schliess- 
lich als üble Gewohnheit fortbesteht; ohne dass irgend ein Nutz- 
effect ersichtlich wäre. 

Insoferne können Trübungen, geschwürige Substanzlücken 
u. s. w. der Hornhaut bei Kindern den Strabismus einleiten. 
Kommen dann die krankhaften Processe in der Cornea zum Aus- 
gleiche, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen, so wird es später- 
hin scheinen, als hätte sich das mittlerweile zur Gewohnheit ge- 
wordene Einwärtsschielen ohne auffindbaren nosologischen Grund, 
ja in offenem Widerspruche mit der wiederholt ausgesprochenen 
Theorie, entwickelt. 

In gleicher Weise kommt es bisweilen vor, dass vorüber- 
gehende Halblähmungen der Accommodationsmuskulatur 
die ersten Schielübungen anregen, indem das mit der Parese 
verknüpfte Sinken der A c co m m odationsb reite die zum Scharf 
sehen in gewisse Entfernungen erforderlichen Kraftquoten ganz 
ausserordentlich steigert und die Aushilfe, welche übermässige 
Convergenzen herbeizuschaffen vermögen, besonders wünschens- 
werth erscheinen lässt. Schwinden dann die Leitungshinder- 
nisse im Bereiche der oculopupillaren Zweige des dritten Gehirn- 
nervenpaares, während das Schielen gewohnheitsmässig fortgeübt 
wird, so kann der Strabismus in der Folge möglicherweise an Augen 
getroffen werden, welche vermöge ihres Brechzustandes u. s. w. 
allen früheren Voraussetzungen Hohn sprechen. In dieser Be- 
ziehung können ausnahmsweise A tropin euren, Diphtheritis 
faucium, überhaupt Halsentzündungen u. s. w., als fernere 
Ursachen des Einwärtsschielens in Betracht kommen. 

Auch ist der Fälle zu gedenken, in welchen das Einwärts- 
schielen sich während des Bestandes von Paralysen der augen- 
bewegenden Muskeln wahrscheinlich unter dem Drange ent- 
wickelt, die störenden Doppelbilder zu unterdrücken. Es liegt 
auf der Hand, dass der Brech zustand der Augen bei so bewandten 
Umständen ohne alle Bedeutung ist, und dass ebensogut kurz- 



360 Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

sichtige als hypermetropisehe Augen betroffen werden können. 
Gelangt dann in der Folge die Lähmung zu einer vollständigen 
Heilung, so würde das zurückbleibende Schielen ganz den Charakter 
des echten convergirenden Strabismus zur Schau tragen und, falls 
die Anamnese nicht mehr ermittelt werden könnte, auch als 
echtes und wahres Einwärtsschielen diagnosticirt werden 
müssen. 

Endlich darf nicht übersehen werden, dass es auch schein- 
bare Strabismen giebt, und dass gerade die convergente Form 
derselben gerne von kurzsichtig gebauten Augen vorge- 
täuscht wird. Es sind mir einige derartige Fälle vorgekommen, 
wo die Tenotomie in kosmetischem Interesse durchgeführt worden 
ist, ich weiss nicht, ob aus Irrthum oder auf dringendes Verlangen 
des Kranken. 

In Anbetracht aller dieser erwiesenen und überdies nicht ganz 
seltenen Vorkommnisse darf man ohne Scheu wohl die Behauptung 
wagen: es wäre die Verhältnisszahl des mit Kurzsichtigkeit 
in wirklichem ursächlichen Zusammenhange stehenden 
wahren und echten Einwärtsschielens eine verschwindend 
kleine oder Null, wenn die Möglichkeit bestünde, jeden 
einzelnen Fall bis an die Quelle der ersten Schielübungen 
zu verfolgen. 

Graefe 1 ) hat bekanntlich eine an Kurzsichtigkeit gebundene 
eigenthümliche Form des Strabismus convergens beschrieben, welche 
sich blos beim Fernsehen bemerklich macht, während der Kranke nahe 
Objecte richtig fixirt. Horstmann 2 ) beobachtete diese Form in 1799 Fällen 
von Myopie 16 Mal, also nicht ganz in 0*9 Procent. Ich habe dieselbe seit 
Langem nicht gesehen und bin nicht in der Lage, über die nosologischen 
Verhältnisse Näheres anzugeben. Wenn es richtig ist, was Graefe behauptet, 
dass ein Ueb ergewicht der inneren Geraden zu Grunde liegt, das 
beim Nahesehen durch eine entsprechende Abductionsinnervation neutralisirt 
wird, so ergäbe dies ein Missverhältniss zwischen der bewussten Innervation 
und dem mechanischen Effecte der inneren Geraden, folgerecht eine Des- 



J ) Graefe, Arch. f. Ophthalmologie X., 1, S. 156. 
2 ) Horstmann, Arch. f. Augenheilkunde IX., S. 220. 



Beeinflussung der Schielinnervation durch Brillen und Mydriatica. 36 1 

orientinmg der Netzhäute-, es könnten diese Fälle nicht als echte conver- 
girende Strabismen anerkannt, sondern müssten in die Kategorie der 
Schiefstellungen (Luscitas) der Augen verwiesen werden, kämen hier 
also weiter gar nicht in Betracht. 



Es erübrigt nur noch einiger Erfahrungen zu gedenken, welche 
geeignet sind, die im Vorhergehenden entwickelten Ansichten zu 
stützen und deren praktische Nutzbarkeit zu erweisen. 

In erster Linie ist der höchst auffällige Einfluss hervorzuheben, 
welchen Sammel- und Zerstreuungslinsen sowie die mydria- 
tischen Mittel im Beginne des Leidens, also bevor der Stra- 
bismus zu einem eingewurzelten veralteten Uebel geworden ist, 
auf die Schielinnervation ausüben. 

Es ist eine allbekannte Thatsache, dass bei vielen einwärts- 
schielenden Kindern und jugendlichen Leuten, besonders wo der 
Strabismus noch periodisch oder auch nur alternirend auftritt, 
die übermässige Convergenz durch Vorsetzung passender Co nvex- 
brillen augenblicklich beseitigt und die richtige Fixation auch 
erhalten werden kann, so lange die Gläser getragen werden, voraus- 
gesetzt, dass reine Hypermetropie die Grundlage des Leidens ist. 

Anderseits ergiebt der Versuch, dass bei periodischem Ein- 
wärtsschielen das Vorsetzen von Concavgläsern oder die An- 
wendung eines Mydriaticums die Schielinnervation sogleich 
hervorzurufen vermöge. 

Donders 1 ) hat auf diese Verhältnisse zuerst die Aufmerksamkeit ge- 
lenkt und dieselben auch benützt, um den von ihm entdeckten ursächlichen 
Zusammenhang zwischem dem echten Einwärtsschielen und der 
Hypermetropie, weiterhin aber auch zwischen dem Strabismus convergens 
und verminderter Accommodationsbreite zu begründen und für alle 
Zeiten festzustellen. Javal 2 ) hat die Versuche mit Concavgläsern und 



!) Donders, Arch. f. Ophthalmologie VI., l, S. 92; IX., 1, S. 99—154-, 
Die Anomalien der Refraction und Accommodation. Wien, 1866. S. 245. 
2 ) Javal, Nagel's Jahresbericht, 1870, S. 464. 



362 Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

Mydriaticis wiederholt und ist zu gleichen Ergebnissen gelangt. Green 1 ) macht 
darauf aufmerksam, dass Buffon schon 1743 die Ursache des Strabismus 
und den Nutzen der Sammellinsen erkannt und ähnlich wie Do nders erklärt 
habe. Es ist dies aber nicht ganz richtig. Die betreffende Stelle 2 ) lautet: 
»Buffon prouve d'apres un grand nombre d'observations, que la cause ordi- 
»naire du strabisme est l'inegalite de force dans les deux yeux. 
»Lorsque Tun des deux yeux so trouvc etrc beaucoup plus foible d'autre, on 
»ecarte cet oeil foible de l'objct, qu'on vcut regarder, ou Ton ne fait pas 
»l'effort necessaire pour l'y diriger et Ton ne sc sert, que de l'oeil le plus 
»fort .... M. Buffon determine le degre de rinegalite, qui le produit, et 
»les cas ou Ton peut esperer de diminuer ce defaut et meine de le corriger 
»entierment. Le moyen en est fort simple et a l'avantage d'avoir reussie 
»plusicurs fois. II ne s'agit que de couvrir pendant quelques jours le 
»bon oeil avec un bandeau d'etoffe noir. C'est a peu pres comme si 
»on lioit le bras gauche ä un enfant que de naissance ou par educatione se 
»trouveroit gaucher, car dans le cas d'une inegalite, ou la plus grande force 
»n'est pas insurmentable ni la foiblesse sans ressource, l'art, la contrainte et 
»enfin l'habitude viennent a bout de modifier, de changer meme la Nature 
»ou une autre habitude de maniere, que le sang et l'esprit se portent ensuite 
»vers la partie la plus foible avec plus de facilite, qu'ils n'auroient pas en 
»premier sentiment.« In dem zweiten Aufsatze (S. 231) sind diese Ansichten 
weitläufiger, mit werthvollen Einzelnheiten, durchgeführt. Ich kann daraus 
keine wesentliche Uebereinstimmung mit der Do nd erstehen Lehre entnehmen 
und habe auch zu bemerken, dass der Benützung von Convexgläsern als eines 
Heilmittels (S. 243) nur sehr nebenbei und in ganz abweichendem Sinne Er- 
wähnung geschieht. 

Wenn ich nun die Schielinnervation auf das Streben 
zurückführe, 3 ) die Aufbringung und Unterhaltung grosser 
Accommodationsquoten durch willkürliche Anspannung 
der assoeiirten Convergenzmuskeln zu erleichtern, so ist 
dies nur ein weiterer wichtiger Schritt auf der von Do nders vor- 
gezeichneten Bahn. Er war von dem Momente an geboten, in 
welchem mir das Ungerechtfertigte der Behauptung klar wurde, 
nach welcher hohe Grade der Uebersichtigkeit viel weniger als 
mittlere zum Einwärtsschielen geneigt machen sollen. 



J ) Green, Transactions of the americ. ophth. society, 1870, p. 140. 

2 ) Buffon, Memoires de l'aoad. loyale des sciences, 1743, p. 68, 231, 243. 

3) Stellwag, Lehrbuch, 1870, S. 898 u. f. 



Pathogenesis des Strabismus convergens. 363 

In der That, wohin man auf pathogenetischem Gebiete des 
Strabismus convergens den prüfenden Blick wendet, überall leuchtet 
wie ein das Ganze durchschlingender rother Faden das Ringen 
nach hohen Kraftleistungen des Accommodationsinuskels 
durch , nach Kraftleistungen, welchen die potentielle und selbst 
die actuelle Energie des Ciliarmuskels nur schwer gewachsen sein 
kann: die innige Verknüpfung des echten und wahren Einwärts- 
schielens mit allen Graden der Hypermetropie sowie mit 
Hornhautflecken; sein ausschliessliches Zustandekommen im 
ersten Kindesalter, also bei noch ungeübtem und wenig er- 
starktem Ciliarmuskel; das anfänglich an die Fixation nahe gele- 
gener Objecte gebundene periodische Auftreten der Schielinner- 
vation; der fördernde Einfluss von Zerstreuungslinsen, welche 
den Gesammtbrechzustand des Auges erniedrigen, von mydria- 
tischen Mitteln und Paresen, welche die Accommodationsbreite 
vermindern oder auf Null setzen; umgekehrt der corrigirende 
Einfluss von Convexbrillen, welche den Refractionszustand erhöhen 
und folgerecht die Anforderungen an den Ciliarmuskel ermässigen: 
Alles und Jedes weiset klar darauf hin, dass die Schielinnervation 
mit schwer aufzubringenden und zu unterhaltenden Kraft- 
leistungen des Accommodationsmuskels in unmittelbarem 
ursächlichen Zusammenhange gedacht werden müsse. 

Es findet sich nun auf allen Gebieten willkürlicher Be- 
wegungen täglich und stündlich die Gelegenheit zu beobachten, wie 
bei unzureichender actueller und potentieller Energie eines Muskels 
oder einer Muskelgruppe andere assoeiirte Fleischmassen zu 
Hilfe genommen werden, um durch deren kräftige Innervation die 
Leistungsfähigkeit der erste ren zu steigern. Bei häufiger Wieder- 
holung grosser Anforderungen an einzelne Muskeln oder Muskel- 
gruppen sieht man oft sogar weit ausgreifende und mitunter 
höchst seltsame Coordinationsbewegungen sich ausbilden, welche 
schliesslich zu einer schwer abzulegenden Gewohnheit werden 
und besonders stark bei psychischen Erregungszuständen hervor- 
zutreten pflegen. Ich erinnere beispielsweise an die auffällige 



o64 Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

Gang- und Tanz weise mancher Menschen, an die komischen Grimassen 
vieler Kegelschieben an das Gesichterschneiden einzelner Violoncello- 
spieler u. s. w. 

Lässt man diese Analogie gelten , und es liegt kein Grund 
vor, dieselbe abzuweisen, so erscheint die erwiesene Willkür- 
lichkeit der Schielbewegung (S. 343, 346) nicht nur erklärlich, 
sondern als eine selbstverständliche Sache. Noch mehr, die 
ersten Schielversuche ergeben sich von diesem Standpunkte 
aus betrachtet als freiwillige Acte, welche im Dienste des scharfen 
Nahesehens mit vollem Bewusstsein in's Werk gesetzt werden, bei 
fortgesetzter Uebung sich immer leichter einstellen und dann auch 
ohne Bedarf, lediglich in Folge seelischer Erregungen auf- 
treten, um endlich, nachdem sie zu einer eingewurzelten Ge- 
wohnheit geworden sind, unfreiwillig, ja gegen den Willen 
des Kranken und so lange derselbe sich im wachen oder halb- 
wachen Zustande befindet, das Feld zu behaupten. 

Angesichts dieser harmonischen Gestaltung aller Einzelnheiten 
darf ich nun wohl meine im Jahre 1870 entwickelte Lehre, nach 
welcher das echte und wahre Einwärtsschielen ein behufs 
der Ermässigung hoher Accommodationsquoten angelern- 
tes und unter fortgesetzter Uebung zur eingewurzelten 
Gewohnheit gewordenes willkürliches, wenn auch nicht 
stets freiwilliges, Uebermaass der der Accommodation 
natürlich coordinirten binocularen Convergenz ist, für 
berechtigt erachten, umsomehr, als die bisher laut gewordenen 
Widersacher kaum auf sicherem Boden fussen. 

Um nicht zu sehr in's Weite schweifen zu müssen, will ich 
nur einiger, in jüngster Zeit aufgetauchter oder neuerdings wieder 
zur Geltung gebrachter, gegenth eiliger Ansichten gedenken. 

So glaubt Alf. Graefe, ') gestützt auf die Autorität A. v. 
Graefe's, es sei der die fehlerhafte Stellung verschuldende Con- 
tractionsexcess nach vollendeter Ausbildung des typischen Schielens 



') Alf. Graefe, Graefe und Sämisch, Handbuch VI., S. 89. 



Pathogenesis des Einwärtsschielens. 365 

lediglich ein passiver, es documentire sich in ihm eine ein- 
seitige Erhöhung des mittleren Contractionszustandes des die 
Schielstellung vermittelnden Muskels. 

H a s n e r l ) hält dafür , dass in dem von Porter field auf- 
gestellten Gesetze des Zusammenhanges von Accommodation und 
Convergenz der Schwerpunkt der Sache nicht gelegen sein könne, 
indem sonst alle Hypermetropen schielen mtissten, während um- 
gekehrt Emmetropen und Kurzsichtige schielen. Er meint vielmehr, 
dass auch erhöhte oder verminderte Widerstände, welche 
in abnormen Insertionen und Längen der Muskeln, in abnormen 
Verbindungen und Conformationen derselben sowie in abnormen 
Formen und Stellungen der Augen ihre Quelle finden, den Strabis- 
mus veranlassen können. Er stellt sich nämlich vor, dass die Augen- 
bewegungen auf der antagonistischen Thätigkeit gewisser Muskel- 
gruppen beruhen und dass bei fehlerhafter Lage des Drehpunktes oder 
der Muskeln zum Drehpunkte bei gleichen Innervationsimpulsen 
nothwendig abweichende mechanische Effecte resultiren müssen. 
Besonders wichtig erscheinen ihm in dieser Beziehung die Stato- 
pathien des Auges und insbesondere die häufige massenhaftere 
Entwickelung der rechten Kopfhälfte, welche mit fehler- 
hafter Stellung des rechten Auges einhergeht und eine asymme- 
trische Muskelthätigkeit bei Fixation medial gelegener Objecte noth- 
wendig mit sich bringt. 

Schneller 2 ) hält eine congenitale Insufficienz der Ex- 
te rni für die wesentliche Ursache des Strabismus, glaubt aber auch, 
dass angeborne oder in der Kindheit erworbene Lähmungen der 
äusseren Geraden, wenn sie längere Zeit bestehen, zum Schielen 
führen können. 

Mannhardt 3 ) schreibt dem Abstände beider Augen eine 
grosse Bedeutung zu in Bezug auf die Pathogenese des Schielens, 



*) Ha sn er, Piager medicinische Wochenschrift, 1877, Nr. 1. 

2 ) Schneller, Arch. f. Ophthalmologie XXL, 3, S. 18G. 

3) Mannhardt, ibid. XVIL, 2, S. 92. 



o66 Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

wurde hierin aber schon von Meulen, 1 ) Pflüger, 2 ) undMauthner 3 ) 
widerlegt. 

Mauthner 4 ) erklärt sich das Einwärtsschielen aus einem 
tonischen Krämpfe des inneren Geraden. »Der Krampf hört 
»gewiss bei allen Schielenden nach einiger Zeit auf, aber durch 
»die Lösung des Krampfes wird die ursprüngliche Muskellänge 
»nicht restituirt, weil der Muskel in Folge von Structurverände- 
»rungen verkürzt ist.« 

Passive Contractionsexcesse, einseitige Erhöhungen des mitt- 
leren Contractionszustandes , tonische Krämpfe mit nachfolgender 
Structurveränderung und Muskelverkürzung, veränderte Widerstände 
und davon abhängige asymmetrische Muskelthätigkeit, Insuffizienz 
der Externi u. s. w. sind ganz undenkbar ohne entsprechende 
Unterschiede zwischen der Grösse der bewussten Inner- 
vation und der mechanischen Leistung der betreffenden 
Muskeln, sie setzen also neben einer auffälligen Beweglichkeits- 
beschränkung auch eine vollständige Desorientirung des 
abgelenkten Auges voraus. Dieselben müssen ausserdem, wenn 
sie die Veranlassung zum Schielen geben sollen, schon bei den 
ersten Schielversuchen, beim periodischen und beim alter- 
nir enden Strabismus convergens ebenso auffällig, ja wegen der 
Grösse der Ablenkung noch auffallender, zur Geltung kommen als 
bei Lähmungen der äusseren Geraden. Dem widersprechen 
aber die gegebenen Thatsachen vollständig und un- 
zweideutig. 

Im Uebrigen lassen sich diese Verhältnisse auch nicht in 
Einklang bringen mit gewissen Erfahrungen und Beobachtungen, 
welche theilweise schon in meinem Lehrbuche 1870 des Weiteren 
erörtert worden sind. Ich meine das öftere »Auswachsen« des 



1 ) Meulen, Arch. f. Ophthalmologie XIX., 1, S. 149. 

2) Pflüger, ibid. XXII., 4, S. 101. 

3 ) Mauthner, Vorlesungen über die optischen Fehler des Auges. 
Wien, 1866. S. 547. 

4 ) Mauthner, ibid., S. 558. 



Pathogenesis des Einwärtsschielens ; das »Auswachsen« des Strabismus. o67 

eonvergirenden Strabismus und dessen Heilbarkeit durch zweck- 
entsprechende therapeutische Massregeln. 

Was das »Auswachsen« betrifft, so erfolgt dasselbe bei 
bereits ständig gewordenem Schielen immer nur zur Zeit der 
Geschlechtsreife oder nicht gar lange darnach. Es ist 
entweder ein ganz vollständiges, so dass ohne Zuhilfenahme 
sehr genauer Instrumente eine Ablenkung nicht mehr wahrgenommen 
werden kann, oder es wird der Schielwinkel blos um ein Gewisses 
vermindert. Das Letztere geschieht häufig, doch ist auch das 
Erstere nicht ganz selten, t) und ich habe mit Rücksicht darauf 
mir es seit Langem zum Grundsatze gemacht, Schieloperationen 
vor dem bezeichneten Zeitpunkte nicht vorzunehmen, insbe- 
sondere nachdem ich mehrere Fälle zu beobachten Gelegenheit 
hatte, in welchen nach einer in der Kinder epoche des Kranken 
vorgenommenen Tenotomie der geheilte Strabismus während der 
Zeit der Geschlechtsreife oder später in eine sehr entstellende Ab- 
lenkung nach aussen übergegangen ist. 2 ) 

Es möge dieses Auswachsen eines bereits ständig gewordenen 
Strabismus convergens ein vollständiges oder unvollständiges sein, 
stets bleibt der gemeinschaftliche Sehact beider Augen 
ausgeschlossen. Dagegen erweisen sich die Seitenblickrich- 
tungen völlig unbeirrt, die Beweglichkeit des Auges nach 
rechts und links ergiebt sich als eine der Norm entsprechende. 
Es ist dies ein ganz besonders wichtiger Umstand, da er die 
Irrthümlichkeit der Behauptung völlig erweiset, nach welcher 



J ) Stellwag, Lehrbuch, 1870, S. 904. — Wecker, Klin. Monatsblätter, 
1871, S. 453, bestätigt dies und erklärt es sich aus der Abnahme der Accom- 
modationsbreite, welche die Beihilfe der Convergenz furder nutzlos macht. — 
Die Verminderung des Procentes Einwärtsschielender bei wachsendem Alter 
möchte ich nicht mit H. Cohn, ibid. S. 457 allein aus dem Absterben vieler 
Kinder, sondern hauptsächlich durch das »Auswachsen« und daraus 
erklären, dass ältere Leute auf die Heilung verzichten und daher nicht Gegen- 
stand ärztlicher Behandlung und Zählung werden. 

2 ) Wecker und Homer, Klin. Monatsbl. 1871, S. 456, 459, haben 
dasselbe beobachtet. 



Oöo Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

mechanische Widerstände und namentlich Structurverände- 
rungen der Muskeln eine gewöhnliche oder auch nur häufige 
Veranlassung des Einwärtsschielens sein sollen, einer Behauptung, 
welche sich übrigens auch noch dadurch widerlegt, dass trotz der 
grossen Anzahl der von jedem beschäftigten Augenarzte vorgenom- 
menen Schieloperationen es nur ausserordentlich selten gelingt, 
derartige Verbildungen mit Sicherheit festzustellen. l ) 

Es ist dieses Auswachsen des Strabismus convergens in manchen 
Fällen ganz sicherlich blos ein scheinbares, auf eine Convergenz- 
parese zurückzuführen. Nähert man nämlich einen vom Kranken 
scharf fixirten Gegenstand in der Medianebene, so zeigt sich mit- 
unter die Convergenzfähigkeit mehr oder weniger ungenügend 
oder gänzlich aufgehoben, das Schielauge bleibt, wenn das Ob- 
ject auf einen bestimmten Abstand herangerückt ist und sich noch 
weiter gegen die Nasenwurzel hin bewegt, stehen oder wird gar 
mit einem plötzlichen Ruck nach aussen abgelenkt. Es verhalten 
sich diese Fälle demnach ganz ähnlich jenen so überaus häufig 
vorkommenden, welche fälschlich als »Insufficienz der inneren 
Geraden« und als Strabismus divergens in den Lehrbüchern 
beschrieben werden, und sind auch ganz bestimmt in die Reihe 
der Letzteren zu stellen. 2 ) 

In anderen solchen Fällen jedoch findet man nicht nur die 
Seitenblickrichtungen, sondern auch die Convergenzbewe- 
gungen beider Augen der Norm völlig entsprechend oder 
bei einer in der Kindeszeit vorangegangenen, erfolgreich gewesenen 
Operation blos um den Rücklagerungsbogen verkürzt, eingeschränkt. 



J ) Williams, Transact. of the amcric. ophth. society, 1876, S. 298, be- 
richtet von mehreren schielenden Kindern, bei welchen die Muskelsehne und 
das umliegende Bindegewebe ausserordentlich hart und derb gefunden wurde, 
so dass der Schielhaken nur mit Mühe darunter hinweg-gefiihrt und der 
Sehnenschnitt schwer durchgeführt werden konnte. Es wurde eine genügende 
Correctur, jedoch nur sehr geringe Beweglichkeit des Auges in der Bahn des 
Antagonisten durch die Operation erzielt. Der Zustand soll bei einzelnen 
Kindern angeboren gewesen sein. Mir ist so etwas bisher nicht vorgekommen. 

2 ) Stell wag, Lehrbuch, 1870, S. 921. 



Pathogenesis des Einwärtsschielens, dessen Heilbarkeit. 3G9 

Nur unter solchen Verhältnissen kann von einem allmäligen 
»Auswachsen« gesprochen werden. Es findet seine treffenden 
Analogien in den dem echten Einwärtsschielen nahe verwandten, 
mitunter recht sonderbaren Coordinationsbewegungen auf 
anderen Gebieten, welche, wenn sie in der Jugend einmal zu 
einer eingewurzelten Gewohnheit geworden sind, niemals 
plötzlich aufgegeben werden können, wohl aber nach und nach 
an In- und Extensität abzunehmen, das Eckige und bisweilen 
Barocke abzuschleifen und schliesslich bis auf Spuren oder selbst 
gänzlich zu verschwinden vermögen. 

Beim echten Einwärtsschielen mit hyper nietropischer Grund- 
lage kömmt einem solchen Vorgange gewiss der Umstand zu Hilfe, 
dass die wesentliche Erhöhung, welche die Accommodationsbreite 
und oft auch wohl der Refractionszustand der Augen während der 
Lernperiode des Kindes erfährt, die zum Scharfsehen erforderlichen 
Kraftquoten des Ciliarmuskels um ein sehr Beträchtliches ermässigt, 
die Beihilfe übermässiger Convergenzen also entbehrlich inachen 
und die Intensität der darauf hingerichteten Innervationen ab- 
schwächen kann. 

Wenn Wecker 1 ) eine Abnahme der Accommodationsbreite und ein 
damit gesetztes Nutzlos werden der Convergenzinnervation als Ursache 
ihres Aufgeb.ens annimmt, so stimmt dies nicht mit dem Zeitpunkte, in welchem 
das Auswachsen des Schielens zu erfolgen pflegt. In der That ist die Accom- 
modationsbreite während der Geschlechtsreife oder kurz darnach von 
ihrem individuellen Höhenpunkte noch kaum so beträchtlich herabgesunken. 

Was den zweiten Punkt, nämlich die Heilbarkeit des 
echten Einwärtsschielens durch zweckentsprechende thera- 
peutische Mass regeln betrifft, so wäre derselbe völlig ausge- 
schlossen, wenn mechanische Widerstände, Muskelverbildungen 
u. s. w. die Grundlage des Strabismus wären. Und doch spricht 
die Erfahrung der letzten Jahre laut und entschieden für die Er- 
reichbarkeit selbst idealer Ziele. 



*) Wecker, Klin. Monatsblätter, 1871, 8. 455. 

St eil wag, Abhandlungen. 24 



ö70 Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

Der in vielen Fällen geradezu brillante Erfolg der Schiel- 
operation ist nicht sowohl als eine wahre Heilung, sondern als 
eine Verd eckung, als eine Maskirung des Uebels aufzufassen. 
Es dauert nämlich die Schielinnervation nach der Operation 
fort und muss fortdauern, ja die Rücklagerung des Schielmuskels 
kann überhaupt nur unter der Voraussetzung unternommen werden, 
dass die Schielinnervation für alle Zukunft anhält; denn widrigen 
Falles müsste der Erfolg ja offenbar eine Ablenkung nach 
aussen, ein sogenannter secundärer Strabismus sein. Ausser- 
dem ist die Verkürzung des Umwickelungsbogens nothwendig mit 
einem Missverhältnisse zwischen bewusster Innervation und mecha- 
nischer Leistung des rückgelagerten Muskels, folgerecht mit einer 
Desorientirung der Netzhaut, verknüpft. Es wird also eigent- 
lich das eine Uebel ersetzt durch ein anderes, welches der 
Kranke leichter ertragen zu können wähnt, es ist kurz gesagt die 
Operation ein rein kosmetisches Mittel. 

Von einer wahren Heilung kann nur gesprochen werden, 
wenn durchwegs wieder normale Verhältnisse herrschen, 
d. i. wenn beide Augen wieder richtig fixiren und der gemein- 
schaftliche Sehact mit directer Tiefenwahrnehmung zur vollen Gel- 
tung gelangt. 

Ein solches Ergebniss darf nun allerdings niemals bei er- 
wachsenen Schielern erhofft werden, bei welchen der Strabismus 
bereits zur eingewurzelten Gewohnheit geworden ist. Wohl 
aber liegt die Möglichkeit dessen vor im ersten Beginne des 
Schielens, so lange der gemeinschaftliche Sehact noch nicht 
dauernd aufgegeben worden ist, kurz gesagt beim periodischen 
Schielen der Kinder. Wenn bei diesen der Strabismus bereits 
ständig geworden ist, sei es alternirend oder einseitig, so muss 
man sich selbst im glücklichen Falle mit annähernd oder völlig 
richtiger Stellung der beiden Augen ohne gemeinschaft- 
lichen Sehact begnügen. 

In voller Uebereinstimmung mit der von mir entwickelten 
Theorie des Einwärtsschielens findet sich das Mittel zu solchen 



Heilbarkeit des Strabismus convergens ; Heilverfahren. 37 1 

Erfolgen in der dauernden Verhinderung aller Gelegen- 
heiten zu höheren Kraftleistungen von Seite des Accom- 
modationsmuskels. Es handelt sich eben darum , die Schiel- 
innervation, welche das Kind als willkommene Aushilfe kennen 
gelernt hat und, sobald der Bedarf eintritt, freudig übt, so dass sie 
ihm bald zur süssen Gewohnheit wird, wieder verlernen, ver- 
gessen zu machen. Eine solche Lösung des neu entstandenen 
Coordinationsverhältnisses fordert aber, dass die Schielinnervation 
während einer sehr langen Zeit mit äusserster Consequenz ohne 
jedwede Unterbrechung ferne gehalten wird. Wenn der Schieler 
auch nur zeitweilig in langen Zwischenräumen Gelegenheit findet, 
die Schielinnervation auszuüben, wird dieselbe immer wieder auf- 
genommen werden, die Behandlung bleibt fruchtlos, das mühsam 
Gewonnene geht wieder verloren, die therapeutischen Massregeln 
werden zur unnützen Marter. 

Ueber die Einzelnheiten dieser Massregeln, über die Not- 
wendigkeit, alle Spielzeuge zu beseitigen, welche das Kind zum 
scharfen Fixiren veranlassen können, ferner der Gewohnheit zu 
steuern, alle Gegenstände in nächste Nähe der Augen zu bringen, 
endlich den Beginn der Lernperiode möglichst hinauszuschieben, 
ebenso über die Notwendigkeit nach Beginn der letzteren durch 
zweckentsprechende Subsellien einen genügend grossen Objectsab- 
stand zu erzwingen und die Accommodationsarbeit durch richtige 
Wahl der Lernmittel, durch reichliche Beleuchtung, durch passende 
Convexbrillen, sowie durch gehörige Beschränkung und Vertheilung 
der Lernstunden auf ein richtiges Maass herabzusetzen, über alles 
dieses habe ich mich in meinem Lehrbuche bereits hinlänglich 
ausgesprochen ! ) und komme darauf nicht mehr zurück. Ich kann 
nur wiederholen, dass ein solches Verfahren sich in nicht wenigen 
F ä 1 1 e n g 1 ä n z e n d b ew ä h r t hat und gewöhnlich nur darum fehlschlägt, 
weil es von Seite der Eltern und Erzieher an der nöthigen Bestän- 
digkeit und Ausdauer in der Durchführung jener Massregeln fehlt. 



') Stell wag, Lehrbuch, 1870, S. 906, 791, 809. 

24* 



372 Accommodationsquoten und Einwärtsschielen. 

Green 1 ) glaubt auf Grundlage mehrerer Beobachtungen, dass durch 
Monate lang fortgesetzten Gebrauch von Atropin und Convexgläsern das 
Schielen ganz unter die Herrschaft der Convexgläser gebracht werden könne. 
Er erklärt sich dies daraus, dass die vollständig gelähmte Accoinmodation 
durch die Convergenzstellung der Augen nicht mehr beherrscht werden kann. 
Auch Boucheron 2 ) und Mauthner 3 ) empfehlen das Mittel. Ich habe es 
zweimal versucht, aber beide Male nach den ersten Einträufelungen eine sehr 
bedeutende Zunahme des Schielwinkels mit entsprechender Zufriedenheit der 
Eltern erlebt. Magnus 4 ) schlägt im Gegentheile die täglich zwei- bis drei- 
malige Einträufelung einer Lösung von Extract. Calabar. 1 : 60 vor. Ich habe 
darüber keine Erfahrung, da ich die Wirkung eines fortgesetzten Gebrauches 
dieses Mittels auf den Strahlenkörper fürchte. 



*) Green, Transactions of the amer. ophth. society 1870, p. 134; 
1871, p. 136. 

2 ) Boucheron, Klin. Monatsblätter, 1879, S. 278. 

3 ) Mauthner, Vorlesungen über die optischen Fehler des Auges. 
Wien, 1866. S. 662. 

4 ) Magnus, Klin. Monatsblätter, 1874, S. 303. 



VIII. 

Zur Diagnose der Augenmuskellähmungen. 

JLJie Diagnose der Augenmuskellähmungen bietet noch man- 
cherlei Schwierigkeiten und erfolgt nicht immer mit der wünschens- 
werthen Schärfe und Sicherheit. Es wird allerdings ein Augenarzt 
kaum in Verlegenheit gerathen, wenn es sich um schulgerechte, 
fast vollständige Lähmungen im Bereiche des 3., 4. oder 6. Gehirn- 
nervenpaares handelt. Anders liegt aber die Sache, wenn der 
mechanische Effect eines oder mehrerer Augenmuskeln nur sehr 
wenig hinter der aufgewendeten bewussten Innervation zurück- 
bleibt, wenn Halblähmungen einzelner Augenmuskeln den Scharf- 
sinn des Arztes herausfordern. Da sind die bekannten objectiven 
Kennzeichen nur sehr wenig ausgesprochen, die pathognomonische 
Falschstellung der Gesichtsfläche wird oft ganz vermisst, die Ab- 
lenkung der Gesichtslinie ist bei der Primärstellung der Augen 
sehr gering und bei excessiven Blickrichtungen schwer zu beur- 
theilen, die Beweglichkeitsbeschränkung des Bulbus in der Bahn 
eines oder mehrerer Muskeln tritt sehr undeutlich und schwankend 
hervor: der Arzt ist behufs seiner Diagnose mehr auf die sub- 
jectiven Symptome angewiesen, er muss sich hauptsächlich an 
die gegenseitige Stellung und Lage der Doppelbilder 
(Trug- oder Halbbilder) halten, um einen einigermassen sicheren 
Grund für seine Schlüsse zu gewinnen. 

Aber auch hier stösst er auf eine reiche Quelle von Täuschun- 
gen, welche ihn leicht verwirren, zu falschen Diagnosen verleiten 



tW4 Zur Diagnose der Augenmuskellähmungen. 

oder wohl gar zu einem Verzichte auf jede Bestimmung der Parese 
zwingen können. 

Um solchen Verlegenheiten zu entgehen, ist es unerlässlich 
nothwendig, die Untersuchung mit gewissen Vorsichten aufzunehmen 
und systematisch durchzuführen. 

Da die gegenseitige Lage und Stellung der Doppel- 
bilder das Massgebende ist, müssen dem Kranken selbstver- 
ständlich Gesichtsobjecte geboten werden, welche in ihren 
Doppelbildern jene Factoren leicht und sicher erkennen lassen. Am 
besten eignet sich ein etwa schuhlanger fingerdicker Strich mit 
scharfen Rändern, welcher in der Mitte einer grossen, etwa eine 
Klafter im Quadrat haltenden Tafel senkrecht gezeichnet wird, 
z. B. mit Kreide auf einer schwarzen Schultafel, oder mit Tusch 
auf einer weissen Wand oder auf einer grossen Papierfläche. Es 
unterliegt bei strichförmigen Doppelbildern nämlich der aller- 
geringsten Schwierigkeit, die Seiten- und Höhenabstände sowie 
die Art und den Grad der gegenseitigen Neigung zu ermitteln 
und, wo nothwendig, auch zu messen. 

Um ganz genau vorgehen zu können, dient der von Hering 
angegebene Apparat. ') Wo es sich aber blos um die Sicherstellung 
der Diagnose handelt, ist er zu entbehren. 

Selbstverständlich muss der Kranke das Object in seinen 
Doppelbildern mit genügender Schärfe und Deutlichkeit wahr- 
zunehmen im Stande sein. Es setzt dies eine zureichende Be- 
leuchtung und im Falle höhergradiger Ametropie deren Aus- 
gleichung durch entsprechende Brillengläser voraus. Bei etwa 
gegebener Anästhesie des einen Auges und darin begründeter 
Undeutlichkeit oder gänzlicher Unterdrückung des einen Doppel- 
bildes wird dessen deutlicheres Hervortreten durch Uebung des 
betreffenden Auges und Abschwächung des andern Doppelbildes 
mittelst eines vor das bessere Auge gesetzten rothen oder grünen 
Glases anzubahnen sein. 



Stell wag, Lehrbuch, 1870, S. 878. 



Verfahren bei Bestimmung der Stellung und Lage der Doppelbilder. 375 

Es ist nun aber ganz erstaunlich, wie schwer viele Kranke 
zur richtigen Beurtheilung der gegenseitigen Lage und Stellung 
der Doppelbilder gebracht werden können, wie schwer es ist, sie 
festhalten zu machen, was rechts und links, was höher und tiefer 
steht, oder ob und in welcher Art die Doppelbilder gegen einander 
geneigt sind. Jede Untersuchung muss daher mit einem eingehen- 
den Exercitium beginnen, welches darauf gerichtet ist, dem Kranken 
die gegenseitige Lage und Richtung seiner Doppelbilder zum klaren 
Bewusstsein zu bringen und selbe darin derart zu fixiren, dass er 
im Stande ist, sie auf der Tafel mit voller Sicherheit hinzuzeichnen. 
So lange bei wiederholten derartigen Versuchen noch Schwankungen 
in der Lage und Stellung der Doppelbilder bemerkbar sind, ist die 
Untersuchung oder die Beobachtung von Seite des Kranken eine 
mangelhafte und zur Beurtheilung des mechanischen Effectes der 
einzelnen Muskeln ungeeignet, 

Ist man in dieser Beziehung zu einem vollkommen sicheren 
Ergebnisse gelangt, urtheilt der Kranke jedesmal richtig über Rechts 
und Links, Höher und Tiefer, so stellt sich die Aufgabe, zu ermitteln, 
welches der beiden Doppelbilder dem rechten, welches dem 
linken Auge zugehöre. Auch dies ist nicht immer leicht und 
keineswegs mit Verlässlichkeit dadurch zu erreichen, dass man 
abwechselnd das eine und andere Auge des Kranken deckt. In 
dem Augenblicke nämlich, als man das richtig fixiren de Auge 
durch einen Schirm von dem Objecte abschliesst, springt das ab- 
gelenkte Auge in die richtige Fixirungslage ein und dem Kranken 
dünkt es, als sei das Doppelbild des letzteren verschwunden. 
Man kann solchen Täuschungen nur dadurch entgehen, dass man 
abwechselnd das eine und das andere Auge langsam von oben 
oder unten her mit dem Schirme nur halb verdeckt, so dass 
der Schirmrand in der Höhe des wagrechten Durchmessers der 
Pupille dicht vor das Auge zu stehen kommt. Bei solchermassen 
halbgedeckter Pupille wird der Kranke noch beide Doppel- 
bilder wahrnehmen, jenes des beschirmten Auges aber nur zur 
Hälfte sehen und leicht angeben können, ob dies das rechte oder 



37 G Zur Diagnose der Augenmuskellähmungen. 

linke , höhere oder tiefere Doppelbild sei. Damit ist aber die 
Zugehörigkeit des einen und des andern Doppelbildes zu diesem 
oder jenem Auge über allen Zweifel gestellt. 

Nun droht noch eine weitere arge Täuschung. Es geschieht 
nämlich gar nicht selten, dass der Kranke, dessen ganze Aufmerk- 
samkeit auf das Trugbild des abgelenkten Auges gerichtet ist, 
diesem letzteren die bewusste senkrechte Stellung des 
Objectstriches beimisst und folgerecht die ganze Ablen- 
kung auf das Bild des richtig fixirenden Auges tiberträgt, 
dem letzteren also eine Stellung und Lage im Kaume andichtet, welche 
jener des fälschlich vertical gedachten Trugbildes in Allem und 
Jedem gerade entgegengesetzt ist. Man kömmt so in Gefahr, 
das gesunde Auge für das kranke zu halten und sich in einen 
ganzen Rattenkönig von Widersprüchen zu verwickeln. Es ist 
darum in zweifelhaften Fällen dringend noth wendig, jedes der 
beiden Doppelbilder für sich allein unter Deckung des einen 
Auges wiederholt auf seine Stellung und Lage im Räume zu 
prüfen, zwischendurch aber immer wieder beide Augen zu öffnen 
und die Bilder mit einander nach Stellung und Lage zu ver- 
gleichen. Schliesslich wird ein einigermassen intelligenfer Kranker 
wohl immer zu einem richtigen Urtheile gelangen und jedwede 
Täuschung ausschlicssen lassen. 

Ist völlig sichergestellt, welches Auge das abgelenkte sei, 
welches der beiden Doppelbilder ihm zugehöre und welches die 
Stellung und Lage desselben in Bezug auf das Bild des fixirenden 
gesunden Auges sei, so unterliegt es keiner Schwierigkeit mehr, 
herauszubringen, welcher oder welche Muskeln in ihrer 
Function beeinträchtigt erscheinen, und sogar das Miss- 
verhältniss zwischen der Innervation und dem mechanischen 
Effecte der halbgelähmten Muskeln in Zahlen auszudrücken. 

Erste und unerlässliche Bedingung hierzu ist, dass man sich 
die Verhältnisse nicht selber verwickele, sondern den beiden Augen 
während der Untersuchung eine Stellung anweise, in welcher die 
bewegenden Muskeln derselben annähernd gleichmässig innervirt 



Verfahren bei Bestimmung der Stellung und Lage der Doppelbilder. 377 

erscheinen, in welcher jeder einzelne Muskel im Momente ver- 
stärkter Innervation den Bulbus blos um Eine auf seine Verlaufs- 
richtung senkrechte Axe dreht, und in welcher die steuernde 
Wirkung der einzelnen Muskeln als elastischer gespannter Bänder 
Null wird. Es ist dies die sogenannte Primär Stellung der Augen, 
eine Stellung, welche die beiden Bulbi auch in tiefem Schlafe, in 
tiefer Narkose, sowie im Tode einnehmen, nämlich: Parallelismus 
beider Sehaxen mit der Medianlinie bei wagrechter Blick- 
ebene und senkrechter Körperaxe (beziehungsweise senkrecht 
gestellter vertiealer Kopfaxe). 

Man darf nämlich nicht vergessen, dass beim Verlassen der 
Primärstellung von Seite der Augäpfel die Ansatzlinie einzelner 
Muskeln zu deren Verlaufsrichtung schief gestellt wird, die diese 
Muskeln zusammensetzenden Faserbündel also sehr ungleich ge- 
spannt werden und so schon vermöge ihrer Elasticität Drehungen 
des Bulbus anstreben, welche dem Muskel sonst ganz fremd sind. 

Beispiele sollen dies erläutern. Bei jeder wag rechten Seitenblick- 
richtung wird die Ansatzlinie des oberen und des unteren Geraden, und 
wohl auch der beiden Schiefen, in einen spitzen Winkel zur Axe ihrer 
Muskelbäuche gebracht. Wären nun die seitlichen abgespannten Gegner 
der activen Seitenmuskeln völlig gelähmt oder ausser Zusammenhang mit dem 
Augapfel gebracht, so würde dennoch die ungleiche elastische Spannung 
der Muskelbündel in den Hebern und Senkern und noch mehr deren will- 
kürliche Innervation die optischen Axen in die Primärstellung zurückzudrehen 
vermögen. Bei vollständiger Paralyse des äusseren Geraden hat man oft 
Gelegenheit, dieses Verhältniss zu beobachten. Immer nämlich vermögen die 
Kranken, den Augapfel der gelähmten Seite in die der Medianebene parallele 
Richtung zu bringen, nicht aber darüber hinauszudrehen. Ebenso können die 
seitlichen Geraden Drehungen um eine wagrechte Axe vermitteln, wenn 
die Blickrichtung eine gehobene oder gesenkte ist. 

Nicht minder verwirren einigermassen beträchtliche Convergenz- 
stel hingen der Augen die Verhältnisse, insoferne jene nur durch compli- 
cirte Innervationen ganzer Muskelgruppen aufbringbar sind, insbesondere 
Raddrehungen in sich schliessen und so eine Verschiebung der Drehungs- 
factoren bedingen. 

Der Nichtbeachtung dieser Verhältnisse ist es wohl zum grossen 
Theile zuzuschreiben, dass die Schemen, welche man für die gegen- 



ö7ö Zur Diagnose der Augenmuskellähmungen. 

seitige Lage und Stellung der Doppelbilder bei Augenmuskel- 
lähmungen entworfen und zumeist an Ophthalmotropen 
ausstudirt hat, an welchen die Muskeln durch dünne Schnüre 
vertreten , die Ansatzlinien also in Ansatzpunkte zusammen- 
geschrumpft sind, mit der Wirklichkeit nicht recht stimmen wollen 
und in der Praxis längst als un verlässlich erkannt wurden. 

Es ist aber nicht blos die St euer kraft der nicht direct innervirten 
Muskeln, welche die Lage und Stellung der Doppelbilder bei secun- 
dären und tertiären Augendrehungen beeinflusst, wenn ein oder 
mehrere dieser Muskeln an Leistungsfähigkeit verloren haben ; es 
wirkt dabei noch ein anderer hochwichtiger Umstand mit, nämlich die 
ausserordentliche Wandelbarkeit der Grösse und äusseren 
Gestaltung des passiv bewegten Augapfels selber. Der 
damit gesetzte Wechsel der beim Drehungsacte massgebenden 
Constanten muss nothwendig individuelle Verschiedenheiten 
in den Bewegungscurven der einzelnen Augen bedingen, 
welche sich umsomehr von der schematischen Norm entfernen, je 
abweichender der Bulbus geformt ist und je excursivere und compli- 
cirtere Drehungen desselben innervirt werden. Man kann wohl 
sagen, dass die Bewegungen des einen Augenpaares jener eines 
andern niemals im mathematischen Sinne congruent sind, so wenig 
wie die Bewegungen unvollkommen runder Billardballen bei gleichem 
Abstosse. Unter normalen Verhältnissen wird durch regulirende 
Muskelcontractionen verschieden gestalteten Augen schliesslich wohl 
eine gleiche Lage und Stellung gegeben werden können, nur der 
Weg dahin wird ein etwas abweichender sein; wo aber einzelne 
Muskeln den der Innervation entsprechenden mechanischen Effect auf- 
zubringen unfähig sind, da wird auch die Verschiedenheit der bei der 
Bewegung massgebenden Factoren zum Ausdrucke kommen. 

Die Primärstellung der Augen schliesst alle diese 
Fehlerquellen aus. Um sie einzuleiten und für einige Zeit sicher 
festzuhalten, wäre es nothwendig: 

1. das Object, d. i. den Kreidestricli auf einer Schultafel, so 
anzubringen, dass der Kranke bei aufrechter Stellung und namentlich 



Verfahren bei Bestimmung der Stellung und Lage der Doppelbilder. o79 

bei senkrecht erhaltener verticaler Kopfaxe die markirte Mitte 
genau in der Höhe der beiden Augen und in der Verlänge- 
rung der Medianlinie vor sich habe; 

2. dass der Kranke, um Convergenzstellungen zu meiden, 
wenigstens 4 Meter entfernt stehe und, um Seitenblickrichtungen 
hintanzuhalten, die Gesichtsfläche der Tafelebene parallel 
zuwende. 

Will man ganz sicher vorgehen und falsche Stellungen des Kopfes 
sowie der Augen ausschliessen, so wird man kaum des von mir an- 
gegebenen diademähnlichen Controlapparates ! ) entbehren können. 

Leider machen sich bei so grossem Objectsabstande, wie ihn 
die reine Primärstellung der Augen verlangt, einige Neben- 
umstände in sehr missliebiger Weise geltend. Nicht selten geschieht 
es, dass das dem abgelenkten Auge zugehörige Bild nicht mehr 
mit genügender Deutlichkeit wahrgenommen wird, um in Bezug 
auf seine Lage und Stellung richtig beurtheilt werden zu können; 
mitunter vermisst es der Kranke wohl auch gänzlich. Bei halb- 
wegs stärker entwickelten Paresen ist übrigens unter Voraus- 
setzung eines grossen Objectsab Standes die gegenseitige Ent- 
fernung der beiden Doppelbilder häufig eine so grosse, dass das 
dem abgelenkten Auge zugehörige Trugbild ausserhalb der Tafel 
zu stehen kömmt und übersehen wird oder ; falls dies nicht wäre, 
bezüglich seiner Lage und Stellung zum Bilde des fixirenden 
Auges nur mit grosser Schwierigkeit vollkommen verlässlich vom 
Kranken erfasst und mittelst Zeichnung auf der Tafel wiedergegeben 
werden kann. 

In Anbetracht dessen erscheint es vom praktischen Stand- 
punkte aus vortheilhafter, die reine Primärstellung der Augen 
zu Gunsten einer kleinen Convergenz aufzugeben und den 
Objectsabtand auf 1 — 1*5 Meter zu beschränken. Der damit einge- 
führte Fehler ist so gering, dass er füglich übersehen werden kann, 
so lange es sich eben um rein diagnostische Zwecke handelt. 



J) St eil wag, Lehrbuch, 1870, S. 878. 



380 Zur Diagnose der Augenmuskellahmungen. 

Wollte man den Grad der Lähmung eines oder mehrerer Muskeln 
durch die Differenz der aufgewendeten Innervation und des mecha- 
nischen Effectes in Zahlen genau ausdrücken, so bliebe allerdings 
nichts übrig, als zur reinen Primärstellung zurückzukehren und unter 
Zuhilfenahme des oben erwähnten Hering'schen und meines Control- 
apparates ') die gegenseitige Lage und Stellung der Doppelbilder 
zu messen. Man wird dann bei scharfsichtigen und intelligenten 
Kranken genügend verlässliche Werthe ermitteln können, um daraus 
die Ablenkungswinkel mit einiger Sicherheit zu berechnen. 



Sind alle Bedingungen erfüllt, so giebt die Lage und 
Stellung des falschen, von der wirklichen Lage und 
Stellung des Objectes abweichenden Doppelbildes genau 
die Zugsrichtung des oder der paretischen Muskeln an; 
es erscheint in ihr genau die Bahn verzeichnet, in welcher der 
oder die gelähmten Muskeln das betreffende Auge im ersten Mo- 
mente ihrer Innervation aus der Primärstellung herausdrehen würden. 
Damit ist aber auch das Gebiet der Lähmung, so weit es die augen- 
bewegenden Muskeln betrifft, bestimmt. 

Um innerhalb dieser Grenzen die Diagnose zu stellen, bedarf 
es also blos einer genauen Definition der Abweichung des falschen 
von dem wahren Bilde, die weiteren Schlüsse ergeben sich aus 
den anatomischen Verhältnissen der Augenmuskulatur. 

Es fände sich in einem Falle (Fig. 8) das falsche Bild dem 
rechten Auge zugehörig, nach rechts von dem senkrechten 
wahren Bilde und etwas tiefer gelegen, dabei aber mit dem 
oberen Ende stark nach links geneigt. Entsprechend der 
angegebenen Pegel muss der gelähmte Muskel dem rechten Auge 
zugehören, ein schwacher Auswärtswender, ein Senker und 



») Stell wag, Lehrbuch, 1870, S. 878. 



Stellungu. Lage der Doppelbilder offenbaren die Zugsrichtang der gelähmten Muskeln. 38 1 





R L 

Musculi obliqui superiores. 



Fig. 10. 



Fig. 11, 





ein starker Raddreker, insonderheit ein das obere Ende der 
verticalen Trennnngslinie der Netzhaut nach einwärts neigender 
Muskel sein. Es ist, kurz gesagt, der ,,. , „. ' 

obere schiefe Muskel des rechten 
Auges gelähmt. 

Gehört im zweiten Falle (Fig. 9) 
das senkrechte wahre Bild dem rechten, 
das nach links unten abweichende 
und mit dem oberen Ende stark nach 
rechts geneigte Bild dem linken Auge, 
so handelt es sich, nach der gleichen 
Regel zu schliessen, um eine Paresis 
des linken oberen Schiefen. 

Wäre in einem dritten Falle (Fig. 10) 
das falsche Bild dem rechten Auge 
eigen, wiche es nach rechts und oben 
von dem wahren ab und wäre es 
mit dem unteren Ende stark nach 
links gegen das wahre geneigt, so muss man schliessen, der ge- 
lähmte Muskel sei ein schwacher Auswärtswender, ein Heber 
und ein starker Raddreher, welcher das obere Ende der ver- 
ticalen Trennungslinie der Netzhaut nach auswärts neigt; es ist 
der rechte untere Schiefe gelähmt. 

Im Falle, als (Fig. 11) das falsche ^ig. 12 
Bild dem linken Auge zugehört, 
nach links und nach oben abweicht 
und mit dem wahren senkrechten Bilde 
stark nach oben divergirt, so hat 
man eine Paresis des linken un- 
teren Schiefen vor sich. 

Weicht (Fig. 12) das falsche dem 
rechten Auge angehörige Bild 
stark nach oben und ein klein wenig nach links von 
dem wahren senkrechten Doppelbilde ab und zeigt es Links- 



Musculi obliqui inferiores. 



Fig. 13. 



Musculi recti superiores. 



382 Zur Diagnose der Augenmuskellähmungen. 

ueigung des oberen Endes, so kann der gelähmte Muskel nur 
ein rechtsseitiger kräftiger Heber sein, welcher nebenbei 
eine schwache Einwärtswendung und eine geringe Neigung 
des oberen Endes der senkrechten retinalen Trennungslinie nach 
innen vermittelt: es ist der obere Gerade des rechten Auges 
gelähmt. 

Fig. 13 führt die gleichen Verhältnisse des linksseitigen 
oberen Geraden vor Augen. 

Zeigt (Fig. 14) das dem rechten Auge angehörige falsche 

Bild eine starke Abweichung nach unten und liegt es knapp an 

der linken Seite des dem fixirenden linken Auge zugehörigen 

Fig. i4. Fig. 15. senkrechten Bildes, mit dem oberen 

Ende leicht nach rechts geneigt, 
so kann die Parese nur einen star- 
ken Senker betreffen, welcher zu- 
gleich eine geringe Einwärts Wen- 
dung und ferner eine schwache 
Auswärtsdrehung des oberen 
Z Endes der verticalen Trennungslinie 
Musculi recti infenmes. ^ Netzüaut m seineu F unc tionen 

zählt: man hat es mit einer Lähmung des rechten unteren 
Geraden zu thun. 

Bei einer Lähmung des linken unteren Geraden steht 
(Fig. 15) das falsche Bild tiefer, zur Rechten des verticalen 
wahren Bildes und mit dem oberen Ende leicht nach links ge- 
neigt (convergirend). 

Lassen die beiden Doppelbilder blos eine horizontale 
Seitenabweichung erkennen und fehlt jedweder verticaler Höhen- 
unterschied sowie jede Neigung, so kann die Diagnose unbedingt 
nur auf Lähmung eines seitlichen Geraden des einen oder 
anderen Auges gestellt werden. 

Ist (Fig. 16) das rechte, nahe der Meridianebene gelegene Bild 
das wahre und dem rechten Auge zugehörig, das linke in wag- 
rechter Richtung stark abweichende Bild dem linken Auge eigen, 



n 



Stellung u. Lage der Doppelbilder offenbaren die Zugsrichtung der gelähmten Muskeln. 383 

so kann der gelähmte Muskel nur ein starker und reiner Links- 
wender des linken Auges, der Rectus extern us sin ist er sein. 

Eine starke Ablenkung des dem linken Auge zugehörigen 
falschen Bildes nach rechts und in horizontaler Richtung (Fig. 17) 
Fig. 16. Fig. 17. 



R R 

Musculi recti laterales oculi sinistri. 



setzt einen starken Rechts w ender des linken Auges voraus, be- 
gründet also die Diagnose auf Lähmung des linken in n eren Geraden. 

Fig. 18. Fig. 19. 



LR R 

Musculi recti laterales oculi dextri. 



z 



Ist das dem linken Auge zugehörige Bild das wahre, so 
wird die starke horizontale Abweichung des falschen Bildes nach 
rechts (Fig. 18) die Paresis des rechten äusseren Geraden, 
die wagrechte Ablenkung nach links (Fig. 19) die Lähmung des 
rechten inneren Geraden offenbaren. 



Fig. 20. 



Fig. 21. 





L R 

Paralysis nervi tertii. 

Die vollständige Lähmung sämmtlicher vom dritten 
Gehirnnervenpaare innervirter Bewegungsmuskeln des 



384 Zur Diagnose der Augenmuskellälnruingen. 

Auges äussert sich durch gekreuzte Doppelbilder, das falsche 
Bild weicht stark in horizontaler Richtung gegen das gesunde 
Auge ab, steht höher als das wahre Bild und ist mit dem oberen 
Ende gegen das letztere geneigt (convergent). Fig. 20 giebt 
die gegenseitige Lage und Stellung der Doppelbilder für das rechte, 
Fig. 21 für das linke Auge. Auch hierin spricht sich wieder die 
Giftigkeit der angeführten Kegel aus. Die starke horizontale 
Abweichung des falschen Bildes manifestirt eine vorwiegende Ein- 
wärtswendung der betreffenden Muskeln; die verticale Ab- 
weichung spiegelt die Wirkung von Hebern wider und die auf- 
fällige Neigung des falschen Bildes setzt die Erkrankung eines 
kräftigen R ad dreh er s voraus. In der That concurriren bei der 
Einwärts wendung der innere Gerade und in geringem Maasse 
der Rectus superior und inferior. Bei der Hebung kömmt der 
untere Schiefe in Betracht, während die verticale Wirkung 
des Rectus superior und inferior sich gegenseitig aufheben. Die 
Neigung des falschen Bildes nach aussen ist aber in der rad- 
drehenden Function des unteren Schiefen vorgezeichnet. 



Es ist dieser diagnostische Schlüssel eigentlich nichts Anderes, 
als die Anwendung der Hering'schenProjectionsgesetze ') auf Augen, 
deren Freibeweglichkeit durch Lähmung einzelner Muskeln oder 
Muskelgruppen beeinträchtigt ist. Es ist hier nicht der Ort, auf 
die physiologische Begründung dieser Gesetze einzugehen. Ich be- 
schränke mich deshalb darauf, die praktische Brauchbarkeit 
und Verlässlichkeit des fraglichen Schlüssels durch einige 
klinische Beobachtungen zu erläutern. 

Die Lähmung eines oberen schiefen Augenmuskels 
kommt, wenn auch nicht häufig, doch oft genug vor, so dass sich 
jeder einigermassen beschäftigte Augenarzt von der Richtigkeit 
des Gesagten bald überzeugen kann. Ich halte es daher für über- 
flüssig, Einzelnfälle vorzuführen. 



') Stellwag-, Lehrbuch, 1870. S. 874 u. f. 



Beispiele aus der Praxis. 385 

Dagegen ist die isolirte Lähmung eines unteren Schiefen 
eine sehr grosse Seltenheit. Ich finde in meinen Aufzeichnungen 
nur einen einzigen Fall, den linksseitigen Obliquus inferior betreffend. 

Es war hier die auf den unteren Schiefen beschränkte Paresis plötz- 
lich nach starkem Aetzen der Bindehaut wegen hochgradigen Trachoms auf- 
getreten und bestand, als der Kranke auf der Klinik sich vorstellte, bereits 
seit mehreren Jahren. Derselbe beschwerte sich ganz ausserordentlich dar- 
über, dass bei alleiniger Benützung des linken Auges alle senkrechten 
Contouren mit dem oberen Ende stark nach links geneigt erscheinen und 
beim bino ciliaren Sehen alle Gegenstände mit vorwaltenden verticalen Um- 
rissen, z. B. ein Thurm, die Eckenkante eines Hauses, ja die Menschen wie 
geknickt aussähen, indem das obere Ende eine starke Neigung nach aussen, 
d. i. links, zeigte und die Mitte sich in einen nach aussen links offenen Winkel 
gebogen darstellte. Es spiegelt sich in diesen Angaben ganz deutlich das 
Bild der Fig. 11. Ganz scharfe und genaue Erhebungen über die gegen- 
seitige Stellung und Lage der Doppelbilder waren in diesem Falle nicht mög- 
lich, da die Verstandeskräfte des 58 Jahre alten Pfründners Ch. M. nicht be- 
sonders entwickelt waren und ausserdem Herabsetzung der Sehschärfe durch 
Hornhautflecken und durch vorausgegangene exsudative Netzhautentzündung 
beider Augen feinere Unterscheidungen verhinderten. 

Ein zweiter Fall, wo rechters ei ts der untere schiefe Augenmuskel 
seine Einwirkung auf das Auge dadurch verloren hatte, dass eine Kugel die 
innere untere Partie des Orbitalrandes und die Nasenwurzel durchschossen 
hatte, kann hier, wo von Lähmungen die Rede ist, füglich nicht erörtert 
werden, ist übrigens auch in der Erinnerung des Verfassers zu sehr abge- 
blasst, um massgebend sein zu können. 

Einzelnlähmungen der oberen und unteren geraden 
Augenmuskeln sind ebenfalls nur sehr ausnahmsweise zu beob- 
achten und werden dann gerne verkannt. 

Als Beispiel einer Lähmung des linken unteren Geraden soll 
nachstellender Fall dienen. J. M., Drechsler, 2G Jahre alt, leidet seit mehreren 
Monaten an Doppeltsehen, welches besonders bei gesenktem Blicke lästig 
wird und die Arbeit erschwert. Wird das rechte Auge in die Primärstellung 
gebracht, so steht das linke mit dem unteren Cornealrandc etwa 2 Mm. 
höher ohne alle merkbare Seitenabweichung. Dabei füllt auf, dass der linke 
Bulbus etwas mehr hervortritt. In Folge des vermehrten Widerstandes, 
welcher damit der oberen Orbicularishälfte erwächst, klafft die linke Lidspalte 
mehr als die rechte. Der linke Bulbus führt alle Bewegungen scheinbar 
regelrecht durch, mit Ausnahme der Blicksenkung, bei welcher er hinter 

St eil wag, Abhandlungen. 25 



386 Zur Diagnose der Augenmuskellähmungen. 

dem rechten Bulbus zurückbleibt, indem er die verlängert gedachte Sehaxe 
nur wenig unter die Wagrechte zu neigen vermag. Wird die Sehaxe aus 
einer verticalen Erhebung in die horizontale nach abwärts bewegt, so geschieht 
dies nicht in einer geraden Linie, sondern in einem scharfen mit der Conca- 
vität nach aussen gekehrten Bogen. Die Stellung und Lage der Doppel- 
bilder bei innervirter Primärstellung ist die in Fig. 15 angegebene. Das 
dem linken Auge zugehörige Doppelbild steht zur Rechten des andern, 
bedeutend tiefer und mit dem oberen Ende wenig gegen das Doppelbild 
des fixirenden Auges geneigt (convergent). Eine pathognomonischc Stel- 
lung der Gesichtsfläche ist nicht bemerkbar. 

In einem andern Falle bestand eine isolirte Lähmung des linken 
oberen Geraden. Er betraf einen dem Beamtenstande angehörigen 46jäh- 
rigen Mann, welcher bei gehobener Blickebene ganz ausserordentlich von 
Doppelbildern belästigt wurde und sich dadurch sehr beängstigt fühlte. Bei 
der Primärstellung war eine Ablenkung des einen oder andern Auges mit 
Sicherheit nicht nachzuweisen. Ebensowenig konnte bei der Primärstellung, 
bei den verschiedenen Seitenblickrichtungen und bei einer Senkung der Blick- 
ebene eine Spaltung des Objcctivbildes ermittelt werden, der Kranke gab 
stets Einfach sehen an. Wurde die Blickebene aber gehoben, was durch 
Neigung des Kopfes bewerkstelligt wurde, um die Blickebene senkrecht zur 
Fläche der Schul tafel zu erhalten, so zeigte sich das dem rechten Auge 
zugehörige Doppelbild an der linken Seite des dem linken Auge eigen- 
thümlichen senkrechten Doppelbildes bedeutend tiefer stehend und mit 
dem oberen Endedivergirend (Fig. 22). Man musste also ver- 
muthen, dass es sich um einen Senker der rechten Seite handle. 
Dies widersprach aber dem alleinigen Hervortreten der Doppel- 
bilder bei gehobener Blickebene. Anderseits konnte es weder der 
rechte untere Gerade noch der obere Schiefe sein. Erstem* 
vermittelt nämlich allerdings eine sehr geringe Einwärtswendung, 
neigt aber die senkrechte Trennungslinie der Netzhaut mit dem 
oberen Ende nach aussen, die Doppelbilder müssten nach oben hin 
convergiren. Der obere Schiefe aber ist ein Auswärtswender 
und bedingt gleichseitige Doppclbilder. Nach wiederholten Ver- 
suchen endlich stellte sich heraus, dass der Kranke sich über die Lage des 
dem rechten Auge zugehörigen Doppelbildes täusche, dass dieses das senk- 
rechte sei und dass das Doppelbild des linken Auges mit sehr kleiner 
Seitenabweichung gekreuzt, bedeutend höher stehend und mit dem oberen 
Ende nach links geneigt also divergent wahrgenommen werde, dass es 
sich also in der That nur um den linken oberen Geraden handeln könne. 
Das Einfach sehen bei innervirter Primärstellung erklärt sich daraus, 
dass der Kranke die nahe aneinander stehenden Doppelbilder nicht zu trennen 
vermochte und die geringe Neigung des oberen Endes an dem durch Ver- 



Beispiele aus der Praxis; Strabismus divergens. 387 

Schmelzung der beiden Doppelbilder entstandenen verlängerten einfachen 
Bilde nicht erkannte. 

Lähmungen der äusseren geraden Augenmuskeln 
gehören zu den gewöhnlicheren Vorkommnissen auf oculistischem 
Gebiete. Einzelnfälle dieser Art vorzuführen, erscheint vollkommen 
überflüssig. 

Isolirte Lähmungen der inneren Geraden offenbaren sich 
nur höchst ausnahmsweise als absolute Paralysen oder Paresen, sie 
sind fast immer blos relative Halb- oder Ganzlähmungen, sogenannte 
Coordinationsstörungen, welche als Insufficientia musculi 
interni, in den höher entwickelten Fällen aber als Strabismus 
externus oder divergens, in den Lehrbüchern geführt werden. 
Sie äussern sich bei völliger Freiheit der Blickrichtung durch 
absoluten Mangel jeder Convergenzbewegung (ständiges Aussen- 
schielen) oder durch mehr weniger auffällige Beschränkung der 
Convergenzfähigkeit (periodisches Aussenschielen, Insufficienz des 
inneren Geraden), sind also in der Bedeutung von Ganz- oder 
Halblähmungen der Convergenz aufzufassen, bei welchen das 
abgelenkte Auge desorientirt ist und dementsprechend beim 
binocularen Sehacte die rein seitliche Abweichung des gekreuzten 
Doppelbildes deutlich zum Ausdrucke bringt. r ) Dadurch tritt das 
divergente Schielen nicht sowohl in Gegensatz, als vielmehr 
ausser alle nosologische Verbindung mit dem convergenten 
Schielen. 



L ) Stell wag, Lehrbuch, 1870, S. 921, 926. 



Druck von Adolf Holzhausen, 

k. k. Hof- und Universitüts-Burlidrucker in Wien. 






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